B-Sandwich-Fanfiction


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1.

"Lilly kommst du?", hörte ich meine Mutter von unten aus dem Wohnzimmer rufen. Ich legte mein Buch zur Seite, schaltete meine Stereoanlage aus und ging die Treppe runter. Ich ließ mich aufs Sofa fallen und machte es mir so richtig bequem. Heute kam "Dirty Dancing" im Fernsehen, meine Mutter uns ich wollten es uns zusammen angucken. Sie hatte Brothäppchen vorbereitet und appetitlich auf einem Teller hergerichtet. Ich liebte solche Fernsehabende, nur Mama und ich.
Sie war alleinerziehend, meinen Vater kannte ich nicht. Und ich wollte ihn auch eigentlich gar nicht kennen lernen. Schon früh hatte meine Mutter mir erzählt, dass sie nur eine kurze Affäre mit diesem Typen gehabt hatte und sie keinen Kontakt mehr hatten. Das war mir auch ganz Recht so, wir kamen gut miteinander klar. Da brauchten wir keinen Mann, die verstehen eh nix und hören nie zu, wollen sich überall einmischen obwohl sie keine Ahnung haben. Meine Mutter war noch sehr jung gewesen als sie mit mir schwanger wurde, vielleicht war gerade das der Grund, warum wir uns so gut verstanden. Für manche war dieser Gedanke vielleicht befremdlich, aber meine Mutter war gleichzeitig meine beste Freundin. Ich konnte mit ihr nun mal über alles reden, sie verstand es gut, bei ihr war das alles ja selbst noch gar nicht so lange her.
Nicht dass ich keine Freunde hätte, nein, ich verstand mich mit vielen gut, war eigentlich ziemlich beliebt. Ich hatte tolle Freundinnen, mit denen ich immer Spaß hatte, aber genauso gut konnte man mit ihnen Leid teilen. Ich kam mit allen Leuten aus meiner Klasse gut klar und schlecht in der Schule war ich auch nicht gerade, kurz: Ich konnte eigentlich rundum zufrieden sein.
Meine Mutter arbeitete halbtags als Friseuse, so war sie Nachmittags meistens da und hatte Zeit für mich. Mit dem Geld kamen wir gut zurecht, wir hatten nicht überflüssig viel, aber es reichte und ab und zu war auch mal Urlaub drin.
"Lilly es gibt da etwas, worüber ich noch mit dir reden wollte", fing meine Mutter dann in der Werbepause plötzlich für meinen Geschmack etwas zu ernst an. "Was denn?", fragte ich und stopfte mir genüsslich das letzte Stück Salamibrot in den Mund. "Ich habe jemanden kennen gelernt" Sofort senkte sich meine zu anfangs noch so gute Laune. Das konnte nichts Gutes verheißen, meine Mutter lernte ab und zu irgendwelche Männer kennen, mit denen dann aber meistens relativ schnell wieder Schluss war. "Und? Wie sieht er diesmal aus?", fragte ich gelangweilt. "Lilly, es ist nicht so wie sonst immer... ich kenne diesen Mann auch schon länger, wir waren auf derselben Schule. Es ist eigentlich ein Zufall, dass wir uns wieder getroffen haben...", sie geriet schon fast ins Schwärmen. "Mama, nein. Wir brauchen keinen Mann" "Es ist doch noch überhaupt nichts Festes... ich wollte es dir nur vorher schon mal sagen, dass du dich nicht wieder so überrumpelt fühlst", versuchte sie mir zu erklären. Na toll, ich hasste es, wenn irgend solche Typen für ein paar Nächte bei uns einzogen, ich fühlte mich dann selbst in unserem eigenen Haus nicht mehr wohl und die Vorstellung was meine Mutter und dieser Kerl dann unten im Schlafzimmer trieben verbannte ich immer so schnell wie möglich wieder aus meinen Gedanken, da mir davon wirklich schlecht wurde.
Das war das Einzige, was unsere Harmonie störte, sie und ihre Männergeschichten. Wenig erfreut über diese Nachricht stapfte ich später hoch in mein Zimmer und kroch in mein Bett. "Das wird schon wieder, die bleiben eh besonders lang", redete ich mir selbst zu und es funktionierte sogar einigermaßen. Und selbst wenn er sich hier einnisten will, dann werde ich schon dafür sorgen, dass er von selbst wieder abhaut, den wird’ ich rausekeln^^. Welcher notgeile Kerl, der scharf auf meine Mum war hatte schon Bock, gleichzeitig bei einem 15-jährigen Biest mit einzuziehen?! Wenn ich wollte konnte ich nämlich einen ganz schön nervigen Teenager spielen, hach das wird ein Spaß! Zwischen meine Mutter und mich würde sich niemand so schnell drängen können.

 

2.
Zwei Wochen später hatte meine Mum mal wieder ein Date mit ihrem Jörg. Leider hatten sie sich in den letzten 14 Tagen viel zu oft getroffen und für meinen Geschmack verstanden sie sich viel zu gut. Naja, ich wusste nicht, wie sie sich verstanden, immerhin hatten sie sich immer nur zu zweit getroffen und dieses Gegenseitige-Familien-Vorstellen hatte zum Glück noch nicht stattgefunden, ebenso hatte er noch nie bei uns übernachtet. Ich vermutete, dass er bestimmt noch nicht mal von meiner Existenz wusste, denn oft machten die Kerle dann einen Rückzieher, jaja Mädchen in meinem Alter konnten doch sooo anstrengend sein ^^.
Aber allein die Tatsache, dass sie sich so gut wie jeden Abend getroffen hatten machte mich ein wenig unruhig. Denn das kam auch nicht allzu häufig vor.
Ich saß gerade in meinem Zimmer und überlegte fieberhaft, wie ich es schaffen konnte, diesen wie hieß der noch mal? Ach ja, diesen Jörg schon mal abzuschrecken. Okay... also er sollte sie um 8 Uhr abholen, vielleicht könnte ich ihm die Tür öffnen, falls er nämlich noch nichts von mir wissen sollte, wäre das schon mal ein kleiner Schock. Dass ich dabei meine Mutter vorführen würde und sie vielleicht in eine peinliche Situation geraten würde ließ ich erst mal außen vor. Sie wusste es vielleicht noch nicht aber es war für uns beide das Beste ohne einen männlichen Störenfried. Ich würde ihm also die Tür öffnen... hm aber ich konnte meiner Mutter doch nicht sagen, dass ich aufmachen will, dann wird sie bestimmt Verdacht schöpfen. Ich musste sie also irgendwie dazu bringen, dass sie es nicht schaffen würde, bis 8 Uhr fertig zu sein. Soweit ich wusste war sie gerade unter der Dusche. Ich schlich mich heimlich die Treppe runter in ihr Zimmer und Suchte ihre Lieblingsbluse. Die würde sie heute bestimmt anziehen wollen. Ah, da war sie ja. Ich zupfte sie vom Bügel und überlegte, wo ich sie verstecken könnte...Wie wär's wenn ich sie einfach in meinem Schrank verstecke? Guuute Idee, lobte ich mich selbst und ließ die Bluse zwischen meinen Sachen verschwinden. Da ich so eine ähnlich Bluse noch von meiner Konfirmation hatte, würde sie bestimmt denken, sie hätte sie vertauscht und zufällig in meinen Schrank gehängt. So, für meine Mum war schon mal gesorgt, die wird gleich so damit beschäftigt sein ihre Bluse zu suchen, dann könnte ich schön die Tür öffnen und unseren lieben Jörg abschrecken.
Ein paar Minuten später kam dann der verzweifelte Hilferuf: "Schatz, hast du meine Lieblingsbluse gesehen?" "Nö, keine Ahnung wo du die wieder hingetan hast", rief ich und musste vor mich ihn grinsen. Mittlerweile war es 19.45 Uhr, sie suchte immer noch verzweifelt, und schminken musste sie sich auch noch. "Vielleicht hängt sie ja noch im Keller auf der Leine", rief ich runter und hörte sie kurz darauf nervös und hektisch die Treppe runterpoltern. Wohl wissend, dass das gute Teil keinesfalls auf der Leine hing, sondern schön in meinem Schrank schlummerte^^. Jetzt musste ich mich aber langsam mal um mein eigenes Styling kümmern, ich musste doch schön abschreckend wirken. Hmm, was könnte man da nehmen? Ich kramte in meinen Klamotten und zog eine schwarze Hose, sowie ein schwarzes Oberteil raus, das war schon mal gut. Eine schwarze seltsame Lederjacke, die seltsamerweise plötzlich da war, zog ich auch noch an. Komisch... dieses Teil hab ich vorher noch nie im Leben gesehen... ach was soll’s, es diente jetzt dem Zweck und das war doch gut. In einer Schublade kramte ich noch nach alten Piercing-Atrappen, einen Ring in die Nase, fünf oben ans Ohr, einen rechts oben in die Lippe und einen links unten. Schnell schlich ich mich noch ins Bad - zum Glück hatte ich ein eigenes in der oberen Etage, wo sowieso nur mein Zimmer und ein Gästezimmer, als auch dieses besagt Bad war - und schminkte mich noch passend. Gaaaaaannnz dick schwarz umrandete ich meine Augen total übertrieben. Meine Haare tupierte ich ein wenige an, sodass sie ungekämmt und verwuschelt aussahen. Ich betrachtete mein Gesamtbild im Spiegel und war sehr zufrieden. Ich sah aus wie eine Mischung aus Gruftie und Vogelscheuche.
Meine Mutter, die mittlerweile ihre Bluse gefunden hatte, war sehr mit ihrem Styling beschäftigt als es an der Tür klingelte. Das hatte ich doch perfekt getimt. "Ich geh schon, mach dir kein Stress!", sagte ich gespielt liebenswürdig und schlurfte zur Tür. Jetzt war es meine Aufgabe, meine Rolle möglichst glaubhaft darzustellen. Ich öffnete die Tür, ein Mann stand davor. Das musste wohl Jörg sein. "Hi", sagte ich gelangweilt und musterte ihn mit einem abfälligen Blick. "Hallo, du musst Lilly sein", sagte er freundlich. "Ja, hasse 'n Problem damit? Oder warum glotzte mich so scheiße an?", fuhr ich ihn an. Naja, etwas Wahrheit hatte es, er guckte mich schon ziemlich seltsam an. Scheiße, er wusste schon von mir, kannte sogar meinen Namen... der Schockeffekt war nun wohl nicht mehr ganz so groß, wie ich es mir erhofft hatte. "Darf ich vielleicht noch kurz reinkommen oder willst du mich die ganze Zeit draußen stehen lassen?!", bat er mich immer noch freundlich lächelnd. Man, diesen Mann konnte echt nichts aus der Ruhe bringen, wie es schien. Ohne ein weiteres Wort trat ich zur Seite, dass er reinkommen konnte und schlenderte desinteressiert wieder die Treppe zu meinem Zimmer hoch.
oben angekommen schmiss ich mich aufs Bett. "Mist!", fluchte ich. Der war echt noch nicht mal von den vielen angeblichen Piercings geschockt... das nächste Mal musste ich mir wohl was Besseres einfallen lassen.
"Du siehst zauberhaft aus", hörte ich seine schmalzige Stimme von unten. "Nette Tochter hast du..." Ach ja, alles klar, also entweder will der sich echt nur an meine Mum ranmachen, oder er findet mich wirklich nett. Wenn er mich wirklich nett findet, dann wäre er ja gar nicht mal so 'n Spießer wie die meisten anderen, vielleicht wäre er dann gar nicht so schlecht als "Vater". Nein, stopp, wir brauchen keinen Mann, so was durfte ich nicht denken!

 

3.
"Schatz, wir müssen mal reden", meinte meine Mutter am nächsten Morgen am Frühstückstisch. Sie hörte sich ernst an, ich befürchtete schon, dass jetzt irgendwas Schlimmes kommen würde, aber auf das, was mich wirklich erwartete war ich nun echt nicht vorbereitet. Ich wartete darauf, dass sie weiterredete, doch sie beschmierte sich erst andächtig ihr Brötchen bevor sie mich ernst anblickte. "Nachdem du Jörg gestern die Tür aufgemacht hast haben wir uns ein bisschen unterhalten... über Kinder und so und auch über dich", sie machte eine Pause. Typisch Mutter, immer über die Kinder lästern^^. "Und naja... ich hab dir doch schon erzählt, wir waren zusammen auf einer Schule gewesen und... wir waren auch mal zusammen und ungefähr zum selben Zeitpunkt wurde ich schwanger." "Nein..." Nein, das konnte doch nicht sein, ich wollte nie etwas von meinem Vater wissen, dachte immer, wenn er sich nicht um meine Mum und mich gekümmert hat, dann konnte er doch nur ein Arschloch sein. Nie hatte ich einen Vater gehabt. Und ich habe mich damit zurechtgefunden auch nie einen zu haben und ich brauche keinen Vater, wir kommen besser zu zweit zu recht. "Doch Lilly, Jörg ist dein Vater", sprach sie es nun aus, was ich schon gedacht hatte. Ich wurde irgendwie wütend: "Und das erzählst du mir jetzt einfach so nebenbei...Ach ja Lilly, Jörg ist übrigens dein Vater! Super und was ist wenn ich gar keinen blöden Vater haben will?!" "Lilly, jetzt versteh mich nicht falsch!" "Da gibt’s nichts falsch zu verstehen! Was soll man daran denn bitte nicht verstehen?!", schrie ich sie an und stapfte die Treppe hoch in mein Zimmer. Ich knallte die Tür zu und schloss ab, sie würde nämlich gleich hochkommen, sich zu mir aufs Bett setzten wollen und mir "alles erklären". Ich wollte aber nichts erklärt kriegen. Ich wollte keinen blöden Vater und keinen blöden Jörg als Vater. Vor allem "Vater".... der sich ja echt einen Scheißdreck um uns gekümmert hat die letzten 15 Jahre. Tzz....Kurze Zeit später klopfte es an der Tür. "Mensch Lilly, lass es mich doch erklären!" "Deine Erklärung kannst du dir sparen, ich hör dir eh nicht zu!" Wir stritten uns nun wirklich nicht oft und wenn, dann nur wegen ihrer Männer. Das war auch einer der Gründe, warum ich es hasste, wenn sie wieder irgendeinen Typen am Start hatte. Es gab keine Männer, die Frauen verstanden, schon mal gar nicht Mädchen in meinem Alter. Die machen immer nur dumme Vorschriften und haben von nichts ne Ahnung. "Gut, dann eben nicht! Ich wollte dir nur noch mitteilen, dass wir heute Abend mit Jörg und seinen Söhnen essen gehen!" Bitte? Seinen SÖHNEN?????? Ich drehte den Schlüssel im Schloss, riss die Tür auf und funkelte meine Mutter an. "Du hast einfach ein Treffen ausgemacht... OHNE MICH ZU FRAGEN?! ... Mit seinen SÖHNEN?!", ich musste mich echt zwingen nicht die Beherrschung zu verlieren, ich fühlte mich so hintergangen von ihr. Einfach Friede Freude Eierkuchen Familientreffen zu arrangieren, ohne mich zu fragen und dann mir noch schnell vorher mitteilen, dass er mein Vater ist. Was würde dann erst heute Abend kommen? Bestimmt werden sie fröhlich verkünden, dass Jörg mitsamt seinen dämlichen Blagen gleich morgen hier einzieht oder was? "Versteh doch, ich liebe diesen Mann... schon seit der Schulzeit. Und ich dachte , ich sage es dir lieber sofort, dass er dein Vater ist, denn je später du es erfahren hättest, hättest du dich noch mehr aufgeregt, warum wir es nicht sofort gesagt haben. Ich kenn dich schon lang genug um das zu wissen!" "Wir brauchen aber keinen Mann hier!", entgegnete ich immer noch trotzig. "Lilly, DU brauchst keinen Mann hier, DU meinst vielleicht, dass du keinen Vater brauchst. DU hast ja auch deine ganzen Freunde, reihenweise Jungs, die dir in der Schule hinterherlaufen, du hast deinen Marco. Und was ist mit mir? Jeder Mensch braucht Liebe...Nur weil DU keinen Vater mehr willst, weil du dich gekrängt fühlst werde ich ganz sicher nicht auf meine große Liebe verzichten...", den letzten Satz sagte sie sehr bestimmt und entschlossen. Immer noch sauer ging ich ohne ein weiteres Wort an ihr vorbei die Treppe runter. Ich zog mir Schuhe an, schnappte mir meinen Schlüssel und ging einfach. Pah, wollte sie mir nen doofen möchtegern Vater und quengelnde, schreiende, nervige Halbbrüder andrehen, ja sicher, nicht mit mir, da hatte sie sich aber geschnitten.
Ich fand mich schließlich vor Marcos Haustür wieder. Stürmisch klingelte ich an, kurz darauf öffnete er die Tür und starrte mich erstaunt aber dennoch erfreut mit seinen Tiefblauen Augen an. Wie ich diese liebte. "Lilly, was machst du denn hier?", fragte er überrascht. "Stress mit Mum", gab ich nur knapp zurück. "Oh...", er wusste dass wenn ich mal Stress mit ihr hatte, es schon was heftiges sein musste. Ich trat erst mal ein, gab ihm einen flüchtigen Kuss auf den Mund und zog meine Schuhe aus. Kurz darauf gingen wir in sein Zimmer. Ich ließ mich auf die kleine Couch sinken, er setzte sich neben mich und guckte mich erwartungsvoll an. Ich holte noch mal tief Luft, dann erzählte ich ihm die ganze Geschichte. "Oh... das ist echt heftig....", war seine erste Reaktion. "Man, die hat mich behandelt wie so'n kleines Kind. Nach dem Motto "wenn du mal groß bist wirst du das verstehen" bla bla bla", regte ich mich schon wieder auf. "Komm her", er rutschte zu mir ran und nahm mich in den Arm. Ich ließ meinen Kopf in seine Halsbeuge gleiten. "Ich versteh ja, dass das echt hart ist... ich mein, so mit 15 plötzlich erfahren wer der Vater ist und dass er wieder mit der Mutter zusammen ist, aber... schau doch mal, deine Mutter kann doch auch nicht für immer Single bleiben. Das kannst du ihr nicht verbieten, du wärst doch auch sauer, wenn sie dir verbieten würde, dass wir zusammen sind oder? Und ich denke, sie hat es auch nur gut gemeint, dir das jetzt schon zu sagen, je früher desto besser...für sie war es bestimmt auch nicht grade einfach das so plötzlich zu erkennen...", irgendwie hörte sich das bei Marco alles ganz anders an als bei meiner Mutter und ich musste wohl  oder übel einsehen, dass er Recht hatte, und meine Mum auch. "Du wolltest doch früher immer Geschwister haben... da trifft sich das doch gut", sagte er mit einem Schmunzeln. "Ja früher... jetzt aber nicht mehr, vor allem weil das bestimmt so kleine Blagen sind, auf die ich dann immer aufpassen darf..." "Ach komm, so weit ist es doch noch gar nicht... und so schnell wird’s bestimmt auch nicht gehen. Schau sie dir doch nachher erst mal an und lern sie kennen, vielleicht sind die ja alle ganz nett". Ich seufzte. Er hatte es mal wieder geschafft mich zu besänftigen. "Ich liebe dich", sagte ich, worauf ich einen liebevollen Kuss bekam.

 

4.
Wieder abgeregt kam ich gegen Abend nach Hause. "Gott, wo warst du denn? Ich hab mir solche Sorgen gemacht", sagte Mum als sie mir entgegen kam. "Ich war bei Marco... Mama? Tut mir leid" "Nein Schatz, mir tut’s doch leid, ich kann gut verstehen, dass dich das überrumpelt hat. Du musst Jörg auch nicht als Vater annehmen, er wird das sicher verstehen... das Einzige, was du akzeptieren musst, ist dass er mein Freund ist und ihr euch wohl öfters über den Weg laufen werdet." Ich nickte brav.
Zwei Stunden später machten wir uns dann auf den Weg zur Pizzeria, wo wir auf den Rest unserer, ich wage es gar nicht das Wort in den Mund zu nehmen, "Familie" treffen sollten. Ein wenig aufgeregt war ich dann doch, immerhin war dieser Jörg mein Vater, daran konnte ich nichts mehr ändern. Ich war überrascht, als ich den Mann, den ich gestern Abend ins Haus gelassen hatte, mit zwei Typen, die ungefähr so alt sein mussten wie ich, an einem Tisch sitzen und uns angrinsen sah. Jörg lächelte, aber diese "Jungs", wollen wir's mal so nennen, grinsten irgendwie meiner Meinung nach richtig scheiße. Wir gaben uns alle die Hände und stellten uns vor. Voll spießig! Diese Jungs stellten sich mir als Bill und Tom vor. Misstrauisch beäugte ich sie. Ahhhhjaa, die waren ja mal von 'ner ganz speziellen Sorte. Dieser Tom war ein richtiger Hopper, weite Baggy, wo ihm der Schritt weit unterm Knie hing, ein weites Hip-Hop Shirt von der Marke "VOKÀL", sowie ein passendes Cap, ebenfalls von "VOKÀL". Unter der Kappe war ein Zopf von blond-braunen Dreadlocks verstaut, außerdem hatte er ein Piercing in der linken Unterlippe. Aber das war ja noch normal im Vergleich zu, wie hieß er noch mal? Ach ja, Bill. Der hatte schwarze schulterlange Haare mit blonden Strähnen drin, trug eine relativ enge Jeanshose mit einem schwarzen Gürtel von "Tazuma", dazu ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift "Runnin' Rebells" Und darüber eine schwarz-weiße Lederjacke, so wie diese Motorradjacken. Außerdem waren seine Fingernägel lackiert! Zum Glück schwarz und nicht rosa, auch seine Augen waren geschminkt, mit schwarzem Kajal umrandet und auch er trug ein Piercing, allerdings in der rechten Augenbraue. Wo in aller Welt war ich hier gelandet? Ich schaute Hilfe suchend zu meiner Mutter, die schon längst in ein Gespräch mit ihrem Jörg vertieft war. Oh mein Gott, ich hatte einen Hopper und ein.... was weiß ich was das darstellen sollte, als Halbbrüder. Ahhhhhhhhhhhhrgggggg. Wir setzten uns auf die Eckbank. "Also irgendwie hab ich sie mir anders vorgestellt", meinte dieser Tom zu seinem Bruder. "Ja, Papa hat doch was von wegen Piercing und Gruftie erzählt", entgegnete dieser. Es regte mich ungemein auf, dass diese Kerle so über mich redeten als ob ich gar nicht da wäre, obwohl ich direkt daneben saß. "Bestimmt hat sie schnell ihren Style gewechselt, weil sie mir besser gefallen wollte", meinte Tom wieder und grinste, Bill lachte. Ach du Scheiße, wie warn die denn drauf? Bah, der war ja voll arrogant, ein richtiger Macho, passte ja zu seinem Hopper-Outfit. "Ne, DIR gefallen, davon träumst du wohl, was?! Außerdem sind wir Geschwister", entgegnete ich ihm, da er mich schon richtig ankotzte. Das schien gesessen zu haben, denn er sagte nichts mehr dazu. Dafür meldete sich Bill zu Wort: "Die Einstellung gefällt mir, endlich mal eine, die er nie rumkriegen würde!" Dafür fing er sich von seinem Bruder einen bösen Blick ein....ouh ouh ouh, wenn Blicke töten könnten... "Tom ist in der Hinsicht ein ziemlicher Casanova", erklärte er mir. "Besser Casanova als so wie...du", verteidigte sich Tom. "Was soll das schon wieder heißen?", fuhr Bill diesen an. Die beiden zankten sich weiter. Oh Gott, womit hatte ich so was verdient? Langsam verstand ich auch, warum Jörg so gar nicht auf mein Outfit des gestrigen Abends reagiert hatte. Seine Jungs waren total crazy, gepierct, ungewöhnlich für einen jungen geschminkt und sie waren nervig und frech. "Is jetzt mal gut ja?!", sagte ich nach einer Weile wohl etwas zu laut, denn einige andere Besucher guckten zu uns rüber. "Misch dich da nich ein!", sagten sie gleichzeitig kampflustig zu mir. "Pass auf, mit wem du dich anlegst, Lilly, die beiden sind Meister im diskutieren", meinte nun Jörg zu mir. Ich lächelte ihn nur gequält und schief an. Ich hatte auf das alles hier überhaupt keinen Bock.
Naja, eigentlich sollte ich froh sein, es waren schon mal keine 5-jährigen Nervensägen. Aber war ich mit dieser Version von Halbbrüder besser weggekommen?! Das wagte ich im Moment echt zu bezweifeln. Während Tom den Macho raushängen ließ, war Bill ein undefinierbares Etwas, sie diskutierten alles aus, jeder wollte immer Recht haben und wenn jemand sich einmischte, gingen sie zusammen auf den los. Außerdem schienen sie mich nicht wirklich zu mögen, sondern sich eher über mich lustig zu machen. Na klasse! Wo bin ich da nur reingeraten?!

 

5.
"Lilly, machst du dich dann so weit fertig? Wir wollen gleich los", rief meine Mum von unten. Na toll, es war mal wieder Samstag, wie die Samstag der letzten 3 Monate gingen wir mal wieder in die Pizzeria. Ich hatte jetzt schon keine Lust mehr, wenn ich an Bill und Tom dachte. Die Beiden schienen irgendetwas gegen mich zu haben, ständig redeten sie nur über Dinge, wo ich nicht mitreden konnte, lachten und Tom machte ab und zu so doofe Bemerkungen, die ich seltsamerweise auf mich bezog. Sie guckten mich immer so doof an, das war echt nicht zum aushalten. Zwei gegen einen, das ist doch unfair.
Wir saßen draußen vor der Pizzeria, da es ein schöner lauer Frühlingsabend war. Überall um uns rum saßen Familien, die glücklich den Abend genossen. Alles war harmonisch, es herrschte eine entspannte Atmosphäre, nur Lilly sitzt mal wieder blöd da. Ich bemerkte einen seltsamen Blickaustausch zwischen Jörg und meiner Mutter. Sie sah ihn fragend an, er nickte ihr aufmunternd zu. Darauf fing sie an zu reden: "Also" Jetzt waren alle unsere Augen auf sie gerichtet. "Machen wir's kurz: Wir haben beschlossen, dass wir zusammen ziehen werden!" Sie blickte fröhlich in die Runde. "Bitte was?!", entgegnete ich wenig begeistert, "das ist jetzt nicht euer Ernst." "Tja, scheiße gelaufen, hä?!", musste Tom natürlich wieder seinen Spruch dazu geben. Jetzt reichte es. Ich knallte das Stück Pizza, was ich grade noch in der Hand gehabt hatte auf den Teller, schob schwungvoll meinen Stuhl zurück und ging raus aus dem Hinterhof der Pizzeria zur Straße. Das konnte jetzt echt nicht wahr sein. Womit hatte ich das verdient? Mit diesen nervtötenden Brüdern unter einem Dach wohnen zu müssen? Wie konnten die mir das antun? Haben die etwa gar nicht bemerkt, wie dumm Bill und Tom immer zu mir sind? Das ging echt zu weit, bei der Entscheidung hatte ich auch noch ein Wörtchen mitzureden, das konnte Mum nicht ohne meine Zustimmung entscheiden. Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. "Lilly? Alles okay?", fragte Bill. Ich dreht mich zu ihm um. "Nichts is okay! Falls du es nicht mitbekommen hast muss ich für den Rest meines Lebens mit EUCH in einem Haus wohnen!", schrie ich ihn an. Ich wusste, dass die Formulierung "für den Rest meines Lebens", etwas übertrieben war, aber das war mir in dieser Situation reichlich egal. "Äh.. und was ist daran so schlimm?", fragte er. Grrr, das trieb mich in die Weißglut. "Das fragst du jetzt nicht im Ernst oder?" "Doch" "Ihr.... ich.... arghhhhhhhhhhhhhh" Ich war fast am Rande eines Nervenzusammenbruchs.
"Ich will nicht mit euch in einem Haus wohnen, wenn ihr mich so scheiße behandelt und dein toller Bruder mir die ganze Zeit Sprüche drückt. Ich hab kein Bock mehr ständig so ignoriert und ausgeschlossen zu werden. Wenn ich schon mit euch und eurem tollen Vater, der sich Jahre lang einen Scheiß um mich geschert hat, auskommen muss, dann aber mit Respekt und NICHT SO!", ich wunderte mich selbst über meine Ruhe und Offenheit, wie ich es ihm grade gesagt hatte. Bill schaute mich mit großen Augen an. "Wir ignorieren dich?" "Ja!" "Das...ist mir gar nicht aufgefallen. Nein, aber jetzt ehrlich, das war keine Absicht. Wir haben nichts gegen dich." "Aber warum seid ihr dann so doof? Ihr redet immer über irgendwas, wovon ich keine Ahnung hab, glotzt mich blöd an und lacht und... ach was weiß ich was noch" "Lilly....", es war das erste Mal, dass er mich mit meinem Namen ansprach und ich musste Zugeben, dass er meinem Namen, den ich selbst so sehr hasste, einen ganz neuen Klang gab, "Ich weiß nicht ob es daran liegt, aber du hast bei unserem ersten Treffen einen ziemlich abgeneigten Anschein gemacht hast. Wir hassen dich nicht oder so, auch wenn du das vielleicht denkst und Tom... der kann es halt nicht leiden, wenn jemand was gegen ihn hat. Dann muss er immer Kontra geben. Tut mir leid für dich, wenn es dir so vorkommt, als wenn wir uns mit Jörg einfach zwischen deine Mum und dich drängen. Keine Angst, wir nehmen sie dir schon nicht weg", erklärte er mir lieb. Über den letzten Satz war ich ein wenig verwundert. Ich hatte es ihm zwar nicht gesagt, aber ich hatte wirklich das Gefühl, dass sie mir meine Mum "wegnehmen" würden, auch wenn ich im Grunde selbst wusste, dass das vollkommener Schwachsinn war. "Alles wieder okay?", fragte er. Ich nickte. "Na komm" Wir gingen wieder zurück in den Hinterhof zu den anderen dreien.
Glücklicherweise verlief der Rest des Abends einigermaßen gut, ich musste es langsam einsehen, dass ich nichts mehr dagegen tun konnte, meine Mutter und Jörg konnte ich nicht auseinander bringen und das wäre auch total unfair und egoistisch von mir gewesen. Und mit Bill und Tom, das wäre bestimmt machbar, auch wenn es mich nicht gerade freute. Jungs in dem Alter konnten echt anstrengend sein. "Wie alt seid ihr eigentlich?", fragte ich die beiden, da mir gerade aufgefallen war, dass ich das noch gar nicht wusste. "Fünfzehn", sagte Tom. "Und du?", fragte ich nun an Bill gerichtet. Alle am Tisch fingen an zu lachen. Ich fühlte mich grade auf eine bestimmte Art und Weise sehr verarscht. "Kann mich mal jemand aufklären?", fragte ich entnervt. "Wir sind Zwillinge", brachte Bill zwischen zwei Lachanfällen hervor. "Ne?!" "Doch!" "Ihr verarscht mich!" "Nein, kannst du denen ruhig glauben Lilly. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf. Als sie sich einigermaßen beruhigt hatten schaute ich sie mir mal etwas genauer an. Stimmt, sie hatten dieselben Gesichtskonturen, dieselbe Nase, wobei Toms etwas breiter und markanter war, aber nur gaaanz minimal. Auch Toms Unterlippe schien etwas voller, oder war das eine optische Täuschung wegen des Piercings? Aber sie hatten definitiv haargenau dieselben Augen. Schokobraun und mandelförmig. Aber Bills waren irgendwie schöner, fand ich, sie strahlten mehr als die von Tom, vielleicht lag das aber auch daran, dass sie durch dei Schminke besonders betont wurden. Bei näherem Hingucken waren ihre Gesichter ja beinahe identisch. Wobei meiner Meinung nach Bills Gesichtszüge alle etwas weicher waren. Warum ist mir das nicht eher aufgefallen? Nein, Bill hatte ein Muttermal rechts unter der Lippe am Kinn und Tom auf der rechten Wange. Ich fand es zugegebener Maßen richtig interessant, die Zwillinge zu vergleichen. Zwillinge... Bestimmt lag es größten Teils an ihrem so unterschiedlichen Styling, dass man zuerst nicht auf den Gedanken kam, dass sie Zwillinge sind. Die restliche Zeit unterhielten wir uns über so Zwillingskram. Die Jungs erzählten mir, dass sie oft die gleichen Gedanken hatten oder dasselbe träumten, dass sie es spürten wenn es dem anderen schlecht ging, denselben besten Freund hatten und meistens auf dieselben Mädchen standen. "Und dann kloppt ihr euch um sie oder wie is das?" "Nene, dass dürfen die Mädels dann selbst entscheiden." Plötzlich verstanden wir uns eigentlich ganz gut und ich musste zugeben, dass die Twins im Großen und Ganzen ganz nett waren. Naja, besser so als andersrum, dachte ich mir. Immerhin musste ich die nächsten Jahre mit ihnen auskommen.
6.
Schon am nächsten Morgen besichtigten wir unser neues Haus. Meine Mutter und Jörg hatten es schon ausgesucht und gekauft, aber wir guckten es uns jetzt alle zusammen an um die Zimmer zu bestimmen und so weiter. Irgendwie freute ich mich jetzt schon ein bisschen, mal in ein anderes Haus zu ziehen, vor allem weil es allein schon von außen sehr groß aussah. Zum Glück mussten wir nicht aus Dortmund wegziehen, wir wechselten nur den Stadtteil, so konnten Bill und Tom und ich auf unseren alten Schulen bleiben. Gut, ein wenig dreist fand ich es schon, einfach ein Haus zu kaufen und wenn alles schon abgewickelt ist, dann erst die Kinder mit einzuweihen, aber das sind nun mal Eltern...verrückt und unverständlich.
Direkt wenn man zur Tür reinkam war da ein großer freier Raum, was später das "Esszimmer" werden sollte, links war ein kleines Bad und hinten links ein freier Durchgang zu einem Raum, der die Küche werden sollte. direkt neben der Tür rechts ging eine kleine Treppe runter zum Wohnzimmer. Da das Haus an einem Hang stand, war es keine ganze Etage, sondern eher so eine Halbetage und vom Wohnzimmer aus ging es raus in den Garten, der tiefer lag als die Eingangstür. Ich war sehr begeistert von dem, was ich bis jetzt gesehen hatte. Die Treppe hoch waren drei Zimmer und ein Badezimmer. Noch einmal die Treppe hoch gab es ein großes Zimmer und ein weiteres Bad. "Ich will das Dachzimmer", sagte ich sofort bestimmend, da es einfach total groß und schön war, außerdem hatte ich dann mein eigenes Bad ^^. Meine Mum lachte: "Hab ich mir schon gedacht, dann ist das Bad jedenfalls nicht ständig von dir besetzt!" "Da habt ihr die Rechnung aber ohne Bill und Tom gemacht, die brauchen mindestens genauso lange!", meinte Jörg schmunzelnd. "Ist doch gar nich wahr... Bill braucht ewig, aber ich nicht!", protestierte Tom. "Sicher, du brauchst auch Stunden um diene Fusseln in irgendein Chaos zu bringen was du Frisur nennst", mischte sich nun auch Bill ein. "Okay okay, dann ist das obere Bad euers und das in der ersten Etage gehört Angelika und mir", schlug Jörg vor und alle waren einverstanden. Eigentlich gefiel es mir nicht so gut, dass ich mir das Bad mit zwei solchen komischen Käutzen teilen musste, die anscheinend genauso lange brauchten wie ich, aber die Tatsache, dass es direkt neben meiner Zimmertür war und ich den kürzesten Weg hatte, machte es da schon etwas besser. Jörg war mit seinen Zwillingen unten und sie klärten oder besser gesagt stritten darum, wer nun welches Zimmer beziehen wollte. Ich stand am Fenster und schaute über das Dach in die Ferne. "Und? Ist doch alles nicht mehr so schlimm, oder?", meinte meine Mutter. Ich schüttelte gedankenversunken den Kopf. "Mit den Jungs kommst du mittlerweile auch ganz gut klar, hatte ich so das Gefühl...." "Ja, eigentlich sind sie ganz nett, auch wenn sie... ein wenig eigenartig sind", sagte ich und musste grinsen. Sie waren echt alles andere als normal, oder sagen wir mal so: einfach anders als andere Fünfzehnjährige. Aber es machte den Anschein, als würden wir wohl doch ganz gut miteinander klarkommen.

 

Sofort als wir wieder zu Hause waren rief ich meine beste Freundin Lisa an um ihr alles haarklein zu erzählen und zu beschrieben. "Ich freu mich schon so auf den Umzug... das Haus ist echt der Wahnsinn! Vor allem so groß und so neu", schwärmte ich ihr vor. Sie sagte gar nichts, anscheinend konnte sie meine Begeisterung nicht mit mir teilen. "Was ist denn los?", fragte ich deshalb. "Ach ich weiß nich..." "Ich bin doch nur in nem anderen Stadtteil, du kannst natürlich genauso oft vorbeikommen wie früher auch, und ich bleib doch auch auf der Schule, es gibt echt nichts Negatives daran...", versuchte ich ihr gut zuzureden. "Ja... aber irgendwie find ich den Gedanken etwas befremdlich, dass du bald zwei Brüder hast... so von heute auf morgen" "Ach, mit denen komm ich mittlerweile ganz gut zurecht...sie mögen dich bestimmt auch. Und übrigens dieser Tom...vielleicht wär der was für dich" Der Meinung war ich wirklich, er war zwar manchmal ein richtiger Macho und sah auch wie ein Checker aus, aber meine gute Lisa stand nun mal auf solche Kerle. "Meinst du?" "Jaja bestimmt, er hat total das unschuldige Engelsgesicht, is aber cool drauf... naja du wirst ihn ja bald kennen lernen" das schien sie nun doch ein wenig aufzuheitern. Außerdem war sie schon seit längerem Single und manchmal ein wenig neidisch auf mich und Marco...aber das würde sie niemals zugeben.

 

 

Eine Woche später schon wollten wir umziehen, ich hatte keine Ahnung, warum Mama und Jörg das plötzlich alles so schnell machen wollten, aber sie kannten sich ja schon ewig...also eigentlich so lange ich lebe, sogar schon länger. Und ich hatte die Vermutung, dass es wohl einfach die ganz große Liebe sein müsste, dass spürte man bestimmt. Denn Mum war sich so sicher, sonst überlegte sie immer alles noch dreimal und durchdachte alles bis ins kleinste Detail, bevor sie eine Entscheidung traf, aber jetzt konnte es gar nicht schnell genug gehen. Ich hatte schon die Befürchtung, dass sie bald heiraten würden... obwohl was heißt Befürchtung? Ich würde mich natürlich riesig für sie freuen... Aber eine etwas seltsame Familienkonstellation wäre das ja schon. Mama, Jörg und ich wären dann Mutter, Vater, Kind, dann kämen da noch zwei uneheliche Zwillinge dazu, die genauso alt waren wie ich, dazu kenne ich Jörg erst seit vier Monaten und wir hatten schon mal gar kein Vater-Tochter Verhältnis. Aber solche Patchworkfamilien sind heutzutage keine ja Seltenheit mehr.
"... oder Lilly?", riss Lisa mich aus meinen Gedanken. "Ähh sorry, was hast du gesagt?" Sie schüttelte nur den Kopf: "Woran hast du denn jetzt schon wieder gedacht?" "Ach nichts besonderes... nur über die zukünfitge Familie, die ich so lange nicht hatte und jetzt plötzlich da ist... ach ist egal jetzt" "Ich hab grade die Fotos von der Klassenfahrt aus der vierten gefunden....guck mal, wie komisch wir damals aussahen", sie reichte mir einen Stapel mit Fotos. Stimmt...wir hatten uns in den letzten Jahren stark verändert. Immer wieder hatten wir neue Haarfarben, Frisuren, mittlerweile waren ein Nasenpiercing bei ihr und mehrere Ohrlöcher bei uns beiden dazugekommen. Wir haben uns das alles zusammen stechen lassen. In der sechsten Klasse die zweiten Ohrlöcher, in der siebten dann die dritten und seit letztem Jahr hatte sie ihr Nasenpiercing. Ich hatte nie den Gang ins Piercing-Studio gewagt, und den absoluten Willen hatte ich auch nicht. Ich fand Zungenpiercings generell total cool, würde es aber selbst niemals machen, da ich einfach nen riesen Schiss vor allen Nadeln jenseits des Ohrläppchens hatte. Obwohl auch sie mal mit roten mal mit schwarzen Strähnchen und so einigen Tönungen experimentiert hatte, war sie meistens bei ihrem schönen Naturblond geblieben, was mir persönlich auch am besten gefiel. Ich hatte von Natur aus braune Haare, so ein undefinierbares Braun, was ich selbst ziemlich wenig mochte. Von endlos langen Haaren, die bis zum Po gingen, über Locken, kinnlang, mit blonden Strähnen, rot gefärbt, mal schwarz gefärbt war auch bei mir alles dabei gewesen. Tja, das war eben der Vorteil wenn die Mutter Friseuse war. Jetzt waren meine Haare schulterlang und dunkelbraun, jedoch ein paar rote "Highlights" in den Spitzen. Ich erinnerte mich nur zu gut daran, wie Lisa und ich immer in den Friseursalon gegangen waren, und fast immer wollten wir denselben Look haben. Dadurch wurden wir des öfteren sogar für Zwillinge gehalten, wir waren auch immer ungefähr gleich groß gewesen und hatten eine ähnliche schlanke Figur aber Zwillinge? Darüber haben wir uns immer so dermaßen kaputtgelacht... Sie hatte auch blaue Augen und meine gingen eher in Richtung grün-grau, so eine komische Mischfarbe. Aber dass man Zwillinge nicht immer direkt auf den ersten Blick erkennt habe ich nun schon selbst erfahren, deswegen waren die Gedanken dieser Leute vielleicht gar nicht mal so abwegig...  Ach ja, wir waren schon ein tolles Team, seit der ersten Klasse kannten wir uns und waren sofort beste Freundinnen geworden - bis jetzt.
Wir verstauten alle meine Sachen in den riesigen Umzugskartons. Da kam natürlich so das ein oder andere längst vergessene Teil wieder zum Vorschein, wie alte Fotoalben, Tagebücher, CD's. Aber erst richtig interessant wurde es, als wir meine Klamotten aus dem Schrank ausräumten, wir fanden einiges, was ich noch nie im Leben vorher gesehen hatte, geschweige denn dass ich es mal angehabt hätte. Aus dem Einpacken wurde also gleichzeitig auch ein Ausmisten. Die Möbel packten wir nicht zusammen. Ich hatte das ganze Mobiliar schon eine Ewigkeit, konnte mich eigentlich nicht daran erinnern, je andere Möbel gehabt zu haben und Jörg war der Meinung, ich sollte passend zum neuen Zimmer im neuen Haus auch eine komplett neue Ausstattung bekommen. Na wenn er nichts besseres mit seinem Geld zu tun weiß...!^^ Aber vielleicht waren das auch so eine Art von Schuldgefühlen, dass er sich nie um mich gekümmert hat. Naja sei's drum, mir war es so recht. Wir waren letzte Woche schon in allen möglichen Möbelgeschäften gewesen und haben mir echt tolle neue Sachen ausgesucht. Ein schönes breites Bett, was ganz genau in die Nische links neben der Tür passte, einen großen Kleiderschrank mit Spiegel, der dazu einlud, noch weiter aufgefüllt zu werden, einen schönen Schreibtisch und PC-Tisch in einem, ein sehr großes Regal mit offenen Fächern und Schubladen, sowie eine rote Schlafcouch und ein kleines Tischchen dafür. So würde das Zimmer gut ausgefüllt sein aber trotzdem noch genug Platz haben. Mein Zimmer würde einfach fabelhaft aussehen, die Wände waren bereits in einem schönen Apricot-Ton gestrichen, der Teppich war perfekt zu den Wänden abgestimmt Orangefarben. Passende rote Dekoartikel hatten wir auch schon ausgesucht. Es sollte mein persönliches Traumzimmer werden, ich glaube, meine Mutter hatte auch noch irgendwie ein schlechtes Gewissen, denn sie und Jörg haben mir echt keinen Wunsch abgeschlagen und sogar noch eigene Vorschläge, die genau in meine Vorstellungen passten, mit eingebracht.
Als alles in den Kartons verstaut und ins Wohnzimmer gebracht war, fuhren wir allesamt zu ihr. In unserem Haus konnte man ja nicht mehr leben, es war alles abgebaut und zum Sperrmüll gebracht bzw. in den Kartons. Morgen früh sollte der Umzugswagen dann alles abholen und ins neue Haus bringen, und die Nacht durften wir gnädigerweise bei Lisa verbringen.

 

7.
Am nächsten Morgen fuhren wir dann zum neuen Haus. Die Umzugslaster waren schon da, die meisten Möbel schon reingetragen. Mum und ich hatten ausgeschlafen und uns schön Zeit gelassen, während Jörg mit seinen beiden "Männern" schon lange auf den Beinen war und sie alle halfen das Haus einzuräumen. Gegen Mittag war zumindest der überwiegende Teil schon mal im Haus drin, die vielen neuen Möbel mussten noch zusammengebaut werden und dieser ganze Kram.
Meine Mum war mittlerweile losgefahren und hatte Pizza für uns alle besorgt, selbst Essen kochen konnte man hier ja noch nicht. Gemütlich saßen wir alle am Esstisch, der glücklicherweise sogar schon stand ^^, und verschlangen die Pizza. Irgendwie war es schon ein komisches Gefühl, so mit der ganzen Familie im großen Haus das erste Mal zusammen zu essen. Es war total ungewohnt und noch etwas befremdlich, aber ich werde mich wohl oder übel daran gewöhnen müssen, nicht mehr mit meiner Mutter in "trauter Zweisamkeit" zu essen und überhaupt zu wohnen. Am Nachmittag als das Wohnzimmer und alles schon fertig war konnten wir anfangen unsere Zimmer bewohnbar zu machen. Tom und Bill wollten alles selbst machen bzw. Sich gegenseitig helfen, immerhin waren sie ja keine Kinder mehr und brauchten keine Hilfe. Sie waren dann aber doch ganz schön am stöhnen und fluchen, denn so leicht wie sie gedacht hatten waren die Möbel wohl doch nicht, als sie sie die Treppe hoch schleppen mussten und die beiden waren ja auch nicht gerade die aller kräftigsten ihrer Art^^. Mir allerdings half mein Jörg. Meine komplett neue Einrichtung musste zusammengebaut werden, und ich besaß für solche Dinge reichlich wenig Talent. Letztendlich lief das ganze so ab, dass ich immer die Bauteile sortierte und ihm reichte und Jörg alles aufbaute und in die richtige Position schob ^^.
Trotzdem war ich tot müde, als ich nach Mitternacht in mein neues Bett fiel, hach es war so schön groß und bequem. Ohne viel über irgendwas nachzudenken fielen mir auch sofort die Augen zu und ich versank tief im Land der Träume.
Total ausgeruht und entspannt wachte ich am Sonntagmorgen auf. Zu erst wunderte ich mich ein bisschen, doch schnell fiel mir auf, dass ich ja in meinem neuen Zimmer war. Ich hätte auch locker noch eine Runde weiterschlafen können, hörte aber von unten Geschirr klappern, Jörg und Mum reden und es zog ein wunderbarer Duft von Kaffee, Toast und frischen Brötchen durchs Haus. Gut gelaunt hüpfte ich die Treppe runter und setzte mich zu den beiden an den Tisch. "Und hab ich dir ein gutes Bett gebaut?", erkundigte sich Jörg. "Ja, so gut hab ich lange nicht mehr geschlafen", antwortete ich wahrheitsgemäß. Ich empfand ihm gegenüber nicht mehr so ein abneigendes Gefühl von Trotz aber so ganz im Reinen schienen Jörg und ich uns immer noch nicht zu sein. Ganz anders mit den Zwillingen: Seit dem ich mich bei Bill "ausgekotzt" hatte, hatte es sich schlagartig gebessert. "Wo bleiben eigentlich Bill und Tom?", fragte ich. "Ich denk mal die sind noch tief und fest am Schlafen. Wenn sie nicht geweckt werden, würden die den ganzen Tag verschlafen", meinte Jörg mit einem Schmunzeln.
Ich beschloss, die Schlafmützen mal zu wecken, heute hatten wir immerhin noch genug zu tun. Ich ging also die Treppe hoch, auf dem Weg lag als erstes Toms Zimmer. Ich betrat das Zimmer und musste mit Erstaunen feststellen, dass er schon fast alles ausgepackt hatte, nur zwei Kartons standen noch im Zimmer. Wow, ich musste heute noch komplett alles auspacken und in den neuen Schränken verstauen. Ich schlich zu dem Knubbel hin, welcher auf Toms Bett lag. Als ich näher rankam entpuppte der Knubbel sich als ein Gewurschtel aus Tom und seiner Bettdecke^^. Er sah schon irgendwie niedlich aus, wie ein kleines unschuldiges Kind, das keiner Fliege was zu leide tun könnte. Ich setzte mich auf die Bettkante und beobachtete ihn ein bisschen. Als ich meine Hand auf seine Schulter legte und ihn wachrütteln wollte, grabschten seine Hände im Schlaf nach mir, zogen mich in einer Umarmung in sein Bett und drückten mich an seine warme, nackte Brust. Ich war etwas überrascht und fühlte mich echt unwohl, also befreite ich mich aus seinem Griff, rüttelte an ihm und sagte extra laut: "Tohoom! Aufwachen! Heute gibt’s noch viel zu tun!" Er blinzelte mich kurz an, deckte sich dann wieder zu und drehte sich noch mal um. Ich zog ihm mit einem Ruck die Decke weg. Kurz war ich geschockt, doch dann bemerkte ich, dass er doch noch eine Boxershorts trug. Zum Glück! Ich dachte erst, er wäre nackt... das wär’ ja mal schön peinlich gewesen^^!
Mit dem sicheren Gedanken, dass er gleich aufstehen würde verließ ich sein Zimmer und ging weiter zu Bill, auch hier war fast alles schon ausgepackt, jedoch noch nicht in die Schränke geräumt, es lag alles auf dem Boden rum. Mal sehn, ob er genauso knuffig beim Schlafen aussieht wie Tom. Ich schlich mich also durch den ganzen Kram an sein Bett ran, wollte ihn noch nicht wecken, schließlich wollte ich ihn ja schlafend sehn. Gut, ich kam mir schon ein bisschen blöd dabei vor, aber ich war nun mal von Natur aus sehr, sehr neugierig. Er lag auf dem Rücken, nur halb zugedeckt, sodass der Blick auf seine fast zerbrechlich wirkende Brust frei war. So ohne Klamotten wirkte er noch ein wenig dünner als sowieso schon. Ich hätte ihn wahrscheinlich für magersüchtig gehalten, wenn ich nicht wüsste welche Unmengen von Pizza, Hamburger, Pommes und Gott weiß was alles Ungesundes er in sich reinstopfte. Seine Haare waren verwuschelt, verdeckten teilweise sein Gesicht. Erst jetzt sah ich, dass er ungeschminkt war, hm war irgendwie logisch, ich schminkte mich ja auch vor dem Schlafengehen ab. Aber irgendwie verwunderte es mich doch, dieser Anblick war ungewohnt, so hatte ich ihn noch nie gesehen. Jetzt sah er Tom aber viel ähnlicher, ohne Kleidung und Schminke, nur die Haare und Piercings unterschieden die Zwillinge noch.
Ich wollte ihn wecken, doch irgendetwas hielt mich davon ab. Ich hatte das Gefühl etwas Verbotenes zu tun, wenn ich dieses Bild jetzt zerstören würde. Er sah fast aus wie ein Engel mit seinen feinen Gesichtszügen, dieser glatten Pfirsichhaut, ein Geschöpf, was nicht von dieser Welt kommen konnte, unantastbar. Im selben Moment wunderte ich mich darüber, wie ich mir nur einen solchen Mist zusammenspinnen konnte. Ich strich ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Bei ihm fiel das Wecken eindeutig netter aus als bei seinem Bruder. "Bill... Bill es gibt Frühstück", sagte ich vorsichtig. Er öffnete langsam die Augen. Ich ging zum Fenster und zog den Rolladen hoch, ließ die Sonne ins Zimmer scheinen. Ein wenig verwirrt und mit kleinen verschlafenen Augen blinzelte er in dem plötzlich hellen Zimmer. Mit einem "Wir sind alle schon fast fertig mit Frühstück", verließ ich auch sein Zimmer.
Später beschloss ich erst mal duschen zu gehen bevor ich mich ans Auspacken machte. Das Bad war ja bequem nebenan, doch ich hatte meine Rechnung ohne meinen werten Bruder gemacht. Denn die Tür war leider versperrt und drinnen prasselte fröhlich das Wasser der Dusche vor sich hin. Genervt ging ich zurück ins Zimmer. Wer der Zwillinge auch immer da drin war, er brauchte eine geschlagene Stunde... und das sollte was heißen. Ich konnte, wenn ich nicht trödelte in einer halben Stunde komplett fertig sein. Als ich dann hörte, wie die Badezimmertür aufging, rannte ich extra schnell aus dem Zimmer und traf auf Bill, der komplett gestylt aus dem Bad kam. "Geht das vielleicht ein bisschen schneller? Andere Leute wollen vielleicht auch noch ins Bad", kackte ich ihn an. Ich hörte Tom unten lachen und er flötete: "Was hab ich gesagt?!" "Is’ ja schon gut, reg dich ab. Du kannst jetzt ja rein....Wenn du willst helf’ ich dir als Entschädigung beim Auspacken", meinte Bill grinsend. Ohne ein weiteres Wort verschwand ich im Bad. So konnte das aber nicht immer laufen. Ich nahm mir vor, mit den Jungs mal darüber zu sprechen, vielleicht könnten wir ja so was wie einen Bad-Plan aushandeln... denn vor allem unter der Woche wenn Schule war mussten wir zusehen, wie wir es irgendwie alle schaffen trotzdem rechtzeitig losgehen zu können. Da konnte nicht jeder dann das Bad blockieren, wann er wollte.

 

8.
Entgegen meiner Erwartungen stand Bill tatsächlich in der Tür und wollte mir helfen. Ich ließ ihn also reinkommen, er jedoch verzog plötzlich das Gesicht und meinte: "Du hörst Bushido? Sag bloß, du stehst auch auf diesen Rap und HipHop Kram?" Denn es lief gerade das Bushido-Album. "Ne, eigentlich nicht. Aber Bushido mag ich, da haben die meisten Lieder wenigstens einen Sinn. So komisches sinnloses Rumgeschreie kann ich gar nicht ab... ich mag nur Musik, bei deren Texten auch ein Gedanke dahintersteckt" "Ah gut, ich dachte schon..." "Wenn du schon da bist kannst du mir auch helfen. Hol mal die anderen CD's aus dem Karton dahinten", bat ich ihn und wendete mich wieder meinem Schreibtisch zu.
Ein paar Sekunden hörte ich einen anerkennenden Pfiff. "Uii... ich glaub ich hab mich im Karton vertan...sieht nich aus wie ne CD", meinte Bill. Ich drehte mich um und sah, wie er dreckig grinsend einen schwarzen Spitzen-Tanga hochhielt. Tja Lilly, scheiße gelaufen...ach was soll's, er ist mein Bruder, früher oder später würden die beiden eh meine Unterwäsche auf der Wäscheleine hängen sehn^^. "Was ham wa denn da noch hübsches?", murmelte er und wühlte weiter in der Kiste. "Dir is’ auch nichts peinlich", stellte ich Kopfschüttelnd fest. "Nö", antwortete er kackendreist, zupfte noch einige weitere Exemplare aus der Kiste und begutachtete sie. Jungs.... ey in dem Alter konnten die echt krank sein. Gut, ich bezweifelte, dass Männer jemals normal sein könnten aber naja...."Is jetzt langsam mal gut ja?! Würdest du mir die CDs bringen?", fragte ich nach geraumer Zeit. Er kroch zum nächsten Karton und holte tatsächlich die CDs und brachte sie zu mir - jedoch nicht ohne sie vorher einmal durchzugucken und zu begutachten. Der war ja mal gar nicht neugierig.... "Du hörst ja fast nur deutsche Musik", stellte er fest. "Ja... gefällt mir irgendwie besser" "Hab ich dir schon mal erzählt, dass Tom und ich auch in 'ner Band spielen?!" Aus meinem überraschten Blick schlussfolgerte er, dass ich es noch nicht wusste. "Wenn du willst können wir dich mal mit zum Proberaum nehmen" "Klar, gerne..." Er erzählte mir noch, dass sie zu viert waren, nämlich Gustav, der Drummer, Georg, der Bassist, Tom spielte Gitarre und er war Sänger. Sänger? Bill? Das konnte ich mir nicht so recht vorstellen...
Bei dem Thema sprudelte er förmlich über, erzählte mir so ziemlich alles über die Band, was es zu wissen gab. Dass sie deutsche Musik machten und meistens er selbst die Texte schrieb, ab und zu half Tom dabei, dass sie "Tokio Hotel" hießen, sich aber früher "Devilish" genannt hätten und es ihr größter Traum sei, einmal vor einem riesen Publikum mit mehreren tausend Menschen zu spielen, am allerliebsten in Tokio. Aber bis jetzt würden sie nur auf Dorffesten oder in kleinen Clubs auftreten. Fast die ganze Zeit redeten wir über Musik und die Band und plötzlich waren wir auch schon fertig mit Auspacken, Aufräumen, mein Zimmer war jetzt perfekt^^. War auch gut so, denn mittlerweile war es schon wieder abends und morgen mussten wir alle früh raus und in die Schule. Wir hatten abgesprochen, dass ich als erste ins Bad gehen sollte, da ich auch früher los musste. Leider war mein Schulweg durch den Umzug länger geworden, aber immer noch besser als die Schule zu wechseln. Da aber auch meine liebenswerten Halbbrüder ihre Zeit im Bad brauchten musste ich um 5:45 Uhr schon aufstehen, mich im Bad beeilen, dass es schnell wieder frei ist, um dann später eine viertel Stunde tatenlos rumzusitzen und zu warten bis ich losgehen konnte. Dumm gelaufen aber man konnte es nicht ändern.

 

Nachdem der Morgen ganz gut gelaufen und wir alle pünktlich in unseren Schulen angekommen waren, saßen wir drei zusammen am Tisch und aßen Lasagne. Hmmm ich liebte die Lasagne von meiner Mutter - und den Jungs schien es auch zu schmecken, denn beide häuften sich noch eine zweite Portion auf. Lachend erzählten sie mir, dass Jörg zwar einigermaßen Essbares zu Stande brachte aber Frauen dann doch besser kochen konnten. "Mama, Lisa kommt nachher vorbei, sie will unbedingt das Haus begutachten" "Ja klar, kein Problem... und was habt ihr zwei vor?" "Ach nichts besonderes... erst mal einleben", antwortete Bill für seinen Bruder mit.
Zwei Stunden später klingelte es auch schon und meine Freundin stand vor der Tür. Sie erklärte mir, dass sie eigentlich schon eher kommen wollte, das Haus aber nicht gefunden habe und entschuldigte sich tausendmal. "Jaja is gut jetzt, is doch nich schlimm", versuchte ich sie wieder runterzubringen. Manchmal war sie einfach zu niedlich. "Und jetzt zeig mir mal das Haus", forderte sie mich auf, nachdem sie ihre Schuhe ausgezogen hatte. Ich führte sie erst runter in den Keller, durchs Wohnzimmer, in den Garten, zeigte ihr die Küche und das Gästeklo im Erdgeschoss. Danach kam die erste Etage, wo auch Toms und Bills Reich natürlich nicht fehlen durften. In Toms Zimmer war keiner drin, also mussten sie wohl beide bei Bill sein, typisch Zwillinge - die mussten immer alles zusammen machen. "Bereit?", fragte ich bevor wir ins Zimmer gingen. Sie zupfte sich noch mal ihr T-Shirt zurecht und nickte dann. Natürlich hat Lisa nicht vergessen, dass ich mal gesagt habe, Tom wäre was für sie und sie war auch schon die ganze Zeit ein wenig nervös gewesen.
Tom guckte als erstes auf als wir das Zimmer betraten und schien Lisa schon mal abzuchecken. Bill stoppte das Playstationspiel, was die beiden grade gespielt hatten und sah nun auch zu uns. "Das sind Tom und Bill", sagte ich und deutete jeweils auf die Jungs "Und das ist meine beste Freundin Lisa". Mir entfiel nicht, dass sie Tom etwas länger betrachtete als Bill, bevor sie auf die beiden zuging und jedem die Hand gab. Auch Toms Hand hielt sie etwas länger und guckte sie mit eine wahnsinns Augenaufschlag an. Bills und meine Blicke trafen sich und wir mussten beide grinsen. Es war klar, dass die beiden total aufeinander standen. "Komm, ich zeig dir noch mein Zimmer", forderte ich Lisa auf, etwas enttäuscht folgte sie mir nach oben. "Und? Hab ich dir zu viel versprochen?", fragte ich sofort als wir oben waren und die Zwillinge uns auf jeden Fall nicht mehr hören konnten. "Ne... der is ja mal richtig geil", antwortete sie total fasziniert. Tja, ich kannte sie eben. Da würde bestimmt noch was gehen... darauf könnte ich schon fast wetten^^.

 

9.
Endlich Freitag! Ich liebte Freitage, da war die doofe Schulwoche um und es lagen zwei wunderschöne Tage ausschlafen, Spaß haben, Freizeit vor mir. Heute wollten Lisa und ich mit Marco in die Disco. Wir waren zwar noch nicht 16, Marco aber, und in wenigen Wochen würden wir es auch sein und die Türsteher kontrollierten sowieso nicht nach Ausweis sondern nach Aussehen. Da wir glücklicherweise immer für etwas älter gehalten wurden, war das also kein Problem.
Fertig gestylt, mit einem Jeans-Mini, einem weißen Neckholdertop und meinen schwarzen Ballerinas mit weißen Punkten drauf konnte es gleich losgehen. Es war ja schon Juni, bald würden Sommerferien sein...ich liebte diese Jahreszeit. Ich ging noch mal kurz ins Bad um zu kontrollieren, ob meine Haare richtig lagen, dann ging ich die Treppe runter, wo mir Tom und Bill entgegen kamen. "Verdammt noch mal, du siehst gut aus", meinte Tom. "Danke", sagte ich etwas irritiert über seinen fluchenden Tonfall. "Wenn du nicht unsere Schwester wärst würde er dich gnadenlos anbaggern. Das will er damit sagen", erklärte mir Bill. "Is doch gar nich wahr", verteidigte sich Tom. "Jaja...", dafür kassierte Bill einen leichten Schlag gegen den Hinterkopf.
Achja... es war schon ein bisschen komisch, wir waren ja eigentlich Geschwister, hatten aber eher ein freundschaftliches Verhältnis. Ich mein, was will man auch erwarten? Wir kannten uns grade mal vielleicht vier Monate und würden nie so ein enges uns vertrautes Verhältnis haben wie die Zwillinge untereinander. Wir waren praktisch Freunde, die zufälligerweise zusammen wohnten, bevor wir uns zum ersten mal gesehen hatten komplett fremde Leute. Da war es eigentlich nicht unnormal, dass Tom mich attraktiv fand, also ein komisches Gefühl war es schon, klar, aber was soll man machen? Unsere Situation war eben anders als bei Geschwistern, da nahm ich es ihm auch nicht übel.
"Wo willst du denn hin?", fragte Tom. "In die Disco..." "Achso, schade. Wir wollten dich grade fragen gehn ob wir nicht was zusammen machen wollen heute Abend..." "Ihr könnt auch mitkommen, kein Problem. Marco und Lisa haben da sicher nichts dagegen" Bei dem Namen "Lisa" hellte sich Toms Gesicht auf und er stimmte sofort zu. "Bill kommst du auch mit?", fragte ich ihn. "Hmm ich weiß nich... eigentlich is Tanzen ja nich so mein Ding..." "Ach komm schon Bruderherz...oder willst du hier vergammeln während wir Spaß haben?!", ermunterte ihn Tom und letztendlich stimmte er doch zu. Da die beiden ja nicht darauf vorbereitet waren jetzt sofort zu gehen, mussten sie doch noch mal kurz ins Bad. Ich wartete unten, bis die beiden Diven dann mal fertig waren und wir zusammen losgehen konnten.
Lisa und Marco warteten schon ungeduldig vorm Eingang der Disco. "Sorry, sorry, aber Tom und Bill ham sich noch spontan entschieden mitzukommen, deswegen haben wir etwas länger gebraucht. Is doch kein Problem oder?!", versicherte ich mich. "Quatsch", meinte Lisa freudestrahlend. "Achso...Marco, das sind Tom und Bill, meine Halbbrüder. Und das ist mein Freund Marco", sie gaben sich alle lässig die Hand und wir gingen in die Disco. Tom und Bill hatten auch keine Probleme reinzukommen, also konnten wir den Abend bedingungslos genießen.
Zu Anfang saßen wir in einer Ecke auf einer der vielen gemütlichen Sofas und unterhielten uns so über dies und jenes. Dann gingen Marco und ich tanzen. Ich tanzte gerne mit ihm, er konnte es wirklich gut. Er legte seine Hände auf meine Hüften, zog mich etwas enger an sich, ich legte meine Arme um seinen Hals, grinste ihn an. Wir bewegten uns mit der Musik, ich ließ meine Hüfte kreisen, eng umschlungen gaben wir uns einfach der Musik hin. Beim Tanzen konnte ich so richtig abschalten, vor allem Freitagabends, wenn man die Arbeit hinter sich hatte und auf ein entspanntes Wochenende blickte. Was mir jedoch nicht entfiel, dass Bill leider alleine jetzt auf dem Sofa saß, an seinem RedBull nuckelte und ziemlich finster dreinschaute. Wie ich vermutete, waren Lisa und Tom auch tanzen und wenn nicht das, dann bestimmt auf irgendeinem Klo verschwunden um sonst was anzustellen. Ich beschloss, gleich mal aufzuhören und ihm ein bisschen Gesellschaft zu leisten. Da aber jetzt ein paar "Schmusesongs" gespielt wurden, verschob ich das auf später. Ich kuschelte mich dicht an Marco, legte meinen Kopf auf seine Schulter und langsam wiegten wir uns zur Musik. "Ich liebe dich, Lilly", flüsterte er mir ins Ohr. "Ich liebe dich auch", sagte ich und  küsste ihn sanft. Als ich bemerkte, wie Bill zu uns rübersah, fiel mir wieder ein, dass wir ja zu ihm rübergehen wollten. "Komm, wir setzen uns wieder zu Bill, er is so verloren auf der Couch", sagte ich. Marco war zwar nicht so ganz begeistert, er wollte lieber mit mir weiterkuscheln, aber ich konnte Bill da ja nicht so links liegen lassen. Obwohl Tom ja auch noch da war fühlte ich mich irgendwie für ihn zuständig.
Ich versuchte krampfhaft, ein gutes Gespräch aufzubauen, aber ich hatte das Gefühl, die beiden wollten nicht so richtig, sie schienen sich nicht so doll zu mögen. Deshalb war ich ganz froh, als auch Tom und Lisa wieder zu uns kamen. Aber auch sie konnten Bills Laune nicht heben. Da kam mir eine Idee. "Komm Bill, wir geh jetzt tanzen", schlug ich vor. "Ich kann nich tanzen" "Quatsch, du musst nur wollen, jetzt spiel nicht den ganzen Abend die beleidigte Leberwurst und hab auch mal Spaß" Ich griff einfach nach seiner Hand und zog ihn auf die Tanzfläche. Dort stand er rum wie bestellt und nicht abgeholt und wusste nicht so recht, was er tun sollte. "Mensch Bill, was'n los?!"
"Ich glaub das is keine so gute Idee gewesen..."
"Ach komm...das is doch scheiße wenn du den ganzen Abend da allein rumsitzt"
"Ich kann aber nicht tanzen..."
"Du musst es nur wollen...so", ich legte seine Hände auf meine Hüften, "einfach zur Musik bewegen, lass dich treiben", sagte ich und grinste. Er schaute etwas verunsichert drein, tat aber dann wie ihm befohlen und siehe da - er war gar nicht so schlecht wie er immer meinte. Man, man, man, Männer... xD
Es war schon fast Mitternacht als wir den Club verließen. Sonst musste ich eigentlich immer um 12 zu Hause sein wenn wir in der Disco waren. Hoffentlich krieg ich kein Ärger... ach vielleicht hilft es ja was, dass ich in Begleitung der Zwillinge war. Ich ging mit Marco ein bisschen abseits, während Tom noch mit Lisa flirtete. Er war die ganze Zeit so grimmig gewesen seit dem ich mit Bill getanzt hatte. "Was hast du denn plötzlich?!", fragte ich in gedämpfter Stimme, es musste ja nicht gleich jeder mitbekommen.
"Nichts..."
"Ja sicher, das kannst du sonst wem erzählen... du bist doch wohl nicht etwa eifersüchtig auf Bill?"
Er schwieg und warf einen verächtlichen Blick zu Bill. Hab ich's doch gewusst. "Moah...Marco, das ist lächerlich"
"Wundert's dich, wenn du die ganze Zeit mit ihm am rumflirten bist und mich da sitzen lässt?!" Das durfte doch echt nicht wahr sein. Ich war stark bemüht nicht die Beherrschung zu verlieren. "ER saß da die ganze Zeit dumm rum und nicht du, er sollte doch auch ein bisschen Spaß haben, man. Und außerdem: Er ist mein Bruder und wir haben ganz sicherlich NICHT geflirtet. Wir sind Geschwister und Freunde. Tu nich so als würde ich dich vernachlässigen, außerdem waren noch Tom und Lisa da...", es war echt schwer, das in einigermaßen geregelter Lautstärke zu "sagen".
"Ich kann den Typ einfach nich ab..."
"Du musst ihn auch nicht mögen, aber du musst ihn akzeptieren! Und auf ihn eifersüchtig zu sein ist echt ... grundlos!" Ich ließ ihn da jetzt so stehen, machte auf dem Absatz kehrt und ging einfach. Ich verabschiedete mich noch kurz halbherzig von Lisa und zog Tom und Bill hinter mir her zur U-Bahn Haltestelle. "Stress?", fragte Tom vorsichtig, denn ich war unverkennbar ziemlich geladen. "Ach der spinnt doch", war mein einziger Kommentar. Echt... eifersüchtig auf Bill zu sein, der hat 'se wohl nich mehr alle!

 

10.
Am nächsten Morgen wachte ich auf und hatte das Gefühl, gar nicht geschlafen zu haben. Immer wieder war ich nachts aufgewacht, hab mich gewälzt, von links nach rechts und von rechts nach links und es wollte mir einfach nicht gelingen Ruhe zu finden. Das mit Marco regte mich dermaßen auf, der hatte echt nen Schuss weg, anscheinend suchte er irgendwie Streit, denn es war doch echt lächerlich auf meinen Bruder eifersüchtig zu sein. Und wir stritten uns fast nie, warum machte er dann plötzlich so nen Terz...? Ich konnt's nicht verstehn.
"Morgen", grummelte ich als ich runterkam und ließ mich auf einen Stuhl plumpsen. "Schönen guten Morgen erst mal...was ist dir denn für ne Laus über die Leber gelaufen?", fragte Mum. Man, warum musste die nur immer so ne scheiß gute Laune haben?! Normalerweise hätte ich ihr von unserem Streit erzählt, aber nicht wenn Jörg und die Zwillinge mit am Tisch saßen. Das wär ja noch schöner, wenn ich hie erst mal rumposaune, dass Marco eifersüchtig auf Bill war...ach das war alles kompliziert. "Stress mit Marco", murmelte ich deswegen nur so unauffällig wie möglich. "Ach... was ist denn los? Ihr versteht euch doch sonst so gut" Ich seufzte, sie musste echt immer nachhaken. Sonst hatte ich auch keine Probleme damit, offen mit meiner Mutter zu sprechen, aber es war nun mal anders, wenn noch 3 weitere männliche Geschöpfe am Tisch saßen, die dazu auch noch mit in das Problem eingebunden waren, zumindest teilweise. "Nix is los", motzte ich.
Nach dem Frühstück ging ich duschen und verzog mich wieder in mein Zimmer. Ich kontrollierte alle 5 Minuten mein Handy, ob er nicht doch eine SMS geschrieben hat und sich entschuldigen wollte, aber meine Hoffnung war vergebens. Plötzlich klopfte es zaghaft an der Tür. "Hmm" Ich erwartete, dass meine Mum kommen und mit mir reden wollen würde, sonst hatten wir ja auch immer über alles geredet. Aber ich täuschte mich, es war Bill, der vorsichtig seinen Kopf zur Tür reinsteckte und schüchtern "Darf ich reinkommen?", fragte. "Hmm" Er kam langsam auf mich zu und setzte sich neben mir aufs Bett. "Ich... will nicht, dass du wegen mir Stress hast"
"Ach was... das hat doch mit dir nichts zu tun", log ich.
"Lüg mich nicht an, ich hab mitbekommen wie ihr gestern geredet habt, hab versucht wegzuhören, aber du hast so rumgeschrien..."
darauf wusste ich keine Antwort, ja super, er hatte es mitbekommen, toll, konnte mir auch nicht helfen.
"Lilly, man das ist jetzt nur meine Schuld dass ihr euch streitet, das will ich nicht...es tut mir wirklich leid"
Ich nickte, versuchte die Tränen, die mir in die Augen stiegen, zu unterdrücken, es war zwecklos. Minutenlang sagte niemand was, dann sah er mich an. "Du weinst ja...man, das wollte ich doch alles nich" Zaghaft nahm er mich in den Arm. Jetzt fing ich erst richtig an zu heulen. "Wir streiten uns nie so wirklich... ich hasse Streit. Und das jetzt nur... weil der irgendwelche dummen Hirngespinste hat", schluchzte ich. "Ach... das wird schon wieder. Dann komm ich halt nicht mehr mit das nächste Mal"
"Quatsch, du sollst doch auch nich hier vergammeln"
"Hmm... ruf ihn doch an und klär das, er soll dann entscheiden ob ich lieber zu Hause bleiben soll oder ob es ihm nichts ausmacht wenn ich mitkomme"
"Ja klar, soll ich ihm noch hinterher rennen oder was?"
"Manchmal muss man eben für die Liebe auch Opfer bringen" Wow, dass dieser Satz aus dem Mund eines männlichen Wesens kam konnte ich gar nicht glauben, aber er hatte irgendwo Recht. Also schnappte ich mir das Telefon und wählte seine Nummer. Bill wollte grade wieder verschwinden, da hielt ich ihm am Arm fest, also setzte er sich wieder brav neben mich.
"Marco?"
"Ja" er klang schon so grimmig, aber ich musste versuchen nicht die Beherrschung zu verlieren.
"Hör zu: Ich will mich nicht mit dir streiten, ich... es ist echt unbegründet auf Bill eifersüchtig zu sein. Ich wollte nur nicht, dass der den ganzen Abend da allein rumsitzt, vor allem weil ich vorgeschlagen habe, dass die beiden mitkommen. Er... hat gesagt wenn du nicht willst, dass er noch mal mitkommt dann bleibt er zu Hause"
"Ja okay... vielleicht hab ich auch ein bisschen überreagiert... Weißt du, ich weiß nich warum aber ich kann ihn einfach nicht leiden, der Kerl kotzt mich an. Aber meinetwegen kann er mitkommen...", ich musste schlucken als er das sagte, denn eigentlich war Bill doch total lieb außerdem hat er gar nichts gemacht... aber naja, wenigstens "verstieß" er ihn nicht.
"Okay... ich bin froh dass wir das geklärt haben", Bill grinste mich an
"Ich auch... ich muss jetzt los. Ciao...ich liebe dich"
"Ich dich auch" Klack. "Na siehst du, war doch gar nich so schwer..." Ich grinste ihn nur schief an. "Du darfst aber trotzdem noch mitkommen, hat er gesagt" "Na siehst du.... Komm, wir bringen dich jetzt auf andere Gedanken", er zog mich am Arm vom Bett hoch. "Wohin?" "Wirst du schon sehn, pack dein Ticket ein" Ich nahm mir schnell ein Tasche, schmiss mein Portemonnaie rein und folgte ihm. Wir gingen noch an Toms Zimmer vorbei. "Tom, wir müssen los", sagte Bill, Tom sprang auf und ging hinter uns her.
"Kann mich vielleicht mal einer aufklären?", fragte ich als wir in der Straßenbahn saßen. "Wir fahrn zum Proberaum", antwortete Bill. Ich war etwas verwirrt. "Bandprobe. Wir wollten dich doch mal mitnehmen" "Achsoooo stimmt ja^^"
Eine Viertel Stunde später betraten wir dann den "Proberaum" in einem ziemlich abgefuckten und verlassen scheinenden Haus. Der Raum selbst war allerdings neu, die Wände orange angestrichen. Es stand ein Schlagzeug darin, sowie ein Mikroständer. Und in der Ecke standen zwei Gitarrenkoffer. "Bah was stinkt hier so?" "Ähmmm ach da in der Ecke liegen so’n paar Pizzkartons", antwortete mit Tom. "Ihhhhhh räumt die doch mal weg", quiekte ich. Doch meine Bitte wurde leider nicht erhört. Fünf Minuten später betraten zwei weitere Jungs den Raum, die mir als Gustav und Georg vorgestellt wurden. Gustav trug ein Metallica T-Shirt und ein Basecap, hatte schokobraune Kulleraugen und dunkelblondes, kurzes Haar. Er war nicht viel größer als ich - im Gegensatz zu Bill und Tom, die waren ja echt riesig. Der andere, Georg hatte kinnlanges, glattes braunes Haar und grüne Augen, sein Körper sah recht muskulös aus, was durch ein sehr enges T-Shirt unterstrichen wurde....nicht schlecht Herr Specht. Wenn ich mich recht erinnerte war es Georg, der Bass spielte und Gustav am Schlagzeug.
Ha, ich war gut^^ Georg ging zum einen Gitarrenkoffer (was wohl eher ein Basskoffer war^^), holte sein Instrument raus. Sie stellten alles ein und fingen an zu proben. Man merkte echt, dass sie schon länger zusammenspielten, sie waren schon gut abgestimmt. Ab und zu haperte es noch ein bisschen oder irgendwer der Vier war nicht richtig zufrieden, dann wurde es ein bisschen umgeändert, hier gebastelt, da gebastelt. Aber es war sehr interessant. "Was als nächstes?", fragte Tom. "Durch den Monsun oder?", meinte Bill. "Okay". Bill grinste mich an, ich erwiderte sein Lächeln und lauschte sofort der Musik, die jetzt ertönte. Ich war hin und weg von dem Lied und Bills Gesang. Zwischendurch zwinkerte er mir immer wieder zu. Mir schwirrten während dem Lied alle möglichen Gedanken durch den Kopf, Bill hatte echt eine unglaublich gute Stimme, auch wenn ich das nicht erwartet hatte und er gerade im Stimmbruch war, trotzdem, es klang sehr gefühlvoll und ehrlich und einfach... toll. Ich war fast wie weggetreten. "Und das hast du selbst geschrieben?", fragte ich ungläubig. "Ja...wieso? Gefällt's dir?" "Gefallen is gar kein Ausdruck... das war.... weiß ich nich, ich bin sprachlos" Er grinste mich sehr zufrieden an. "Ähm ich... fahr wieder nach Hause...ciao Jungs", sagte ich und ging. Ich musste raus an die frische Luft, das Chaos in meinem Kopf ordnen. Ich weiß selbst nicht, was es war, aber ich war echt aus der Bahn geworfen, völlig neben der Spur. Wenn ich die Augen schloss sah ich nur noch Bills Gesicht, wie er mich angrinste hörte seine Stimme, wie er dieses Lied sang, ich hatte plötzlich das Gefühl in dieses Lied reinschlüpfen zu wollen, diejenige zu sein, für die jemand sich durch den Monsun kämpft, für die sich Bill durch den Monsun kämpft. Gott ey, das war doch krank. Zu Hause ging ich sofort ins Bett, am nächsten Tag würden diese sonderbaren Gedanken wieder weg sein. Bestimmt war ich nur noch wegen des Streites mit Marco so von der Rolle.
11.
Zwei Wochen später hatte ich dieses Wirrwarr einfach verdrängt. "Jörg und ich fahren übers Wochenende nach Berlin", teilte Mum uns Donnerstagabend beim Essen mit. "Kommt ihr alleine klar?" Ich guckte sie schief an. "Mama....wir sind keine Kinder mehr, wir werden's wohl grade noch drei Nächte ohne euch gebacken kriegen" "Jaja ist schon gut" Ja, ein langes Wochenende stand bevor, Mum und Jörg wollten wohl auch mal ihre Ruhe vor uns schrecklichen nervenden Blagen haben^^. War kein Problem, ich würde die Jungs schon zügeln. Hoffentlich hatten sie nicht vor irgendeine Party zu feiern. Nach dem Essen ging ich zu Tom ins Zimmer, auch Bill war da. "Und? Habt ihr was Bestimmtes vor fürs Wochenende?", erkundigte ich mich. "Ähm, ich wollte bei Lisa penn", meinte Tom. Ui, so weit warn sie schon?! Also so richtig war nichts mehr wirklich zwischen den beiden passiert seit dem wir in der Disco gewesen waren, also von Tom hatte ich nichts mitbekommen und Lisa hatte mir auch nichts erzählt und sie würde es sofort tun, wenn es was Neues gab. "Okay, dann bleiben wir eben allein hier. Sollen wir DVD-Abend machen?", fragte Bill. "Klar, aber nich so scheiß Filme"  "Trifft sich gut, unser Billy steht auf Schnulzen", neckte ihn Tom, worauf er einen bösen Blick von Bill bekam. "Stimmt doch gar nicht... aber du hast selbst bei "So lange du da bist" voll rumgeflennt" "Ja sicher, davon träumst du wohl was?" "Doch, hast du Tom" "Is nich wahr" "Jaja..." "Man is doch Wurscht, Hauptsache kein Star Wars oder was weiß ich ja?!" "Ja", antwortete Bill zahm. Gott ey die konnten sich echt über Sachen streiten...

 

"Tom schläft bei dir? Davon hast du mir gar nichts erzählt...", löcherte ich Lisa sofort am nächsten Morgen. "Ja, er hat auch gestern Abend erst angerufen", strahlte sie mich an. "Und? Der Tommy schläft bestimmt brav im Gästezimmer, wa?!"
"Hmmm kein Kommentar. Ich genieße und schweige"
"Seid ihr eigentlich zusammen?"
"Ne...so weit ich weiß nicht^^"
"Ich ruf dich dann morgen mal an sobald er wieder zu Hause ist, dann musst du mir aber alles erzählen ja?"
"Sicher" Ich war echt mega gespannt, ob was passieren würde. Tom und Lisa würden echt gut zusammenpassen...ich glaube fast, ich war noch aufgeregter als sie selbst.
Gegen Abend dann machte Tom sich auf den Weg. Unsere Eltern waren schon längst weg. Wir standen alle unten in der Tür während Tom sich die Schuhe anzog. "Tom? Wenn du sie ausnutzt oder ihr wehtust kriegst du's mit mir zu tun kapiert?!" "Jaja alles klar Chef" Er winkte uns cool zu und ging. Ich hoffte, nachdem was Bill mir über Toms Gewohnheiten erzählt hatte, dass er es vielleicht wirklich ernst mit ihr meinte oder sie zumindest mit Respekt behandeln würde. "Komm, wir machen uns Essen" Ich folgte Bill in die Küche, wir holten eine Packung Mirakoli aus dem Schrank und kochten uns die Nudeln. Total vollgefuttert und mit Cola und Chips bewaffnet ließen wir uns auf dem großen Ecksofa im Wohnzimmer nieder. Hier war so schön viel Platz und vor allem war im Wohnzimmer der große neue Plasmafernseher. Wenn man schon mal das ganze Haus für sich hatte, sollte es sich auch lohnen. Als erstes guckten wir "Troja", hab ich zwar schon tausend mal gesehen, Bill aber nicht, und ich konnte es immer wieder gucken, ich liebte diesen Film einfach.
"Hey, nicht einschlafen", meinte Bill am Ende des Films und bewarf mich mit einem Kissen. "Ey", ich warf das Kissen zurück, er nahm es wieder, schlug mich damit und so begann eine wilde Kissenschlacht. Natürlich war Bill stärker und obwohl ich mich sehr bemühte, schaffte er es doch, mich zu "besiegen". Hechelnd und völlig außer Atem saß er auf mir, drückte meine Arme aufs Sofa, ich war machtlos. "Und?" "Ich kann nicht mehr, ich geb auf", keuchte ich. Er grinste mich triumphierend an, doch von einer Sekunde auf die andere verschwand das Lachen, sein Gesichtsausdruck war ernst. Er guckte mich einfach nur an. Ich war immer noch total fertig von der Kissenschlacht, hatte mich noch nicht beruhigt, mein Herz raste. Es lag eine seltsame Spannung in der Luft, niemand sagte was. Mein Blick wanderte von seinen Augen über die perfekte schmale Nase zu seinem wohlgeformten roten Erdbeermund. Dort blieben meine Augen haften, auf diesen saftigen, vollen Lippen.
Und ehe ich mich versah legte er sie auf meine. In meinem Kopf drehte sich alles, ich hatte ein komisches Gefühl im Bauch, wie wenn man mit einer sehr steilen Achterbahn fährt, nur tausend mal stärker. Nur wegen dieser einen klitzekleinen Berührung. Aber es fühlte sich gut an, verdammt gut. Er hörte plötzlich auf, ging von mir runter und wollte anscheinend abhauen, aber ich hielt ihn am Arm fest. "Nicht gehn", flüsterte ich völlig von meinen Gefühlen übermannt. Ich zog ihn wieder zu mir runter und wieder spürte ich seine weichen Lippen auf meinen, nur diesmal intensiver. Stärker war das Kribbeln im Bauch, stärker pochte mein Herz in meiner Brust, stärker das Gefühl von Willenlosigkeit, alles um mich herum versank, war unwichtig, es zählte nichts mehr außer ihm und mir. Langsam und vorsichtig öffnete er seinen Mund, ich tat es ihm gleich, schüchtern berührten sich unsere Zungenspitzen, tasteten sich langsam voran, bevor sie in ein wildes Gefecht übergingen. Es raubte mir den letzten Funken Verstand. Er war so zärtlich, er wusste genau, was er tat und machte mich damit verrückt. Ich wollte für immer so bleiben, niemals wieder aufhören und einfach nur dieses unglaublich schöne Gefühl genießen.
Doch wieder brach er ab, sah mich fast Hilfe suchend und verzweifelt an: "Lilly, was machen wir hier?" "Ich weiß nicht, aber es ist so schön" "Wir dürfen das nicht...." "Egal...lass mich nicht los, bitte küss mich! Jetzt sofort!", ich flehte ihn an. Er gab nach, wieder versank ich in einem Meer der schönsten Gefühle, hatte echt das Gefühl auf Wolken zu schweben. Alles an ihm, jeder Zentimeter seines Körpers fühlte sich so unendlich gut an, jeder  Kuss, jede einzelne Berührung machte mich wahnsinnig. "Nein... ich bin so ein Idiot" "Bist du nicht..." "Ich... wir... müssen aufhörn. Bitte Lilly, mach es mir nicht noch schwerer. Wir sollten ins Bett gehn" Ich nickte nur, stand auf und ging hoch.
Ich konnte nicht schlafen, war zu verwirrt um ruhig zu werden. Was war grade bloß geschehen? Was ist da passiert? Wir konnten doch nicht...Wir waren Geschwister, gut er war nur mein Halbbruder, aber es war trotzdem verboten. Es war verboten und doch das Schönste, was ich je erlebt hatte. Aber je länger ich hier alleine in meinem Bett lag, desto mehr verspürte ich den Drang, einfach zu ihm runterzugehen. Ich konnte hier nicht schlafen wenn ich genau wusste, dass er im selben Haus ist, niemand außer uns war hier, niemand der uns sehen könnte. Ein paar Minuten rang ich mit mir selbst, aber ich konnte einfach nicht anders. Ich stand auf, ging leise aus meinem Zimmer und erlitt beinahe einen Herzstillstand, als jemand auf der Treppe stand. Doch schon eine Sekunde später erkannte ich, dass es Bill war, der wohl denselben Gedanken hatte wie ich. Wir gingen zurück in mein Zimmer und kuschelten uns in mein Bett. Doch lange hielten wir es nicht aus nur so da zu liegen ohne uns zu berühren, ohne uns zu küssen. Es war so himmlisch, so etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich konnte es nicht glauben, dass ein solcher Mensch von dieser Welt sein sollte. Er war... göttlich, so schön, so liebevoll, so zärtlich, es war perfekt. Wir verbrachten fast die ganze Nacht damit uns zu küssen, einfach diese überwältigenden Gefühle zu genießen. Irgendwann gegen fünf Uhr morgens fielen mir vor Müdigkeit und Erschöpfung dann doch die Augen zu.

 

12.
Ich wachte auf, fühlte mich seltsam, total unausgeruht, zerquetscht und zermatscht wie eine ausgepresste Zitrone. Ich erinnerte mich an gestern, fühlte mich schuldig und schlecht. Was passiert war, war falsch, aber warum war es geschehen? Und warum war es so unglaublich schön gewesen? Ich drehte mich um, Bill saß auf der Bettkante, das Gesicht in den Händen vergraben. Ich krabbelte zu ihm, schlang von hinten meine Arme um seine Taille und legte meinen Kopf auf seine Schulter. Er ließ es zu. "Was ist?", fragte ich. "Das hätte nicht passieren dürfen... ich bin so dumm, es ist alles meine Schuld" Er hatte zwar angefangen, aber ich war doch diejenige gewesen, die darum gebettelt hatte, weiterzumachen. "Bill nein... ich wollte es doch auch" "Ja aber.. du bist meine Schwester. Das geht doch nicht, es ist verboten und obendrein total pervers" Leider musste ich zugeben, dass er Recht hatte. Es war pervers, es war im Grunde genommen abartig, gesetzlich verboten. "Lilly, ich weiß, dass es absurd ist, ich liebe dich schon so lange, aber es hat keinen Sinn, das kann doch so gar nicht gehn. Außerdem hast du nen Freund... man, jetzt hab ich dich da auch noch mit reingezogen" "Schhhhhhtt", ich legte meinen Zeigefinger auf seine Lippen und drehte seinen Kopf sachte zu mir. "Vergiss die anderen, es ist niemand hier, keiner muss es wissen", flüsterte ich, bevor ich ihn küsste. Es war genau das, was ich wollte und nichts anderes. Nur Bill, ihn spüren, ihm nahe sein. Konnten diese Gefühle falsch sein?
Wir lösten uns voneinander. "Ich glaube, du hast mich nicht verstanden, ich liebe dich!", sagte er und schaute mir fest in die Augen. Ich schluckte. Und ob ich ihn verstanden hatte, aber ich konnte gerade in diesem Moment nichts damit anfangen. "Es fiel mir so schwer, es die ganze Zeit zu verheimlichen. Was wir hier tun ist falsch... wir können das nicht so weitermachen, bitte. Das macht es für mich doch nur noch schlimmer. Geh zu deinem Marco und wir vergessen das, okay?!" Ohne auf eine Antwort von mir zu warten stand er einfach auf und ging. "Aber ich...", die Tür war schon zugegangen, er wollte mir anscheinend einfach nicht zuhören. Ich schmiss mich ins Bett und heulte drauf los. Er hatte recht, so hatte das einfach keine Zukunft, wir könnten sowieso nicht zusammen sein. Ich war mit Marco zusammen, ich liebte ihn. Das war ein Ausrutscher, es sollte nicht sein. Früher oder später werden wir es wieder vergessen haben, wir durften eben nicht mehr füreinander empfinden als geschwisterliche Liebe.
Ich wischte die Tränen aus meinem Gesicht und ging erst mal duschen. Das Wasser prasselte auf meinen Körper nieder, wusch den Dreck von mir, die Zweifel, das Böse, was ich getan hatte. Hinterher fühlte ich mich gleich viel besser. Ich ging die Treppe runter und machte Frühstück. Ein paar Minuten später kam auch Bill runter, er schaute mich kurz mit einem Blick an, den ich nicht zuordnen konnte, doch dann sah er aus wie immer, behandelte mich wie immer. Wir taten einfach so, als wäre das alles nie passiert. Es hätte sowieso keinen Sinn gehabt, also warum lange hinterher weinen? Er hat zwar gesagt dass er mich liebt, aber es war sein Wunsch gewesen, es dabei zu belassen, wie es bis jetzt immer gewesen war, er musste wissen, was er tat. Ich versuchte einfach, es als eine schöne Erfahrung abzuspeichern und auch dabei zu bleiben. "Ähm Lilly?", fragte Bill plötzlich doch etwas unsicher. "Hm?" "Du wirst es doch für dich behalten oder?" Ich guckte ihn durchdringend an. "Würdest du was anderes von mir erwarten?" Er schüttelte den Kopf. "Siehst du."
Am Nachmittag, kurz nachdem Tom nach Hause kam, rief ich erst mal Lisa an, wie versprochen.
"Na? Wie wars? Erzähl mal!", forderte ich sie sofort auf. Sie erzählte mir total aufgedreht, dass sie erst mal schön DVD geguckt hätten. Das wunderte mich ein wenig, denn Tom stand sonst eigentlich nicht so auf Kuschelabende, aber naja. Irgendwann hätte er seinen Arm um sie gelegt und sie "total süüüüüüß" angelächelt, kurz: unwiderstehliches Checkergrinsen. Und irgendwie wäre es dazu gekommen dass sie sich geküsst haben. "Nein!" "Doch! Ahhh, man das war so toll. Der is echt....woah ich weiß gar nicht, was ich sagen soll... er küsst so toll. Ich konnte an gar nichts anderes mehr denken, er war so lieb und..." Das alles erinnerte mich stark an Bill, ich schob den Gedanken jedoch schnell bei Seite und konzentrierte mich wieder auf das Gespräch mit meiner Freundin. "Also seid ihr jetzt zusammen?!" "Ja, also würde ich schon sagen oder?" "Eigentlich schon", lachte ich. "Hat er denn gesagt, dass er dich liebt?" "Nein", ihre Stimme klang etwas enttäuscht. "Aber Blicke sagen mehr als tausend Worte. Danke dass du so nen tollen Bruder hast, Lilly. Du bist echt die Beste" "Danke...", sagte ich verunsichert. Das war so süß von ihr. Als ob ich etwas dafür geleistet hätte, dass sie Tom toll fand^^.
"Und wie war bei euch? Eher langweilig könnte ich mir vorstellen, jedenfalls nicht so schön wie bei mir", lachte sie ins Telefon und war sich anscheinend sicher, dass sie Recht hatte. Na wenn sie wüsste... Aber das konnte ich nicht erzählen, erstens schämte ich mich selbst gerade irgendwie dafür und zweitens hatte ich es Bill ja versprochen. Das würde für immer unser kleines Geheimnis bleiben. "Och ja, ging eigentlich. Langweilig nicht grade, aber super spannend auch nicht", log ich und versuchte dabei relativ normal zu wirken. Zum Glück war sie so was von verliebt und aus dem Häuschen, dass sie es anscheinend nicht bemerkte. Wir redeten noch so einiges über Tom und sie schwärmte mir vor, wie toll er doch war, bis wir schließlich auflegten.
Eigentlich wäre ich jetzt runter zu den Twins gegangen um irgendwas mit ihnen zu machen, aber ich hielt es für besser, erst mal ein wenig Abstand zu Bill zu halten. Wenn es nicht unbedingt nötig war, konnte ich ihm die erste Zeit ja ein bisschen aus dem Weg gehen, aber so, dass es nicht auffällig war. Ich ging also ins Bad, machte mich fertig und ging doch noch mal kurz runter, aber nur um bescheid zu sagen, dass ich jetzt ins Bett gehen würde, weil ich schon müde war.

 

13.
Das restliche Wochenende verlief ohne Probleme, Bill und ich verhielten uns nicht anders, ich war froh, dass es so gut klappte, also würde es kein Problem werden, damit fertig zu werden.
Am Donnerstag war es ein richtig schöner Sommermorgen. Wir hatten ja schon Juni, in zwei Wochen würden Sommerferien sein, da wurde es auch langsam Zeit, dass es warm wurde. Im Laufe des Vormittags wurde es sogar schon richtig heiß. Es war kaum noch auszuhalten, ich konnte mich nicht mehr auf die Schule konzentrieren. "Süße lass uns heute ins Freibad gehn", schlug Marco vor. "Gut, wollte ich sowieso mit Bill und Tom heute" Er schien nicht sehr darüber erfreut, dass Bill und Tom mitkommen wollten, aber er akzeptierte es. Das war er, mein Marco... "Lisa, willst du auch mit?" "Wollen ja, aber ich kann nicht. Ich hab Nachhilfe", sagte sie enttäuscht. Oh Gott, die Arme...
Glücklicherweise hatten wir heute nur fünf Stunden, hatten also mehr Zeit heute Nachmittag. Also waren schnell die Sachen gepackt, wir stiegen aufs Fahrrad und fuhren los. Zum Glück war hier ganz in der Näher ein richtig schönes Freibad, früher musst ich immer ewig mit der U-Bahn dorthin fahren, aber durch den Umzug war es nur eine viertel Stunde mit dem Fahrrad entfernt. Was sicher ein Vorteil war, denn es war viel zu warm um lange zu fahren, da wäre ich doch vor Hitze gestorben.
Als wir ankamen, erwartete uns Marco schon. Ich gab ihm wie immer zur Begrüßung einen kurzen Kuss, fühlte mich aber diesmal irgendwie komisch dabei, weil Bill direkt daneben stand und es ihm wohl nicht entging. Mir sank fast das Herz in die Hose, als ich seinen Blick sah. Er guckte mich einfach an, seine Augen hatten so einen seltsamen Ausdruck, ich wollte es mir nicht eingestehen, aber er wirkte ziemlich verletzt...Egal, er hat es so gewollt, dass wir das einfach vergessen und so weitermachen wie zuvor, und er wusste genau, dass Marco mit ins Freibad kommen würde. "Was is los Süße?", fragte Marco. "Ach nichts, mir ist nur so unglaublich warm", log ich. "Dann lass uns doch endlich reingehn, dann kriegst du 'ne Abkühlung." Das tat ich nur zu gerne und ein paar Minuten später sprangen wir schon ins Wasser. Hach, war das herrlich. Doch lange konnte ich das nicht genießen, da Tom meinte mich döppen zu müssen. Das ließ ich natürlich nicht auf mir sitzen und schlug zurück. Das Ganze ging einige Minuten so und als Marco und Bill sich noch einmischten, wurde es mir zu viel. Etwas erschöpft kletterte ich aus dem Becken und legte mich auf mein Handtuch schön in die Sonne. Ich schloss die Augen und genoss einfach das Wetter und den Moment.
Irgendwann kamen die Zwillinge noch dazu, ein paar Minuten später Marco. Was ich dadurch zu spüren bekam, dass plötzlich ein nasser uns eiskalter Mund den meinen berührte. Während wir uns küssten streichelte er mit seiner ebenfalls nassen Hand zärtlich über meine Seite. Marco küsste gut, das hatte mir an ihm schon immer gefallen, nicht zu nass und sabberig, aber auch nicht verkrampft. Aber diesmal war es anders als sonst. Denn ich spürte nichts. Gar nichts. In mir drin war alles leer. Und entgegen meines Willens musste ich daran denken, wie es mit Bill gewesen war. Ich hatte am ganze Körper gezittert, mein Herz hatte zu zerplatzen geschienen, ich war wie in einer anderen Welt, hatte gar nicht mehr gewollt, dass es jemals endet. Aber jetzt, hier, war mir alles egal. Ich öffnete die Augen, sah verstohlen zur Seite und musste feststellen, dass Bill und beobachtete. Tom hatte seine Sonnenbrille aufgesetzt, die I-Pod Stöpsel im Ohr und sonnte sich. Bill saß neben uns auf dem Handtuch rum.
Unsere Blicke trafen sich. Es war nur ein Bruchteil einer Sekunde, alles ging so schnell. Ich sah nur seine Augen, in denen sich nichts als Schmerz wiederspiegelte. Das versetzte meinem Herzen einen gewaltigen Stich. Und ich lag hier, unter Marco, knutsche mit ihm vor Bills Augen rum. Ich fühlte mich in dem Moment so was von böse, richtig hinterhältig, als ob ich Bill betrügen würde, während er daneben sitzt. Sofort sah ich wieder weg und beendete unseren Kuss. Marco grinste mich an, ich grinste zurück. Gott, was war ich für ein betrügerisches Miststück?! Ich hasste mich gerade selbst so dermaßen. Doch ich durfte mir nichts anmerken lassen, setzte wieder meine Sonnenbrille auf und tat als würde ich mich sonnen und dösen.
Doch in mir drin sah es ganz anders aus, mein Kopf rauchte fast. Ich war total verwirrt, versuchte erst mal, meine Gedanken und Eindrücke von gerade eben zu ordnen. Okay, ich war mit Marco zusammen, das stand fest, und ich habe letztens mit Bill geknutscht, was - das musste ich leider Gottes zugeben - sehr, sehr schön gewesen war, aber das tat jetzt nichts zur Sache. ER hatte gesagt, dass wir es vergessen sollten, ER wollte, dass ich weiter mit Marco zusammen bleibe. Dann braucht er gar nicht so scheiße zu gucken, ist doch klar, dass Marco und ich uns ab und zu küssen. Eigentlich sollte Marco mir eher leid tun, ich hatte ihn ja eigentlich betrogen, man könnte es auch fremdgeknutscht nennen, und ihm nichts erzählt. Das sagte mir jedenfalls mein Kopf. Aber das Schlimmste war, dass ich bei diesem Fremdgeknutsche mehr empfunden hatte als jemals mit Marco.... Und da konnte ich mir nichts vormachen. Ich versuchte diese Gedanken einfach wieder zu verdrängen, das schöne Wetter zu genießen und nahm mir vor, erst mal abzuwarten und zu sehen, wie es weitergehen würde.
Aber da hatte ich meine Rechnung wohl ohne die Jungs gemacht. Denn irgendwann stupste mich jemand an, ich öffnete die Augen und sah Bill vor mir knien. "Dein Rücken ist schon ganz rot, soll ich dich vielleicht eincremen?" Ich drehte meinen Kopf einmal zur anderen Seite, wo Marco und Tom dösten. Ich war ihm ganz dankbar, dass er mich darauf aufmerksam gemacht hatte und nickte zustimmend. Er setzte sich auf meinen Hintern und fing an die Creme auf meinem Rücken zu verteilen. Ein wohliger Schauer lief diesen hinab, als seine Hände mich berührten. Ich schloss die Augen, konzentrierte mich nur auf Bills Hände, ließ dieses angenehme Kribbeln und mein höher schlagendes Herz einfach zu, obwohl ich wusste, dass es nicht richtig war. Schon waren all meine Pläne, die ich vor ein paar Minuten geschmiedet hatte, wieder total über den Haufen geworfen. Langsam und zärtlich glitten seine schmalen Finger mit der kühlen Sonnencreme über meine heiße Haut. Genüsslich atmete ich tief aus. Er beugte sich runter und flüsterte: "Fertig" in mein Ohr und sein Mund berührte wie zufällig dabei mein Ohrläppchen. Ich erschauderte. Himmel, wie mich das anmachte. Aber als ich kurz darauf Marco neben mir liegen sah, fühlte ich mich sofort wieder so dreckig und böse. Aber ich war auch ein wenig froh, dass es niemand mitbekommen hatte, wie Bill mich eingecremt hat.

 

14.
Ich hatte mich gerade ein weiteres mal versucht zu sonnen, als Bill und Tom es wohl für nötig hielten, dass ich eine Abkühlung verdient hätte. Obwohl ich eigentlich nicht dieser Ansicht war, packten sie mich grinsend, Bill am Oberkörper (was sonst?!), Tom an den Füßen, und trugen mich Richtung Schwimmbecken. Ich versuchte mich zu wehren, strampelte und quiekte, doch alles half nichts. Und auch Marco, mein toller Freund, lag nur da auf seinem Handtuch und lachte mich aus, wie ich vergebens versuchte um mich zu schlagen. Letztendlich landete ich mit einem lauten Platschen im Wasser, gefolgt von Bill und Tom, die es aber - im Gegensatz zu mir - freiwillig taten. Gespielt sauer, drückte ich Tom unter Wasser, weil er mich so lauthals ausgelacht hatte, doch da kam Bill und umklammerte mich von hinten. Tom tauchte wieder auf, erkannte sofort die Lage und nutzte seine Chance, um mich einer Kitzelfolter zu unterziehen. Das war so gemein, ich hasste es, dass ich so verdammt kitzelig war und das musste immer jeder wissen. Damit konnte man mich echt quälen. Und anscheinend hatten die Zwillinge einen heiden Spaß daran, kleine Sadisten. Irgendwie schaffte ich es dann doch, Tom von mir wegzukriegen, in dem ich ihm einen weniger sachten Tritt verpasste^^. Hatte er sich aber auch verdient. Da war aber Bill schon die schwerere Nuss. Ich wand mich in seinen Armen, drehte mich, sodass wir uns schließlich gegenüberstanden, unsere leicht bekleideten Körper dicht aneinander gepresst, weil er mich festhielt. Wir sahen uns an. Ich vergaß mal wieder alles um uns herum. Ein Wassertropfen perlte langsam von seiner süßen Nasenspitze, seine Haare waren ganz zerzaust, nass und hingen in Strähnen runter. Als Bill bemerkte, dass wir gerade eng umschlungen wie ein Liebespaar hier rumstanden lockerte er seinen Griff, was ich augenblicklich ausnutzte, um mich zu befreien. "Haha, das war alles geplant!", ärgerte ich ihn und drückte ihn unter Wasser. Doch er zog mich an den Armen mit sich runter und drückte seine Lippen kurz auf meine. Ich erschrak total, wehrte mich aber nicht, im Gegenteil, ich erwiderte den Kuss. Junge, du machst mich verrückt...
Wir tauchten wieder auf, als sei nichts gewesen stürzte sich Bill auf mich, wollte wohl diesmal mich döppen, ich ließ es aber nicht zu und kämpfte mit ihm. Dass Tom mittlerweile teilnahmslos am Beckenrand stand und uns zusah, bemerkten wir gar nicht. Ebenso wie keiner von uns es merkte, dass Marco uns beobachtet hatte, darauf stinksauer ins Becken gekommen war und sich jetzt mit einem "Du scheiß Schwuchtel, wenn du Lilly noch einmal anpackst!" Bill von mir losriss und ihm eine knallte. "Boah was willst du eigentlich?!", keifte Bill zurück, so was ließ er sich natürlich nicht gefallen und prompt boxte auch er Marco ins Gesicht. Ehe ich mich versah und auch nur irgendetwas hätte tun können, fingen die beiden an, sich wie wild zu kloppen. Ich sah mich hilfesuchend um, aber die tollen Bademeister saßen zusammen und machten anscheinend Kaffeklatsch, achteten aber keineswegs darauf, was sich hier abspielte. Doch glücklicherweise war ja noch Tom da. Er verstand zwar nur Bahnhof, eilte aber sofort zu seinem Bruder, ich tat es ihm gleich, versuchte Marco festzuhalten. Der aber schüttelte meine Hand von seinem Arm ab und erwischte mich damit im Gesicht. "Hör auf Lilly zu schlagen!", kam es sofort von Bill. "Hör DU auf sie anzugrapschen!" Die meisten Leute standen mittlerweile um uns rum und beobachteten das Spektakel. Typisch, alle sind se am glotzen aber niemand unternimmt was. "Jetzt hört doch mal auf!", schrie ich vollkommen verzweifelt. Das durfte doch nicht wahr sein, die kloppten sich jetzt allen ernstes um mich. Und was wollten sie damit erreichen? Man, das hatte doch gar keinen Sinn. Aber sie ließen sich gar nicht von mir stören... Jungs eben. Dann hatten sie jetzt eben Pech gehabt, sollten die sich doch die Köpfe einschlagen, ich kletterte einfach aus  dem Becken, zog mir schnell meinen Rock und mein Top über und packte die restlichen Sachen zusammen. Ich war echt richtig sauer. Auf Bill, dass er sich so schamlos in Marcos Anwesenheit und entgegen unserer Abmachung, die - ich betone es extra - ER so wollte, angeflirtet hat und auf Marco, dass der gleich so ausrasten und vor allem anfangen musste, Bill zu schlagen.
Anscheinend war meine Abwesenheit nicht unbemerkt geblieben, denn Marco legte sein Hand auf meine Schulter. "Lilly...." "Nix Lilly, komm wieder wenn du normal geworden bist", schrie ich ihn an, entzog mich ruckvoll seinem Griff und stürmte Richtung Ausgang. Glücklicherweise hatte ich mein Fahrrad nicht mit Bills und Toms zusammengeschlossen und musste somit nicht auf die beiden warten. Ich strampelte nach Hause. Was die anderen jetzt noch machten war mir scheißegal, Hauptsache erst mal weg von hier. Weg von Marco, der so brutal war, wie ich ihn noch nie erlebt hatte, den ich sowieso grade nur betrog, weg von Bill, der mich vollkommen durcheinander brachte und anscheinend selbst nicht wusste, was er wollte. Ich ließ meine ganzen Frust an dem armen Drahtesel aus, trat so heftig in die Pedale, dass ich doppelt so schnell zu Hause war, wie wir für den Hinweg gebraucht hatten. Zum Glück waren Mama und Jörg arbeiten, sodass sie nichts von all dem mitbekamen. War das denn möglich? Nicht mal einen normalen Nachmittag im Freibad konnte man noch verbringen, sofort musste natürlich wieder so was Blödes passieren.
Unter der Dusche kam mir dann der Gedanke, ob ich nicht auch Schuld war. Immerhin hätte ich mich nicht darauf einlassen müssen. Obwohl... was konnte man schon dagegen sagen, wenn wir uns ein bisschen im Wasser kebbelten? Und BILL hat mich so fest gehalten und mich an sich gedrückt, BILL hat mich mit unter Wasser gezogen und mich geküsst.
Als ich gerade aus dem Bad kam und rüber in mein Zimmer gehn wollte, hörte ich wie die Tür aufging und die Zwillinge ins Haus kamen. "Was war DAS denn?", fragte Tom. Ich blieb stehen und wartete gespannt, was Bill jetzt darauf antworten würde. "Has du doch gesehn, man"
"Ähm hallo? Warum hat Marco denn so heftig reagiert?"
"Weiß ich doch nich, der Spast hat halt ein anner Klatsche. Was weiß ich, was der für Gespenster sieht" "Anscheinend hat er 'n Problem damit, dass du dich so gut mit Lilly verstehst"
"Anscheinend hat der ein gewaltiges Problem mit sich selbst", meinte Bill und beendete somit das Gespräch. Erleichterung stieg in mir auf, da Bill Tom nichts von uns erzählt hat. 
Am Abend wollten wir alle zusammen Grillen. Wie eine richtige Familie saßen wir idyllisch im Garten, der Grillgeruch stieg mir in die Nase und ein laues Sommerlüftchen umschmeichelte sanft meine Haut. Ironie lässt grüßen. Wir waren schon mal gar keine richtige Familie, sondern ein zusammengewürfelter Haufen mit seltsamen Verstrickungen, zwischen meinem tollen Halbbruder und mir schien etwas zu laufen, was sich ganz und gar nicht gehörte und selbiger hat sich noch vor wenigen Stunden mit meinem Freund geprügelt... scheinbar wegen mir. Also das war meiner Ansicht nach alles andere als friedlich idyllisch.
Bill und ich guckten uns nicht an, wichen uns aus so gut es ging. Irgendwie war ich immer noch sauer auf ihn. Einzig Tom war normal, aber das war auch ganz gut, dann würden Mum und Jörg wenigstens nicht so viel mitbekommen, denn auf deren neugierige Fragen konnte ich gerne verzichten. Bill war gerade in die Küche gegangen, als Jörg mich bat, ihm noch ein Bier zu holen. Aber sicher doch, nichts lieber als das. Ich stand also auf und ging ins Haus. Wie es natürlich kommen musste, kam Bill mir entgegen. Ich wollte an ihm vorbeigehen, er an mir, jedoch wählten wir beide die selbe Richtung und stießen zusammen. "Sorry", murmelte ich und wollte weitergehen, doch er hielt mich am Arm fest. "Warte..." Ich drehte mich zu ihm um und wollte ihn kühl angucken. Allerdings gelang mir das nicht, weil sich mein Herz beim Blick in seine Augen sofort wieder erwärmte. Ohne zu wissen, was mit mir geschah, legte er seine Hände auf meine Hüften und zog mich dicht an sich. Augenblicklich schoss mein Puls in unermessliche Höhen. "Bill, lass...", doch weiter kam ich nicht, da sein Mund bereits mit meinem zu verschmelzen schien. Meine Gedanken überschlugen sich, lösten ein heilloses Durcheinander in meinem Kopf aus, wieder hatte ich dieses unglaublich schöne Gefühl im Bauch... Leise stöhnte ich in diesen zarten Kuss hinein. Doch schnell kam ich wieder zur Besinnung. Was, wenn uns hier jemand sehn würde? Bill war doch verrückt! Außerdem war ich doch sauer auf ihn. "Spinnst du?!", zischte ich etwas zu forsch, als ich ihn von mir wegstieß und schnell weiter in die Küche ging. "Scheiße!", fluchte ich und trat vor die Spülmaschine. Aber das konnte mir auch nicht helfen, im Gegenteil, jetzt tat sogar noch mein Fuß höllisch weh! Ich nahm das Bier aus dem Kühlschrank und hielt es an meine Wange. Seltsamerweise beruhigte mich das sogar, mein Kopf war tierisch heiß geworden. Denn durch Bills wunderbare Aktion eben war mir klar geworden, dass ich leider Gottes einfach mehr für ihn empfand, als ich eigentlich sollte. Und das mit Marco.... es war mir grade ehrlich gesagt echt scheißegal, was der Typ machte. Aber Bill und ich.... das konnte einfach nicht sein, das durfte nicht sein.
Ich ging schnell wieder raus in den Garten, sonst fällt es ja noch auf, dass ich ungewöhnlich lange dafür brauche, ein Bier zu holen. Wie ein Häufchen Elend ließ ich mich auf meinem Stuhl nieder und wollte so gut es ging unbemerkt bleiben. Tom erzählte Jörg grade irgendwas, was ziemlich lustig sein musste, denn alle lachten sich nen Ast ab. Ich sah unauffällig zu Bill, sein Lachen war göttlich. Man, ich hasste das Leben gerade, dass es so unfair sein musste. "Lilly was ist denn los mit dir? Du bist die ganze Zeit schon so komisch...", fragte mich meine Mutter. Ich hab die ganze Zeit gehofft, dass das nicht kommen würde, aber wie immer hatte ich mal wieder Pech gehabt. "Nix", nuschelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart und stocherte weiter in dem Salat, den ich sonst so gerne aß. "Hat irgendwer dich geärgert oder?? Was ist denn passiert!" "Maoh nix!", giftete ich, stand einfach auf und stürmte die Treppen hoch in mein Zimmer, wo ich mich aufs Bett schmiss und sofort anfing zu weinen. Ich hasste es manchmal einfach, dass Eltern so neugierig sein mussten. Hat die denn nicht geschnallt, dass ich einfach in Ruhe gelassen werden wollte?
Das war so unfair, warum musste ich mich mal wieder genau in meinen Bruder verlieben? Es gibt so viele männliche Wesen auf dieser Welt und ich war doch mit Marco bis jetzt immer glücklich gewesen... Dachte ich zumindest. Ich dachte, ich wüsste, was Liebe ist und wie es sich anfühlt. Aber ich hatte mich wohl getäuscht. Bill war der Einzige, den ich wirklich liebte, mit ihm war es so anders, so himmlisch, dass es fast unwirklich zu sein schien. Warum musste so was natürlich mal wieder genau mir passieren?!
Die Tür öffnete sich und jemand kam ins Zimmer, ich tippte mal auf Mum. Dieser jemand setzte sich zu mir aufs Bett. Man, ey kann die mich nicht einmal in Ruhe lassen?! "Lilly was ist denn los?", würde sie gleich fragen, ich wusste es genau. Und so kam es auch, mit dem kleinen Unterschied, dass es nicht Mum, sondern Bill war, der mit mir sprach. Ich wendete ihm mein Gesicht zu, das ich vorher in meinem Kissen vergraben hatte. "Scheiße ich hab mich in dich verliebt! Zufrieden?!", schrie ich ihn an, obwohl ich das gar nicht wollte. Ich hatte Angst davor, was er jetzt dazu sagen würde. Schluckte. Er sagte nichts. Doch dann, nach endlos scheinenden Sekunden umspielte ein Lächeln seine perfekt geschwungenen Lippen. Hat der nen Knall? Was gibt’s denn da zu lächeln? Genauso schnell wie es gekommen war, verschwand das Lachen auch wieder und er sagte ernst: "Das wegen heute Nachmittag tut mir leid. Aber wenn mich jemand scheiße anmacht, lass ich mir  das eben einfach nicht gefallen...Und als er dich geschlagen hat, das ging echt nicht mehr, ich lass es nich zu, dass jemand dir wehtut", jetzt lächelte er mich wieder unsicher an. Ich seufzte, richtete meinen Blick weg von ihm zum Fenster und sagte dazu nur: "Das hast du selbst schon längst"

 

15.
"Ich weiß aber das wollt' ich doch nicht. Mir tut das alles so leid, ich hab meinen eigenen Vorschlag nicht eingehalten, dass wir das einfach vergessen, weil ich dachte, dass es funktioniert und ich wollte nicht deine Beziehung zerstören. Aber...ich kann dich nicht vergessen" Mittlerweile hatte ich ihm meinen Blick wieder zugewandt und während er das gesagt hat, hatte er mir die ganze Zeit direkt in die Augen gesehen. Ich hatte plötzlich einen ganz schön dicken Kloß im Hals.
Egal, wie ich es mir zurechtlegte, es kam immer dabei heraus, dass es nun mal einfach anders war als es bis jetzt gewesen war. Es hatte sich vieles verändert. Meine Gefühle und Beziehung zu Marco, ich liebte jetzt Bill, und ich liebte ihn so sehr, wie ich es niemals gedacht hätte, dass man einen Menschen so lieben könnte. Ich konnte mich nicht an meine alte Welt klammern, sie war nicht mehr da, existierte nicht mehr. Ich musste wohl loslassen und meine Gefühle für Bill akzeptieren. Jetzt konnte ich es eh nicht mehr verstecken, da ich es ihm ja gerade förmlich ins Gesicht geschrien habe. "Worüber denkst du nach?", fragte er leise und seine Stimme klang so unglaublich sanft und liebevoll dabei. Ich seufzte: "Darüber dass du mein ganzes Leben auf den Kopf stellst", ich lächelte ihn unsicher an. Irgendwie war die ganze Situation sehr komisch, ich wusste nicht so wirklich, was ich sagen sollte, wie ich meine Gedanken ausdrücken sollte und vor allem, wie Bill das Ganze sah. Aber... er hat mir grade alles so offen gesagt, vielleicht sollte ich es einfach genauso machen. "Bill", fing ich an, er hörte mir gespannt zu. "Ich glaube, das mit Marco... da gibt es keine Beziehung mehr, die man zerstören könnte, jedenfalls von meiner Seite nicht. Ähm...auch wenn... es vielleicht schwer wird aber...ich will mit dir zusammen sein...?!", ich wusste nicht so recht, ob das jetzt eine Frage oder eine Aussage darstellen sollte. Hoffte, dass es ihm genauso ging und ich ihn nicht vorhin auf irgend eine Weise falsch verstanden habe.
Er legte seine Hand auf meine, beugte sich zu mir und drückte mir sanft einen Kuss auf die Lippen. Schon wieder durchströmte mich ein solches Glücksgefühl, dass ich dachte, jeden Moment vor so viel Glück platzen zu müssen. Seine Lippen waren so unglaublich weich, wie nicht von dieser Welt. Ich hatte ihn gar nicht verdient, wenn ich mir das mal so rum überlegte. Ich hab ihn die ganze Zeit ignoriert, war sauer auf ihn, nur weil er meine Nähe gesucht hat, was mir selbst doch nur zu gut gefallen hat, hab ihn für den Streit mit Marco verantwortlich gemacht, obwohl ich da auch nicht ganz unschuldig war, vor seinen Augen so mit Bill rumzumachen.
Aber diese Gedanken musste ich beiseite schieben, hinter mir lassen. Was zählte, war nur der Moment und die hoffentlich vielen darauf folgenden.
Wir lösten uns wieder von einander, Bill grinste mich an wie ein Honigkuchenpferd, total niedlich. "Das war aber eine schwere Geburt", lächelte er. Ich konnte nicht anders, als diesen so knuddeligen Kerl durchzuknuddeln^^. Ich drückte ihn ganz fest an mich, ließ meinen Kopf in seine Halsbeuge sinken und atmete Bills wunderbaren Duft ein. Das tat so gut. Lange saßen wir so auf meiner Bettkante, nebeneinander uns komplett verdreht, aber hielten uns fest in den Armen. Ich war froh, dass ich es mir endlich selbst eingestanden hatte, dass ich an meinen Gefühlen wohl nichts ändern konnte, denn je mehr ich mich dagegen gewehrt habe, desto stärker wurden sie. Und es war eindeutig das, was ich wollte. Bill. Und nichts oder niemand anderen. "Ich glaube, ich sollte langsam mal runtergehn, sonst kommen die noch auf komische Gedanken", sagte er und grinste mich schief an. Ja, komische Gedanken, und diese Gedanken könnten möglicherweise gar nicht mal so komisch sein... aber damit musste ich wohl oder übel leben, wenn ich mich für Bill entscheiden wollte. Und das hatte ich bereits. "Gute Nacht", sagte ich. "Gute Nacht, Süße!", er küsste mich auf die Stirn, stand dann vom Bett auf und verließ mein Zimmer.
Ich ließ mich zurück auf mein Bett fallen und seufzte. Ab jetzt würde alles anders werden. Ich war mir klar darüber, dass es nicht leicht sein wird, wir werden uns immer verstecken müssen, werden vor allen anderen, vor unseren Eltern, vor Tom, so tun müssen als ob nichts wäre. Aber das würde ich in Kauf nehmen für das, was Bill mir gab. Es waren bis jetzt zwar wenige und kurze Momente, die wir so zusammen hatten, aber es waren die schönsten, an die ich mich erinnern konnte.
Lange lag ich auf meinem Bett und dachte nach, über alles, was passiert war und über das, was noch kommen würde. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon fast 23:00 Uhr war und ich langsam mal schlafen gehn sollte, immerhin musste ich ja morgen in die Schule. Ich könnte jetzt schon kotzen bei den Gedanken daran. Naja... was soll man machen?! Ich zog meine Sachen aus (im Sommer schlafe ich immer nur in Unterwäsche, weil es in einem Dachzimmer echt extrem heißt ist^^) und ging noch ins Bad rüber. Ich putzte mir die Zähne, wusch mir das Gesicht, als ich es gerade abtrocknete und in den Spiegel hochguckte, sah ich neben meinem Spiegelbild auch das von Bill, der mich angrinste. Für einen Moment schien mein Herz still zu stehen. Ich drehte mich blitzschnell zu ihm um. "Man, hast du mich erschreckt", sagte ich und mein Blick streifte seinen makellos scheinenden, schmalen Körper, der mit nicht mehr als einer knallroten engen Boxershorts bedeckt war. "Echt? War aber nicht meine Absicht", flüsterte er. Er legte seine Hände auf meine Hüften und sein Gesicht kam mir gefährlich nah. Ich schloss die Augen und wartete sehnsüchtig darauf, dass er mich endlich küssen wird. Unsere Lippen trafen sich - endlich, meine Erlösung. Ich erwiderte den leichten Druck, legte meine Arme um seinen Nacken und zog ihn ein bisschen näher an mich heran. Ich stupste mit meiner Zungenspitze gegen seine Lippen, worauf er diese öffnete und unsere Zungen begannen miteinander zu spielen. Ich musste in den Kuss hineingrinsen, als Bill mich leicht gegen das Waschbecken drückte und daraufhin leise stöhnte. Besonders schüchtern oder zurückhaltend schien er ja nicht zu sein. Aber wenn ich ehrlich war störte mich das nicht im Geringsten, es gefiel mir^^.
16.
Am nächsten Morgen wachte ich mit einem Grinsen im Gesicht auf. Ich hüpfte förmlich aus meinem Bett, es störte mich nicht mal, dass ich so früh aufstehen musste, sonst quälte ich mich immer richtig, um endlich aufzustehen. Aber jetzt zog ich die Rollos nach oben und ließ die Sonne in mein Zimmer strahlen. Ich öffnete das Fenster, jetzt war es schon warm draußen und die Sonnenstrahlen prickelten auf meiner Haut. Ich atmete die schöne warme Luft ein und freute mich auf den Tag. Ich ging ins Bad, stellte erst mal das Badezimmerradio an und stieg unter die Dusche. Als ich fertig war, wickelte ich mich und meine Haare jeweils in ein Handtuch, da fing gerade "Buttons" von den Pussycat-Dolls an aus den Lautsprechern zu trällern. Meine sowieso schon gute Laune wurde noch mehr gehoben, letztendlich tanzte ich mehr oder weniger singend durchs Bad und machte mich so nebenbei fertig. Ich merkte gar nicht, dass ich viel länger brauchte als sonst. Das wurde mir erst klar, als ich die Tür öffnete und Bill schon davor wartete. Normalerweise war der noch nicht mal aufgestanden, wenn ich in mein Zimmer rüberging. Er blinzelte mich verschlafen aber dennoch etwas belustigt an. Dieser Anblick ließ mein Herz sofort höher schlagen. "Du bist süß, wenn du so gute Laune hast", nuschelte er. Ich drückte ihm einen Kuss auf den Mund und umarmte ihn kurz, aber fest. Glücklich huschte ich in mein Zimmer.
Mit demselben Dauergrinsen kam ich an der Schule an, Lisa fragte mich, was passiert wäre. "Nichts, ist nur ein schöner Tag heute - und wir haben Freitag. Wochenende!", sagte ich nur die halbe Wahrheit und sie musste sich damit zufrieden geben. Ich würde ihr niemals erzählen können, dass ich mit Bill zusammen war. Sie verstand mich zwar meistens, eigentlich immer, aber ich glaube das würde sie nicht verstehen. Ich hatte einfach Angst, dass sie sich von mir abwenden würde oder... keine Ahnung, sonst was von mir denken würde. Und damit hätte sie nicht mal so Unrecht... Ich war mit meinem Bruder zusammen. Hallo? Das war alles andere als normal. Aber es machte mich glücklich und das zählte für mich. Ich hatte schon wieder eine ganze Horde von Schmetterlingen im Bauch, als ich an gestern Abend dachte. Wie Bills warme Hände sanft über meine Haut geglitten waren, von seinen weichen Lippen ganz zu schweigen... "Lilly?" "Was?" "Hast du mir überhaupt zugehört?" Hat sie was gesagt? "Ne... tut mir leid, ich war grade gedanklich abwesend..." "Hab ich gemerkt...", gab sie nur etwas beleidigt zurück. Ups.... vielleicht sollte ich versuchen, nicht die ganze Zeit an Bill zu denken.
Aber es gelang mir nicht. Erst, als wir vor dem Klassenraum warteten und Marco auf uns zukam. Ach du scheiße, den hatte ich ja total vergessen. Ich schluckte. Er kam zu mir und drückte mir einen Kuss auf den Mund. Ich ließ ihn einfach machen, erwiderte aber nichts. "Was los? Bist du immer noch sauer wegen gestern?" Sauer? Gestern? Was war denn gestern? Ach ja, er hat sich doch mit Bill gekloppt. Eigentlich war ich gar nicht wirklich sauer auf ihn aber ich nickte nur abwesend, benutzte es ein bisschen als Ausrede dafür, dass ich abweisend zu ihm war. Scheiße... meine gute Laune war auf einmal wie weggepustet, ich war noch mit Marco zusammen. Ich war grade mit zwei Jungs gleichzeitig zusammen. War ich denn bekloppt? Ich hätte nie gedacht, dass mir das mal passieren würde. Solche Menschen hatte ich immer verachtet, doch irgendwie war ich mit Vollgas in diese Situation hereingeraten, und steckte jetzt mittendrin.
Und was sollte ich jetzt machen? Mit Marco Schlussmachen? Das wäre eigentlich die einzig faire Lösung, für ihn und für Bill. Und mit welcher Begründung? "Tut mir leid, lieber Marco, aber ich bin jetzt mit Bill zusammen und mache deswegen mit dir Schluss. Deine Eifersucht war doch nicht so grundlos!" Oder wie sollte das aussehen? Vor allem, was würde der dazu sagen? Wenn er erfährt, dass ich mit BILL zusammen war? Ich könnte ihm das genauso wenig sagen wie Lisa. Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken, ließ Marco erst mal glauben, dass ich wegen gestern sauer war und beschloss, mir da später, vielleicht auch mit Bill zusammen, Gedanken drüber zu machen. So konnte ich mich wieder ungehemmt meinen Gedanken an Bill nachgehen^^.
Und so verflog der Schultag auch erstaunlich schnell. Ich freute mich so derbst (wie Bill und Tom es zu sagen pflegten^^) auf zu Hause, denn da war ja Bill.
Ich freute mich schon wie ein Honigkuchenpferd, als meine Mum mir die Tür öffnete. Ich rannte schnell die Treppe hoch und schmiss meine Tasche in die nächstbeste Ecke. Dann ging ich etwas gezügelter und ruhiger die Treppe wieder runter zu Bills Zimmer und machte die Tür auf. Leider war Tom auch drin, und wir konnten nicht ungestört sein. Egal, es war schon schön genug, ihn wieder zu sehen. "Na ihr zwei?" "Na du eine", kam es wie aus einem Mund von den beiden gleichzeitig. Ich musste schmunzeln. Da rief Mum uns zum Essen. Tom rannte sofort aus dem Zimmer, man hatte der nen Kohldampf^^. Ich tat es ihm gleich und wollte rausgehen, doch Bill hielt mich am Arm fest. Er zog mich schnell zu sich, gab mir einen liebevollen Kuss, der mir mal wieder das Gefühl gab zu schweben. Als es grade anfing, an meinem ganze Körper zu kribbeln, löste er sich leider schon wieder von mir. "Komm, wir sollten auch runtergehn" Etwas enttäuscht, dass dieser unglaublich schöne Moment mal wieder viel zu schnell abgebrochen wurde, folgte ich ihm runter in die Küche.

 

17.
Direkt nach dem Mittagessen düsten die Zwillinge ab um zu proben. Ich blieb zu Hause und fühlte mich schon fast ein bisschen allein gelassen. Und dabei kam ich mir schon wieder komisch vor. Als ob ich mich einfach so in das geschwisterliche Verhältnis, das die beiden Zeit ihres jungen Lebens verband, mit einbringen wollen zu versuchte. Oder sie sogar auseinanderbringen würde. Manchmal fühlte ich mich schon ein bisschen wie das fünfte Rad am Wagen. Da waren die Zwillinge, die alles miteinander teilten, die die innersten Gedanken, Gefühle und Ängste des anderen auswendig kannten und da war ich. Vor fünf Monaten waren wir das erste Mal aufeinander getroffen. Wir verstanden uns gut, waren Freunde, aber natürlich hatten wir alle unsere alten Gewohnheiten. Und die von Bill und Tom war es eben, dass sie ihre Musik über alles liebten. Ich war davon ja auch begeistert. Um genauer zu sein hätte ich nie gedacht, dass eine Band, wo der Älteste gerade mal 18 ist, so professionelle Musik machen kann. Und die Texte erst, sie waren tiefgründig, hatten Sinn, jedes einzelne Wort schien mir aus der Seele zu sprechen, wenn auch nicht bei allen Songs, aber sie passten genau auf die Probleme von Jugendlichen in unserem Alter, was wohl nicht zuletzt daran lag, dass der Songwriter ja in meinem Alter war ^^.
Wo wir wieder bei Bill wären. Ich konnte mir immer noch nicht so genau vorstellen, wie das mit uns laufen sollte. Aber ich wollte es. Nichts wollte ich mehr als ihn. Bill hatte auf mich einfach so eine unglaubliche Wirkung von Geborgenheit, Wärme. Alles an ihm war so anders als die Jungs, die ich bis jetzt kannte. Er war der erste, der solche enormen Gefühle in mir wecken konnte, er war ein Traum...
Plötzlich schreckte ich aus meinen Gedanken hoch, denn das Telefon klingelte. "Ja?!", ging ich mehr oder weniger genervt dran, ich hätte gern noch weiter von ihm geträumt aber nein....
"Wasn mit dir los? Du klingst ja nicht grade begeistert, ich kann auch wieder auflegen", beschwerte sich Lisa.
"Hallo erst mal?!"
"Hi" Ich hörte sie nun am anderen Ende lachen. "Ich wollte fragen, ob ich Tom sprechen kann?!"
Na klasse, die beste Freundin ruft jetzt nur noch wegen ihres Freundes an.
"Is nich da. Kann ich sonst irgendwie behilflich sein?!", fragte ich ein wenig beleidigt. Keine Ahnung, wo meine schlechte Laune plötzlich herkam.
"Man Lilly, jetzt sei nich sauer, aber immerhin hast du angefangen mich mit Tom zu verkuppeln" Da hatte sie auch wieder Recht.
"Naja, eigentlich wollte ich ihn fragen, ob er mit zu Sarahs Party will..."
"Sarahs Party?????"
"Ja Sarahs Party, sie feiert heute ihren 16. Und wir sind alle eingeladen und wollen zelten schon vergessen?"
"Scheiße, stimmt ja!"
"Mensch Lilly, wo bist du nur mit deinem Kopf? ... Ach wo wir grade dabei sind, was ist eigentlich mit dir und Marco los?" Ich verstand zwar nicht, wie sie jetzt vom einen zum anderen kam, aber irgendwann musste ich es ihr wohl erzählen. Ich erzählte also, was gestern passiert war. Natürlich meine Gefühle für Bill außen vor gelassen. Ich erzählte einfach, dass Marco Bill nicht mochte, dass wir dann im Becken Scheiße gemacht haben und Marco voll ausgetickt wäre, weil Bill mich angeblich angegrabscht hätte und dass sie dich dann geprügelt haben. "Bitte was?! Bill soll dich angegrabscht haben? Hat Marco sie nicht mehr alle? Ich glaub die Hitze tut ihm nicht gut"
"Hmm.... ach ich weiß nicht, der is grade sowieso so komisch... ich weiß nicht, ob das mit uns überhaupt noch Sinn hat", verfälschte ich die Wahrheit ein kleines Bisschen. Gut, ich ließ Bill eigentlich nur weg, lügen tat ich nicht . "Vielleicht kannst du heute Abend noch mal mit ihm reden...ich mein, ihr wart doch bis jetzt immer das Super-Traumpaar. Ich fänd's schade, wenn ihr euch trennen würdet" Darauf antwortete ich nicht. Im Grunde hatte ich meine Entscheidung ja schon getroffen, aber das konnte ich nicht sagen.
"Wärst... du denn sauer, falls Tom mitkommen sollte, wenn ich mich dann mehr mit ihm beschäftige heute Abend?" "Ach Quatsch, mach nur" Genießt euer junges Glück, wer weiß, wie lange es noch hält, fügte ich in Gedanken hinzu. Auch wenn ich Tom mochte, keine Frage, aber ich hatte doch so ein bisschen das Gefühl, dass die beiden nicht allzu lang zusammen sein werden. Die arme Lisa, sie schien ihn echt wirklich zu lieben... so wie ich Bill liebte? Könnte sein, vielleicht hatten die Zwillinge ja betörende Liebeskräfte^^.

 

18.
Nachdem wir aufgelegt hatten, fing ich an, meine Sachen zusammenzusuchen. Zum Glück hatte Lisa sich vor einiger Zeit dazu bereiterklärt, das Geschenk zu besorgen, dann musste ich daran nicht auch noch denken. Man, wie konnte ich das nur vergessen? Bill vernebelte mir anscheinend das ganze Gehirn. Gott, hat der mir den Kopf verdreht, jetzt wusste ich endlich was das heißen musste, wenn jemand dir den Kopf verdreht. Ich konnte an nichts anderes mehr denken als an ihn. In der Schule ging es bei den wirklich wichtigen Dingen zum Glück noch, aber ich musste mich sehr beherrschen.
Ich suchte das Vier-Mann-Zelt raus, was noch irgendwo im Keller war, und packte restliche Übernachtungs-Utensilien ein. "Halli Hallo, was hast du denn vor?", fragte mich Tom, als ich gerade alles nach unten brachte. "Party bei Sarah mit Übernachtung...ach ja, Lisa fragt ob du mitkommen willst"
"Und das sagst du mir jetzt? Na sicher will ich!"
"Komisch, ich dachte ihr hasst Zelten und draußen sein"
"Na aber hör mal, Party ist immer gut und mit Lisa - umso besser", flötete Tom und klopfte Bill auf die Schulter: "Schade, Bruderherz, du solltest dir auch mal wieder eine angeln, vielleicht wirste dann auch zu heißen Partys eingeladen" Worauf Bill nur mit den Augen rollte. Tom konnte manchmal echt nerven. Und manchmal musste er es seinem heiß geliebten Zwillingsbruder auch unter die Nase reiben, wenn er was hatte oder durfte oder konnte, was Bill nicht hatte. "Ja Tom, musst dich aber beeilen, ich geh gleich!", rief ich ihm hinterher, denn er war schon fast in seinem Zimmer.
Jetzt stand ich allein mit Bill im Flur und wusste nicht so richtig, was ich sagen sollte. "Na dann, viel Spaß auf der Party", sagte er trocken. "Komm doch einfach auch mit. Platz im Zelt ham wir genug" "Nein, ich kann mich da doch nicht selbst einladen!" "Musst du auch nicht, ich lade dich ein" Jetzt strahlte er. "Warte, ich bin in einer Minute fertig!", Bill sprintete die Treppe hoch und wuselte schnell rum, bis er alles eingepackt hatte. Er war ja so süß. Dieser engelsgleiche Blick gerade....Womit hab ich das nur verdient...?!
"Träumst du?!" "Was?" Tom lachte. "Jetzt komm, grade machste noch Terz und jetzt stehst du hier und träumst...Nenene ich will gar nicht wissen, an WAS du grade nur wieder gedacht hast", meinte er mit einem dreckigen Grinsen. Er ging an mir vorbei, Bill und ich folgten ihm ohne seine letzte Aussage noch irgendwie zu kommentieren.
Sarah öffnete uns die Tür, wir begrüßten sie und gratulierten noch mal zum Geburtstag. "Ich hoffe, es ist okay, dass wir noch zwei Gäste mitgebracht haben", meinte Lisa, die wir vorher noch abgeholt hatten. "Klar, kein Problem" "Also das sind Bill und Tom, meine Halbbrüder", teilte ich ihr mit und deutete jeweils auf die beiden. Sarah führte uns raus in den Garten. Ui, der war echt riesig und es waren schon eine Menge Leute da, beinahe unsere ganze Klasse und noch viel andere, die ich nicht oder teilweise kannte. "Tja, fühlt euch wie zu Hause, aber trinkt bitte nicht zu viel, nicht, dass hier hinterher einer kotzt" "Nene", sagten wir brav. Auf einmal sah ich Marco auf mich zusteuern, sein Blick verfinsterte sich ein wenig als er Bill sah. Shit! Der war ja auch da, hatte ich mal wieder total vergessen. "Hey", sagte er unsicher und wollte mich küssen, aber ich wies ihn zurück, das wollte ich nicht und schon mal gar nicht in Bills Anwesenheit. Ich spürte förmlich seinen prüfenden Blick von der Seite. "Bist du immer noch sauer?", fragte Marco. Ich überlegte erst einen Moment, bevor ich sagte: "Lass mich bitte erst mal alleine. Ich muss nachdenken" Er guckte mich verständnislos und etwas beleidigt an, aber ging dann auch ohne ein weiteres Wort wieder.
Ich ließ mich auf die Bank sinken, die hinter mir stand, und vergrub mein Gesicht in den Händen. Das war ja mal wieder ne ganz klasse Aktion. Aber was sollte ich machen? Früher oder später musste ich es ihm sagen... ich konnte mich nicht davor drücken. "Du hast es ihm also noch nicht gesagt...", hörte ich Bills Stimme neben mir. Ich schüttelte den Kopf ohne ihn anzusehen. Stille. "Hast du überhaupt vor es ihm jemals zu sagen?", fragte er in einem eher patzigen Tonfall. "Bist du blöd? Natürlich! Oder wäre ich sonst mit dir-" er deutete mir an, leiser zu sprechen, denn ich hatte gerade ziemlich laut rumgeschrien. "-zusammen?!", beendete ich meinen Satz in gedämpfter Lautstärke. Ja sicher, als ob ich vorhätte mit beiden gleichzeitig zusammen zu sein, was dachte der eigentlich?! Im nächsten Moment tat es mir aber schon wieder leid, dass ich Bill grade so angeschrien hab. "Tut mir leid", nuschelte ich. Wieder einen Moment Schweigen. "Du musst es ihm aber irgendwann sagen, und je länger du wartest, desto schlimmer wird's...." "Ich weiß... aber das ist nicht so einfach. Ich kann so was nicht" "Du schaffst das", Bill guckte mich ganz lieb an. Am liebsten hätte ich ihn jetzt geküsst, mich an ihn gedrückt, aber das ging ja nicht, denn es waren noch ca 50 andere Leute hier, unter anderen mein Noch-Freund.
Zwei Stunden und ein paar V+ später fasste ich mir dann ein Herz und ging zu Marco. Er war grade bei seinen Kumpels. "Können wir reden?" "Sprich dich aus", meinte er. Ich seufzte. "Allein...komm bitte mit" "Jaja, REDEN, schon klar", riefen seine Freunde uns lachend hinterher. Ich rollte mit den Augen. Man, was die schon wieder dachten. Wir gingen hinter eins der zwei großen Gartenhäuser. Hier war es etwas ruhiger und hier waren wir vor allem alleine. Es war mir doch sehr unangenehm, obwohl ich mit versucht habe ein bisschen "Mut anzutrinken". Ich atmete noch einmal tief durch. "Also... hör mir bitte zu und lass mich ausreden okay?"
Marco: "Ja"
Ich: "Ich... es...Das mit uns..."
Marco: "Du machst Schluss, richtig?!"
Ich nickte und sah auf den Boden. Das tat mir so schrecklich leid, wir hatten ein wirklich schöne Zeit zusammen, Marco hatte mich eigentlich immer gut behandelt, mir zugehört, mich nie versetzt. Er liebte mich, und das wusste ich, das merkte ich. Aber mein Herz gehörte längst einem anderen. "Aber warte, lass mich bitte wenigstens noch was dazu sagen" Ich guckte ihn jetzt an, sah, dass er Tränen in den Augen hatte. Wenn ich eins nicht haben konnte, dann wenn Jungs weinten, denn das zeigte echte Gefühle, und ich konnte es schon gar nicht leiden, wenn ich der Grund war. "Mir tut das so leid. Aber... ich hab keine Gefühle mehr für dich. Und es ist doch fairer, es dir zu sagen, anstatt dich zu belügen und dir was vorzuspielen oder?" Er nickte betreten. "Du bist an nichts schuld, es hat sich einfach so entwickelt und... Ich bin dir echt dankbar für die schöne Zeit, die wir hatten. Ich will dir nicht noch mehr wehtun als nötig...", mittlerweile hatte auch ich Tränen in den Augen. Marco war mein erster richtiger Freund gewesen. Gut, so Sandkastenbeziehungen à la Händchen halten in der zweiten Klasse zählten ja nicht. Vorher hatte ich immer nur geschwärmt, aber mit ihm war es die erste ernsthafte Beziehung und es tat weh, diese zu beenden und ihn leiden zu sehn. Wir umarmten uns noch einmal, dann ging er schnellen Schrittes und ließ mich allein hier in dieser dunklen Ecke zurück. Puh, das war jetzt endlich geschafft und ich fühlte mich auch um einiges befreiter und leichter.

 

19.
Ich ging auch wieder zu den anderen zurück und suchte Bill. Glücklicherweise saß er grade mit Tom und Lisa auf einer Bank und unterhielt sich. Als er mich sah, stand er sofort auf und guckte mich besorgt an, da ich mittlerweile auch angefangen hatte zu weinen. Ich fiel ihm um den Hals und schluchzte, während Bill mir etwas überrascht aber liebevoll über den Rücken strich. Seine Nähe tat so gut, ich vergrub mein Gesicht in seiner Halsbeuge und atmete tief Bills wunderbaren Duft ein, der mich ungemein beruhigte.  
"Komm, setz dich erst mal hin" Ich setzte mich wie befohlen auf die Bank, nahm dankend das Taschentuch, das Lisa mir anbot und wischte mir meine Tränen weg. "Was is denn los?", fragte diese und alle drei, Lisa, Bill und Tom guckten mich erwartungsvoll an. "Ich hab mit Marco schlussgemacht", sagte ich leise. "Und deswegen heulst du? Weil DU Schluss gemacht hast ...?" "Tom!", mahnte Lisa ihn. "Ich glaub, ihr zwei solltet vielleicht gehn, das hier ist ein Frauengespräch", sagte Lisa. Tom und Bill tauschten kurz Blicke und entschieden sich dann, ihrem Rat zu folgen. Tom warf Lisa im gehen noch einen Luftkuss zu, bevor er mit Bill in der Menge verschwand. "So. Und jetzt zu dir... Warum hast du denn jetzt Schluss gemacht?"
Ich: "Ach das war doch alles einfach nur noch scheiße... Da ist nix mehr zwischen uns"
Lisa: "...Aber es tut doch ganz schön weh, hm?!"
Ich nickte. "Oh Süße....", sie nahm mich in den Arm. "Das hast du aber alles richtig gemacht. Ihn zu belügen hätte doch auch nichts gebracht... ich bin stolz auf dich" Ich war ihr so dankbar dafür. Lisa verstand mich einfach und fand meistens (!) die passenden Worte. "Ist auch besser so", gab ich zu. "Na siehst du, alles halb so schlimm... Alles geht irgendwann vorbei. Und es gibt genug süße Schnuckel, die nur auf dich warten", sagte sie und grinste mich an. Ich grinste gequält zurück. Oh ja, es gab sogar einen ganz besonderen Schnuckel, der gerade mit seinem Bruder irgendwo hier rumlungerte und mit dem ich längst zusammen war. Aber das musste ich für mich behalten.
"Und mit Tom? Alles klar?" "Ja....", sie strahlte. "Kann's sein, dass du dich total gut mit Bill verstehst?" Ich nickte. "Hmm... der ist echt lieb. Mit ihm kann ich gut reden, wenn du und Tom immer anderwärtig beschäftigt seid und uns armen Schweine allein lasst... Ne Spaß wir verstehn uns voll gut" "Komm, wir machen jetzt Party", meinte sie und zerrte mich von der Bank hoch.
Unter "Party machen" verstand sie natürlich, mit Tom rumzuturteln. Ich verbrachte die Zeit damit, mit ein paar Mädels aus unserer Klasse zu quatschen. Gegen 2 Uhr fingen wir dann an, die Zelte aufzubauen und einzuteilen. Bill, Tom, Lisa und ich schliefen natürlich in meinem mitgebrachten Viererzelt. Na gut, wenn man das schlafen nennen konnte...
Erst mal saßen wir alle, also diejenigen, die auch dort übernachteten, noch ganz lange vor den Zelten rum und quatschten über alles Mögliche und auch Unmögliche. Gegen vier Uhr entschlossen wir uns dann endlich schlafen zu gehen. Tom und Lisa quetschten sich in einen Schlafsack und schliefen schnell ein. Naja, was sollte man auch erwarten? Dass sie anfangen sich zu befummeln, während Bill und ich noch mit dabei sind?! Wohl eher nicht. Ich wälzte mich ständig, aber konnte einfach nicht schlafen, links neben mir lagen Lisa und Tom, rechts Bill. Er robbte mit seinem Schlafsack zu mir. "Hey, bist noch wach?" "Hmm", flüsterte ich zurück. Es war stockdunkel und ich sah gar nichts, aber spürte seinen Atem auf meinem Gesicht, kurz bevor er seine Lippen zärtlich auf meine legte. Seine Zunge stupste gegen meine Lippen, ich öffnete sie und seine Zunge erforschte langsam meine Mundhöhle. Ein wohliger Schauer fuhr durch meinen Körper. "Komm mit", meinte er plötzlich. "Was?" "Komm, ich zeig dir was..."
Wie in Trance folgte ich ihm. Wir kletterten leise aus dem Zelt und schlichen durch den Garten bis wir schließlich an einer Art versteckter Extragarten ankamen, wo ein Pool in den Boden eingelassen war. Wow! Wusste ich gar nicht, dass Sarah so was hatte. "Komm, wir gehn schwimmen", forderte mich Bill auf. "Bist du verrückt? Das können wir doch nicht machen..." "Sicher" Er zog sich sein T-Shirt aus, sodass er nur noch seine schwarze, enge Boxershorts anhatte und sprang ins Wasser. Er tauchte wieder auf und schwamm zu mir an den Rand. "Komm rein, ist gar nicht kalt" Das war verrückt. Aber gerade deswegen hatte ich im Moment auch ungemein Lust dazu. Ich zog mir schnell mein T-Shirt und die Satin-Boxershorts aus, die ich zum schlafen anhatte und stieg nun auch nur in Unterwäsche ins kalte Wasser. Sofort zog er mich an sich, hielt mich fest mit seinen Armen umklammert. Wie Donnerstag im Freibad drückte mich Bill unter das von den Wänden beleuchtete Wasser und küsste mich. Aber diesmal konnte ich es genießen. Da wir fast erstickten tauchten wir wieder auf. Bills Haare hingen ihm in glatten Strähnen im ganzen Gesicht, seine Schminke war verlaufen und er sah verdammt sexy aus. Er grinste mich an, seine spitzen, weißen Eckzähne blitzten auf. Dann drückte er mich sanft mit seinem Körper gegen die Poolwand und küsste mich wieder und wieder. Mein Herz schlug mir bis zum Hals als ich meine Arme um seinen schmalen Oberkörper schlang und ihn noch enger an mich ran zog.. Wir sahen uns ganz lange in die Augen, ohne ein Wort zu sagen. Die Sonne ging auf, es war bestimmt schon 5 Uhr und im Sommer geht die ja so früh auf. Ein leichter rosa Streifen zeichnete sich am Himmel ab und es wurde ein bisschen heller. Ich betrachtete ihn, eine leichte Gänsehaut überzog seinen Oberkörper bis zu der Stelle, wo er aus dem Wasser ragte. Ich küsste ihn auf die vom Wasser benetzten Lippen und hauchte ihm ein "Ich glaub ich bin im Himmel" ins Ohr.
Ich fragte mich schon, wann ich aufwachen würde, das war einfach zu schön um wahr zu sein. "Ist kein Traum", flüsterte Bill. Oh, ich musste mal wieder laut gedacht haben. Wieder fielen wir in einen so schönen Kuss, wie ich es niemals zu träumen gewagt hätte.
Wir stiegen wieder aus dem Wasser, huschten in unser Zelt und trockneten uns so leise wie möglich ab um Tom und Lisa nicht zu wecken. Mit frischen und trockenen Klamotten saßen wir noch ca eine Stunde im Zelt rum, bis Tom wach wurde. Er guckte uns ganz verschlafen und etwas irritiert an, weil wir schon so munter waren. Und niemand erfuhr von unserem früh morgendlichen Ausflug.

 

20.
Montagmorgen wurde ich unsanft von meinem Wecker aus dem tiefen Schlaf gerissen. Ich stand auf und plötzlich wurde mir so schwindelig, dass ich mich erst mal ein paar Minuten aufs Bett setzen musste. Ich torkelte ins Bad und stieg unter die Dusche. Irgendwie fühlte ich mich alles andere als gut. Meine Nase war total zu, mir war immer noch ein bisschen schwindelig und ich war total schwach. Gestern hatte ich mich schon so schwach gefühlt, es aber darauf geschoben, dass ich von Freitag auf Samstag gar nicht geschlafen habe.
Mir war total kalt, ich drehte im Bad erst mal die Heizung auf, obwohl es doch Sommer war und ich richtig heiß geduscht hatte. Als ich in den Spiegel schaute, bekam ich fast einen Herzinfarkt. Ich war blass, hatte dicke Ränder unter den Augen und sah richtig fertig aus, kurz gesagt mein Spiegelbild glich einer wandelnden Leiche. Trotzdem machte ich mich fertig für die Schule. War eben mein Pech, wenn ich die ganze Nacht durchmachte, das wird schon wieder.
"Wie siehst du denn aus?", war das erste, was meine Mum zu mir sagte, als ich die Treppe runterkam. Na herzlichen Dank auch, toll Mama, dass du noch extra darauf hinweist. Bill und Tom saßen schon am Tisch und starrten mich jetzt an. Ich setzte mich Bill gegenüber, der mich besorgt anschaute. "Was hast du denn gemacht, Kind?" Ich hasste es, wenn meine Mutter mich „Kind“ nannte. "Ich glaub, ich hab mich ein bisschen erkältet" "Ein bisschen? Du bist doch krank. Du bleibst heute zu Hause, keine Wiederrede" Es war nutzlos, sie war fest entschlossen. Eigentlich ging ich immer in die Schule, unter jeder Bedingung, ich wollte einfach nichts unnötig verpassen, außerdem freute ich mich meistens eigentlich darauf, meine Klassenkameraden zu sehen. Aber heute würde ich dann wohl zu Hause bleiben. Hmmm für Marco kommt das dann bestimmt so rüber als wollte ich ihm nicht begegnen oder so, nachdem ich Samstag mit ihm Schluss gemacht habe. Toll! Naja, konnte ich auch nichts dran ändern, ich wusste ja selbst, dass es nicht so war.
Trotzdem war ich ganz froh, als ich wieder zurück in mein Bett krabbeln konnte und sofort einschlief. Irgendwann im Laufe des Vormittags wachte ich wieder auf, fühlte mich aber nicht unbedingt besser. Okay, ich war wirklich erkältet und zwar heftig. Das kam bestimmt von Bills und meinem nächtlichen Ausflug zum Pool. Na toll, mein Immunsystem mal wieder... dabei war es doch Sommer. Das Wasser war zwar ein bisschen kalt gewesen, aber gefroren habe ich trotzdem nicht. Was vielleicht eher daran lag, dass Bill in mir immer diese wohlige Wärme auslöste. Oder ich hab gar nicht gemerkt, dass ich gefroren habe, weil ich mich zu sehr auf Bill konzentriert habe...
Ach ja, Bill war schon verrückt. Mitten in der Früh in einem fremden Pool nur in Unterwäsche baden zu gehen. Aber genau deshalb liebte ich ihn auch so, er war einfach spontan und lebte den Moment, ohne darauf zu achten, was danach passieren würde. Er steckte voller Energie, liebte das Leben und jede Sekunde mit ihm wollte ich festhalten und niemals mehr vergessen. Vor einer Woche erst haben wir uns zum ersten Mal geküsst. Aber in dieser kurzen Zeit hat sich so vieles verändert...Ich hatte jetzt schon nur beim Gedanken daran, ihn zu küssen, wieder Schmetterlinge im Bauch. So was habe ich echt noch nie erlebt. Es kam mir alles so unwirklich vor, wie in einem Traum, ich wartete förmlich schon auf den Moment, in dem ich aufwachen würde.
Mir wurde immer heißer. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon fast 12 Uhr war und die Sonne gnadenlos auf das Dach und somit mein Zimmer knallte. Ich liebte den Sommer, das einzige, was mich störte war, dass es unter dem Dach immer so furchtbar heiß wurde. Unten fiel die Tür ins Schloss, Mum musste wohl zurück sein. Einige Minuten später kam sie hoch um nach mir zu sehen. "Na, wie gehts dir?" "Nicht wirklich besser" "Hier ist es ja heiß wie im Pumakäfig, willst du dich nicht lieber unten hinlegen, in Bills oder Toms Zimmer?" Ich nickte, da ich es für einen sehr guten Vorschlag hielt. Sonst wär ich hier noch eingegangen und man hätte mich allenfalls noch vom Bett abschaben können, wenn ich nicht schon zu sehr damit verschmolzen wäre. Ich schleppte mich so gut es ging die Treppe runter. Mir gings echt extrem scheiße, ein Glück dass ich runter und nicht hoch musste, denn schon allein nach den paar Stufen fühlte ich mich wie nach einem Marathonlauf. Ich legte mich sofort in Bills Bett (natürlich einzig und allein aus dem Grund, weil es näher an der Treppe war und ich weniger laufen musste^^), ließ mich in die weichen Kissen sinken, die so wunderbar nach Bill rochen. Eine Mischung aus Haarspray, Shampoo und einfach Bill. Mhhhhh. Ich schloss die Augen und sah schon wieder sein Gesicht, Gott ich war ja schon ganz Bill-besessen.
Ich wurde aus meinem Dämmerschlaf gerissen, als sich eine Hand an meine Wange legte. Sofort riss ich die Augen auf und sah in die von Bill. "Hab ich dich geweckt?", fragte dieser. Ich nickte "Is aber nich' schlimm". "Wie gehts dir?" "Scheiße... Hab 39,5 °C Fieber" Er guckte mich mitleidig an. "Dann schlaf am besten, ruh dich aus und wenn du was brauchst, sag bescheid", er gab mir einen Kuss auf die Stirn. Ich kam mir zwar ein wenig wie ein kleines Kind behandelt vor, aber er meinte es ja nur lieb. Ich drehte mich um und versuchte zu schlafen. Es wollte mir aber nicht gelingen, er zog meinen Blick einfach auf sich, wie er da so am Schreibtisch saß und Hausaufgaben machte. (Oh heute ausnahmsweise mal brav, der Bill^^) Ich musste einfach hingucken, obwohl es so alltäglich war, faszinierte mich sein Anblick.
Fast eineinhalb Stunden habe ich ihn jetzt so heimlich beobachtet, kam mir schon fast ein bisschen blöd dabei vor, aber es ging nicht anders. Als er fertig war, setzte er sich zu mir aufs Bett und schaltete den Fernseher ein. "Willst du nicht zur Bandprobe gehn?", fragte ich, da er das eigentlich jeden Nachmittag machte. "Ne, ich bleib lieber bei dir" "Danke", krächzte ich und versuchte ihn anzulächeln, er lächelte zurück und sah dann wieder auf den Bildschirm, wo er einen halbwegs vernünftigen Sender suchte. Eine kleine Träne rollte mir die Wange runter, das war so lieb von ihm, am liebsten hätte ich Bill jetzt ganz fest durchgeknuddelt, aber ich war zu schwach.

 

21.
Mittwoch konnte ich endlich wieder in die Schule. Ja, endlich. Ich mein, zwei Tage frei ist ganz schön und gut, nur wenn man dabei krank ist, tatenlos quasi ans Bett gefesselt und nichts tun kann, nervt es ziemlich. Ich liebte es, mal einfach die Seele baumeln zu lassen, aber dazu gezwungen zu sein und mehr als einen Tag, das konnte ich nicht ab. Von daher fand ich es ganz gut, jetzt wieder unter Leute gehen zu können.
Doch zu früh gefreut, denn kaum kam ich in die Klasse, fiel mir als erstes Marco ins Auge, der mich mit einem undefinierbaren Blick musterte. Ich fühlte mich sehr unwohl dabei. Schnell setzte ich mich auf meinen Platz neben Lisa, denn dann hatte ich seine Blicke nur noch im Rücken. Glücklicherweise saßen Marco und ich in keinem Fach nebeneinander, das wäre ja noch schöner gewesen. Nicht, dass ich etwas gegen ihn hatte, das wäre auch gesponnen, immerhin waren wir fast ein Jahr zusammen gewesen, aber so kurz nach der Trennung war mir schon ein bisschen komisch in seiner Gegenwart. Ich kam mir auch in irgendeiner Weise schuldig vor. War ich ja auch. Ich hab Schluss gemacht, ich habe ihn verletzt... Aber es war das Richtige, mit allem anderen könnte ich noch weniger leben.
"Würde das Fräulein Lilly mir auch die Ehre erweisen und dem Unterricht folgen?!", meine Deutschlehrerin schaute mich tadelnd an. Mein Gott, es gibt eben noch andere Dinge im Leben als Schule, soll die sich mal nicht so ankacken. Natürlich beobachtete sie mich die restliche Stunde mit Adleraugen und ich wurde immer wieder einfach so drangenommen, war ja typisch. Man, wie ich Lehrer hasste. Jedenfalls die meisten... Immer auf einem rumhacken müssen, nur wenn man einmal unaufmerksam ist oder was vergessen hat? Und wie oft vergessen die bitteschön was? So oft, das kannste schon nicht mehr zählen  und da sagt keiner was. Oder wenn sie mitten in der Stunde angerufen werden und rausgehen um zu telefonieren. Und uns werden Handys verboten. Tja, die Welt ist eben ungerecht. Apropos Handy, vorhin in der Deutschstunde hat es vibriert, ich konnte gar nicht nachgucken, weil die Olle mich ja beobachtet hat. In der 5-minuten-Pause zog ich es schnell aus der Tasche. Ich hatte eine SMS bekommen, sie war von Bill.

 

*Na? Alles klar? Mir ist langweilig^^ Ich vermisse dich! Bill <3*

 

Wie auf Knopfdruck fing ich an zu grinsen. Das war vielleicht süß von ihm. Oh man... Ich vermisste ihn auch. Schnell schreib ich zurück, bevor die Pause zu ende war.

 

*Du bist süß! Ich vermiss dich auch & denk an dich Lilly*

 

Schnell stopfte ich mein Handy zurück in die Hosentasche, denn mein Mathelehrer war schon da. Die Stunde verging seltsamerweise wie im Flug, was vielleicht auch daran lag, dass ich in Gedanken keineswegs bei der Berechnung von Kugeln, Kegeln und anderen Körpern war, sondern eher bei der Berechnung von Bills Körper^^. Gedankenverloren malte ich kleine Herzchen in mein Matheheft, als es auch schon schellte.
"Wie läuft's denn bei dir und Tom so?", fragte ich Lisa schnell, da sie den Anschein machte drauf und dran zu sein mich nach der SMS von vorhin zu fragen. "Och ja... ganz gut. Du und Bill habt ein bisschen  gestört am Freitag"
Ich: "Das tut mir aber leid^^"
Lisa: "Sollte es auch!" Sie drehte gespielt beleidigt den Kopf von mir weg. "Ne Spaß..."
Ich: "Also habt ihr noch nicht...?!"
Lisa: "NEIN! Bist du bekloppt..."
Ich: "Achso... ich dachte nur... ich hätte Tom eher so eingeschätzt"
Lisa: "Nein... er ist total lieb und macht nichts, was ich nicht will" Na da hatte sie aber Schwein gehabt. Tom schien es – entgegen meiner anfänglichen Zweifel - wirklich ernst mit ihr zu meinen. Vielleicht sollte ich ihn auf dieses Thema auch mal ansprechen oder ich könnte mit Bill drüber reden, der weiß ja eh alles über Tom. Ach Bill... Ich kriegte schon beinahe wieder einen Anfall von Glücksgefühlen und fiel Lisa um den Hals. "Ich hab dich lieb", sagte ich. "Äh... ich dich auch. Ist alles in Ordnung?" Moah, dass sie das immer fragen musste. Sofort vermutete sie schon wieder was Schlimmes. "Jaja, alles okay...Ich freu mich nur, dass du glücklich bist" In meinen Gedanken war dabei Bill, aber das blieb mal wieder mein Geheimnis.

 

Am Nachmittag fuhr ich mit den Jungs zum Proberaum. Ich hatte eh nix zu tun, weil die Lehrer ausnahmsweise mal menschlich waren und uns kaum Hausaufgaben aufgegeben hatten, also von daher^^.
"Sag mal Tom, Lisa hat's dir echt angetan, oder seh ich das falsch?"
Er errötete leicht und wich meinem Blick aus, nickte aber. "Mein Gott, ist doch nich schlimm, das kannste auch ruhig sagen" Jungs konnten sich auch echt anstellen. "Tom sagt's nicht gern, aber er ist total in sie verschossen", flüsterte Bill mir ins Ohr, aber dennoch so laut, dass Tom es auf jeden Fall mitbekam. Mir lief ein Schauer über den Rücken als ich Bills Atem im Nacken spürte...
Sofort kassierte dieser einen Tritt von seinem Bruder und Tom guckte beleidigt zu Bill rüber. Typisch, die zwei mussten sich immer necken, wo sie nur konnten, aber im Grunde hatten sie sich doch lieb^^.
Bei den Proben konnte ich mich einfach zurücklehnen und Bills Stimme lauschen. Ich kam mir manchmal so vor, als ob ich alles nur aus der Ferne betrachten würde, gerade wenn ich ihn so ungehemmt anstarrte und meinen Blick einfach nicht von ihm losreißen konnte. Aber ich bewunderte ihn, Bill war so ein toller Mensch, er hatte eine magische Anziehungskraft auf mich und ich fühlte mich  wohl in dieser Anziehungskraft. Irgendetwas in mir sagte mir, dass Bill einfach der Richtige war.
Vor mich hinträumend hörte ich der Band zu, hörte Bill wunderschöner Stimme zu, die vom Stimmbruch leicht rauchig und rau - aber dennoch so schön - klang, sah ihn an, erwiderte seine Blicke. Ich war das einzige Publikum und anstatt an die Wand zu starren guckte er fast die ganze Zeit mich an. Ich versank in seinen mystisch geschminkten, wie Sterne funkelnden Augen. Bill, ich liebe dich....

 

22.
Die letzten 3 Wochen schwebte ich förmlich durch die Schule, auf meiner rosa Wolke, von der ich hinab auf mein Leben schaute. Ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals schon so glücklich gewesen zu sein. Auch mit Marco ging es langsam wieder einigermaßen bergauf. Naja, wir redeten nicht überschwänglich viel miteinander, eher das Nötigste, aber ohne Streit, ganz normal und ich war mir sicher und guter Hoffnung, dass er es bald überwinden würde. Lisa und Tom waren weiterhin glücklich, Bill trug mich auf Händen, machte mich zum wahrscheinlich glücklichsten Menschen des ganzen Universums und es waren nur noch 2 Tage bis wir endlich die lang ersehnten Sommerferien bekommen würden. Die Sonne meinte es mit uns allen extrem gut dieses Jahr und schenkte uns einen Tag schöner als den anderen. Kurz gesagt: Alles war geil. Es lief so gut, dass man schon fast erwartete, es würde bald ein harter Rückschlag eintreffen.
"Die Ruhe vor dem Sturm"
Es war Mittwochabend, ich saß an meinem Schreibtisch und schrieb Tagebuch - das hatte ich mir angewöhnt seit dem Bill und ich zusammen waren, um alles fest zu halten. Morgen würden wir genau 4 Wochen zusammen sein. Sonntag indirekt 5 Wochen, wenn man bedenkt, dass wir uns Sonntag vor 5 Wochen das erste Mal geküsst hatten... Und verliebt in ihn war ich seit 5 Wochen und... oder waren es doch 6 Wochen? Ach, ich wusste es nicht mehr genau...
Da ging die Tür leise auf. Ich drehte mich um und sah Bill reinkommen. Er drehte leise den Schlüssel im Schloss und lächelte mich an. Schon wieder hüpfte mein Herz vor Freude, doch ich seufzte. "Du solltest nicht hier sein..." Er legte den Kopf schief: "Das hast du gestern Abend auch gesagt... und vorgestern" Noch einmal atmete ich ein und aus. Es war alles so falsch, manchmal überkam mich die Vernunft, ob wir es nicht einfach lassen sollten... War es nicht irgendwie pervers? Aber letztendlich siegte doch immer mein Herz, denn es machte mich glücklich. Bill machte mich glücklich. "Soll ich wieder gehn?", fragte er. Ich stand auf, ging auf ihn zu und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. "Ich deute das mal als nein", flüsterte er, bevor wir zu einem weiteren Kuss verschmolzen.
Es war in den letzten Tagen meistens so gewesen, dass Bill später abends zu mir hochkam. In Bills Zimmer waren wir direkt neben Tom und im Zentrum des Hauses, hier oben ungestört. Und tagsüber waren immer Leute um uns herum. Das Einzige, was uns blieb, war die Nacht.
Immer noch küssend taumelten wir zu meinem Bett rüber und ließen uns darauf fallen. Ich lag seitlich halb auf ihm und sah ihm tief in die Augen. Einige Zeit sagte niemand etwas, bis ich meine Lippen sanft auf seine legte. Wieder waren da diese Schmetterlinge, die sich schon vor Wochen in meinem Bauch verirrt hatten und einfach nicht mehr gehen wollten. Der Kuss wurde intensiver, ich drückte Bill ins Kissen. Wieder einmal raubte es mir den letzten Nerv mit seinem Zungenpiercing zu spielen. Ich liebte es...
Meine Hand, die auf seiner Brust lag, machte sich selbstständig und wanderte langsam seinen Bauch entlang bis zum Saum des T-Shirts. Ich zögerte etwas, bevor ich mich doch überwinden konnte und meine Hand schüchtern unter Bills Shirt gleiten ließ. Seine Haut war samtig weich und angenehm warm. Meine Finger umspielten seinen Bauchnabel und gingen weiter auf Entdeckungsreise hoch zu seiner Brust. Auf seinem Herzen hielt ich inne. Es hämmerte heftig gegen den Brustkorb. Bummbumm, Bummbumm, Bummbumm, Bummbumm, Bummbumm...
Mit ebenso pochendem Herzen löste ich mich aus dem Kuss, setzte mich auf ihn und schob das T-Shit hoch, sodass ich freie Sicht auf Bills makellosen Oberkörper hatte. Sanfte Küsse hauchte ich auf seine nackte Haut, sie brannte unter mir wie Feuer. Aber ein schönes, angenehmes Feuer.
Jetzt wurde Bill selbst auch aktiv, er setzte sich auf und zog das Shirt auf. Unsere Gesichter waren sich wieder ganz nah. Er drückte mir einen feurigen Kuss auf den Mund, seine Hände umspielten dabei die Naht meines Tops am Rücken und fingen an, es höher zu schieben, bis er es mir schließlich auszog. Ganz langsam glitten sie dann von der Wirbelsäule von unten aufwärts, kamen an meinem BH-Verschluss zum Stehen. Erst wollte er ihn öffnen, aber dann entschied Bill wohl, dass er es erst mal bleiben ließ, vielleicht hatte er auch Angst, weiß ich ja nicht, oder er wusste nicht, ob er ihn aufbekommen würde ^^.
Ich ließ meinen Kopf in seine Halsbeuge sinken, er roch gut, ein bisschen nach Deo, Sonnencreme und ganz wenig frischem Schweiß. Lecker... das könnte ich stundenlang inhalieren. Ich verteilte leichte Küsse an seinem Hals, während Bill mit seinen Fingern meinen Rücken entlang strich. Wir genossen einfach nur die Stille und die Nähe unserer bebenden und leicht schwitzigen Körper.
Bill ließ sich zurück auf die Matratze fallen, zog mich mit sich. Ich rollte mich von ihm runter, und strich mit meinen Fingern wieder zärtlich über seinen Oberkörper, musterte ihn von oben bis unten. Dabei blieb mein Blick an seinem Unterleib hängen, wo sich eine Beule in Bills Jeans abzeichnete. Wie es wohl wäre mit ihm... So schnell wie der Gedanke gekommen war, schob ich ihn auch schon wieder bei Seite, dazu war jetzt nicht der richtige Augenblick, so weit waren wir noch nicht. Trotzdem muss ich sagen dass ich dem Gedanken nicht abgeneigt war...
"Hey", Bill legte seine Hand unter mein Kinn, sodass ich ihm ins Gesicht blickte. "Alles in Ordnung?" Oh nein, ich muss grade total lange auf sein Ding gestarrt haben, man wie peinlich! "Äh... ja klar. Ich hab nur nachgedacht", sagte ich etwas peinlich berührt. Um die Situation zu lösen gab ich ihm einen Kuss. "Weißt du was?" "Hmm?" "Ich...", mir fiel es deutlich schwer, das auszusprechen, aber ich wollte es "Ich... liebe dich!" Er begann zu strahlen: "Ich liebe dich auch!" Wir küssten uns, zart, liebevoll, göttlich. Irgendwie war gerade noch so ein letztes Bisschen Druck von mir abgefallen, wir haben uns in den vier Wochen noch kein einziges Mal gesagt, dass wir uns lieben. Wenn ich so was sage, muss ich es auch ehrlich so meinen und fühlen. Ich finde, man sollte das nicht einfach so daher sagen sondern wirklich nur, wenn es so ist. Und ich liebte Bill, das stand außer Frage, aber zu manchen Dingen brauchte ich einfach ein bisschen Zeit.
Mittlerweile war die Sonne untergegangen, die Sterne leuchteten durch das immer noch weit offene Fenster ins Zimmer. Ich kuschelte mich an seine Brust, als ich plötzlich von unten ein Poltern vernahm. In meinem Kopf läutete es Alarm: Tom kommt hoch! "Schnell, zieh dich an!", zischte ich Bill so leise wie möglich zu, dass Tom uns nicht hören konnte, auch ich zog mir in Windeseile mein Top über und grapschte nach der Fernbedienung um den Fernseher einzuschalten und somit ein Alibi für uns zu schaffen. Bill raste währenddessen ganz leise zur Tür und schloss ebenfalls so leise wie möglich auf. Schnell rannte er zurück und setzte sich zu mir aufs Bett. Keine Sekunde später machte Tom auch schon die Tür auf und sah uns seelenruhig auf dem Bett hocken und fern sehen. "Na? Was treibt ihr hier Schönes?" Arghhh, allein das Wort "treibt" machte mich schon wahnsinnig, konnte der nicht was anderes sagen? Er pflanzte sich zwischen mich und Bill. "Man, hättet mir ruhig bescheid sagen können, dann hätten wir zu dritt CSI gucken können", schmollte er, es lief gerade zufällig CSI. "Ja sorry, du hast mit Lisa telefoniert, da wollten wir lieber nicht störn", sagte ich, denn zu unserem Glück hatte er vorhin wirklich mit ihr telefoniert. Ich sah an mir runter und bemerkte, dass ich das Top falsch herum anhatte, es guckte ein Schild vorne aus dem Ausschnitt. Scheiße! Mir stieg das Blut in den kopf. Ich lehnte mich schnell zurück und langte nach irgendeinem Kissen, was ich in den Arm nahm um es zu verbergen. "Naja, hab jetzt eh nix vom Anfang mitbekommen, ich geh wieder runter", meinte Tom schließlich und verließ das Zimmer.
Bill und ich atmeten gleichzeitig sichtlich erleichtert aus und mussten kurz darauf lachen. "Man, das ist ja grade noch mal gut gegangen" "Ja... Gott, hat mich das jetzt erschreckt. Vor allem hab ich, schlau wie ich bin, mein Top falsch herum angezogen." Ich nahm das Kissen weg und zeigte Bill das Schildchen. "Naja, so auffällig ist's nicht. Also wenn Tom dir da so genau hingucken würde um das zu bemerken müsste ich mal ein ernstes Wörtchen mit ihm reden", grinste Bill. Stimmt, das Schild war schließlich von innen angenäht. Trotzdem hatte ich grade panische Angst, dass er es bemerken und wir auffliegen würden. "Ich geh dann jetzt auch mal runter...Gute Nacht", sagte Bill, gab mir einen letzten, sehr zärtlichen, Kuss und verschwand dann.

 

23.
Am Freitag war dann endlich der letzte Schultag, folglich nur 3 Stunden "Unterricht", wir machten eh nur Spiele (komisch, dass man das mit einer neunten Klasse immer noch machte, aber hatte ich nichts gegen) und es gab auch Zeugnisse. Meins war eigentlich ganz ansehnlich:
Mathe: 2
Deutsch: 2
Englisch: 1
Latein: 2
Sport: 2
Bio: 2
Chemie: 3
Physik: 3
Kunst: 1
Erdkunde: 1
Geschichte: 3
Französisch: 2

 

Und nein, ich bin kein Streber. Mir kamen die guten Noten schon in der Grundschule zugeflogen, ohne mich anstrengen zu müssen. Es klappte einfach und da war ich auch froh drüber, denn dann musste ich mich wenigstens nicht mehr als nötig mit der Schule beschäftigen. Ich konnte mir Schöneres vorstellen, als an den Wochenenden immer zu lernen und nachmittags Nachhilfeunterricht zu bekommen. Da hatte es der liebe Gott wohl echt gut mit mir gemeint. Auch Lisa, deren Zeugnis nur ein wenig schlechter war als meins, war sehr zufrieden und wir konnten unbekümmert in die Ferien starten.
Wir vier, sprich Bill, Tom, Lisa und ich, hatten uns in der Eisdiele verabredet um den Start in die Ferien artgerecht zu "feiern". Seit dem Lisa und Tom zusammen waren hatten wir uns öfters zu viert getroffen. So konnte Lisa die Beziehung zu Tom und mich "unter einen Hut bringen" und auch Tom vernachlässigte seinen heiß geliebten Zwillingsbruder nicht. Dass Bill und ich so auch Zeit miteinander verbringen konnten, war nur für uns ein sichtlicher Vorteil, Lisa und Tom wussten das natürlich nicht.
Wir saßen schön draußen vor dem Eiscafé unter einem Sonnenschirm, ich schlürfte genüsslich an meinem Eiscafé, während Lisa und Tom sich einen "Coppa d'Amore" teilten und Bill seinen Erdbeerbecher verspeiste. Ich erwischte mich, wie ich ihn beobachtete. Wie seine Lippen den Löffel umschlossen und er das Eis voller Genuss ablutschte, ein wenig davon blieb an seiner Oberlippe hängen. Er bemerkte es und leckte den Klecks von der weichen rosa Lippe. Grrrrrr. Würden wir nicht direkt an der Straße in einem Café sitzen, wo es nur so von Leuten wimmelte, könnte ich jetzt für nichts garantieren und wäre wohl gnadenlos über ihn hergefallen.
Lisa fuhr mit ihrem Löffel durch die Sahne und fütterte Tom damit liebevoll. Nein, waren die zwei vielleicht süß. In dem Moment spürte ich ein klein bisschen Neid Lisa und Tom gegenüber, wie sie so ungehemmt überall rumflirten und knutschen konnten. Dagegen mussten Bill und ich uns immer verstecken, hinter verschlossenen Türen und aufpassen, dass ja niemand auf falsche Gedanken kommt, die eigentlich gar nicht falsch sondern richtig wären ^^. Meine komplizierten Gedanken mal wieder...
Tom hat sich ein klein wenig verändert, er wirkt, finde ich, seit dem er mit Lisa zusammen ist irgendwie ausgeglichener, guckt kaum noch Mädels hinterher (und wenn doch, dann nur wenn er mit den Jungs auf der Rolle ist und natürlich nicht in Lisas Gegenwart, so wie es sich eben für einen Gentleman gehört) und ansprechen tut er sie schon mal gar nicht. Respekt, Lisa, du hast den Löwen gezähmt ^^. So langsam verlor ich die Zweifel daran, dass Tom es nicht ernst mit ihr meinte, er hat mich weitestgehend überzeugt. Und das war eine große Leistung. Mittlerweile vertraute ich ihm in der Hinsicht - und das musste man erst mal schaffen. Denn ich sorgte mich immer darum, dass es Lisa gut ging, sobald mir irgendwas komisch vorkam warnte ich sie, Lisa war mein Schatzi, mein ein und alles seit dem ersten Schultag in der ersten Klasse, und ich würde nicht tatenlos zusehen, wie jemand ihr wehtat.
"Morgen gehn wir zusammen ins Freibad, ja?!", fragte sie in die Runde. Bill und Tom wechselten Blicke. "Ne, sorry, aber wir können nicht, wir fahren morgen in Urlaub", meinte Tom. Bitte?! Mir klappte der Mund auf. Warum weiß ich davon nichts? Hallo? Fahren die ohne mich oder was? Kann mich mal bitte jemand aufklären?! "Schön, dass ich das auch mal erfahre...", meckerte Lisa, denn sie glaubte anscheinend, dass ich es auch wusste bzw. selbst mitfahren würde und ihr nichts erzählt hätte. "Ich wusste davon bis grade auch nix....", sagte ich deshalb schnell entschuldigend an sie. "Wir bis gestern auch nich... wir fahren mit Mum weg", erzählte Bill. Er hat mir mal erzählt, dass ihre Mutter schon vor der Scheidung ein Beförderungsangebot erhalten hatte, allerdings mit Versetzung in eine andere Stadt. Deshalb blieben Tom und Bill auch bei Jörg, ihrem Vater, dass sie nicht die Schule wechseln und umziehen und das alles mussten. Sie konnten ihre Mum nur selten sehen, worunter besonders Bill litt, da er ein sehr gutes Verhältnis zu ihr hatte. "Ja sie hat gestern Abend angerufen, wir fahren eineinhalb Wochen nach Formentera, tut mir leid, Süße", sagte Tom und gab Lisa einen Kuss. Die schaute sehr enttäuscht drein. "Aber danach treffen wir uns doch, oder?" "Sicher, wir ham dann ja noch viereinhalb Wochen Zeit"
Was war das denn? Die konnten doch nicht einfach gehen und mich alleine lassen? Hallo? Wie in aller Welt sollte ich das bitte aushalten? Eineinhalb Wochen Bill nicht sehen zu können?! Gut, klingt vielleicht dumm, eineinhalb Wochen sind ja nicht allzu lang, aber ich vermisste ihn schon wenn ich grade mal eine Stunde in der Schule war, nein, schon wenn ich morgens aus dem Haus ging. Ich war es einfach gewohnt, ihn jeden Tag so oft zu sehen, wir wohnten eben zusammen, diese ständige Nähe war normal für uns. Und dann so lange überhaupt nichts? Unvorstellbar....
"Dann machen wir beide uns eben 'ne schöne Woche, ja?!" Ich stimmt ein. Konnte auch nicht schaden, sich mal wieder mit Lisa allein zu treffen, Mädchengespräche führen, und nicht ständig von irgendwelchen Knutschereien unterbrochen zu werden.

 

Am Abend saß ich auf Bills Bett und guckte ihm zu, wie er seinen Koffer packte. Den Koffer packte um zu verreisen, weg von mir, mich hier allein ließ. Mir war jetzt schon flau im Magen bei dem Gedanken, dass er Morgen früh wenn ich aufwachen würde, schon weg ist. "Ach komm... eineinhalb Wochen sind doch nicht die Welt", versuchte er mich zu trösten, denn ich guckte wohl echt enttäuscht drein. "Ich will nich, dass du gehst." Bill setzte sich neben mich auf die Bettkante und legte seinen Arm um meine Schulter. "Weißt du wie lang ich meine Mutter schon nich mehr gesehn hab? Seit über einem halben Jahr..." "Ich weiß..." Ich seufzte. Ich gönnte es ihm ja auch, um Gottes Willen, es tat mir leid, dass das mit seiner Mutter so war. Aber es konnte mir trotzdem nicht helfen, denn ich würde ihn so vermissen. "Jetzt denk nich so viel... triff dich mit Lisa, habt mal wieder ein bisschen Spaß nur ihr zwei und schon bin ich wieder da..." Ich zwang mir ein Lächeln auf den Mund und lehnte mich an Bills Schulter. "Rufst du mich an?" Ich wusste, dass die Gattung Mann diese Frage hasste und fragte mich ernsthaft, ob ich für ihn jetzt grade nicht irgendwie eine Art Klette war. Aber was soll ich machen? Ich liebte ihn und war dankbar für jeden Moment, den wir zusammen erleben durften, warum sollte ich ihm das nicht zeigen? "Jeden Tag", lachte er. "Musst du nich...", sagte ich kleinlaut. "Will ich aber. Oder denkst du ich werd dich nicht vermissen?" Ich zuckte nur verlegen mit den Schultern. "Ach Lilly, du bist so süß. Wenn's darum ginge würd ich am liebsten gar nicht fahren. Ich liebe dich doch!" Beim letzten Satz machte mein Herz einen gewaltigen Hüpfer. Klette... ich machte mir einfach viel zu viele Gedanken über alles.
Bill drückte mich aufs Bett und verwickelte mich in einen leidenschaftlichen Kuss. Ich strich mit meinen Fingern zärtlich durch seine langen schwarzen Strähnen. Ich liebte Bills Haare, okay, sie waren etwas außergewöhnlich aber trotzdem oder genau deswegen fand ich sie so toll. Er war sehr selbstbewusst und tat einfach das, worauf er gerade Bock hatte. Das gefiel mir, er war so unbeschwert und es schien als wäre aus seiner Sicht das Leben völlig unbekümmert und leicht. Natürlich war mir klar, dass es nicht so war, dass es auch im Leben eines Bill Kaulitz Höhen und Tiefen gab, aber seine Aura vermittelte es so locker und einfach. An seiner Seite fühlte ich mich immer wohl.
Bevor ich ins Bett ging, wollte ich mich noch von den Zwillingen verabschieden. Sie mussten glaub ich um halb 6 aufstehen oder so, keine Ahnung, auf jeden Fall noch mitten in der Nacht^^. Ich fand sie beide in Toms Zimmer beim Playstation zocken. Mir wäre es eigentlich lieber gewesen, mich von Bill allein zu verabschieden, aber man kann ja nicht alles haben. Ich umarmte Tom ganz fest. "Viel Spaß euch beiden. Und guck bloß keinem zu kurzen Rock hinterher, ich kriege alles raus", witzelte ich. "Denkst du im Ernst ich würde so was machen?", spielte er den Empörten. "Ciao Bill", sagte ich und drückte ihn an mich. Mein Herz raste von einer Sekunde auf die andere erdenklich schnell und die Tatsache, dass Tom daneben stand machte mir die ganze Situation etwas unangenehm. Wohl bedacht, Bill nicht wesentlich länger zu zerquetschen als Tom, ließ ich wieder von ihm ab und verschwand schnell durch die Tür. Denn es hatten sich schon leichte Tränen angebahnt und die mussten sie ja nicht unbedingt sehn. Oben in meinem Zimmer bekam ich erst mal einen kleinen Heulanfall, als mir allerdings auffiel, wie lächerlich das war, wegen 10 Tagen so einen Zirkus zu machen, wischte ich die Tränen schnell wieder weg.

 

24.
Ich wachte auf und mein erster Gedanke war: Bill ist weg! Gleich wenn ich aufstehen und runter gehen würde, wird er nicht am Frühstückstisch sitzen, er wird nicht verschlafen in der Gegend rumblinzeln, mich verschmitzt anlächeln um kurz darauf wieder seiner morgendlichen Muffell-Schweige-Laune zu verfallen. Kein Tom würde neben ihm sitzen und müde mit dem Löffel in der Müslischale rühren, das Glas Cola danebenstehend. Ich würde auch keine Zwillinge aus den Betten schmeißen müssen, weil ihr Vater der Ansicht war, dass sie sonst ihr ganzes Leben verschlafen würden. Bill und Tom waren ja so gleich, eineiige Zwillinge eben, wie sie morgens immer in der gleichen Position mit dem selben verschlafenen Gesichtsausdruck am Tisch saßen, und doch so unterschiedlich, allein schon vom Aussehen, Toms Stimme war ein wenig tiefer aber der größte Unterschied war, dass Bill mein Herz gehörte und Tom Lisas. Es kam mir fast so vor, als seien die beiden tot, dabei waren sie lediglich für 10 Tage verreist...
Ich vermisste sie jetzt schon - und zwar beide. Man man man, da wird man ja verrückt. Ich beschloss, jetzt nicht mehr unnötig viele Gedanken an meine liebenswerten Halbbrüder zu verlieren, sondern einfach abzuschalten und die ruhige Zeit zu genießen, die Ferien zu genießen.
Nach einem ausgiebigen Frühstück auf der Terrasse - mal mit Mum und Jörg alleine - rief ich sofort Lisa an um mich mit ihr zu verabreden. Wir beschlossen, wie sie gestern schon vorgeschlagen hatte, ins Freibad zu gehen. Ich packte also schnell mein Zeugs zusammen und radelte los. Hoffentlich ist es noch nicht allzu voll. Samstag, erster Ferientag, die Sonne brennt, da kommen sicherlich nicht nur wir auf die Idee ins Freibad zu gehen. Aber wir hatten Glück, unser Lieblingsplätzchen auf einem Sonnenhügel war noch frei.
Als wir nach knappen zwei Stunden eine Pause einlegten und zurück zu den Handtüchern kamen mussten wir feststellen, dass sich ein paar Jungs direkt neben uns niedergelassen hatten, die uns natürlich erst mal musterten. Egal einfach ignorieren. Wir legten uns auf unsere Handtücher, streckten uns der Sonne entgegen und ließen uns erst mal trocknen. Ich liebte das warme Sommerwetter, wenn die Sonnenstrahlen so auf der Haut prickelten und ab und zu eine angenehm leichte Brise vorbeirauschte. Das war doch viel schöner als nasser, grauer Regen, der unaufhörlich gegen Fensterscheiben prescht, wenn man nicht mal fünf Minuten draußen sein kann ohne dass man nass bis auf die Unterwäsche ist, die Frisur zerstört und man schlimmsten Falls noch eine fette Erkältung bekommt. Nene, da war mir das hier wirklich lieber. "Lilly, der eine Typ guckt die ganze Zeit zu dir rüber", sagte Lisa in gedämpfter Stimme. "Na und? Soll er doch...", reagierte ich lustlos, ich war grade so schön entspannt gewesen. "Der findet dich bestimmt toll..." "Schön" "Och Lilly... jetzt sein mal nicht so. Kannst ihn dir ja wenigstens mal angucken, also schlecht sieht er nicht aus...aber ich bin vergeben" Ich auch, liebe Lisa, ich auch.
Ihr zu liebe drehte ich mich also um und begutachtete den Kerl. Naja, sah ganz nett aus. Eine schwarze, knielange Badeshorts, war schon recht braun gebrannt, dunkelbraune Haare, nicht kurz aber auch nicht wirklich lang, aber wuschelig, azurblaue Augen und - das musste ich zugeben - einen ziemlich trainierten Körper. Nicht Muskelbepackt, aber schon ganz gut. Ich drehte mich wieder zu Lisa: "Kein Interesse" Sie guckte mich ungläubig an. "Das kannste mir nich erzählen...Ich weiß, dass du auf ihn stehst" Auf ihn stehen war zu viel gesagt. Er sah ganz gut aus, ja, aber er interessierte mich wirklich nicht, ich war mit Bill zusammen und fertig. Ich würde noch nicht mal daran denken mit diesem Typen ein Date auszumachen. Ups, im Prinzip habe ich gerade daran gedacht, das zu tun, aber eigentlich ja auch nicht, weil ich nur dachte, dass ich es auf jeden Fall NICHT tun würde. Oh man...ich war echt wirsch heute. "Tu ich aber nicht und damit basta!" Ich steckte mir die Ohrstöpsel in die Ohren und machte meine Musik ganz laut - eine Aufnahme von "Durch den Monsun". Doch ich hatte nicht lange meine Ruhe, denn nach ein paar Sekunden rupfte Lisa mir die Stöpsel wieder aus den Ohren. "Sag mal bist jetzt lesbisch geworden oder was? Ich versteh dich nicht, der Typ ist hammergeil und steht anscheinend auf dich. Was willst du denn noch? Und Marco liebst du doch nicht mehr, sonst hättest du dich nicht von ihm getrennt?!", sie sah mich durchdringend an. Auf einmal plagten mich die Zweifel. Sollte ich ihr nicht doch von Bill und mir erzählen? Wir waren immer ehrlich zueinander gewesen. "Ich...", fing ich an, doch ich konnte es einfach nicht. "Ich will jetzt erst mal keine Beziehung mehr und auch keine flüchtigen Abenteuer, ich will erst mal für mich sein", log ich und es versetzte mir einen gewaltigen Stich, ihr so krass ins Gesicht zu lügen. "Wenn das so ist... tut mir leid, ich hab’s doch nur gut gemeint", sagte sie und umarmte mich. Jetzt fühlte ich mich erst richtig schlecht. Ich bin hier die, die rumlügt und es ihr seit einem Monat verschweigt und dann fängt sie auch noch an, sich zu entschuldigen. Doch ich schob das einfach bei Seite und wollte lieber mit Lisa Spaß haben.
Am Nachmittag ging ich mir dann ein Eis holen. Ich stellte mich am Tresen an und bestellte ein Cornetto Citrone-Buttermilk, mein Lieblingseis. Ich suchte das Geld aus meinem Portemonnaie, als plötzlich eine Stimme hinter mir meinte: "Lass mal, ich zahl das" und die 1.80€ auf den Tresen legte. Erschrocken drehte ich mich um und sah genau diesen Typen grinsend vor mir stehen, der mich vorhin die ganze Zeit beobachtet hat. "Äh... danke?!", sagte ich perplex. Er lächelte, seine strahlend weißen, vom Kieferorthopäden perfekt zurechtgerückten Zähne blitzten mir entgegen. "Und womit hab ich das verdient wenn man fragen darf?" "Tja, schöne Frauen muss man verwöhnen" Na das war ja mal ein ganz toller Spruch. Aber Charme hatte er, musste frau zugeben. "Aha", erwiderte ich etwas abgeneigt. Wenn er meinte mir einen ausgeben zu müssen, bitte, ich hatte mich dafür bedankt und fertig, er sah zwar ganz gut aus, aber ich war in festen Händen und wollte Bill auch auf keinen Fall loswerden. "Ach komm, setz dich doch wenigstens ein paar Minuten mit mir hier hin", meinte er und bot mir lächelnd einen der Stühle an. Ich seufzte und setzte mich dann doch. Gut, ein paar Minuten, mehr nicht, sagte ich mir. Dieser "Typ" stellte sich mir als Andreas vor, dabei musste ich sofort an Andi denken, Bills und Toms bester Freund, der allerdings wasserstoffblond war.
Leider musste ich doch zugeben, dass Andreas auch genauso nett war wie er aussah. Als ich mein Eis fertig gegessen hatte beschloss ich dann aber, es nicht unnötig in die Länge zu ziehen und jetzt schnellstmöglich abzuhauen. "Ja, war schön dich kennen gelernt zu haben und danke noch mal für das Eis... ich muss dann auch wieder", sagte ich und lief schon fast fluchtartig davon. "Hey, willst du mir nicht wenigstens deine Handynummer geben?", rief er mir hinterher, doch ich reagierte einfach nicht. Irgendwie war mir das eben dann doch ein bisschen zu viel geworden, ich fühlte mich fast, als hätte ich Bill betrogen. Dabei haben wir doch nur geredet. Ich fühlte mich trotzdem schlecht... vielleicht auch, weil ich selbst extrem eifersüchtig war und Bill war es auch, das wusste ich. Naja, er würde es eh nie erfahren, zumal auch noch nicht mal was passiert ist.
"Lisa können wir gehn, ich habe keine Lust mehr, bin voll erschöpft?!" "Okay... ich geh nur noch mal eben aufs Klo" Und weg war sie. Ich packte schon mal unsere Sachen zusammen und zog meine Klamotten über, mein Bikini war eh schon trocken.
Eine halbe Stunde später war ich dann auch zu Hause wo ich mich erst mal aufs Bett schmiss und nachdachte. Entgegen meines Willens beschäftigte mich die Begegnung mit Andreas immer noch. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen Bill gegenüber. Erst heul ich rum, weil er 10 Tage weg ist und sofort am nächsten Tag flirte ich mit anderen Typen rum. Aber hab ich wirklich mit ihm geflirtet? Ich überlegte... was genau ist die Definition zu flirten? Reden? Nein, eigentlich nicht... Ich hab mit ihm geredet, habe mir mein Eis bezahlen lassen und mich höflich bedankt. Aber ich habe weder zweideutige Dinge zu ihm gesagt, noch hatte ich irgendwelche Hintergedanken und wiedersehen wollte ich ihn auch nicht. Außerdem habe ich ihm nicht mal meine Handynummer gegeben und seine habe ich auch nicht. Was war so schlimm? Der Gedanke in meinem Inneren, dass ich ihn ohne Wiederrede attraktiv fand? Dass er hätte eine Bedrohung für mich und Bill werden können? Wohl eher... aber es war nichts passiert, ich werde ihn niemals wiedersehen und von daher würde auch nichts weiter passieren. Und wenn ich diese dämlichen Zweifel nicht aus meinem Kopf verbanne bin ich es hinterher selbst, die die Beziehung zerstört. Und das war echt das Letzte, was ich wollte. Ach Bill...ich hoffe du kommst bald wieder.

 

25.
Die nächsten Tage verbrachte ich damit, alles und nichts zu tun. Montag war ich mit Kati und Hanna im Phantasialand, Dienstag hatte ich mir einen Chill- und Gammeltag gemacht, den ganzen Tag auf der Terasse gesessen, Eiscafé getrunken, Musik gehört und Bücher gelesen. Mama meinte schon, ob ich ohne die Jungs nichts mehr mit mir anzufangen wüsste und ob sie was mit mir unternehmen sollte. Okay, wir verstanden uns sehr gut aber aus Langweile mit meiner Mum irgendwas zu unternehmen, das war mir dann doch zu viel. Also rief ich am Mittwoch bei Lisa an. Seit wir Samstag im Freibad gewesen waren hatten wir uns nicht getroffen, weder telefoniert noch gechattet noch sonst was, dabei wollten wir es doch genießen, dass wir mal wieder unter uns waren. "Lass uns irgendwas machen, mir is langweilig" "Okay, dann schlag was vor" "Keine Ahnung" Was konnte man hier denn bitteschön machen? "Pass auf, ich komm einfach mal bei dir vorbei und dann sehn wir weiter okay?" "Okay" Eine Stunde später war sie dann auch da. Wir setzten uns in den Garten und redeten so über dies und jenes. Irgendwann kamen wir auf das Thema Bill und Tom zu sprechen, ich bemühte mich, dass mir nichts Falsches rausrutschte, was darauf hindeuten könnte, was zwischen Bill und mir lief. "Habt ihr hier nicht irgendwelche Fotoalben von Tom und Bill? Ich würd’ die beiden zu gern mal als Babys sehn", meinte Lisa. "Hmm ja bestimmt...komm wir geh einfach suchen", beschloss ich, Jörg und Mum waren nicht zu Hause, die mussten schließlich arbeiten =P.
Im Keller fanden wir nichts und auch im Wohnzimmer Fehlanzeige. Blieben nur noch Bills und Toms Zimmer, falls die beiden überhaupt so etwas wie ein Fotoalbum besitzen sollten ^^.
Als erstes gingen wir in Toms Zimmer. Hmm... wo könnte er so was verstecken? Lisa ging zielstrebig auf ein Regal zu und öffnete eine Klappe. "Na also..." Wow. Woher wusste sie das denn? Naja, sie war mit ihm zusammen, was sollte man anderes erwarten? Wir setzten uns auf Toms Bett und fingen an in dem Album zu blättern. Tom und Bill als Babys, Bill und Tom als Babys, Tom und Bill im Kindergarten, Bill und Tom beim Plätzchen backen, sie sahen haargenau gleich aus. Bill und Tom im Planschbecken im Garten, daneben der stolze Vater – Jörg. Dann kamen Fotos von der Einschulung, beide mit einer großen Schultüte in der Hand, kurze dunkelblonde Haare, schreckliche Socken in den Sandalen hatten sie an, ich musste mir das Lachen verkneifen, aber sie waren unglaublich niedlich. Dann kam ein Foto von Bill und Tom auf Pferden, jetzt sahen sie schon unterschiedlich aus, Bill hatte etwas längere schwarze Wuschelhaare und Toms waren auch kinnlang, aber ohne Dreads, hinter ihnen eine Rothaarige, sehr sympathisch wirkende junge Frau. "Ob das ihre Mutter ist?", sprach ich meine Gedanken aus. "Hmm... keine Ahnung. Tom erzählt nicht viel über sie..." "Ich weiß es auch nich...Also mit mir sprechen sie auch nicht wirklich viel darüber... Ach egal, irgendwann werden wir's rausfinden^^" Wir blätterten ein wenig weiter, Fotos von Tom und Bill mit Gustav und Georg vor einer Musikschule oder so was. Aha, da waren sie also schon eine Band...süß, Georg und Gustav sahen da auch noch total lustig aus. Gustav hatte eine Brille... wusste ich gar nicht. Nun gut, ich wusste jetzt auch nicht wirklich viel über die beiden. "Lass uns noch bei Bill eins suchen, vielleicht sind da noch andere Bilder drin", meinte ich und ging in Bills Zimmer rüber. Wieder die Frage: Wo verstaut man so etwas als ein Bill Kaulitz? Ich kam mir schon ein bisschen böse dabei vor, in seinem Zimmer nach etwas zu suchen, aber egal, er musste es schließlich nicht erfahren^^. Ich guckte seine Schreibtischschubladen durch. In der zweiten fiel mir sofort ein Foto von mir ins Auge. Ähm... woher hatte er das denn? Es kam mir sehr bekannt vor, es war nämlich von meiner Konfirmation... Ach egal, ich fand’s total süß, dass er ein Foto von mir bei sich versteckte. Eigentlich gar keine so schlechte Idee...
Als ich gerade so vor mich hinträumte kam Lisa zu mir. Sie hatte das Fotoalbum von Tom unterm Arm und war anscheinend noch nicht ganz fertig. "Ah, da haben wir's ja", sagte ich grinsend, als ich in der dritten Schublade ein Fotoalbum fand, genau dasselbe wie Tom, nur nicht in blau, sondern in grün. Am Anfang waren eigentlich genau dieselben Fotos drin wie bei Tom, klar, die Zwillinge immer im Doppelpack. Dann stieß ich auf ein Foto, auf dem Bill und Tom auf einer Bank saßen, zwischen ihnen zwei Mädchen, die total gleich aussahen, beide hatten lange blonde Haare, wie Engelslocken, ein zuckersüßes Grinsen. Bill hatte seinen Arm um das eine, Tom um das andere Mädchen gelegt und alle vier strahlten sie in die Kamera. "Ihr und die Mädchen..." stand in einer schön geschwungenen Schrift daneben. Hat bestimmt ihre Mum geschrieben. Ich nahm mal an, dass die beiden Mädchen auch Zwillinge waren und die ersten "Freundinnen" von den Kaulitz-Twins. Dasselbe Foto war bei Tom auch im Album eingeklebt. Danach kamen eher verschiedene Fotos. Klassenfotos von jedem einzeln, sie hatten mir mal erzählt, dass die Lehrer einfach nicht gegen die beiden ankamen, wenn sie immer Scheiße bauten und dass sie deshalb in getrennte Klassen gesteckt wurden. Dann springt mir ein weiteres Foto förmlich in die Augen: Bill, wie er ein Mädchen zärtlich auf den Mund küsst. Ich wusste natürlich, dass das längst vorbei ist, aber es tut mir unheimlich weh, das zu sehen. Ein anderes Mädchen an seiner Seite, wie er die Liebe, die er sonst mir schenkt, jemand anderem gibt. Ich musste erst mal den Kloß in meinem Hals runterschlucken bevor ich schnell weiterblätterte.
"Weiß du was?", fragt Lisa mich, als wir abends in meinem Bett liegen. "Was?" "Wir fahren zu meiner Tante auf den Bauernhof" "Auf den Bauernhof?", frage ich stutzig. Doch sie war von der Begeisterung über ihre eigene Idee nicht abzubringen. "Ja. Hört sich vielleicht langweilig an, aber das wird bestimmt toll. Sie meinte mal, ich kann immer vorbeikommen und Freunde mitbringen wenn ich will. Wir brauchen auch nicht lange fahren... zwei Nächte oder so, ja? Biiiiiiitteeeee" "Ja meinetwegen" Beschlossene Sache.
26.
Sonntagnachmittag kam ich total geschafft wieder nach Hause. "Und wie war's, Schatz?" "Super, Mum. Aber ich bin jetzt total fertig..." Wir hatten die letzte Nacht fast komplett durchgemacht und nur geredet. Wir hatten so viel geredet in den letzten zwei Tagen und dennoch habe ich es wieder nicht geschafft ihr das mit Bill zu erzählen. Ach ich weiß auch nicht... ich hatte da irgendwie so eine innere Blockade es ging einfach nicht. Obwohl ich es doch wollte. Aber die letzten beiden Tage waren schon cool gewesen. Ich muss zwar sagen, von Bauerhnhöfen bin ich nicht wirklich sehr begeistert, aber dieser Bauernhof hat keine Ställe mit stinkenden Tieren, man muss nicht morgens um halb 6 aufstehen und Kühe melken^^. Es ging Lisas Tante wohl eher um das Grundstück und das Haus und nicht darum, Tiere zu halten. Was hatten wir eigentlich genau gemacht? Ich wusste es gar nicht, wir sind auf den langen, verlassenen Landstraßen spazieren gegangen, haben uns im Garten gesonnt und irgendwie nur gefaulenzt. Und trotzdem war ich sehr geschafft.
Ich packte meine Tasche aus und schmiss mich anschließend aufs Bett. Ich war gerade dabei wegzudämmern, als das Telefon klingelte. Erst wollte ich es klingeln lassen, aber da es einfach nicht aufhörte rappelte ich mich doch hoch und ging dran.
"Ja?", sagte ich demotiviert und müde.
"Lilly? Alles klar bei dir? Wo warst du? Ich hab mir totale Sorgen um dich gemacht, du bist nie ans Telefon gegangen", entgegnete mir Bill mit aufgewühlter Stimme.
"Oh scheiße... tut mir leid, ich hab vergessen dir bescheid zu sagen. Lisa und ich haben das Donnerstagabend beschlossen, als sie hier geschlafen hat und direkt Freitag bis jetzt waren wir dann bei ihrer Tante. Und mein Handy hatte ich vergessen mitzunehmen..."
"Na dann is ja gut. Ich dachte schon es wär irgendwas passiert. War's denn wenigstens schön?"
"Ja, war es...Und bei dir?"
"Ja sicher, ich würd gern noch länger bleiben... aber nur wenn du kommen würdest"
Ich musste lächeln. Er war so süß. Ich hatte schon gedacht, dass er vielleicht sauer ist, weil ich vergessen habe ihm bescheid zu sagen dass ich weg fahre, aber das einzige war, dass er sich Sorgen gemacht hat. Womit habe ich nur so einen tollen Freund verdient?! Da schaltete sich schon wieder mein schlechtes Gewissen wegen Andreas ein. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Ich verbannte ihn schnell wieder aus meinem Kopf. "Ich vermisse dich auch, Bill"
Ich hörte ihn am anderen Ende der Leitung seufzen. "In drei Tagen komm ich wieder...Es wird langsam teuer. Ich liebe dich"
"Ich liebe dich auch. Ciao!"
Na toll, jetzt war ich auch nicht mehr wirklich müde. Was konnte man denn machen? Hmm, Bill und Tom waren nicht da, mit Lisa habe ich die letzten drei Tage verbracht und auf andere Leute hatte ich im Moment nicht so wirklich Lust, wobei ich noch nicht mal wusste, wer überhaupt zu Hause war. Kurz gesagt: Mir war todlangweilig. Was habe ich denn sonst immer gemacht wenn mir langweilig war? Bevor ich Tom und Bill kennen gelernt habe, habe ich doch nicht jeden Tag nur rumgesessen und Däumchen gedreht...Hmm ich habe mich mit Marco getroffen, oder Hausaufgaben gemacht wenn Schule war. Och man, Ferien können ganz schön langweilig sein. Ich setzte mich einfach mal an denn Computer und schaltete ihn ein. Surfte ein bisschen durchs Internet und spielte unsinnige Computerspiele. War schon traurig, dass ich so von den anderen abhängig war.... Am Abend ging ich einfach übertrieben früh ins Bett und schlief auch sofort ein, der Schlafentzug der letzten Nächte machte sich doch noch bemerkbar.

 

Am nächsten Morgen - oder eher Mittag - schlief ich noch sehr lang. Ich hatte keine Lust aufzustehen und einen weiteren langweiligen Tag hinter mich zu bringen und darüber nachzugrübeln, wie ich die Zeit totschlagen konnte. Als ich mich dann um drei Uhr doch aus dem Bett quälte rief ich erst mal Bill an. "Was machst du grade?"
"Ich liege am Strand, meine Mutter pennt und Tom baggert die Mädels an"
"WAS? Is der bekloppt?"
"Nene Spaß, er holt uns grade Eis"
"Oh lecker, iss für mich eins mit. Wenn ihr wieder da seid gehn wir auch mal Eisessen, ja? Nur wir zwei..."
"Hmmm hört sich gut an", schmunzelte er ins Telefon. "Tom kommt zurück, ich muss auflegen tschüss" Somit war das Gespräch beendet.
Ich legte mich wieder ins Bett und schloss die Augen. Mir brannte sich das Bild eines nur mit Badehose bekleideten Bills in den Kopf, der am Strand liegt, die Sonnenbrille auf der Nase und einfach nur verdammt geil dabei aussieht. Wie die Wassertropfen noch von seiner Haut perlen und anschließend in der Hitze verdunsten, während er sein Eis isst mit seinen verführerischen Lippen. Ich wollte sie küssen, jetzt sofort. Ich wollte seinen Körper spüren, die Wärme, die von ihm ausgeht, seinen männlichen Duft riechen und... Argh, meine Phantasie machte mich schon richtig wild. Armer Bill, der musste sich vor mir in Acht nehmen wenn er wiederkommt, nicht dass ich plötzlich über den armen Kerl herfalle^^.
Schon wieder klingelte das Telefon. "Lilly, was machst du heute?", fragte Lisa. "Ich? Ich sitze rum, schlage die Zeit tot und warte, bis meine Brüder wiederkommen und du?" "Ah, komisch, ich mach dasselbe. Sollen wir uns nich treffen? Mir ist so langweilig" Und obwohl wir die letzten Tage schon so viel aufeinander gehockt waren, verabredeten wir uns schon wieder. Ist ja auch egal, immerhin besser als alleine rumzusitzen. Ich fuhr erst mal zu ihr, wo wir dann auch wieder nur rumsaßen. "Ist schon erschreckend, wie wir uns ohne die Jungs amüsieren können", sagte Lisa in ironischem Tonfall. "Ja... das hab ich mir auch schon gedacht. Wir sind echt arm... guck uns doch mal an. Wir sitzen hier rum und wissen rein gar nichts mehr mit uns anzufangen, nur weil unsere tollen Jungs nicht da sind, die uns unterhalten" "So kann das nicht weiter gehn.... wer sind wir denn?! Komm, wir machen jetzt was" "Und was wenn man fragen darf?!" "Wir machen jetzt.... einen Beautynachmittag" Okay... Fest entschlossen zerrte Lisa mich ins Bad. Ich setzte mich auf den Badewannenrand und sah ihr zu, wie sie Gesichtsmasken und Haarkuren und alles Mögliche zusammensuchte. Wusste ich gar nicht, dass die so was alles hatten. 
Obwohl ich das nicht gedacht hätte war es total lustig, mit so einer grünen Paste ins Gesicht geschmiert sahen wir auch echt zu geil aus. Wir entschlossen dann noch kurzer Hand, dass ich bei Lisa übernachte, weil ich keine Lust mehr hatte nach Hause zu fahren. Zum Glück hatte ich bei ihr eine Zahnbürste und ein par Klamotten für "Notfälle" wie diesen deponiert.
"Weißt du was? Lass uns doch mit den Jungs zusammen noch mal zu Irene fahren", schlug sie vor, als wir abends im Bett lagen. "Meinst du die stehen auf Bauernhöfe?" "Nö, aber auf uns", kicherte sie. Mir schoss das Blut in den Kopf. Wie meinte sie das jetzt? Hat sie irgendwie von mir und Bill Wind bekommen? Waren wir vielleicht zu auffällig? Oder hatte sie das nur so gesagt? "Tom steht wohl eher auf dich..."  "Jaja mein ich doch....Komm, das wird bestimmt cool. Wir zwingen sie einfach, ich musste dich ja auch erst zwingen und es hat dir gefallen" "Ja... du hast Recht. Wir können ja mal fragen" Wir schwiegen eine Weile. Schon wieder grübelte ich: Sollte ich es ihr nicht endlich erzählen? Irgendwie wollte ich es ja, aber es ging nicht, ich wusste auch nicht mal, wie ich das sagen sollte. "Du Lisa hör mal, ich bin übrigens mit Bill zusammen. Ich weiß, wir sind Geschwister aber ist doch egal" oder was? Ja sicher...Ich hatte irgendwie einfach Angst vor ihrer Reaktion, dass sie mich nicht verstehen würde und nichts mehr mit mir zu tun haben will.

 

27.
Endlich! Es war Dienstag. Heute würden Bill und Tom wiederkommen. Ich wachte schon früh auf und konnte auch nicht mehr einschlafen. Ich blieb noch ein bisschen liegen bevor ich runterging um zu frühstücken. Meine Mutter und Jürgen waren wir immer Wochentags arbeiten. Die armen... wir hatten schön Ferien und sie mussten zur Arbeit^^. Den ganzen Vormittag gammelte ich in der Gegend rum, guckte Fernsehen oder surfte im Internet. Dann ging ich duschen, suchte mir was extra Schönes zum Anziehen raus. Ein Jeans-Mini und ein schwarz-weiß geringeltes Top, meine lieblings Sommerklamotten. "Nach dem Mittagessen fahr ich los Tom und Bill abholen, willst du mit, Lilly?" "Äh... klar, warum nicht?!" "Gut, wir brauchen aber ein bisschen bis Frankfurt" "Kein Problem" Nach dem Mittagessen ging ich noch mal schnell ins Bad, schminkte mich, aber nur mit Kajal und ein bisschen Wimperntusche und kämmte meine Haare. Als ich endlich einigermaßen akzeptabel genug für Bill aussah konnten wir auch schon los. Ich hatte schon ein wenig zittrige Knie, als wir ins Auto stiegen, ich freute mich so darauf, Bill endlich wieder zu sehn.
"Ich finds schön, dass du mich endlich akzeptiert hast...", brach Jörg das lange Schweigen. Was sollte das jetzt werden? "Aber mein Vater bist du trotzdem nicht..." "Das ist vollkommen okay, ich versteh das auch. Aber wenigstens können wir miteinander auskommen" Er lächelte mir zu. "Und mit den Jungs scheinst du ja auch gut zurechtzukommen..."
"Hmm...die sind cool"
"Schön... manchmal können sie echt anstrengend sein"
"Ja manchmal...aber mir ist langweilig ohne die beiden"
"Bill liegt dir ziemlich am Herzen, was?!" Ähm... hallo? Was wurde das hier? Ich merkte, wie er mich von der Seite anschielte, mied aber bewusst den Blickkontakt. Der sollte sich gefälligst auf die Straße konzentrieren.
"Kann man so sagen...wenn Tom immer bei Lisa ist sind wir ja beide praktisch übrig" Ich lachte. Ziemlich am Herzen liegen war übertrieben, drücken wir's mal so aus: mein Herz schlug ausschließlich für ihn?! "Da ist noch etwas, worüber ich mit dir reden wollte", wechselte er glücklicherweise das Thema. "Was gibts?" "Ich... naja, also ich wollte deinen Segen haben wenn ich deine Mutter heiraten will" Mir klappte die Kinnlade runter. "Was?" "Ganz richtig, ich will ihr einen Heiratsantrag machen" Schock! Ich konnte es kaum glauben. Heiraten? Jörg und Mum? So schnell? Ach du scheiße...die mussten sich echt heftig lieben. Aber ich freute mich jetzt schon für Mum obwohl ich mir ihrer Antwort nicht ganz sicher war. "Das ist ja toll" "Wirklich? Da bin ich erleichtert... aber noch nichts verraten, es soll schließlich eine Überraschung werden" Wenn Mum und Jörg heiraten würden hieße das, dass er erst mal auf jeden Fall weiter mit uns zusammenwohnen würde, folglich Tom und Bill auch. Wenn sie den Antrag ablehnen würde, könnten sie vielleicht ausziehen. Oh Gott, nein! Sie musste auf jeden Fall ja sagen. "Wir sind da", riss Jörg mich aus den Gedanken.
Angespannt warteten wir an Gate3, wo die Jungs ankommen sollten. Natürlich - wie sollte es auch anders sein?! - hatte die Maschine Verspätung und das brachte mich beinahe um den Verstand. Ich wollte einfach nur noch Bill in meine Arme schließen und sicher wissen, dass er wieder bei mir ist, dass uns so schnell nichts mehr trennen könnte. Alle zwei Sekunden guckte och auf die Uhr aber sie wollte einfach nicht schneller gehen. Mein Herz begann wie wild zu klopfen als die Tür aufging und die ersten Leute rauskamen. Gleich kommt er, gleich kommt er. Alles wird gut, Lilly, mein derzeitige Gefühlszustand konnte man mit einem hyperventillierenden Boygroupfan vergleichen, die bald einen Nervenzusammenbruch erleidet, weil einer von den Typen sie angeguckt hat. Immer mehr Menschen liefen an uns vorbei, begrüßten ihre Freunde und Verwandten, doch von Bill und Tom fehlte jede Spur. Aber da, endlich, sah ich einen Jungen in HipHop-Klamotten, einen Koffertrolli hinter sich herziehend, und neben ihm ganz unverkennbar Bill. Die Haare unter einer Kappe versteckt und eine fette Sonnenbrille auf der Nase, aber es war mein Bill.
"Da sind sie!", schrie ich mehr an mich selbst als an Jörg gerichtet und rannte auf Bill zu. Dass ich dabei einige Leute anrempelte, die sich furchtbar aufregten, war mir völlig egal. Bill konnte grade noch seinen Koffer abstellen bevor ich ihm auch schon mit einem solchen Schwung um den Hals fiel, dass er beinahe umkippte. Ganz fest presste ich ihn an mich, ignorierte mein rasendes Herz und ließ einfach nur noch das Glücksgefühl zu, das meinen Körper durchströmte. Ich ließ wieder von ihm ab und mit einem "Tom!" stürzte ich mich auf diesen. Er tätschelte mir etwas verlegen den Rücken. "Is gut jetzt. Lilly, du kannst mich loslassen" Grinsend erfüllte ich seinen Wunsch. Jörg war mir hinterhergekommen und umarmte seine Jungs auch.
Im Auto setzten Bill und ich uns auf die Rückbank, Tom saß vorne und fing auch schon an, alle möglichen und unmöglichen Geschichten zu erzählen. Bill nahm seine Sonnenbrille ab und strahlte mich aus seinen unschuldigen braunen Augen verliebt an. Ich erwiderte seinen Blick nur zu gerne.
Auch meine Mum ließ sich nicht lumpen und begrüßte Tom und Bill jeweils mit einer Umarmung. "Na endlich! Lilly hat sich ohne euch fast zu Tode gelangweilt", meinte sie, worauf sie einen giftigen Blick von mir kassierte. Mussten ja nicht alle wissen, wie sehr ich von den beiden mittlerweile abhängig war.
Jörg und Mum verabschiedeten sich auch schnell wieder, weil sie essen gehen wollten. "Ich hoffe es macht euch nix aus, aber ich verdrück mich auch. Ich penn bei Lisa", sagte Tom und weg war er auch schon. Jetzt standen Bill und ich uns allein im Hausflur gegenüber. "Macht uns das was aus?", fragte Bill mich mit einem dreckigen Grinsen. "Hmmm lass mich überlegen... eigentlich-" er küsste mich sachte "nicht", beendete ich meinen Satz bevor ich meine Arme um seinen Nacken legte, ihn zu mir ranzog und noch mal küsste. "Ich hab dich total vermisst, weißt du das?!" "Und ich dich erst... komm lass uns hoch gehn", meinte er wieder mit so einem verschmitzten Grinsen. Ich folgte Bill hoch in sein Zimmer. Er setzte sich aufs Bett und zog mich gleich auf seinen Schoß um mich wieder zu küssen. Zart berührten sich unsere Lippen, verschmolzen miteinander, als Bills Zunge sich langsam in meinen Mund vortastete und lieblich mit meiner spielte. Mich durchströmte ein solches Gefühl von Geborgenheit und Wärme und einfach nur Glück. Wir konnten gar nicht mehr genug voneinander bekommen. Immer fordernder wurden unsere Küsse, ich spürte deutlich Bills Zungenpiercing und müsste lügen wenn ich sagen würde, dass es mich nicht anmachte...

 

28.
Langsam wanderte Bills Hand, die zuvor auf meiner Hüfte gelegen hatte, höher und unter mein Top und streichelte meinen Bauch. Es fühlte sich gut an, kitzelte nicht, es war einfach schön wie Bills warme, zarte Fingerspitzen meine Haut berührten und überall ein Kribbeln hinterließen. "Lass es uns doch ein bisschen bequemer machen", hauchte Bill mir ins Ohr. Ich krabbelte über ihn rüber und legte mich in sein Bett, er legte sich auf mich und küsste mich stürmisch. Ich nahm einen schönen Duft war, alles hier roch nach ihm, diese Mischung aus seinem Axe-Deo, irgendeinem Duschgel und seinem eigenen Geruch. Es machte mich wahnsinnig. Bill machte mich wahnsinnig.
Wieder wanderten seine Hände unter mein Top, aber diesmal streiften sie es hoch. Ich hob meinen Oberkörper kurz an, dass er es mir ausziehen konnte. "Hübsch", war sein Kommentar mit einem Blick auf meinen schwarzen, mit Spitze und zwei rosa Schleifchen verzierten BH. "Nene so geht das nich hier. Du auch", sagte ich während ich Bill ebenfalls sein T-Shirt auszog. Er näherte sich meinem Gesicht, sah mir tief in die Augen und berührte kurz und kaum merkbar meine Lippen. "Ich liebe dich", flüsterte er mir ins Ohr und begann darauf, mir leicht ins Ohrläppchen zu beißen. Ich schloss die Augen und seufzte. Bills Lippen wanderten an meinem Hals entlang, verteilten viele kleine Küsse bis auf mein Dekoltée. Ich spürte ein Prickeln, was sich bis in die Fingerspitzen und die Zehen ausbreitete, mein ganzer Körper schien unter Strom zu stehen.
"Darf ich?", fragte er und nach einem Nicken meinerseits machten sich seine Finger daran, meinen Rock zu öffnen und anschließend abzustreifen. So, jetzt war ich aber mal dran. Ich schob Bill von mir runter, drückte ihn in die Kissen und setzte mich auf sein Becken. Ich küsste ihn zart. "Was machen wir hier eigentlich?", fragte Bill, ich sah Zweifel in seinen Augen aufblitzen. Kurz überkam mich auch das Gefühl, ob wir es nicht lassen sollten. Aber dann sagte ich einfach: "Ich liebe dich" und das schien auch ihn wieder sicherer werden zu lassen, denn er legte seine Hand in meinen Nacken und zog mich zu sich um mich zu küssen. Ich liebte Bills Küsse, mal waren sie sanft und schüchtern, mal wild und leidenschaftlich, mal übernahm er die Führung, mal ich, aber stets liebevoll.
Ich begann mit der Hüfte zu kreisen, was Bill ein leichtes Stöhnen entlockte. Irgendwie brachte mich das zum grinsen und ich entschied, dass es für Bill nun an der Zeit war, auch mal seine Hose loszuwerden, es war eh viel zu warm hier drin. Ich glitt ein Stück an seinem Körper hinunter, küsste seine Brust und den Bauchnabel, bevor ich seinen Gürtel öffnete. Ich beobachtete seinen Gesichtsausdruck genau auf irgendwelche Zeichen, dass er es nicht wollte. Aber Bill hatte die Augen geschlossen, atmete ein wenig unregelmäßig, aber schien nichts gegen meine Aktion einzuwenden zu haben. Ich wusste ja nicht wirklich, wie viel Erfahrung er in solchen Dingen hatte. Gut, bei mir war es auch nicht grade viel, Marco und ich waren zwar neun Monate zusammen gewesen, aber so viel war da auch nicht passiert, ich war einfach nicht bereit gewesen, habe mich unsicher gefühlt. Bei Bill war das anders. Es war zwar alles neu und ungewohnt, aber ich wollte es und ich vertraute Bill und ich wusste, dass er mir ebenso vertraute. Bei ihm fühlte ich mich einfach sicher und geborgen.
Ich entfernte seine Hose und ließ sie achtlos auf den Boden fallen. Den Kopf auf meine Hand gestützt lag ich seitlich neben ihm und streichelte mit der anderen Hand Bills Brust. "Hm... du bist ganz schön braun geworden", stellte ich fest und ließ meinen Blick über seinen gesamten Körper streifen. Wie auf dem Silbertablett präsentiert lag er vor mir, nur noch mit einer schwarzen, engen Boxershorts bekleidet und völlig hilflos . Mein Fingerspitzen krabbelten von seinem Bauchnabel abwärts in Richtung des einzigen Stückes Stoff, das er noch trug, und wieder nach oben. Dann noch mal ein Stück weiter runter und wieder hoch, und noch mal runter, doch am Bund seiner Boxershorts machte ich halt und drehte wieder um. "Du willst mich wohl quälen" "Hmm vielleicht..." antwortete ich und grinste. Dann glitt meine Hand wieder über Bills Unterleib, ich machte kurz halt bevor ich etwas unsicher über die sich aus dem Stoff wölbende Beule strich. Zärtlich streichelten meine Fingerspitzen Bills Männlichkeit. Mit pochendem Herzen wagte ich den nächsten Schritt, spielte ein wenig unsicher mit dem Saum der Unterhose, und schob meine zittrigen Finger schließlich darunter. Was ich spürte war warme Haut, glatt rasiert und weich. Langsam bewegte ich mich vorwärts und berührte sein Glied. Mit jeder meiner Berührungen wurde es fester. Bill seufzte lustvoll. Ich wollte ihm die Boxer ausziehen und sah ihn fragen an. Ein erregtes Nicken bestätigte mich und ich entfernte das letzte Stückchen Stoff von seinem Körper. Das musste man jetzt mal sagen: Er sah geil aus - und zwar verdammt geil. Er war zwar dünn, aber er sah einfach perfekt aus, so unschuldig und doch heiß.
Ich ließ meine Fingerspitzen über sein pulsierendes Glied wandern, strich langsam vom Schaft bis zur Spitze und zurück, bewegte die Vorhaut vor und zurück. Ich beobachtete ihn währenddessen. Er presste seinen Kopf ins Kissen, hatte die Augen geschlossen und atmete flach und unregelmäßig. Sein Adamsapfel bewegte sich, als er schluckte und erregt keuchte. Ein paar Haare klebten in Bills Gesicht, nass vom Schweiß. Als ich seine Erregung mit meinem Mund umschloss krallten sich seine Hände in der Bettdecke fest, auf der er lag. Seine Erregung turnte auch mich ungemein an. Ich stimulierte ihn zuerst mit den Lippen, fing dann an, seine Eichel mit meiner Zunge zu umkreisen. Bill atmete immer flacher und hektischer, sein Glied pulsierte in meinem Mund und als ich begann, leicht daran zu saugen kam er zum Höhepunkt und ergoss sich in meinem Mund.
Ich ließ mich wieder neben ihm in die Kissen fallen, beobachtete ihn von der Seite. Er war so schön... Sein Brustkorb hob und senkte sich wieder gleichmäßig, während seine Augen immer noch geschlossen waren. Sein Gesicht glänzte leicht, es war unglaublich warm hier drin. Mein Blick wanderte von den geschlossenen Augenliedern über seine Stupsnase zu den vollen Lippen. Sie schienen heute noch roter als sonst. Ich beugte mich über ihn und küsste ihn, ließ die Augen geöffnet. Auch Bill sah mich an, unsere Blicke kämpften fast miteinander während des leidenschaftlichen Kusses. Dieser feurige Blick in seinen Augen machte einen unheimlich erotischen Reiz aus. Bill drehte uns, sodass er wieder auf mir lag, und drückte sein Becken gegen meins. Ich stöhnte in den Kuss hinein als ich sein Glied zwischen meinen Beinen spürte. Ich schlang meine Arme um seinen Oberkörper und presste ihn an mich, wollte ihn ganz nah bei mir haben. Alles an ihm erregte mich, sein Zungenpiercing, das Gewicht, das auf mir lastete, die heiße, feuchte Haut, und nicht zuletzt sein Geruch, gemischt mit frischem Schweiß und Testosteron. Ich setzte mich auf und sah ihm in die Augen. "Ich will, dass du mich berührst", hauchte ich ihm ins Ohr. Unsere Blicke hafteten ein paar Sekunden bis er anschließend meinen BH öffnete, meinen Hals mit Küssen bedeckte und mich wieder auf die Matratze drückte. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich einzig und allein auf seine heißen Berührungen. Er küsste meine Brüste und brachte mich beinahe um den Verstand, als er meine Brustwarzen mit seiner gepiercten Zunge spielerisch umkreiste. Anscheinend wollte er sich für grade revanchieren, was ich nur allzu gern zuließ.
Er streichelte mit dem Handrücken die Innenseite meiner Oberschenkel, je höher er kam, desto stärker pochte mein Herz. Innerlich flehte ich ihn an, mir endlich meine Hotpants auszuziehen, was er dann auch tat. Meine Gefühle kochten über, als er mich zwischen den Beinen berührte und streichelte. Aber ich wollte mehr. Ich legte meine Hand auf seine und führte sie zu meiner empfindlichsten Stelle. Er verwöhnte mich mit kreisenden Bewegungen, ließ meine Erregung damit ins Unermessliche steigen. "Nicht aufhören!", brachte ich japsend nach Luft hervor. Bill lächelte und küsste mich. Er intensivierte seine Bewegungen, trieb mich damit in den Wahnsinn. Ich hatte das Gefühl, gar nichts mehr um mich herum mitzukriegen, mein ganzer Körper kribbelte, blitzartige Ströme durchfuhren mich von Kopf bis Fuß und entluden die Erregung. Darauf folgte ein unglaubliches Gefühl von Glück und Ausgeglichenheit. So was hatte ich noch nie erlebt, ich glaube, ich hatte gerade meinen ersten Orgasmus. Noch immer total benebelt zog ich Bill zu mir ran, küsste ihn stürmisch, begrub seinen Körper unter mir. Unser Schweiß vermischte sich, wir war waren uns einfach nah und ich überglücklich.
Ein paar Minuten später lag ich dicht neben ihm, mein Kopf auf seiner Brust, während Bill mit meinen Haaren spielte. Wir genossen die Ruhe und  Zweisamkeit, wie wir sie selten haben konnten. "Das war wunderschön...", sagte ich. "Ja... schade, dass wir nur selten alleine sind" Wir schwiegen wieder einige Minuten. "Darf ich dich mal was fragen?", fragte Bill. "Klar" "Du und Marco, habt ihr...also, nicht dass mich das was angeht, aber... hattet ihr schon... Sex?", stammelte er sich einen zusammen. Ich fand das so süß, dass ich ihn erst mal küssen musste. "Nein", antwortete ich dann wahrheitsgemäß, "Und wie sieht’s bei dir aus?" "Ich bin Jungfrau", sagte er und ich hatte fast das Gefühl, dass er sich dafür schämte, denn er wich unauffällig meinem Blick aus. "Warum ist das für Jungs immer so ein  Problem? Das versteh ich nich", sprach ich meine Gedanken aus. Er zuckte mit den Schultern. Ich küsste ihn zärtlich, sagte anschließend: "Ich find das gar nich schlimm... im Gegenteil, ich find's toll" Er strahlte mich an. Wir musste nichts sagen, uns war beiden klar, dass wir unser erstes Mal zusammen erleben wollten. Ich kuschelte mich an ihn und schloss die Augen. Sein gleichmäßiger Atem beruhigte mich und ich hätte grade so einschlafen können, wenn nicht von unten das Geräusch von einem Schlüssel im Schloss gekommen wäre.
Sofort sprang ich auf und suchte meine Kleider zusammen, um mich so schnell wie möglich wieder anzuziehen. Ich schnappte mir noch schnell die Bürste, die glücklicherweise auf dem Regal lag und kämmte meine Haare, auch Bill musste seine Wuschelmähne wieder in Ordnung bringen, denn sie hätte sofort verraten, was hier vor sich gegangen war während Mum und Jörg essen gewesen waren. Wir hörten Schritte auf der Treppe. Schnell grabschte Bill nach der Digitalkamera, wir setzten uns unschuldig auf die Bettkante und taten so, als würde er mir die Urlaubsfotos zeigen. Keine Sekunde zu spät, denn da öffnete sich auch schon die Tür und Mum kam rein. "Na ihr zwei?!" "Na du eine", kam es von uns beiden wie aus einem Mund und wir alle drei mussten erst mal lachen. "Gott, warum macht ihr denn nicht das Fenster auf? Hier erstickt man ja fast drin", sie ging zum Fenster und öffnete es. Als sie uns den Rücken zudrehte, grinsten wir uns an. Zum Glück schöpfte meine Mutter keinen Verdacht und war auch schnell wieder verschwunden. Na gut, wär auch komisch, wenn sie ihre Tochter und ihren Stiefsohn verdächtigen würde, solche versauten Sachen miteinander zu treiben, wenn sie mal nicht da war. Das wäre ja absurd... Oh... wir HABEN das ja getan... sind wir jetzt absurd? ^^
"Ich glaub, ich geh jetzt besser hoch". Wir küssten uns noch mal und küssten uns, und küssten uns... "Jetzt muss ich aber wirklich....Gute Nacht" "Gute Nacht, mein Schatz", flüsterte er noch, während ich durch die Tür ging.

 

29.
Am nächsten Morgen saßen Jörg, Mum und ich am Frühstückstisch, Bill war wie immer noch am pennen. Irgendwie herrschte eine seltsame Stimmung, ich wusste nicht so wirklich, worüber ich mit ihnen reden sollte. Ich musste die ganze Zeit an gestern Abend denken und ich gebe zu, ich schämte mich irgendwie dafür. Ich meine, es war schön, klar, es war sogar sehr schön, aber wir waren immer noch Geschwister. In einigen Momenten verdrängten wir es einfach, versuchten, es zu vergessen, und es gelang uns auch, aber es wurde mir einfach immer wieder klar, dass wir daran nichts ändern konnten und es war einfach Tatsache, egal, wie sehr wir es aus unseren Köpfen zu verbannen versuchten. Ich konnte meinen Eltern nicht in die Augen sehn, hatte tief im Innersten Angst, dass ich mich verraten könnte, obwohl mein Verstand mir sagte, dass das totaler Quatsch war. Zum Glück waren meine Mutter und Jörg, sagen wir mal, ziemlich mit sich selbst beschäftigt. Ich vermutete, dass er ihr gestern Abend den Antrag gemacht hat und auch, dass sie ja gesagt hat. Sie verhielten sich nämlich wie ein frisch verliebtes Teeniepärchen. Ätzend! "Lilly, willst du nicht langsam mal Bill wecken gehn? Der verschläft ja sonst die ganzen Ferien", meinte Jörg. Ich folgte seiner Bitte nur zu gerne, dann konnte ich wenigstens kurz hier weg.
Leise öffnete ich Bills Zimmertür und schlich hinein. Ich musste lächeln als ich ihn sah, wie er da lag, nur halb zugedeckt, die Sicht auf seinen nackten Oberkörper war frei, die Haare waren total verwuschelt, verdeckten sein Gesicht. Der eine Arm lag über seinem Kopf, der andere neben dem zu mir gedrehten Gesicht, das tief in dem Kissen vergraben war, er atmete ruhig und gleichmäßig. Sein Anblick verzauberte mich immer wieder. Diese engelsgleichen, perfekten Gesichtszüge. Ich setzte mich leise auf die Bettkante, traute mich kaum, ihn zu stören. Eigentlich wollte ich ihn gar nicht wecken, dieses wunderschöne Bild zerstören. Die gesamte Situation erinnerte mich an die vor ein paar Wochen, als wir gerade erst eingezogen waren und ich Bill und Tom wecken gehen sollte. War ich nicht damals schon ein bisschen in ihn verliebt gewesen? Schon damals fand ich ihn total niedlich, wie er geschlafen hatte, wollte ihn nicht wecken, weil er so schön war... Auch als ich das erste Mal mit im Proberaum war, als ich so verwirrt war und Bills Stimme mich so berührt hatte... Mir wurde klar, dass ich ihn schon viel länger liebte, als ich es mir eingestand. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war hatte es mir sehr gutgefallen, als Bill und ich in der Disco getanzt hatten. Tja.. jetzt war das alles schon wieder so lange her und wir waren jetzt zusammen.
Bill unterbrach meinen philosophischen Gedankenfluss, indem er sich umdrehte. Ich guckte ihn an, bekam dabei ein schlechtes Gewissen. Verdammt noch mal, er war mein Bruder, eigentlich durfte ich gar nicht solche Gefühle für ihn haben. Aber warum waren sie dann da? Warum wurden wir bestraft? Was hatten wir getan? Meine Augen füllten sich mit Wasser und eine Träne bahnte sich den Weg über meine Wange. Ich streichelte ihm ganz leicht über die Wange, berührte seine zarte, weiche Haut. Wie lang wird das wohl noch gut gehen? Wir konnten uns doch nicht für immer verstecken... Jetzt wurden wir zweimal schon fast erwischt. Erwischt... wie sich das anhört. Erwischt wobei? Dabei, seinem Herzen zu folgen und das zu tun, was einen glücklich macht? Und was, wenn wir es einfach sagen würden? Dann müssten wir uns nicht mehr verstecken... Aber würden sie es verstehen? Wie würden sie reagieren? Diese Antwort konnte ich mir selbst geben. Wie reagiert man wohl, wenn die Kinder einem sagen, dass sie sich ineinander verliebt haben? Die würden ausflippen, uns vielleicht rausschmeißen und nie wieder sehen wollen. Das konnte ich meiner Mum nicht antun. Das könnte auch Bill Jörg nicht antun...oder Tom, was würde der dann von uns denken? Und wie sollten wir das unseren Eltern sagen, wenn ich es noch nicht mal fertig brachte, Lisa davon zu erzählten?
Ich wischte mir die Tränen schnell wieder weg und beschloss, Bill jetzt endlich mal zu wecken. Ich konnte ja nicht ewig hier rumsitzen, ihn beim Schlafen beobachten und rumheulen. Ich beugte mich über ihn und küsste ihn. Er grummelte irgendwas und schlug die Augen auf. "Mhh... seit wann küsst Dörnröschen denn den Prinzen wach?", fragte er verschlafen. "Tja, wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert", grinste ich ihn an. Er lächelte zurück, doch dann verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck. "Hast du geweint?" Lügen bringt nichts, früher oder später müssten wir eh darüber reden. Sofort schossen mir wieder die Tränen in die Augen. "Wie soll das mit uns weiter gehn?" "So wie bisher?!" "Bill, wir sind und bleiben Geschwister" "Ich weiß..." Er breitete die Arme aus und ich fiel ihm um den Hals. Ich vergrub mein Gesicht in seinem Hals, atmete seine Duft ein und drückte mich noch mehr an ihn. Ich konnte Bills Herzschlag deutlich an meiner Brust fühlen. Und obwohl auch mein Herz unaufhörlich raste, beruhigte er mich. "Wir werden eine Lösung finden", flüsterte Bill.
"Okay... du sollst zum Frühstücken runterkommen. Jörg sagt, du verpennst die ganzen Ferien" Ich stand auf und ging schon mal wieder runter. "Ihr wisst ja, wie schwer er zu wecken ist", entschuldigte ich mich als ich mich zurück an den Tisch setzte. Zum Glück schwebten Jörg und Mum so auf Wolke sieben wegen ihrer Hochzeit, dass sie gar nichts bemerkten. Weder, dass ich über eine viertel Stunde lang oben war um Bill zu wecken, noch dass meine Augen nass und rot vom Weinen waren.
Am Nachmittag gingen wir, Mum und Jörg hatten darauf bestanden, mit der ganzen "Familie" Eisessen. Nachdem wir es uns in unserem Lieblingscafé "Eiszauber" bequem gemacht und bestellt hatten, fing Mum an zu reden: "Also, ihr habt euch bestimmt schon gefragt, warum wir hier sind. Wir...wollten, dass ihr es als erste erfahrt" Jetzt kommt's, ich wusste es. "Angelika und ich werden heiraten", schloss Jörg die kurze Rede. Bill und Tom, die nebeneinander saßen, klappte gleichzeitig der Mund auf und mit großen Augen glubschten sie von Mum zu Jörg und zurück. Das sah echt zum Schiessen aus. Für mich war das keine Überraschung mehr, Jörg hatte es mir ja gestern schon gesagt, aber die Zwillinge schienen echt geschockt. "Und wann?", fragte Tom, der als erster seine Sprache wiedergefunden hatte. "In der letzten Ferienwoche" So schnell? Okay... wenn sie's eilig hatten, bitte. "Cool...ach ja, Bill, Lilly, Lisa fragt ob wir nicht alle zusammen zum Bauernhof von ihrer Tante fahren wollen ein Wochenende", fügte Tom hinzu. "Bauernhof?", fragte Bill skeptisch. "Ja, das is total toll. Lisa und ich waren da als ihr im Urlaub wart. Ich find die Idee gut. Biiiiitteee...?!" "Man guck nich so süß, du weißt, dass ich da nicht nein sagen kann", gab Bill sich geschlagen. Ich grinste ihn siegessicher an. Als ich meine Blick wieder von Bill abwendete bemerkte ich erst, dass Tom, Jörg und meine Mutter uns alle drei sehr skeptisch anguckten. Scheiße! Das war doch grade nicht irgendwie auffällig, oder? Anscheinend schon, sonst würden die wohl nicht so verstört gucken. "Ähh... ja, wann will sie denn fahren?", versuchte ich so beiläufig und normal wie möglich wieder aufs Thema zurückzugreifen. "Sie meinte gleich dieses Wochenende, wenn das okay ist?!" "Ja klar, kein Problem. Bill?" "Jaja, könn wir gerne machen"

 

30.
Freitagvormittag standen wir vier also mit Sack und Pack am Bahnhof um nach "Billerbeck" zu fahren, dem Ort, wo Lisas Tante ihr Grundstück hatte. Der Zug fuhr ein, wir stiegen ein und setzten uns auf den nächstbesten Vierer, Lisa neben Tom, ich neben Bill. Wer uns nicht kannte würde bestimm denken, wir wären zwei Pärchen. Ist das Ironie?
Lisa lehnte an Toms Schulter, er hatte einen Arm um sie gelegt. Verliebt wie am ersten Tag... sie konnten der ganzen Welt ihre Liebe zeigen. Und wir? Ich glaube, das muss ich nicht noch einmal wiederholen. Ich schaltete meinen MP3-Player ein und lehnte mich ans Fenster.

 

**Bist du da
wo ich auch bin
Bist du angekommen
Wo die Zeit im Wind verrinnt
Wie Sand am Meer
Wie die Wellen, die immer wieder kommen
Es ist
eigentlich nicht schwer
Wir haben's uns einfach genommen
Der Augenblick schreibt unsre Geschichte

 

Wir sind unzertrennlich
Wir sind unvergänglich
Wir sind unzertrennlich
In unsrer Welt verlor’n
Wir sind unzertrennlich
Wir sind unvergänglich
Die Sekunde eingefror’n

 

Endlich gefunden
Was längst zusammengehört
Eine Welt aus Sekunden,
Die uns alleine nur zerstört
Wie Ebbe und Flut
Und Träume, die immer wieder kommen
Sie machen uns Mut
Wir haben sie uns einfach genommen
Der Augenblick schreibt unsre Geschichte

 

Wir sind unzertrennlich
Wir sind unvergänglich
Wir sind unzertrennlich
In unsrer Welt verlor’n
Wir sind unzertrennlich
Wir sind unvergänglich
Die Sekunde eingefror’n

 

Wir sind hier
Und leben den Moment
Sind da
Wo die Zeit beginnt
Sind hier
Und leben den Moment
Sind da

 

Wir sind unzertrennlich... **

 

Ich liebte dieses Lied. Und irgendwie passte es grade. Uns blieben immer nur die wenigen Momente zu zweit, die wir leben und voll ausnutzen mussten, am liebsten würde ich diese Sekunden auch einfrieren, festhalten, dass sie länger dauern als eben nur eine Sekunde, und nie wieder loslassen.
Nach dreimal Umsteigen und zwei Stunden Fahrt waren wir dann auch endlich da, an dem gammeligsten Bahnhof, den ich je gesehen hatte. Es gab genau zwei Gleise, eins in die eine Richtung, eins in die andere, wo einmal pro Stunde ein Zug fuhr. Der "Bahnsteig" befand sich in der Mitte und man musste über die Gleise laufen um davon wegzukommen, war ja auch nicht gefährlich bei den langen Abständen, in denen die Züge fuhren. Bill und Tom waren sichtlich angepisst von der Umgebung, sie waren Stadtmenschen, wie sie es nannten "Drinnis". Ich mochte das Stadtleben auch, hier könnte ich niemals wohnen, wo dreimal am Tag ein Bus fährt und man über eine halbe Stunde bis ins Ortsinnere braucht vom Bauernhof aus. Aber ab und zu fand ich es hier ganz schön, obwohl ich normalerweise auch nicht so der "Draußi"-Typ war.
Irene, Lisas Tante, holte uns mit dem Auto am Bahnhof ab. Als wir am Bauernhof ankamen, schauten die Zwillinge immer noch sehr skeptisch drein. Na hoffentlich lassen sie sich nicht die Laune verderben, die konnten nämlich ganz schön zickig werden und darauf hatte ich im Moment nun echt keine Lust. Nachdem Lisa Bill und Tom ihrem Onkel vorgestellt hatte, konnten wir uns daran machen, die Zimmer zu beziehen. "Ist ja schon klar, dass Lisa und ich uns das Zimmer mit dem Doppelbett teilen, ne?!", meinte Tom und legte besitzergreifend seinen Arm um sie. "Nenene, du, davon träumste wohl, was? ICH werd' mir mit ihr das Zimmer teilen, stimmt's, Lisa?!" "Ja.. äh, also... mir ist das eigentlich egal", stotterte sie, denn sie wollte anscheinend keinen von uns beiden zurückweisen. Glück für mich, dass ich mich auskannte, da ich letzte Woche schon hier war, ich nahm einfach meine und Lisas Taschen, ging ins Zimmer und schmiss sie aufs Doppelbett. Sollten die Jungs das Zimmer mit den Einzelbetten nehmen. Es war so abgesprochen gewesen, dass Lisa und ich uns das Zimmer teilen und so sollte es jetzt auch sein. Basta! Außerdem wollte ich Tom nicht den Triumph gönnen, mir Lisa wegzunehmen.
Wir zogen uns ein paar alte Klamotten an, denn wir sollten ein paar Möbel streichen. Irene und Clemens waren erst kurz nach Weihnachten hier eingezogen und vieles musste noch gemacht werden. Als wir bei den Jungs anklopften, dass wir zusammen runtergehen konnten guckte Bill mich total seltsam an. Da ich das überhaupt nicht deuten konnte, ignorierte ich ihn einfach. Irene drückte uns jedem einen Pinsel in die Hand, Farbe und die Möbel standen in einer der vier Scheunen. Es war aber keine Farbe zu finden. "Geh mal mit Bill welche suchen, vielleicht ja in einer anderen Scheune", meinte Lisa, die gerade mit Tom zusammen eine Kommode aus der Ecke holte, dass wir mehr Platz zum Streichen hatten. "Ich kann nich, muss das Regal rübertragen", sagte Bill in gereiztem Tonfall und würdigte mich keines Blickes. Hä? Was in aller Welt sollte das denn jetzt? "Dann geh ich eben alleine!", gab ich nicht weniger gereizt zurück und stapfte davon. Irgendwie regte Bill mich grade total auf, was hab ich ihm denn getan? Ach egal, ich nahm mir vor, seine schlechte Laune einfach zu ignorieren, vielleicht hatte das ja auch gar nichts mit mir zu tun und ich bildete mir das nur ein.
"Tadaaa!", kam ich triumphierend zurück und hielt die Farbe hoch. "Super!", gab Bill einen motzigen Kommentar ab. Lisa warf mir einen irritierten Blick zu, ich zuckte nur mit den Schultern. Wir machten uns also ans Streichen, quatschten so über dies und das und die Zeit rannte davon. Aber so richtig lustig wurde es erst, als ich Lisa zufällig anmalte und sie mir als Strafe mit ihrem Pinsel im Gesicht rumfuchtelte. Das ließ ich natürlich nicht auf mir sitzen, packte mit der Hand in die Farbe und streifte sie an ihrem Pulli ab. Wir hatten ja extra alte Sachen angezogen, die ruhig dreckig werden konnten. Sie tauchte ihren Pinsel tief in die Farbe und wollte mich anmalen, aber ich lief kreischend vor ihr weg, einmal durch die Scheune und versteckte mich schließlich hinter Tom. "Du wirst doch wohl nicht das hübsche Gesicht von deinem Freund verunstalten" Doch sie kannte keine Gnade, versuchte es immer wieder und erwischte letztendlich Tom. Das ganze artete in einen ziemlich dämlichen Farbe-Beschmier-Kampf jeder gegen jeden aus. Voller Elan griff ich noch mal in den Farbtopf, schlich mich von hinten an Bill ran und schmierte alles in sein Gesicht. Er kreischte erschrocken auf, ich lachte mich tot, wusste gar nicht, dass Jungs so quietschen können. Er drehte sich zu mir um. Doch wider Erwartens lachte er nicht, sondern funkelte mich an, bevor er mich anschrie: "Sag mal spinnst du?!" Er fasste sich in die Haare, die ich zufällig auch erwischt hatte. "Na klasse, und meine Haare hast du auch ruiniert. Danke, echt!" Und damit ging er wütend davon.
Total perplex stand ich da, ich war so geschockt, dass ich gar nicht wusste, was ich sagen, denken oder tun sollte. "Was hat DER denn für Krämpfe?!", unterbrach Lisa die Stille. "Was fragst du mich das? Der is schon den ganzen Tag so zu mir" "Äh hallo... wir haben alle Farbe in den Haaren" Fragend guckten wir beide Tom an, doch auch der konnte nur mit den Schultern zucken. Da der Spaß jetzt eh vorbei war, gingen wir auch zurück ins Haus. Als erstes gingen Lisa und ich duschen, dann die Jungs.
In Hotpants und Tops saßen wir auf dem breiten Doppelbett und quatschten, als sich die Tür öffnete und Tom seinen Kopf ins Zimmer steckte. "Hey Ladies, alles klar?" "Ja, wo ist Bill?", fragte Lisa. "Der sitzt im Zimmer uns schmollt" Ich rollte mit den Augen. Zicke! "Lilly, weißt du was? Geh rüber und rede mit ihm, anscheinend ist er ja wegen irgendwas sauer auf dich, zu Lisa und mir war er jedenfalls den ganzen Tag normal. Aber so macht das sonst keinen Spaß.", meinte Tom. Ich ging also zum Zimmer von Bill und Tom rüber. Bevor ich klopfte atmete ich noch einmal tief durch. Es kam keine Antwort, also erlaubte ich es mir selbst und trat einfach ein.
31.
Bill lag auf seinem Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und hörte Musik. Er sah mich kurz an, missachtete mich aber dann wieder. Ich setzte mich zu ihm aufs Bett. Am liebsten hätte ich ihn jetzt richtig angeschrien, was das vorher sollte, ich hatte so eine Wut in mir, weil ich mir einfach nicht erklären konnte, warum er sauer war. Aber stattdessen zupfte ich ihm die Stöpsel aus den Ohren. "Was is?", fragte er genervt. "Das wollte ich eigentlich dich fragen", sagte ich in ruhigem Tonfall, denn mit Meckern würde ich nur das Falsche bewirken. "Nix" "So verhältst du dich aber nicht grade..." Er schwieg mich einfach an und wich meinem Blick. Trotz der Wut, die ich auf ihn hatte tat es mir doch in der Seele weh, diese Abneigung, die er gerade gegen mich hegte. Ich wusste nicht, was ich machen sollte und dieses Gefühl siegte über meine Wut, mir stiegen Tränen in die Augen. "Man Bill, wenn du nicht mit mir redest weiß ich nicht, was ich besser machen soll..." "Schön, dass du Lisa mir vorziehst..." "Hä?" Er schwieg wieder eine Weile, dann rückte er endlich raus. "Ja, vorhin wolltest du lieber mit Lisa ins Zimmer als mit mir" Das konnte doch wohl nicht sein Ernst sein?! "Weil das vorher so abgesprochen war. Sie ist meine beste Freundin, ich will auch Zeit mit ihr verbringen und da Tom sie eh schon den ganzen Tag belagert... außerdem kommt das doch voll komisch rüber, wenn die zwei ein Zimmer haben und wir. Was sollen denn Clemens und Irene denken?!" "Die Wahrheit?" "Und die wäre?" "Dass ich dich liebe...?!", gab er etwas kleinlaut zurück. "Und warum behandelst du mich dann nicht so?" Bill hatte sich längst hingesetzt und zog mich jetzt in seine Arme. Warum einfach wenn's auch kompliziert geht? Also irgendwie war's ja auch süß, aber musste man gleich so ausflippen? Ach egal jetzt.
"Also ich persönlich hab keine Lust euch den ganzen Abend beim Knutschen zu beobachten", meinte ich, als wir zurück ins Zimmer kamen und die beiden wohl "gestört" hatten. Nach längerem Überlegen schlug Tom vor Flaschendrehen zu spielen. Da niemand was besseres wusste, spielten wir also Flaschendrehen. Ich war überrascht, als Lisa eine Flasche Berentzen aus ihrer Tasche holte "Damit es nicht ganz so langweilig wird". Einige Minuten später war die Flasche leer und wir sehr... sagen wir mal locker. "Okay... auf wen die Flasche zeigt, der muss Lisa küssen", sagte Bill und drehte. Die Flasche zeigte auf mich. Ich blickte fragend in die Runde. "Na los! Verweigern gibts nich", sagte Tom. Also wenn er nichts dagegen hatte. Ich rutschte ein Stück zu ihr ran und wir fingen uns zu küssen. War gleich ein ganz anderes Gefühl als bei Bill, nicht schlecht, nur anders. Klar, Bill ist ja auch kein Mädchen. Ich schielte unauffällig zu den Zwillingen rüber, denen fast die Augen ausfielen. "So und jetzt ihr!", forderte Lisa die beiden auf. "Oh Lisa!", rief ich empört. Sicher, als ob Bill und Tom knutschen würden. Zu meiner Verwunderung grinsten die beiden nur fett und ließen ihre Lippen verschmelzen. Oh Gott, das war echt heiß. Vielleicht lag es an einem etwas erhöhten Alkoholpegel, aber ich musste zugeben, dieser Anblick machte mich irgendwie geil. Lisa krabbelte schnell zu ihrer Tasche und kramte grinsend ihre Kamera raus. Nein! Nein, das konnte sie nicht machen.
Doch konnte sie. Als es blitzte erschraken die Jungs und fuhren sofort auseinander. "Ich warne dich, wenn du uns fotografiert hast..." Lisa grinste nur. "Bill küsst voll luschig!", unterbrach Tom Bills womöglichen Angriff auf meine beste Freundin. "Echt? Zeig mal", Lisa drehte jetzt vollkommen durch und stürzte sich auf Bill. "Macht dir das nix aus wenn deine Freundin mit anderen knutscht?", fragte ich schnell Tom, um mich von dem Bild losreißen zu können. Als Bill Tom geküsst hat war ja noch alles okay, es war sogar heiß, aber mit Lisa, einem anderen Mädchen... das machte mich irgendwie schon eifersüchtig, obwohl ich mir dessen bewusst war, dass die Eifersucht unbegründet war. "Quatsch! Ist doch nur Spaß. Außerdem.. wer sagt, dass nur Lisa mit anderen knutscht?" Bevor ich überhaupt realisierte, was gerade geschah, spürte ich Toms Lippen auf meinen. Es fühlte sich gut an, seine Lippen waren fast genauso wie Bills, nur dass bei Tom das Piercing in der Unterlippe war und dafür das Zungenpiercing fehlte. Und was noch viel mehr fehlte: Das Kribbeln. Das konnte nur Bill, einzig und allein er brachte mein Herz zum Rasen. Aber zur Abwechslung mal Zwilling war auch nicht schlecht... Was in aller Welt machten wir hier? Das war doch total krank. Jeder küsst jeden oder was?
"Kommt, wir machen Fotos!", Lisa sprang aufs Bett, wir folgten ihr, machten es uns bequem und sie drückte immer wieder auf den Auslöser. Als sie endlich fertig war und schon längst damit beschäftigt war, wieder ihren eigenen Freund zu küssen, und nicht meinen, strich mir dieser liebevoll über die Wange. Ohne nachzudenken berührten sich unsere Lippen. Erst zaghaft, dann intensiver. Ich leckte mit meiner Zunge über seine Lippen, versuchte sie zu trennen, was mir auch gelang, und unsere Zungen begannen ein heftiges Spiel. Bill rollte sich auf mich, unser Kuss wurde immer leidenschaftlicher. Es war ein komisches Gefühl, in Anwesenheit anderer Leute zu küssen, aber das war mir gerade reichlich egal. Die letzten zwei Tage konnten wir nie alleine sein, immer war irgendwer dabei, platzte rein oder sonstiges. Ich hatte ein solches Verlangen nach Bill aufgebaut, das jetzt in diesem Moment gestillt werden musste. Und da vorhin eh jeder mit jedem rumgemacht hatte war das jetzt die perfekte Tarnung.
Als die Jungs weg waren, guckten Lisa und ich zusammen noch mal die Fotos durch. "Ihr habt uns fotografiert?!", stellte ich erbost fest. "Jaja... Man Lilly, du und Bill... Das sah so was von süß aus. Ihr habt gar nichts mehr mitgekriegt, noch nicht mal, dass wir euch fotografiert haben, wie du siehst!" Ich musste schlucken. "Naja wenigstens habt ihr euch wieder vertragen. Was hatte er denn eigentlich?" "Ach... unwichtig", versuchte ich vom Thema abzulenken. "Ja klar, das kannste deiner Oma erzählen. Ne jetzt sag mal!"
"Er war sauer auf mich"
"Ach nee, das hat man wohl gemerkt"
"Ja"
"Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehn. Warum war er sauer?"
"Weil... er das Gefühl hatte, dass ich dich ihm bevorzuge", antwortete ich wahrheitsgemäß.
"Wieso?"
"Wegen dem Zimmer... weil, also Tom wollte doch mit dir aufs Zimmer und dann hätte ich mir ja eins mit ihm teilen müssen aber ich wollte lieber mit dir, wie's auch abgesprochen war."
"Ja und? Hä, ich check den Kerl nicht..."
"Lisa, wir sind zusammen!", ich war erschrocken über meine eigene Offenheit. Sie guckte mich entgeistert an. Nein, was hatte ich getan? Bin ich denn bekloppt? mein Puls stieg in die Höhe, ich hatte Angst vor ihrer Reaktion. Wie konnte das passieren? Ich verdammte den Alkohol...
"Wie? Du und Bill?" "Ja", gab ich kleinlaut zu, wich ihrem Blick aus. "Du verarscht mich! Komm, auf so was fall ich nicht rein. Jetzt sag mal, warum war er wirklich sauer?" Ich guckte sie bedeutungsschwer an. "Nein... ihr seid wirklich zusammen?" Ich konnte nur noch nicken. Stille. "Wie krass ist das denn? Du hast ne heiße Affäre mit deinem Halbbruder?! Ist ja wie im Kino"  Äh hallo? War bei ihr noch alles dicht? Oder war sie einfach nur besoffen? Ach Quatsch, nicht von 'ner viertel Flasche Berenzen. "Das ist nicht nur ne heiße Affäre, wir lieben uns wirklich" Sie beruhigte sich wieder und wurde zum Glück auch wieder ernster. "Und seit wann läuft das?" "Seit acht Wochen glaub ich...ach keine Ahnung, schon kurz nachdem wir in der Disco waren eigentlich, aber nicht so richtig, als ich mit Marco Schlussgemacht habe, waren wir schon zusammen" "Du bist zweigleisig gefahren? Mensch Lilly, ich erkenn' dich ja gar nicht mehr wieder"
"Du findest das nich schlimm?"
"Nein... wenn ihr euch liebt... könnt ihr doch nichts dafür. Außerdem sind dreckige Geheimnisse total spannend"
Mir fiel so ein Stein vom Herzen. Es war endlich raus. Ich musste nichts mehr vor Lisa verheimlichen und besser noch, sie hat total anders reagiert als gedacht. "Lisa? Erzähl es aber bitte keinem..." Sie guckte mich verständnislos an. "Wir kennen uns jetzt so lange... und du glaubst im Ernst, dass ich so was weitererzählen würde?" Ich schüttelte nur glücklich den Kopf.

 

32.
Am nächsten Morgen saßen Lisa und ich schon in der Küche und frühstückten, als die Zwillinge total verschlafen in der Tür standen. "Na ihr zwei? Auch endlich mal wach?!", sagte Lisa extra laut, um die beiden zu ärgern. "Boah nich so laut, es ist noch mitten in der Nacht", knurrte Tom. "Mitten in der Nacht? Tom, wir haben elf Uhr", gab nun auch ich meinen Senf dazu. "Sag ich doch" Müde ließ er sich auf den Stuhl neben Lisa plumpsen, drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Bill setzte sich über Eck neben Tom und blinzelte mich zuckersüß an. Ich musste gleich wieder an gestern Abend denken. Nein, hatten wir wirklich direkt neben Lisa und Tom hemmungslos rumgemacht? "Boah Lilly und Bill, ihr seid voll abgegangen gestern, habt nix mehr mitgekriegt", fing Tom auch schon mit dem Thema an und grinste dreckig. Na super, ja, wir HATTEN das getan. Na was soll's, ist jetzt eh zu spät. "Ich überleg schon die ganze Zeit, womit ich euch erpressen kann..." Empört starrte ich ihn an. "Sei mal nicht so vorlaut,  sonst überlegen Lilly und ich uns, wie wir EUCH erpressen können, Schatz!", sagte Lisa zuckersüß und küsste ihren "Schatz", der ihr auch nicht mehr wiedersprach. Tja, da wurde er wohl ganz kleinlaut. Bill starrte die ganze Zeit nur betont desinteressiert und verschlafen auf das Tischtuch, aber ich wusste, dass ihm grade das Herz in die Hose gesunken war.
"Was machen wir heute?", fragte Lisa in die Runde und ich war ihr extrem dankbar, dass sie das Thema wechselte. Bills und meine Knutscherei war echt das Letzte, worüber ich jetzt reden wollte. "Kein Ahnung... ich will irgendwo in die Stadt", schlug Bill vor. "Oh nee, dass wir wieder von dir in alle möglichen Läden geschleppt werden und dir hinterher helfen müssen, welches von den fünzigtausend T-Shirts dir besser steht, nein danke!", warf Tom gleich hinterher. "Super, weißt du was, dann machen wir zwei schön was alleine hier und ich denke Lilly und Bill kommen auch mal ohne uns zurecht, oder?!", Lisa zwinkerte mir unauffällig zu. "Klar, kein Problem, amüsiert euch mal ohne uns. Wir gehn shoppen, okay?" Bill nickte mir zu.
"Und, was hast du genau mit Tom vor?", fragte ich, als wir wieder im Zimmer waren und uns anzogen. "Keine Ahnung... mal sehn" "Lisa....", ich grinste sie vielsagend an. "Oh man!", sie schlug mit einem Kissen nach mir. "Obwohl... vorstellen könnt' ich's mir schon", schob sie dann etwas ernster hinterher. "Lass dich zu nichts überreden..." "Nein, ich.... ich glaube wir sind so weit" Ich nahm sie in den Arm. "Viel Glück... und viel Spaß!", wünschte ich ihr. "Euch auch!" "Danke" Ich ging aus der Tür, um Bill an seinem Zimmer abzuholen. Doch er war nicht da. "Er stylt sich noch", meinte Tom und rollte mit den Augen. Überflüssig, denn er brauchte immer mindestens genauso lang im Bad. Ich ging also rüber zum Bad und klopfte an die Tür: "Mach mal hinne, sonst verpassen wir den Bus und müssen Stunden lang warten!" Er riss die Tür auf und grinste. "Schon fertig, ich will doch wenigstens vernünftig aussehn, wenn ich mit dir weggehe" "Du bist immer schön", säuselte ich, worauf er mich küsste. Doch schnell lösten wir uns wieder voneinander, weil Tom gerade aus dem Zimmer kam. Dass der auch so ein Talent haben musste, wirklich IMMER dazwischen zu platzen...
Bill und ich schlenderten die Straße entlang zur Bushaltestelle, Hand in Hand, wie ein echtes Paar. Wir erwischten gerade noch so den Bus und tuckerten eine Dreiviertelstunde lang nach Münster in die Innenstadt. Der gesamte Tag war einfach traumhaft, wir konnten alles machen, was Paare eben so tun. Keiner kannte uns, niemand hatte auch nur den blassesten Schimmer davon, in welchem Verhältnis wir zueinander standen. Wir gingen shoppen, probierten die verrücktesten Teile an. Oh ja, Bill war ein Typ, der gerne shoppen geht, das muss man sich mal vorstellen, ist das nicht der Traum jeder Frau? Den Freund nicht nur als Tütenschlepper zu parken, sondern dass er genauso viel Spaß hat. Manchmal war es sogar ich, die genervt vor der Kabinentür stand und sich fragte, was da drinnen vor sich ging und warum er so lange brauchte. Wir stöberten in allen noch so kleinen Geschäften und großen Einkaufsketten. Vor der Hitparade in einem CD Laden blieb Bill stehen, zeigte auf die Nummer eins und behauptete überzeugt: "Da stehen wir auch irgendwann mal. Tokio Hotel - Durch den Monsun, Deutschlands neue Nummer eins!" "Klar, davon träumst du wohl!" "Richtig... glaubst du denn nicht an uns?" "Doch, mit dem Lied könnte ihr's echt schaffen", sagte ich, eher um ihn weiter träumen zu lassen, als aus eigener Überzeugung, obwohl es ja nicht ganz gelogen war, "Durch den Monsun" war echt ein toller Titel.
In der Nachmittagshitze verzogen wir uns in ein kleines, gemütliches Straßencafé und bestellten uns einen riesen Eisbecher "Forever Love", wie Tom und Lisa letztens in unserem Lieblingscafé. Kitschig wie eh und je fütterten wir uns gegenseitig und konnten es uns nicht nehmen lassen uns zwischendurch immer wieder zu küssen.  Als Bill noch die Sahne am Mundwinkel klebte musste ich total lachen, er guckte mich irritiert an und fragte: "Was?" Ich musste nur noch mehr lachen, weil er so süß verdutzt dreinschaute. "Du hast da was", sagte ich schließlich, als ich mich wieder beruhigt hatte. "Wo?" Ich beugte mich näher zu ihm "Na da...", und leckte die Sahne von seinen Lippen. Ich fühlte mich unglaublich gut, und vor allem frei, diesen Nachmittag. Es mag zwar komisch klingen, aber die banalsten Dinge schienen plötzlich so wunderbar. Wir konnten alles tun, musste nicht mit der Angst leben, dass uns irgendwer bei irgendwas "Verbotenem" erwischt. Ja, wir konnten diesen einen Nachmittag einfach alles machen. Immer wieder mussten wir stehen bleiben, uns küssen und der ganzen Welt zeigen, wie glücklich wir waren. Warum konnten wir nicht immer so ein Leben haben?
Nach unserer ausgiebigen Shoppingtour saßen wir an einer Art Brunnen, ließen die plattgelaufenen Füße ins kühle Wasser baumeln. Ich saß quer auf der Mauer. lehnte an Bills Brust und gemeinsam hingen wir stumm unseren Gedanken nach. "Hmm, was Lisa und Tom wohl grade machen?!" "Ich glaube, so genau willst du das gar nicht wissen", meinte Bill grinsend ."Meinst du echt, die..." "Ja klar, oder was sollten sie sonst tun wenn sie mal ungestört sind?" Ich antwortete nicht. Ungestört? Irene und Clemens waren eigentlich da, aber naja... Vielleicht waren die auch sonst wo, wusste ich ja nicht. "Ich find's komisch, dass die schon so lange zusammen sind...", riss ich das Thema irgendwann wieder an. "Ja... hätt' ich von Tom auch nicht gedacht, ehrlich gesagt. Er scheint es ja wirklich mal ernst zu meinen..." "Hmm" Wieder war ein paar Minuten Stille. "Oh, wir sollten vielleicht langsam wieder gehn, guck mal nach oben!" Ich schaute auf Bills Befehl hin in den Himmel und sah eine Wolkendecke aufziehen, die ein späteres Unwetter erahnen ließ. Etwas wiederwillig standen wir auf und machten uns auf den Weg zur Bushaltestelle. Doch als wir dort ankamen erwartete uns schon die nächste schlechte Nachricht: Der letzte Bus war vor einer halben Stunde abgefahren. Klar, ins Gammelkaff fährt Samstagnachmittags kein Bus mehr. "Na klasse.. und jetzt?", ich hoffte, dass Bill weiterwusste, doch auch der zuckte nur ratlos mit den Schultern: "Sieht so aus, als müssten wir laufen... " Cool, und das mit den Blasen, die ich mir schon den ganzen Tag gelaufen habe, na das wird ein Spaß. Außerdem kannten wir den Weg nicht mal richtig. Wir beschlossen, einfach der Buslinie immer bis zur nächsten Haltestelle zu folgen, irgendwann würden wir schon wieder in Billerbeck ankommen.
Geschlagene zwei Stunden waren wir jetzt schon unterwegs, meine Füße brannten wie Feuer. "Da zieht frau einmal hohe Schuhe an und dann so was!", fluchte ich. "Zieh die Schuhe doch aus" "Klar, ich lauf hier barfuß auf der Straße rum, wer bin ich denn?", meckerte ich ihn an, obwohl ich das eigentlich gar nicht wollte. "Du bist... meine Süße. Und jetzt zieh die Schuhe aus und heul mir nich die Ohren voll", sagte Bill schroff aber dennoch lieblich. Wie konnte ein Mensch das beides nur in Kombination bringen? Ich zog also die Schuhe aus, nahm sie in die Hand, Bills Hand in die andere und wir gingen weiter unseres Weges von dem wir uns nicht sicher waren, wo er uns hinbringen würde.
So langsam fing es an zu nieseln, ich guckte nach oben - der Himmel war pechschwarz. Aber eigentlich müssten wir bad da sein, hier war es schon wieder alles so ländlich. "Komm, wir gehn da durch den Wald, dahinter müsste der Hof sein", schlug Bill vor. "Sicher?" "Ja, das sieht hier genauso aus" "Bill, hier sieht alles gleich aus" "Nein, ich bin mir ganz sicher" Ich gab also nach und wir liefen einige Minuten durch den mittlerweile nassen Wald - ich natürlich barfuß. Es kam aber kein Bauernhof zum Vorschein, im Gegenteil, der Wald wurde immer dichter. "Ich hab doch gesagt, wir sind hier falsch" "Nein, hast du nicht, du hast nur gesagt, dass hier alles gleich aussieht!", wiedersprach mir Bill aber das brachte uns auch nicht weiter, ich hatte einfach schlechte Laune. Auf einmal fing es an, wie aus Eimern zu gießen, Liter um Liter prasselte auf uns nieder. Völlig durchnässt kämpften wir uns weiter durch die Büsche und den tiefen, weichen Waldboden. Als ich dann auch noch an so einem blöden Dornenbusch hängen blieb, der mir erst die Beine zerkratzte und dann auch noch mein T-Shirt zerriss, hatte meine Stimmung letztendlich ihren Tiefpunkt erlangt. "Bill warte, ich stecke fest!" Er drehte sich um, sah mich an und schmunzelte. "Jetzt lach nich so scheiße, sondern hilf mir gefälligst, du hast uns hier reingebracht und du holst uns wieder raus!", schrie ich ihn an. Sichtlich überrascht und perplex über meinen Wutanfall kam er schnell zu mir, hielt die Dornen beiseite, dass ich mich befreien konnte. "Jetzt sag ich, wo wir langgehen!", bestimmte ich und watete voraus. Mein löchriges Shirt, was glücklicherweise auch noch weiß war, klebte mir nass und durchsichtig am Körper, meine Füße waren voller Matsch und nassen Blättern, von meinen klitschnassen Haaren, die vor Wasser nur trieften und strähnig im Gesicht hingen ganz zu schweigen, mir war arschkalt und ich hatte so was von schlechte Laune, da konnte Bill sich schon glücklich schätzen, dass ich ihm nicht den Kopf abgerissen habe.
"Guck mal, da ist ein Freisitz!", meldete Bill sich das erste mal zu Wort, nachdem ich ihn zusammengeschissen hatte. "Ich weiß, was glaubst du, wo ich hinwill!", fauchte ich ihn an ohne zuzugeben, dass ich ihn vorher noch nicht gesehn hatte. Wir kletterten die morsche Holzleiter hoch, hoffentlich würde das Teil nicht einkrachen. Sicher sah es nicht gerade aus, aber etwas anderes blieb uns auch nicht. Glücklicherweise war die Tür offen und es drinnen trocken, so dass wir nicht noch nasser wurden, als wir sowieso schon waren. Wütend setzte ich mich in eine Ecke, in der nicht allzu viele Spinnweben waren und schmollte. Bill setzte sich neben mich, nur nicht zu nah, er konnte ja nicht wissen, ob ich ihn gleich umringen würde. Immerhin war es sein Idee gewesen, durch diesen beschissenen Wald zu laufen. Wir schwiegen uns eine Zeit lang an. Mir wurde jetzt richtig kalt und ich begann zu zittern. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und presste sie an meinen Körper, doch es half nichts. Zaghaft legte Bill einen Arm um mich und zog mich dicht an sich, um mich mit seiner Körperwärme zu wärmen. Dankbar lehnte ich an seiner Schulter und rückte noch ein bisschen näher. Das einzige Geräusch war der strömende Regen, der auf das Dach des Jagdfreisitzes prasselte.
"Tut mir leid... ich wollte dich nicht so anschreien", unterbrach ich die Stille. "Schon okay, aber ich dachte echt, das wär 'ne Abkürzung" "Ja du hast auch keine Ahnung. Hättest du mal lieber von Anfang an - " "Ssccchhhhht", er legte seinen Finger auf meinen Mund und sah mir tief in die Augen. "Der Augenblick ist das einzige, was zählt, den kann uns keiner mehr nehmen... nur du und ich", flüsterte er, legte seine nassen Lippen auf meine. Sie waren kalt, und doch wurde mir warm. Aber die Wärme kam nicht von außen, sie kam aus meinem Herzen, saß tief in mir drin und breitete sich in meinem Körper aus. Bills Zunge glitt vorsichtig in meinen Mund, suche nach meiner und fand sie, tastete sie langsam ab, umkreiste und massierte sie. Er verwöhnte mich mit allen Mitteln der Kunst um unseren kleinen Zoff von eben wieder gut zu machen. "Ist doch ganz schön hier, oder nicht?!", fragte er grinsend. Man hätte schon fast glauben können, er hat das extra gemacht, hat geplant, dass hier irgendwo ein Hochsitz sein musste, in den wir klettern könnten um zu warten, bis der Regen nachlässt, und wir ein wenig Zeit für uns haben.
Ich ließ meinen Blick über ihn wandern, wie er da so neben mir kauerte, die Beine angewinkelt und an den Körper gezogen, total durchnässt. Das T-Shirt klebte ihm hauteng am Leib und eine Gänsehaut zeichnete sich auf seinen zierlichen Armen ab. Seine Haare waren genauso nass wie meine, platt, und das ganze Styling von heute Vormittag war dahin. Die Augen noch immer mit gekonntem Schwung in schwarz umrandet. Ich fragte mich, warum er wasserfeste Schminke benutzte und ich nicht. Vielleicht weil ich mich nie ganz so auffällig schminkte?! Ich strich mit dem Finger unter dem Auge her, er war schwarz. Okay, mein ganzes Gesicht musste mit Wimperntusche verschmiert sein, also wischte ich der Vollständigkeit halber noch über meine linke Wange, sodass das Gröbste beseitigt sein musste.
Ich spähte durch das kleine, dreckige und von Spinnweben volle Fenster, noch immer regnete es in Strömen, als wäre Jahre lang kein einziger Tropfen vom Himmel gefallen. Wie der Monsunregen in Indien. Das Wort "Monsun" zauberte mir ein verträumtes Lächeln auf die Lippen. Hatte ich mir nicht gewünscht, diejenige zu sein, für die Bill durch den Monsun läuft, als ich das Lied zum ersten Mal gehört habe? Damals, im Proberaum mit war, den Morgen nachdem Bill und ich in der Disco getanzt hatten und Marco so eifersüchtig auf ihn war. Das alles schien mir so weit weg, entfernt und irreal. Ich hatte versucht, diese Verwirrung, meine Gefühle für Bill zu verdrängen und jetzt war ich hier, mit ihm, zusammen sind wir durch den Monsun gelaufen, er für mich, ich für ihn. Mir wurde gerade klar, was für ein Glück ich eigentlich hatte. Ich meine, okay, ich bin in meinen Halbbruder verliebt, aber er liebte mich auch, es hätte auch anders kommen können. Wenn er nicht dasselbe für mich empfinden würde, ich müsste jeden Tag mit dem Gedanken aufwachen, ständig und unausweichlich in seiner Nähe sein und stets mit der Gewissheit leben, dass wir nie zusammen sein könnten, ihn niemals so berühren zu dürfen, wie ich es mir doch sehnlichst wünschte. Ich musste nichts mehr vor meiner besten Freundin verheimlichen, sie unterstützte mich sogar. Warum in aller Welt fand ich nur immer einen Grund zu meckern, daran zu zweifeln, dass das Leben schön ist? Ich war echt verrückt...
"Woran denkst du?" Ich drehte mich wieder zu Bill, der immer noch neben mir saß und mich beobachtete. "Ach, über alles und nichts..." Ich lehnte mich an seine Schulter und schloss die Augen, roch Bills Duft, spürte seine Wärme und genoss einfach die Zweisamkeit. Ein ganze Weile saßen wir noch dort bis es zu regnen aufgehört hatte und wir weitergehen konnten. Etwa ein halbe Stunde später kamen wir dann auch endlich an, nass bis auf die Knochen, fix und fertig, die Füße schmerzten. Völlig erschöpft tapsten wir die Treppe hoch, trennen uns oben, ich ging nach links in Lisas und mein Zimmer, Bill nach rechts in seines. Als ich die Zimmertür öffnete saßen Lisa und Tom auf dem Bett, eng aneinandergekuschelt und sahen total glücklich aus. "Na ihr beiden?", begrüßte ich sie. "Wie siehst DU denn aus?", Lisa sprang auf und lief auf mich zu. "Der Bus war schon abgefahren als wir an der Haltestelle waren, wir mussten laufen und sind natürlich genau in den Regen gekommen. Wegen Bill haben wir uns in irgendeinem Wald verirrt, mussten durch die Büsche kriechen und haben uns dann in einem Freisitz versteckt bis der Regen vorbei war", ratterte ich alles runter und wollte mich einfach nur noch aufs Bett schmeißen, doch Lisa hielt mich ab: "Ja, guck dich doch mal an, du machst doch alles nass und dreckig. So, du gehst jetzt erst mal duschen!" Das hielt ich auch für eine gute Idee, mir war nämlich immer noch kalt. Ich suchte mir schnell ein paar Sachen zusammen und ging duschen. Als ich fertig war stand auch schon Bill vor der Tür, der wohl dieselbe Idee hatte.
Eine halbe Stunde später saßen wir dann alle in der Küche, immerhin hatten wir kein richtiges Mittagessen, und es war schon halb elf, nicht dass ich Hunger hätte oder so... ^^ "Lilly, würd's dir was ausmachen, mit mir Betten zu tauschen für die Nacht?", fragte mich Tom. "Ne, kein Problem. Mir ist scheißegal, Hauptsache irgendein Bett", antwortete ich müde. Wenn ich mal nachrechnete müssten wir so ca. drei Stunden unterwegs gewesen sein, ich wollte nur noch ins Bett. Nach dem Essen trotteten wir die Treppe hoch, ich ging direkt in das Jungs-Zimmer und schmiss mich in irgendein Bett. Bill war anscheinend noch bei Tom und Lisa. Auch dreist von ihm, die konnten sich bestimmt Besseres vorstellen, als so lange mit ihm zu labern, bis er endlich müde wird und abhaut. Als ich schon fast eingeschlafen war, öffnete sich die Tür für einen Moment, dann schloss sie sich wieder und leise tapste jemand auf mich zu. Erhob die Decke und legte sich zu mir. Bill drückte mir einen Kuss auf die Wange und flüsterte: "Gute Nacht", bevor er einen Arm um mich schlang und ich auch schon ins Land der Träume fiel.

 

 

33.
Die ersten Sonnenstrahlen kitzelten meine geschlossenen Augenlieder. Es war Morgen. Langsam wurden meine Glieder wach, ich spürte meine Arme und Beine, ebenso wie den Arm, der um meine Taille geschlungen war und das gleichmäßige Klopfen des Herzens der Person, die dicht an mich gekuschelt hinter mir lag. Die Wärme, die von ihr ausging, die Vertrautheit, die uns verband und den gleichmäßigen, ruhigen Atem, den er leicht in meinen Nacken pustete. Wenn meine Augen nicht sowieso zu wären, hätte ich sie jetzt geschlossen, einfach um den Moment zu genießen und festzuhalten, den Augenblick, neben demjenigen aufzuwachen, den ich über alles liebte, demjenigen, dem mein Herz gehörte, demjenigen, für den ich bereit wäre zu sterben. Schon lange hatte ich es mir gewünscht, mit Bill zusammen einzuschlafen und wieder aufzuwachen, gemeinsam die Nacht zu durchstehen und in den Tag zu starten, die ganze Zeit zusammen zu sein. Ich legte meine Hand auf seine, die um mich geschlungen war, hielt sie fest und drückte ihn sachte an mich. Ich schmiegte mich in das warme, weiche Kopfkissen, fühlte mich einfach nur pudelwohl und glücklich. Ich war mir noch nie so sicher: Die Entscheidung, mit Bill eine Beziehung einzugehen war definitiv die richtige gewesen. Plötzlich bewegte sich Bill ein bisschen und grummelte: "Mhhh... Bist du schon wach?" "Hmm" Er küsste mich in den Nacken, sofort bekam ich Gänsehaut. Es war einfach unglaublich, was seine Berührungen in mir auslösten. Und obwohl wir jetzt schon über einen Monat zusammen waren reichten solche kleinen Gesten, wie dieser einzige Kuss, diese Berührung zwischen seinen samtig weichen Lippen und meiner Haut, schon aus, um mich in den Ausnahmezustand zu versetzen. Es war - zum Glück - noch keine Selbstverständlichkeit, dass wir zusammen waren. Ich war froh und dankbar für jede Sekunde, die wir zusammen sein durften, für jeden Kuss, den er mir schenkte, für all die Zärtlichkeiten.
"Wie spät ist es eigentlich?", fragte ich und gähnte. "Keine Ahnung, guck auf meinem Handy nach" Ich grabschte also nach Bills Handy, welches auf dem kleinen Tischchen neben dem Bett lag und stellte leider fest, dass es schon 11 Uhr war. "Ich glaube wir sollten langsam aufstehn, Tom und Lisa sind bestimmt auch schon wach" "Und hundertprozentig mit sich selbst beschäftigt. Was die können, können wir schon lange", beendete er den Satz. Obwohl ich ihn nicht sah, wusste ich, dass er teuflisch grinste. Ich drehte mich um und blickte einem verschlafenen, jedoch wie vermutet grinsenden, Bill entgegen, dessen Augen feurig aufleuchteten. Er zog mich wieder zu sich und drückte seine Lippen auf meine. Die Begierde, die er mir gegenüber preisgab, ließ mein Herz hüpfen und gab mir eine gewisse Genugtuung. Seine Hand grabbelte unter mein Top, ich hätte schon wieder unter seinen Berührungen zerfließen können aber so leicht wollte ich es ihm heute nicht machen. Ich löste mich von ihm, schlug die Bettdecke hoch und stand auf. "Ich geh duschen" Er schaute mit flehend an, hier zu bleiben, doch ich ließ ihn zappeln und verschwand schmunzelnd durch die Tür. Auf dem Flur kam mir direkt Lisa entgegen. "Und? Wie fühlt man sich als FRAU?", neckte ich sie gleich mit einem vielsagenden Blick. Doch anscheinend ließ sie heute nichts ärgern. Sie antwortete nur gut gelaunt "Gut" und grinste. "Ne!", schrie ich "Ihr habt's echt getan?", fügte ich etwas leiser hinzu, musste ja nicht gleich das ganze Dorf alles wissen. "Jetzt halt mal die Klappe! Ja, verdammt!" Ich jubelte und drückte sie einmal fest.
"Deiner is' aber auch nicht schlecht", nuschelte Lisa mir ins Ohr. Ich guckte sie geschockt an. Sie blickte grinsend in Richtung hinter mich, ich drehte mich um und sah Bill aus dem Zimmer kommen. Ich sog die Luft zwischen den Zähnen ein, er war, bis auf die rote hautenge Boxershorts, die irgendwo auf halb acht hing und drohte, in den nächsten paar Sekunden runterzurutschen, unbekleidet und ich muss sagen, er sah verdammt sexy aus. Jetzt bereute ich es schon wieder, dass ich ihn grade abgewiesen hatte. Ich drehte mich wieder zu Lisa, formte ein "MEINER!" mit den Lippen und schob sie in ihr Zimmer. "Ich dachte, du wolltest duschen", meldete sich Bill nun zu Wort. "Wollte ich auch..." ich ging ein paar Schritte auf ihn zu und strich mit meinem Ziegefinger über seine nackte Brust. "Ich wüsste da aber was Besseres...", fügte ich mit einem schelmischen Grinsen hinzu. Er drückte mir einen kurzen aber intensiven Kuss auf den Mund, sagte "Ich geh duschen" und ließ mich einfach stehen. Ich weiß nicht, warum, aber ich wusste ganz genau, dass er selbstgefällig vor sich hingrinste, als er noch extra mit den Hüften wackelnd langsam Richtung Bad schlenderte und sich sicher war, dass ich ihn noch beobachtete. Wie war das noch mal? So wie man in den Wald ruft kommt es zurück? Ich hasste Sprichwörter... vor allem wenn sie stimmten.
Eine ganze Stunde lang hatte ich noch warten müssen, bis die Diva endlich fertig war und auch andere Leute das Bad betreten durften. Schön nur für mich, ich musste mich dann extrem beeilen, weil wir ja den Zug nicht verpassen durften. Total schlecht gelaunt und abgehetzt hatten wir es dann doch noch geschafft. Bill hatte mich die ganze Zeit nicht wirklich beachtet, er hatte mich nur die ganze Zeit so blöd angegrinst, als ich wie ein aufgescheuchtes Huhn rumgewuselt bin um meinen ganzen Krimskrams zusammen zu suchen, während er seelenruhig auf dem Bett saß. Ich hatte schon fast das Gefühl, dass es ihm Spaß machte, dass ich mich so aufregte und wegen ihm unter Zeitdruck stand. Es war ganz klar seine Rache für heute Morgen.
Am Nachmittag mussten die Jungs dann noch mal sich mit Gustav und Georg treffen, weil Morgen - wie ich es netterweise heute auch mal erfahren habe - wohl ein wichtiger Schülerbandwettbewerb stattfinden sollte. Ich saß oben in meinem Dachzimmer, mir war total heiß und ich hatte einfach nur schlechte Laune. Die ganze Zeit grübelte ich darüber nach, warum, doch im Grunde wusste ich es die ganze Zeit und wollte es mir nur nicht eingestehen. Auf der einen Seite ärgerte ich mich noch immer ein wenig über heute morgen, größtenteils aber, weil es eigentlich meine Schuld war, und ich war enttäuscht, dass ich schon wieder hier alleine rumsaß, während Bill und Tom Spaß hatten. Aber die Musik war ihm einfach sehr wichtig - wichtiger als ich? Ach Quatsch, Lilly, jetzt mach mal 'nen Punkt, du steigerst dich da in was rein. Ich musste eben akzeptieren, dass ich nicht das Einzige sein konnte, worum Bill sich kümmerte, und ich wollte doch auch nicht von ihm abhängig werden, das war ich jetzt schon zur Genüge. 
Am nächsten Morgen mussten wir alle früh aufstehen. Schon um 7 Uhr war es ziemlich warm und es sollte, genau wie immer in letzter Zeit, ein sehr heißer Tag werden. Ich suchte mir also passende Klamotten raus - ein kurzer, roter Flatterrock aus leichtem Stoff, ein schwarzes Neckholdertop und schwarze FlipFlops. Direkt nach dem Frühstück fuhren wir auch schon los Gustav und Georg abholen. Jörg musste sowieso wegen der Instrumente und all dem Kram einen Kleinbus mieten, da passten wir dann auch alle rein. Ich vorne auf dem Beifahrersitz und die Jungs alle schön hinten, das aufgekratzte Gequake hätte ich anders auch kaum ausgehalten. Pünktlich um 10 waren wir dann auch endlich in Köln auf dem Gelände. Eine Freilichtbühne war dort aufgebaut vier Sitze davor für die Jury und hinter diesen dann eine Absperrung, wo später das Publikum stehen würde. Ich hatte zwar noch nie etwas von solchen Festivals gehört, aber wie mir einer von den Leuten dort erklärte, waren sie ziemlich beliebt und jedes Jahr gern gesehen. Zum Glück war hinter der Bühne eine Art Backstagebereich aufgebaut, wenn auch nur notdürftig. Aber immerhin ein Pavillon für jede Band, darunter ein paar Stühle und Tische und an einigen Ständen konnte man Eis, Pommes und Getränke kaufen.
Ich unterhielt mich die meiste Zeit mit Jörg, er erzählte mir, dass die Jungs schon an vielen Wettbewerben teilgenommen hatten und manchmal die Wochenenden ziemlich stressig wurden. In den vergangenen Monaten seien nur wenige Veranstaltungen gewesen, deswegen hatte ich es auch noch nicht mitbekommen. "Tokio Hotel" hätten hier aber schon letztes Jahr mitgemacht und wären ganz knapp dritter geworden. Echt schade, ich gönnte es ihnen wirklich, denn sie machten echt gute Musik. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Da kamen auch schon Georg, Tom und Gustav von ihrem Ausflug über das Gelände zurück. "Wo habt ihr denn Bill gelassen?", fragte ich und nahm einen kräftigen Schluck aus meiner Cola. "Bestimmt wieder Mädels anbaggern", meinte Tom, ich verschluckte mich fast, ließ mir aber nichts anmerken, da mir kurz darauf klar wurde, dass es nur ein dummer Scherz war, weil Georg und Gustav lachten. Mann...
"Dafür, dass er auf Toilette ist, ist Bill aber schon ziemlich lange weg", stellte ich nach einer halben Stunde fest. "Ich geh ihn mal suchen" Immerhin sollte bald der "Soundcheck" anfangen, wusste ich gar nicht, dass es so was gibt, und den dürfte er auf keinen Fall verpassen. Ich fragte mich also durch in Richtung der Toiletten und wer sagt's? Auf dem Weg fand ich Bill, der total verlassen herumirrte. "Bill!", rief ich ihn. Er drehte sich um und machte ein erleichtertes Gesicht, als er mich erkannte. Von seinem Orientierungssinn, haben wir ja vor zwei Tagen in Billerbeck schon eine kleine Kostprobe bekommen^^. "Du bist meine Rettung" Ich lachte und schlang trotz der Hitze meine Arme um seinen Nacken um ihn zu einem Kuss an mich zu ziehen. "Komm, sonst verpasst du noch den Soundcheck"
Gegen vier Uhr hatten alle Bands ihren Auftritt hinter sich und die Jury zog sich zur Beratung zurück. Also, wenn es nach dem Publikum und nach mir ginge, hätten Tokio Hotel jetzt schon mit Abstand den ersten Platz erreicht. Es sollte aber noch ein Finale geben, zwischen den besten drei Bands. Komisch eigentlich, in einem Finale sind doch normalerweise immer nur zwei Kandidaten, naja mir sollte es recht sein, denn wie sich nach einer halben Stunde Wartezeit herausstellte, waren die Jungs im Finale. Sie freuten sich wie als hätten sie schon gewonnen und ich mich mit ihnen. Doch viel Zeit zum Jubeln blieb nicht, die Zuschauer wurden langsam ungeduldig, verständlich bei einer solchen Hitze, und es musste weitergehen. Jörg und ich stellten uns als wieder an die Seite der Bühne und beobachteten die Bands. Die Konkurrenz war nicht schlecht, das musste man schon sagen, aber ich hört nur halbherzig zu, da ich mich so auf den Auftritt freute.
Als die vier Jungs die Bühne betraten schlug mein Herz bestimmt mindestens genauso heftig wie ihre, ich war total nervös und fühlte mit. Dann erklangen die ersten Töne von "Durch den Monsun" und es war endgültig um mich geschehen. Ich war einfach nur noch happy, schaute der Band und vor allem Bill zu, nahm die ganze Atmosphäre in mir auf und war mir sicher: Die würden gewinnen. Wieder tosender Applaus. Ich wusste einfach, dass das Lied bei den Menschen ankommt, genau wie bei mir. Es war irgendwie ungeschriebenes Gesetz, aber für mich war es mein Lied, Bills Lied, unser Lied. Wir zogen uns wieder in unseren Pavillon zurück und warteten auf das Ergebnis der Jury. "Ihr müsst einfach gewinnen! Ihr wart die besten!", textete ich sie die ganze Zeit zu. Dann wurden sie wieder auf die Bühne gerufen, ich umarmte alle einmal und wünschte ihnen viel Glück. Dann hasteten Jörg und ich wieder zu unserem Platz um nichts zu verpassen. Alle drei Finalisten standen dort, während ein Mann Mitte 30 irgendwas laberte.
"Also, die Jury hat entschieden. Die Wahl ist echt nicht leichtgefallen, aber ein Ergebnis musste her. Der dritte Platz geht an "FANtastic"! Herzlichen Glückwunsch!" Die fünf Mädchen bekamen alle eine Bronzemedaille und eine Urkunde. "Okay okay, jetzt wird es spannend. Entweder "SchoolRockers" oder "Tokio Hotel", was meint ihr?" Die Menge applaudierte, es waren sogar einzelne "Tokio Hotel" Rufe zu hören. "Es war echt schwer, sicher werden beide Bands noch ihren Weg machen, sie haben großes Talent. Sieger des heutigen Abends ist - " ich guckte in die Gesichter der Jungs, alle angespannt bis zum Geht-Nicht-Mehr. "SchoolRockers!" Mein Herz sank in den Boden als er den Namen der anderen Band aussprach. Tokio Hotel verhielten sich ehrenhaft, beglückwünschten die Sieger, so wie die Dritt-Platzierten und nahmen dankend ihre Medaillen und Urkunden an. Ich lief zum Pavillon zurück, die Jungs kamen bald darauf. Die Enttäuschung schien ihnen ins Gesicht geschrieben. Mitleidig schaute ich Bill an, als er mit hängenden Schultern angeschlurft kam und seine Medaille auf den Tisch knallte. Ich stand auf und nahm ihn in den Arm. "Hey... ihr wart doch super! Das Publikum hätte ganz sicher für euch gestimmt...", versuchte ich ihn zu trösten. Am liebsten hätte ich ihn jetzt noch geküsst, aber das ging ja leider nicht...

 

 

34.
Nach 3 Wochen war der Frust längst wieder vergessen, die Ferien neigten sich dem Ende und die Hochzeit stand vor der Tür. In den letzten Tagen hatte sich wirklich alles nur darum gedreht, Einladungslisten anfertigen, Einladungen schreiben, Festsaal mieten, Unterkünfte für Gäste suchen, Essen auswählen, Klamotten kaufen und und und... Als ich mit meiner Mutter im Brautgeschäft war, das war toll. Wie ein Traum, ich war so angetan von diesen ganzen schönen Kleidern, hätte sie am liebsten alle selbst anprobiert und gekauft aber wir waren nun mal wegen meiner Mutter da. Ich glaube, es ist eigentlich der Traum jedes Mädchens, einmal in einem wunderschönen, weißen Brautkleid seine große Liebe zu heiraten und für immer zusammen zu bleiben. Aber vielleicht war meine Einstellung zu diesem Thema ein bisschen veraltet. Wenn ich mir nur mal meine Familie betrachtete: Mutter Geschieden, Vater geschieden, jetzt heirateten beide zum zweiten Mal. Und Bill könnte ich sowieso niemals heiraten. Gut, gut, so weit will ich mit meinen Gedanken jetzt gar nicht gehen, wir waren grade mal zwei Monate zusammen. Ja, seit zweieinhalb Monaten trieben wir jetzt unser kleines Versteckspiel. Aber es waren bis jetzt die schönsten zwei Monate meines Lebens. Ich erwischte mich oft dabei, wie ich Bill mit Marco verglich, kam aber immer zu dem Schluss, dass es mit Bill besser war. Es erfüllte mich einfach, er machte mich fast wunschlos glücklich und gab mir das Gefühl etwas ganz besonderes zu sein. Nicht dass Marco mich schlecht behandelt hätte, aber es war einfach.... anders, es gab mir so ein unglaublich tolles Gefühl, wenn er mir sagte, dass er mich liebt, oder mich einfach im Arm hielt. Diese Beziehung machte mich stark und glücklich, ich lief fast permanent lächelnd durch die Welt, hatte nie schlechte Laune. Aber was mich fast noch glücklicher machte war, zu sehen, wie ich auch Bill gut tat, wie stark seine Gefühle mir gegenüber waren und was ich in ihm bewegen konnte, zu sehen, was ich ihm geben konnte.
Am letzten Ferientag, einem Sonntag, sollte die Trauung stattfinden. Das hieß natürlich früh aufstehen. Und auch wenn ich dies hasste, überwog doch die Vorfreude, ich hatte mich fast genauso wie meine Mutter auf diesen Tag gefreut, es war einfach schön, sie so glücklich zu sehen. Ich weiß, vor ein paar Monaten habe ich noch ganz anders über diese Sache gedacht. Ich wollte Jörg loswerden, hatte gehofft, dass er schnell wieder verschwindet. Aber jetzt war alles anders. Meine Mum war glücklich, und ich kannte jetzt meinen echten Vater, der zugegebenermaßen richtig cool war, ich hatte Tom, einen echt coolen Bruder und Kumpel und das Beste: Durch ihn hatte ich Bill kennen gelernt. Und Bill war das Beste, was mir passieren konnte.
Ich wälzte mich also aus dem Bett und stieg erst mal unter die Dusche. Ich zog mein knielanges Apricot-farbenes Brautjungfernkleid an und föhnte mir die Haare kunstvoll mit einem Lockenstab, sodass ich leichte verspielte Wellen in den dunkelbraunen Haaren hatte. Heute schminkte ich mich etwas aufwendiger mit zusätzlich zum Kajal, mit dem ich mich sonst immer schminkte, Eyeliner, Mascara und Apricot-Lipgloss. Irgendwie gefiel ich mir heute. Ich legte ein wenig Parfum auf, "SUN" by Jil Sander, perfekt passend zum sonnig-warmen Wetter. Nachdem sich Bill und Tom auch fertig gemacht hatten konnten wir auch endlich los. Oh ja, Bill und Tom hatten sich in Schale geschmissen. Tom trug eine schwarze, etwas engere Hose als sonst und ein weißes Herrenhemd, allerdings hatte er darauf bestanden, den obersten Knopf aufzulassen und den Kragen hochzustellen. Aber ich muss schon sagen, sah gar nicht mal schlecht aus. Die Dreads hatte er wie immer zu einem Zopf gebunden, aber kein Cap auf. Bill überraschte mich zutiefst mit geglätteten Haaren (wie es mir persönlich eh besser gefiel^^) in einem creme-weißen Anzug, darunter eine schwarze Bluse, soweit das erkennbar war. Er sah, wenn es mir erlaubt ist das so zu sagen, rattenscharf aus. Jörg fuhr Bill, Tom und mich schon mal zur Kirche, wo auch die meisten Gäste schon warteten. "Komm mal mit!", Bill zog mich hinter sich her zu einer Frau, vielleicht etwas älter als meine Mutter, rotblond und sehr sympathisch. "Lilly, das ist unsere Mutter. Mum, das ist Lilly" "Ähm... hallo" ich schüttelte ihr die Hand, sie schenkte mir ein freundliches Lächeln. Wir unterhielten uns ein bisschen und es stellte sich heraus, dass sie die zweite Brautjungfer war. Ich wunderte mich ein bisschen darüber, aber naja, Eltern sind eben kompliziert und unverständlich. Ich fand es gut, dass Jörg und Siemone (Bills und Toms Mum) sich trotz Scheidung noch so gut verstanden. Ist ja auch irgendwie besser, vor allem für die Kinder.
Während des Gottesdienstes war ich manchmal fast den Tränen nahe. Ich steh zwar nicht wirklich auf Kirche und so nen Kram, aber eine Hochzeit ist was anderes. Es war irgendwie ein komisches Gefühl, die Hochzeit der eigenen Mutter zu erleben, aber ein sehr schönes dazu. Ab und zu schweifte mein Blick zu Bill, der natürlich neben Tom in der ersten Reihe saß, und mir verliebte Blicke zuwarf, sobald er mich bemerkte. Hinterher fuhren wir mit allen Gästen in einen riesigen Festsaal, den wir gemietet hatten. Ich fand solche riesigen Familientreffen immer irgendwie ein wenig anstrengend, wenn die ganze bucklige Verwandtschaft aufeinanderhockt. Vor allem jetzt gehört Jörg auch zu meiner Familie, also war seine, Toms und Bills Familie auch meine Familie. Es dauerte ewig, bis wir uns wenigstens alle ein bisschen vorgestellt und geredet hatten, nicht selten sagten mir die Leute, was für ein schönes Kleid ich anhätte und was für eine "hübsche junge Dame" ich doch sei. Das war mir irgendwie peinlich, ich hatte schon fast das Gefühl, meiner Mutter ein wenig die Schau zu stehlen^^. Glücklicherweise war das nur meine Ansicht.
Nach einem ewig langen 7-Gänge Menu, während dem ich - zum Glück, nachdem ich meine Mutter stundenlang bearbeitet hatte - nicht zwischen allen Tanten und Onkels, sondern bei Bill und Tom sitzen durfte, fing Tanzmusik an und es wurde Platz gemacht für ein Parkett, auf dem Jörg und Mama ganz traditionell als erstes tanzen mussten.
Ich saß gerade am Tisch und beobachtete die Leute, von denen ich vielleicht die Hälfte kannte, als plötzlich eine Person neben mir stand und fragte: "Darf ich bitten?" Ich drehte mich um und sah erstaunt in Bills Gesicht. "Was denn?" "Na tanzen?!" "Du kannst tanzen?", fragte ich skeptisch. "Na klar!" Er zog mich von meinem Platz hoch und führte mich auf die Tanzfläche. Ich kam mir ein wenig beobachtet vor, war das nicht auffällig? Würden wir uns verraten? Ach Quatsch, die Leute sind alle mit sich selbst beschäftigt, und was ist schon dabei, mit seinem Bruder zu tanzen? Zu meinem erstaunen konnte Bill wirklich tanzen, ich fragte mich, woher, ließ die Sache aber ungeklärt. "Hab' ich dir heute schon gesagt, wie toll du aussiehst?", flüsterte er mir ins Ohr. "So weit ich mich erinnern kann nicht", ich grinste ihn an. "Na dann sag ich's jetzt, du bist wunderschön" Ich legte meinen Kopf an Bills Brust und lauschte seinem Herzschlag während wir uns langsam im Takt bewegten. "Ist dir auch so heiß hier drin?" "Hmm" "Komm, wir gehen raus", Bill zog mich an der Hand durch die Menschen durch nach draußen. Vor dem Festsaal war eine riesige Parkanlage, in der sich auch einige Menschen aufhielten um das schöne Sommerwetter zu genießen und sich die Beine zu vertreten.
Es war schon spät am Nachmittag, die Sonne stand ziemlich tief und warf lange Schatten. Wir schlenderten durch den Park, der eine wunderschöne Kulisse abgab. Lange liefen wir schweigend nebeneinander her, bis wir an einer ziemlich verlassenen Stelle angekommen waren, wo ein Wald anfing. "Sollen wir zurückgehen?" "Hmm.. lass doch hier bleiben, hier sind wir ungestört" Schon bei dem letzten Wort hatte er ein schelmisches Grinsen auf den Lippen und drängte mich in den Wald, rückwärts, bis ich gegen einen Baum stieß. "Wusstest du, dass der Anzug dir einfach wunderbar steht? Darin siehst du richtig... heiß aus" "Bin ich das nicht immer?" "Uh, werd nur nicht überheblich" Und ehe ich noch etwas hätte sagen können spürte ich schon seine Lippen auf meinen. Schnell und hungrig glitt Bills Zunge in meinen Mund und begann ein heftiges und leidenschaftliches Spiel mit der meinen. Bei jeder Berührung wurde das Kribbeln in meinem Bauch heftiger, ich legte meine Hände um seine Taille und zog ihn dichter an mich ran. Der wunderbare Duft, der mir in die Nase stieg betäubte meine Sinne und ließ alles um uns herum unwichtig erscheinen.
Seine Berührungen, sein Duft und Bills hitziger Körper, mit dem er mich immer mehr gegen den Baum drängte, ließ Erregung in mir aufsteigen. Genüsslich warf ich meine Kopf in den Nacken, als er viele Küsse an meinem Hals entlang verteilte und den Träger meines Kleides über die Schulter schob. Mein Herzschlag verdoppelte sich, ich krallte meine Finger in die Rinde. Unglaublich, was dieser Kerl mit mir anstellte. Ich wollte ihn spüren, ihm nahe sein. Ließ meine Hände über sein wohlgeformtes Hinterteil gleiten und drückte sein Becken gegen meins. Doch als Bill nach dem Saum des Kleides griff und den Rock höher schob, läuteten bei mir die Alarmglocken. Nein, so wollte ich es definitiv nicht erleben. "Nicht hier!", raunte ich ihm ins Ohr und er verstand, ließ den Rock wieder nach unten fallen und küsste mich zärtlich. Schon allein dafür liebte ich ihn, dass er mich immer verstand, nie etwas tat, das ich nicht wollte oder mir wehtun könnte. "Mhh... ich liebe dich", seufzte er mir ins Ohr und guckte mir unheimlich lieb in die Augen. Ich küsste ihn. "Komm, lass uns wieder gehen, sonst fangen die noch an uns zu suchen"

 

35.
Montagmorgen musste ich wohl oder übel wieder früh raus, wobei es sich noch in Grenzen hielt, am ersten Tag nach den Sommerferien hat man ja immer erst zur zweiten Stunde. Unglaublich, jedes Jahr war es dasselbe Phänomen. Sechs ganze Wochen dauern die Ferien, zu Anfang gehen sie schleppend voran, es scheint so lang und wenn man sich gerade schön daran gewöhnt hat, sind sie auch schon wieder vorbei. Die ganzen Sommerferien hatte ich mit Lisa, Tom und Bill verbracht, Freibad, Eis essen, das Wochenende bei ihrer Tante, mal haben wir alle bei Lisa übernachtet, mal sie hier, noch zwei weitere Bandwettbewerbe, bei denen Tokio Hotel es wieder nicht geschafft hatten und zu letzt die Hochzeit. Es war eine schöne Zeit gewesen, wirklich ein "Super Sommer" und jetzt.... ja jetzt ging die Schule wieder los, Alltag, lernen, sich mit Lehrern rumschlagen. Ich kam jetzt in die 10. Klasse... 10. Ich konnte mich noch daran erinnern, wie ich an meinem ersten Schultag an diese Schule kam, gerade mal 10 Jahre alt, etwas eingeschüchtert und niemanden kannte ich. Da hatte ich Lisa gesehen, sie stand genauso einsam und verloren und ratlos rum wie ich, ich hatte mich dann endlich getraut und sie einfach angesprochen, sofort haben wir uns zusammengesetzt und das hatte sich bis heute nicht geändert. Damals waren die in der 10. immer so groß, alt und unglaublich erwachsen. Ich musste schmunzeln bei dem Gedanken, dass sie Fünftklässler wohl jetzt dasselbe von uns dachten. Dabei sah hinter den Kulissen alles ganz anders aus, wenn Lisa und ich alleine und unbeobachtet waren, waren wir manchmal kindischer und durchgeknallter als Grundschüler, warum jetzt schon erwachsen sein wenn wir es noch unser restliches Leben sein werden? Vor allem waren wir fünfzehn, bald 16, wer ist da schon erwachsen?
Auf dem Schulhof kam Lisa mir schon mit leicht angepisstem Blick entgegen. "Na, wie gehts?", fragte ich freundlich. "Lilly? Es ist Schule, das ist Grund genug für einen scheiß Tag" "Stimmt" Wehleidig betraten wir das Gebäude und machten uns auf den Weg zu unserem Klassenraum. Zum Glück hatten wir den vom letzten Schuljahr behalten, ich hasste immer dieses Chaos, wenn niemand wusste, wo er hinmusste und man hinterher alleine im verlassenen Gebäude rumstand und keinen Plan mehr hatte. Das war mir nämlich schon mal passiert und ich kann sagen, das war ein ziemlich beschissenes Gefühl. "Guten Morgen, ich hoffe ihr habt euch alle gut erholt und könnt jetzt voller Energie und Tatendrang ins neue Schuljahr starten!", meinte Frau Kühnen mit ihrer entsetzlichen Stimme, die ich in den letzten Wochen erfolgreich aus meinem Gedächtnis verbannt hatte. "Aber natürlich!", seufzte ich ironisch. Wie jedes Jahr diktierte sie uns den Stundenplan und gab alle möglichen Informationen, langweilig wie eh und je.
Ich war froh als ich den ersten Schultag endlich hinter mir hatte. Nachdem ich mich von Lisa verabschiedet hatte, schlenderte ich den Schulhof hoch. Als ich hochguckte sah ich Bill lässig am Zaun lehnen. Ich beschleunigte meine Schritte und fiel ihm um den Hals. "Was machst du denn hier?" "Dich abholen. Wir hatten eher Schluss" "Ist Tom auch hier?" "Nein" Ich küsste ihn. Wieder einmal hatte ich Trimilliarden von Schmetterlingen im Bauch als seine göttlich perfekten, weichen, leicht rosa Lippen auf meine trafen. "Schön, dass du gekommen bist" Hand in Hand schlenderten wir zur Bahnhaltestelle. An meiner Schule kannte niemand Bill und Tom, mit Ausnahme von Lisa und Marco, Lisa wusste, dass wir zusammen sind und Marco fuhr mit dem Fahrrad, würde uns also nicht sehen. "Die Leute an deiner Schule sind komisch...", stellte Bill fest als er seinen Blick über den von Menschen befüllten Gehweg rund um die Haltestelle schweifen ließ. "Ich weiß, meine Schule ist ja auch scheiße" "Komm doch zu uns" "Ja sicher..." Natürlich, ich wechsel einfach mal so die Schule, weil meine so gammelig ist. Bill spinnt doch. Ich wollte ihn grad küssen, doch als ich zufällig über seine Schulter guckte sah ich Sarah, Annika und Marisa auf uns zukommen. Sie waren in meiner Klasse und wir vier fuhren immer zusammen nach Hause. Scheiße, die hab ich ja voll vergessen! "Achtung, meine Freundinnen kommen, die hab ich ganz vergessen!", flüsterte ich Bill ins Ohr, denn ich war seinem Kopf schon so nahe, dass ich irgendetwas machen musste, sonst wäre das total auffällig gewesen. "Hey Lilly, du hättest ruhig warten können", meinte Annika. "Ja, hab ich vergessen, ich wollte so schnell wie möglich aus der Schule raus", sagte ich und zwinkerte ihr zu. "Und wer bist du? ... Hey, du bist doch Lillys Bruder Bills, stimmt's?", fragte Sarah, die neben ihm stand. Bill nickte. Urgh.... ach ja, sie kannte ihn flüchtig von ihrer Geburtstagsparty, zu der ich ihn mitgeschleppt hatte. Sie musterte ihn von oben bis unten, als sie ihm in der Bahn gegenübersaß. Bill guckte abwesen aus dem Fenster, er hatte wohl nicht mit den dreien gerechnet und sich das alles hier anders vorgestellt. "Dein Brüderchen ist ziemlich heiß", flüsterte mir Sarah ins Ohr. Na danke, das wollte ich hören! "Ihh Sarah hör doch auf!", überspielte ich jedoch den Keim an Eifersucht in mir. "Na endlich!", stieß Bill aus, als wir ausgestiegen waren und uns auf den Weg nach Hause machten. "Tut mir leid, aber wir fahren immer zusammen nach Hause... da konnte ich sie doch nicht einfach stehen lassen" "Schon okay..."
"Und? Gibt's irgendwas Neues?", fragte meine Mutter beim Mittagessen. Ich schüttelte nur den Kopf "Alles langweilig wie immer" "Hmmm", stimmte Bill mir zu, während er sich eine riesige Portion Lasagne in den Mund stopfte. "Obwohl... doch, wir haben einen Neuen in der Klasse... Andreas oder so" Ich schaute auf. Andreas? Irgendwie erinnerte ich mich an den Andreas aus dem Freibad und ich hoffte, dass er es nicht war. "Und? Wie ist der so?", versuchte ich beiläufig einzuwerfen. "Och ja... ganz okay. Ich dachte erst, der wär voll der Angeber, groß, muskulös, braungebrannt, dunkle Haare, blaue Augen... aber er wirkte recht nett", plapperte Bill munter weiter. Mir blieb bei seiner Beschreibung das Essen im Hals stecken. Es passte alles haargenau, und dass er auch noch Andreas hieß bedeutete nichts Gutes. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte ein ungutes Gefühl dabei, dass er jetzt mit Bill in Kontakt kam. "Jörg und ich werden die nächste Woche in Urlaub fahren, ich hoffe, ihr kommt allein klar" Wie jetzt? Schon in einer Woche? Und das sagen sie jetzt? Na wenn sie meinten... Aber die Flitterwochen hatten sie auch echt verdient, in den Sommerferien konnten wir nicht alle zusammen wegfahren, und alleine waren Mum und Jörg auch so gut wie nie. "Jaja, das schaffen wir schon", sagte ich und zwinkerte Bill unauffällig zu. Wenn Mum und Jörg schon mal aus dem Haus waren, und Tom mit Sicherheit auch irgendwann mal ausfliegen wird, dann waren wir endlich mal wieder allein. Das waren wir schon seit dem Wochenende nicht mehr, als wir uns zum ersten Mal geküsst hatten, und das war nun wirklich schon lange her. Ich freute mich jetzt schon riesig auf die nächste Woche.
36.
Endlich war Freitag, die erste Schulwoche gut überstanden und ein schönes Wochenende stand bevor. Mum und Jörg waren schon in der Früh irgendwo zu den Kanarischen Inseln aufgebrochen und uns erwartete eine ganze Woche sturmfrei. "Und? Was machst du am Wochenende?", fragte mich Lisa in Geschichte. Wir hatten uns zwar beide vorgenommen, dieses Jahr besser aufzupassen und nicht mehr so viel zu labern, aber es ging einfach nicht anders, da es mal wieder so was von öde war, dass einem, wenn man nicht reden oder sich anderweitig beschäftigen würde, die Augen zufallen würden. "Mal gucken... Haben ja sturmfrei" "Lilly?!", forderte Herr Hausmann mich plötzlich auf. Ich hatte natürlich keine Ahnung, wovon er gerade geschwafelt hatte und guckte ihn nur unschuldig und schweigend an, bis er sich wieder seinem Buch zuwendete. "Ich weiß... was hältst du davon, wenn ich Tom einlade, bei mir zu übernachten? Dann hast du deinen Bill mal ganz für dich allein..." "Boah danke! Du bist die beste!", quietschte ich glücklich und wohl etwas zu laut, denn Herr Hausmann warf mir einen ermahnenden Blick zu. Ich setzte wieder für zwei Minuten mein Engelsgesicht auf, bevor Lisa mit unserer Unterhaltung fortfuhr: "Aber dann nutz die Chance auch!", sie hob neckisch die Augenbrauen. Ich schenkte ihr einen empörten Blick. "Von dir lass ich mir gar nix sagen" "Ja langsam wird’s aber mal Zeit, findest du nich? Ach, und : vergesst die Kondome nicht!" "Man du Trottel, ich nehm doch die Pille" Ihr Grinsen wurde immer dreckiger. Klar würde ich gerne mit Bill schlafen, aber es musste einfach der richtige Moment kommen. Und ich nehm’ doch nicht die erstbeste Gelegenheit, nur weil wir mal so ein bisschen alleine sind. "Lilly, jetzt hör auf zu schwatzen, sonst schmeiß ich dich raus! Wenn du keine Lust hast dann geh doch!", schnautzte mich Hausmann an. Vielleicht wäre ich jetzt wirklich gegangen, aber ich wollte mir direkt in der ersten Woche nicht schon solche Klöpse leisten, also hielt ich brav den Mund und ignorierte jeden folgenden Versuch von Lisa, wieder mit mir zu reden. Das war nämlich immer so, sie fing an zu labern und ich bekam den Ärger.
Als ich vor der Haustür stand und in meiner Tasche nach dem Schlüssel suchte, fand ich ein verpacktes Kondom mit Zettel drangeklebt "Nicht vergessen! xP". Grrrrrr, den konnte mir nur Lisa vorhin heimlich untergejubelt haben. Ich ging in den Keller und holte schon mal drei Tiefkühlpizzen hoch, Bill und Tom würden bestimmt auch gleich kommen und dann ging das mit dem Essen schneller. Wir hatten zum Glück einen riesen Vorrat angelegt, wovon sollten wir sonst leben wenn Mum nicht da war?! Als sie gerade fertig waren klingelte es an der Tür. Das nenne ich Timing, du bist gut, Lilly! "Hmmm, lass mich raten, es gibt Pizza!", sagte Tom. "Man hab ich 'nen Hunger, du bist klasse!" Bill umarmte mich und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Ich schob ihn unsanft von mir weg. "Aber sonst gehts gut, ja?!" Tom lachte und setzte sich an den Tisch. "Wenn's ums Essen geht tickt er immer ein bisschen aus, müsstest du doch langsam wissen... aber normal ist DER ja sowieso nie" "Aber du oder was?", musste Bill gleich Kontra geben. "Na klar, ich mein... guck dich doch mal an, ist das normal, dass man von der Putzfrau aufs Frauenklo geschickt wird?" "Die haben eben alle keine Ahnung von Mode" "Wohl eher bist du der einzige, der das nicht hat..." "Ach halt doch die Klappe!" "Zicke!" "Macho!" "Reicht's langsam?! Ich hab kein Bock mir das die nächste Woche reinzuziehen!", blaffte ich die beiden an. Mit haargenau demselben Unschuldsblick guckten sie mich an. "Schrei doch nicht so..", gab Tom kleinlaut von sich. "Aber echt" Ja, jetzt waren sie sich komischerweise wieder einig. Jungs halt...
Am Nachmittag waren Tom und Bill erst mal bei der Bandprobe, wie eigentlich jeden Nachmittag. Manchmal nervte das schon, sie waren immerhin ein wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden, aber es war eben ihr größter Traum und einfach die Liebe zur Musik, da konnte und wollte ich gar nichts machen. Danach wollte Tom direkt zu Lisa, das hieß Bill und ich wären ab da die ganze Nacht alleine. Obwohl ich mich wegen Lisa dagegen sträubte, hatte ich doch so das Gefühl, dass es ein ganz besonderer Abend werden würde. Und ich wurde auch nicht enttäuscht, denn als ich nach dem Duschen in mein Zimmer kam, traf mich fast der Schlag. Bill war wohl schon gekommen, was ich gar nicht mitbekommen hatte, das Zimmer war abgedunkelt, in der Mitte, wo ein bisschen Platz war, hatte er ein großes Herz aus Teelichtern aufgestellt und diese angezündet, drum herum lagen einzelne Rosenblätter. Im Hintergrund dudelte langsame Musik. Ein braunes Augenpaar strahlte mich erwartungsvoll an. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte, damit hatte ich ja mal gar nicht gerechnet, wenn Bill wollte, konnte er hoffnungslos romantisch sein. Endlich löste ich mich aus meiner Erstarrung, ging mit wackeligen Knien auf ihn zu und drückte ihn an mich. "Ich liebe dich... jeden Tag mehr", sagte er. Ich sah ihn mit wässrigen Augen an und wusste, dass er es ernst meinte. Das war kein auswendig gelerntes Gesülze, es kam von Herzen. Und als ich ihn küsste und meine Augen schloss, kullerte eine einsame Träne über meine Wange.
"Mhh... ich hab' noch was für dich, setz dich mal aufs Bett" Ich tat wie mir befohlen. Irgendwoher hatte er plötzlich eine Augebinde und verband mir damit die Augen, dann hörte ich, wie er das Zimmer verließ. Nur kurz später kam er wieder. Das Bett neben mir senkte sich, was darauf schließen ließ, dass er sich gesetzt hatte. "Mund auf" "Was?" "Mach einfach, du musst mir nur vertraun..." "Okay" Ich öffnete zaghaft den Mund, und Bill schob irgendwas hinein. Ich traute mich fast gar nicht, irgendetwas zu tun, ich wusste ja nicht, was ich da im Mund hatte. "Na, du musst schon kauen", sagte er und ich vernahm ein Lachen in seiner Stimme. Ich biss zu, es war weich und ein bisschen körnig und schmeckte nach "Erdbeere" "Richtig! Und was ist das?" Er schob mir ein hartes etwas in den Mund, unverkennbar Schokolade. Er fütterte mich noch mit allerlei Köstlichkeiten, Kirschen, Trauben, Pralinen und was weiß ich alles. Auf einmal meinte er: "Zieh dein T-Shirt aus" Ich war etwas stutzig, tat es aber, immerhin hatte er sich so viel Mühe gegeben. Zwei warme Hände packten mich an den Schultern und drückten mich sanft auf die Matratze. Total gespannt wartete ich, was als nächstes passiert. Dann spürte ich etwas kaltes, zähflüssiges auf meinem Bauch und kurz darauf etwas warmes, Bills Zunge. So langsam fing dieses Spiel an, mir richtig Spaß zu machen, es war so ganz anders, wenn man nichts sah, man konzentriert sich viel mehr auf das, was man fühlt, riecht und schmeckt. Ich spürte viel intensiver Bills weiche, warm-feuchte Zunge, wie sie über meinen Bauch glitt, und das Zeugs von mir leckte, ich tippte mal darauf, dass es Honig war. "Was ist das? Honig?", vergewisserte ich mich. "Hmm... und was ist das?" Er küsste mich. Dieses Gefühl würde ich unter tausenden wiedererkennen. Seine Lippen, die unglaublich weich waren, wie er sie mit einem Druck, der doch so sanft war, auf meine legte, mich einfach zum schweben und meinen Puls zum rasen brachte. "Das ist die süßeste Versuchung seit es Männer gibt", grinste ich ihn an. Ich konnte mir genau vorstellen, wie auch er leicht lächelte, bevor er mich wieder küsste, sanft an meiner Unterlippe knabberte. Er schmeckte gut, ein bisschen noch nach Honig, aber auch ohne den unwahrscheinlich süß...
"Warte, ich hab noch 'ne Idee", er ließ von mir ab und verschwand wieder aus dem Zimmer. Als er wiederkam, löste er die Augenbinde wieder, ich sah, dass er eine Flasche Sekt in der Hand hatte. Er öffnete sie vorsichtig. "Du gestattest?", Bill setzte den Flaschenhals an und wollte wohl ein bisschen was in meinen Bauchnabel schütten, wie immer in dieser Werbung. Doch leider ging ein bisschen zu viel daneben, er musste meinen Bauch sauberlecken. Das kitzelte und der Sekt in meinem Bauchnabel prickelte, was es auch nicht gerade besser machte, sodass ich lachen musste, worauf wieder alles überschwappte. "Och du musst auch schon stillhalten, sonst geht das gar nicht", schmollte er. "Na dann zeig doch, dass du's besser kannst!" Ich zog ihm sein Shirt über den Kopf und schubste ihn aufs Bett. Ich biss mir auf die Unterlippe, als ich ihn so da liegen sah. Mein Freund war schon ein verdammt heißer Kerl...
Wieder meiner Erwartungen hielt Bill komplett still, ich schlürfte das sprudelige Getränk aus seinem süßen Bauchnabel, schmeckte irgendwie besser als sonst. Meine Zunge umkreiste Bills Bauchnabel, ich hauchte ihm leichte Küsse auf den Bauch, wanderte immer weiter an seiner glatten, warmen Haut hoch bis zu den Brustwarzen und knabberte ganz vorsichtig an diesen, was Bill einen lustvollen Seufzer entlockte. Er zog mich zu sich hoch, unsere Lippen verschmolzen, er verwickelte mich in ein leidenschaftliches Zungenspiel, was mir den letzten Nerv raubte. Er stricht mir leicht den Rücken hoch und runter, legte seine Hand in meine Nacken in drückte mich noch mehr an sich. Ich wollte ihn spüren, ihm noch näher sein. Und als könnte er meine Gedanken lesen, drehte er uns, ich spürte sein Gewicht auf mir, welches mich gegen die Matratze drückte. Seine Hände wanderten an meiner Seite entlang bis zum Gürtel, den er öffnete, mir schließlich meine Hose auszog und sich selbst auch seine abstreifte. Meine Hände zitterten, als ich ihn wieder auf mich zog, um ihn zu küssen. Ich schlang meine Beine um Bills Hüfte, drückte seinen leicht bekleideten Körper an meinen. Wollte seine Wärme spüren, seine Nähe.
Ich hörte, wie es anfing zu regnen, wie die Regentropfen auf die Schräge des Daches und auf die Fenster trafen. Mein in Höchstgeschwindigkeit pochendes Herz pumpte das Blut durch meine Adern, mein ganzer Körper kribbelte, stand unter Strom, nur wegen ihm. Er zog mir den BH aus, streichelte und küsste mir die Brust, was mir ein Stöhnen entlockte und Lust auf mehr machte. Bills Hand wanderte langsam meinen Bauch und Unterleib hinab, strich kaum spürbar über den dünnen Stoff meines Tangas, doch ich bemerkte jede einzelne Berührung. Er streichelte die Innenseite meiner Oberschenkel, berührte mich wie zufällig zwischen den Beinen, ich zog zischend die Luft ein. Er sah mir mit einem solchen verschmitzten Grinsen ins Gesicht, wie es mich nur noch geiler machte, und machte einfach weiter. "Bill", stöhnte ich. "Was?", er ließ von mir ab und schaute mich besorgt an. "Nicht aufhören!" Er streifte den restlichen Stoff von meinem Körper, streichelte mich dort, wo ich es gerade am meisten wollte. Alles um mich herum schien zu verschwimmen, aus dem Augenwinkel sah ich die Teelichter auf dem Boden und die Rosenblätter, hörte das Prasseln des Regens auf den Fensterscheiben und die leise Musik im Hintergrund, sah Bill, seinen Körper, spürte seine Hände und in dem Moment war es mir klar: Ich wollte ihn. Und zwar jetzt!
Ich legte meine Arme um seinen Rücken, zog ihn auf mich und küsste ihn. Sein Körper war erhitzt, roch verteufelt gut und er versprühte Unmengen an Testosteron. "Bill? Ich will es..", hauchte ich ihm ins Ohr. "Bist du dir sicher?" "Ja" "Wirklich?", er schaute mich eindringlich an. "Ja", sagte ich sicher. "Okay" Er lächelte und küsste mich. Ich ließ meine Hände seinen Rücken entlanggleiten und zog ihm die Boxershorts aus. Es war nicht zu übersehen, er wollte es auch. Er zog die Schublade meines Nachttischchens auf, drehte sich dann zu mir und fragte etwas verlegen: "Hast du...?" "Ich nehm die Pille" "Gut" Er wirkte jetzt doch etwas angespannt. Langsam beugte er sich über mich und sah mir tief in die Augen, als er vorsichtig in mich eindrang. Ein stechender Schmerz durchzog meinen Unterleib. Holla, dass es SO wehtut hätte ich nicht gedacht. Ich kniff vor Schmerz die Augen zusammen. "Alles okay?" Ich nickte, atmete flach und hektisch. Allmählich ließ der Schmerz nach, meine Hände wanderten zu seinem süßen Po, ich drückte sein Becken gegen mich, als Zeichen, dass er weitermachen konnte. Erst tat es noch kurz weh, doch es wich einem unbeschreiblich schönen Gefühl, ihm so nahe zu sein. Bill stöhnte auf, er zitterte und über seiner Oberlippe bildeten sich kleine Schweißperlen. Langsam fing er an, sich in mir zu bewegen. Das Blut preschte durch meinen Körper, ich fühlte so vieles gleichzeitig, alles in mir kribbelte, ich spürte die Hitze in mir, die Hitze von Bills Körper, ich atmete seinen unverwechselbaren Geruch ein, sah ihn über mir, wie ihm die Haare leicht ins Gesicht fielen, spürte ihn in mir. Ich krallte meine Fingernägel in seinen Rücken.
Das Einzige, was zu hören war, war der heftige Regen, wie er noch immer gegen die Scheiben trommelte und mit dem Unwetter draußen wütete und die leise Musik übertönte, und Bills unregelmäßiger, zittriger Atem. Seine Stöße wurden schneller und heftiger, er sah mir noch einmal tief in die Augen und küsste mich leidenschaftlich, bevor er zum Höhepunkt kam. Sein Körper sackte zusammen und er legte seinen Kopf auf meine Brust. Ich kraulte ihm durch die Haare, der Ansatz war leicht nass. Irgendwie sah er total niedlich aus, wie er da so erschöpft auf mir lag und jetzt wieder ganz gleichmäßig und leise atmete. Behutsam schob ich ihn von mir runter, stand auf und pustete die Kerzen am Boden aus. Als ich mich wieder ins Bett zu ihm legte und uns zudeckte, machte er plötzlich die Augen auf. "Oh, sorry, ich bin wohl weggenickt" "Hmm" Ich kuschelte mich an ihn. "Du?", fragte er. "Hm?" "Tut mir leid" "Was denn?", ich sah ihn irritiert an. "Naja, ich war wohl... ich bin irgendwie... ziemlich schnell gekommen", sagte er und lief rot an, das konnte ich selbst in der Dunkelheit erkennen "Du hast bestimmt besseres erwartet", fügte er noch leiser als vorher hinzu. Ich schüttelte den Kopf und legte meine Hand auf seine Wange. "Mensch Bill... Das war wunderschön... und ich liebe dich!" Diese Unsicherheit berührte mich total, dass er sich solche Gedanken darüber machte, wie es mir ging, es gibt bestimmt auch andere, die sich nur um sich kümmern. Ich küsste ihn zärtlich, kuschelte mich dann an ihn und wir beide fielen in einen tiefen, glücklichen Schlaf.
Bis ein spitzer Schrei uns weckte...

 

37.
Erschrocken riss ich die Augen auf und sah Tom in meinem Zimmer stehen, zwischen den ausgelöschten Kerzen, den Rosenblättern und diversen Kleidungsstücken, die wir uns gestern Abend ausgezogen hatten. Von ihm musste dieser schreckliche Schrei wohl gekommen sein. Huii ich wusste gar nicht, dass Tom es fertig brachte so zu quietschen ^^. Ich kicherte. Als mir aber so langsam klar wurde, WARUM er so gekreischt hatte, wurde mein morgenmuffeliges Gehirn auf einen Schlag hellwach. SCHEIßE!!!! Die Kerzen, Rosenblätter, unsere Klamotten, Bill und ich in meinem Bett, NACKT!!!! Die Situation war eindeutig und unausweichlich. Mein Herzschlag verdoppelte sich auf eine unangenehme Art und Weise und ich spürte, wie mir die Hitze zu Kopf stieg. Ich traute mich nicht, Tom in die Augen zu sehen, schämte mich irgendwie. Ja, ich schämte mich, nicht für Bill, keineswegs, er war das beste, was mir je passieren konnte, aber ich schämte mich dafür, weil es in einer gewissen Weise einfach pervers war, was gestern Abend passiert ist. "Bill, bist du jetzt völlig bescheuert?!", schrie Tom plötzlich los, nachdem er sich aus einer Art Starre erholt hatte. Was war eigentlich mit Bill? Der hat ja bis jetzt gar nichts gesagt. Schnell drehte ich mich zu ihm um. Kaum zu glauben, er öffnete jetzt erst zaghaft seine Augen. Es war ja nichts Neues, dass er lange und tief schlief aber SO tief? "Was'n los?", fragte er verschlafen und wollte mich küssen, doch da erblickte er Tom. "Tom?!", rief er dann und fügte auch noch überflüssigerweise ein "Was machst du denn hier?" hinzu. "Dasselbe könnte ich dich fragen? Bah, das ist echt widerlich!", er rauschte aus dem Zimmer. Jetzt schien Bill die Situation auch endlich zu realisieren. Seine Augen weiteten sich. "Scheiße!" Er sprang aus meinem Bett, zog sich schnell seine Klamotten wieder an, bevor er seinem Zwilling hinterher rannte und mich völlig verwirrt und mit dem eben Geschehenen total überfordert zurückließ.
Geschockt saß ich in meinem Bett rum, bis ich laute Stimmgefechte von unten vernahm. Schnell zog auch ich mir was über. Grade war es mir zwar herzlich egal gewesen, wie viel Tom von mir gesehen hatte, aber jetzt, wo ich es verhindern konnte, musste ich ja nicht gerade nackt rumlaufen. Schon als ich die Treppe zum ersten Stock runterging, waren Bill und Tom nicht mehr zu überhören. "Das kannst du doch nich machen!", das war wohl Tom. "Siehst du doch, dass ich das kann!"
Tom: "Boah hallo? Hat sich dein Hirn jetz völlig aus dem Staub gemacht? Lilly ist unsere Schwester! SCHWESTER! Verstehst du das nich?"
Bill: "Ich bin nich schwer von Begriff! ... du findest sie doch selbst geil! Und jetzt mich hier dumm anmachen..."
Urgh.... ich schluckte. Hatte ich das grade richtig verstanden? Tom? Fand MICH geil? Ich erinnerte mich daran, wie Bill ziemlich zu Anfang als wir gerade eingezogen waren gesagt hatte "Wenn du nicht unsere Schwester wärst würde er dich gnadenlos anbaggern." Anscheinend hatte es Tom die Sprache verschlagen. Doch dann hörte ich ihn wieder. "Dass sie gut aussieht hab ich auch nie bestritten. Aber mach mal 'nen Punkt. Ich bin mit Lisa zusammen"
Bill: "Ja! Und ICH bin mit Lilly zusammen!"
Ich kam mir ziemlich dreckig vor, wie ich hier auf der Treppe hockte und heimlich lauschte. Jetzt war eh alles schon zu spät, also konnte ich auch runter gehen.
Tom: "Bist du so dumm oder tust du nur so? Bill, das ist VERBOTEN!"
"Als ob du dich je daran halten würdest was erlaubt ist, und was nicht..", erwiderte Bill gerade, als ich ins Wohnzimmer kam. "Das ist pervers... ihr... baaahhhh" "Tom...", Bill versuchte einen Schritt auf seinen Bruder zuzugehen, wollte es ihm anscheinend erklären. Doch Tom wich zurück und schlug Bills Hand weg. "Pack mich nich an! Und so was will mein Bruder sein...", schrie dieser. "Und du", wandte Tom sich nun an mich "bist nich besser. Wie krank muss man eigentlich sein, um was mit seinem Bruder anzufangen...?" Er sah mir kühl und verachtend in die Augen. "Lass Lilly in Ruhe", sagte Bill, seine Hände waren zu Fäusten geballt, und er funkelte Tom böse an. "Was denn? Ist doch so. Aber guck dich doch mal an, du Schwuchtel kriegst ja keine Bessere ab..." "Jetz reicht's !" Bill stürzte sich auf seinen Bruder und schlug ihm ins Gesicht. Dieser ließ das natürlich nicht auf sich sitzen und schlug zurück. Ehe ich mich versah und hätte irgendetwas tun können, prügelten beide aufeinander ein. Auf der einen Seite berührte es mich total, dass Bill mich so verteidigte, auf der anderen Seite aber erschrak es mich, ich hatte noch nie miterlebt, dass die beiden sich so sehr gestritten haben, und ich fühlte mich mit schuldig.
"Jungs, jetzt hört doch mal auf!", schrie ich. "Halt dich da raus!", schnauzte Bill mich an. Autsch! Das tat weh! Er hat mich noch nie angeschrien. Noch nie... Es war nicht zu übersehen, dass Tom Bill jetzt deutlich überlegen war. Er boxte Bill immer wieder in den Bauch. "Tom, hör auf, du tust ihm weh!", schrie ich aus lauter Verzweiflung. Er sah auf in mein verheultes Gesicht, hörte dann auf, Bill zu schlagen. "Ihr seid widerlich, ich hasse euch!", sagte er noch, spuckte Bill ins Gesicht und raste an mir vorbei. Kurz darauf knallte die Tür ins Schloss. Ich stürzte auf Bill zu, der am Boden lag. Seine Nase blutete. "Oh Gott, gehts dir gut?", fragte ich ihn besorgt, wollte meine Hand auf seine Wange legen, doch er schlug sie weg. "Lass mich einfach!" Er stand auf ohne mich weiter zu beachten und ging. Ich fing wieder an zu weinen. Das gerade hatte unheimlich wehgetan. Ich fühlte mich schlecht, schlecht und nutzlos. Was hab ich denn getan? Warum war Bill jetzt so gemein zu mir? Diese Vertrautheit vom gestrigen Abend schien auf einmal so weit weg. Ich trottete wieder die Treppen hoch, doch anstatt in mein Zimmer zu gehen, betrat ich das Badezimmer. Ich betrachtete mich im Spiegel. Ein zerzaustes, verheultes, unglückliches Mädchen schaute mich an. Ich beschloss, erst mal zu duschen und mich fertig zu machen, ich sah ja schrecklich aus. Als ich zurück ins Zimmer kam und noch alles auf dem Boden herumliegen sah, erinnerte mich das gezwungener Maßen an gestern und wieder stiegen die Tränen in mir auf. Jetzt war er so abweisend... fast schon als...Nein, das durfte ich noch nicht mal denken.
Nachdem ich mich den ganzen Tag in meinem Zimmer eingeschlossen hatte, beschloss ich gegen Abend einfach mal zu Lisa zu fahren, hoffentlich war Tom nicht immer noch da. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und radelte los. Auf einmal fing es auch noch an zu regnen, zum Glück hatten wir in den Ferien gutes Wetter gehabt, jetzt schüttete es ständig. Meine Haare wurden natürlich wieder klitschnass, ich war sowieso überall nass, da fiel es schon gar nicht mehr auf, dass ich schon wieder geweint hatte. Die ganze Situation war einfach nur zum Kotzen, oder zum Heulen...
Zum Glück hatte Lisa sturmfrei und Tom war auch nicht mehr da. "Was ist denn los?", sie sah mich besorgt an, als ich total fertig in der Tür stand. Ich fiel ihr um den Hals und heulte einfach drauf los. Sie drückte mich und schwieg, ließ mich einfach so lange weinen, bis ich mich wieder von selbst beruhigt hatte. "Komm doch rein", bat sie mich. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass wir immer noch vor der Tür standen.
Ich folgte ihr ins Zimmer uns ließ mich aufs Bett fallen. Sie setzte sich neben mich und sah mich erwartungsvoll an. "Tom hat es rausgefunden", sagte ich monoton, den Blick starr auf das Regal mit ihrer Anlage gerichtet. "Was rausgefunden?" "Er hat mich und Bill erwischt. Heute morgen, als wir noch geschlafen haben. In meinem Bett" "Oh", war alles, was sie dazu sagte. Ich beschloss, einfach erst mal weiterzureden und alles zu erzählen. "Er is voll ausgetickt, hat Bill und mich beschimpft, dann haben die sich gekloppt. Ich wusste nicht, dass Tom so brutal sein kann... Dann ist er abgehaun, ich wollte Bill helfen, Tom hat ihn ja total fertig gemacht, aber er wollte nicht, hat mich dumm angemacht und is' abgehaun, den ganzen Tag hab ich ihn nicht mehr gesehn..." Dass sie auch darüber gesprochen haben, dass Tom auf mich stand ließ ich aus, das war unnötig und möglicherweise würden er und Lisa dann nur Stress kriegen.
"Ach komm... das wird schon wieder... Du weißt doch wie wichtig sich die Zwillinge gegenseitig sind, er sieht bestimmt bald ein, dass er dir Unrecht getan hat" "Tom ist ihm wichtiger als ich...", schluchzte ich. "Ach quatsch... das kannst du doch gar nicht vergleichen" "Ich... fühl mich aber voll ausgenutzt und verarscht", ich wurde immer leiser. Mir kam jetzt wieder das in den Sinn, was ich mir vorher verboten hatte zu denken. "Wie meinst du das?" Ich zögerte, doch dann sprach ich es doch aus: "Es kommt mir grade so vor, als wenn er mich nur ins Bett kriegen wollte..." "WAS? Aber ihr habt doch noch nicht mal" Ich guckte sie bedeutungsschwer an. "...Oder etwa doch?" Ich nickte. "Gestern Abend." "Ne?! Wie cool! Ich wusste es eben doch. Wie war's?", sie war sichtlich begeistert - begeisterter als ich im Moment. Doch beim Gedanken an gestern musste ich doch wieder lächeln. "Schön...er war voll lieb und hat ein Herz aus Teelichtern bei mir im Zimmer aufgebaut und überall Rosenblätter und so, total romantisch. Ja... und als es so doll geregnet hat ist es dann halt passiert" Einen Moment guckten wir beide verträumt vor uns hin bis Lisa wieder das Wort ergriff: "Und weil er jetzt so abweisend war glaubst du, er wollte dich nur flachlegen" Ich nickte beschämt, ich war selbst enttäuscht von mir, dass ich so was über Bill dachte, aber ich fühlte es und daran konnte ich nichts ändern. "So'n Quatsch! Das hat gar nichts miteinander zu tun" Es beruhigte mich ungemein, dass sie das sagte, denn so verdrängte ich diese Gedanken einfach wieder, ich hätte es mir auch nicht wirklich vorstellen können, dass er so ist.
Wir redeten den ganzen Abend noch darüber, es war unausgesprochene Tatsache, dass ich bei Lisa übernachtete, nichts würde mich jetzt dazu bringen, freiwillig nach Hause zu gehen, mich von Bill blöd anmachen und von Tom fertig machen zu lassen. "Du Lilly?", fragte Lisa, als wir gerade dabei waren einzuschlafen. "Hm?" "Sei mir nicht böse... aber" Ich ahnte schon nichts Gutes, na wenn sie auch so anfing. "Ich hab Tom von euch erzählt" "WAS?" "Ja, ich weiß auch nicht... mir ist das irgendwie so rausgerutscht und dann hat er voll rumgemeckert, was ich für ne Scheiße erzählen würde und is abgehaun..." Achso... wahrscheinlich ist er deswegen heute morgen so früh aufgetaucht. "Is okay... früher oder später hätte er's eh rausgefunden..." Ich wollte es mir nicht auch noch mit Lisa verbocken, sonst wäre ja jeder von uns mit jedem zerstritten, abgesehen davon war ich irgendwie wirklich nicht böse.
Ein paar Minuten hörte ich Lisas gleichmäßiges Atmen - sie war eingeschlafen. Aber ich konnte einfach kein Auge zutun. Mich beschäftigte das immer noch, was heute Morgen passiert war. Außerdem fand ich das Gefühl schrecklich, dass zwischen Bill und mir nicht alles in Ordnung war. Was er wohl gerade machte? Ob er sich Sorgen um mich machte? Sie wussten beide nicht, wo ich war und schienen sich auch nicht sonderlich darum zu kümmern, dass ich abends einfach nicht nach Hause gekommen war. Ob er überhaupt an mich dachte? Ob er sich wieder mit Tom vertragen hatte? Mit einem Kopf voller tausend Fragen schlief ich letztendlich dann doch ganz spät ein.

 

 

38.
Gegen acht Uhr wachte ich auf, es war nicht das erste Mal. Ich hatte das Gefühl, in dieser Nacht mehr wachgelegen als geschlafen zu haben. Ich drehte mich noch mal um und versuchte, wieder einzuschlafen, doch es gelang mir nicht. Eine halbe Stunde später stand ich dann doch auf und ging erst mal duschen. Zum Glück war ich hier schon so oft gewesen und kannte mich beinahe so aus, als ob ich selbst hier wohnen würde, dann musste ich Lisa nicht wecken und nach allem Möglichen fragen. Ich duschte lange und ausgiebig, es beruhigte mich auf eine bestimmte Weise und danach fühlte ich mich schon viel besser als vorher. Ich erlaubte es mir, ein T-Shirt von Lisa anzuziehen, ich hatte ja keine Klamotten mitgenommen gestern, es war eher ein Spontanbesuch gewesen. Danach ging ich in die Küche und bereitete schon mal das Frühstück vor, was so viel hieß wie zwei Schalen, Milch und Müsli auf den Tisch zu stellen. Mittlerweile war es zehn Uhr, Lisa schlief noch. Ich wollte sie schlafen lassen, setzte mich also ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Sonderlich spannend war nichts von dem, was dort lief, aber so konnte ich wenigstens die Zeit vertreiben.
Als ich gegen Abend nach Hause radelte, wurde meine Laune von Meter zu Meter schlechter. Den ganzen Tag über hatte ich mir keine großen Gedanken darüber gemacht, was passieren würde. Aber jetzt, wo mir die Begegnung mit Bill und Tom unmittelbar bevorstand, hätte ich am liebsten wieder umgedreht. Wie würden sie reagieren? Hasste Tom uns jetzt wirklich? Würde er nie wieder mit uns reden? Würde er es vielleicht sogar meiner Mutter und Jörg erzählen? Und was war mit Bill? Würde es noch ein „uns“ geben? Würden wir uns wieder vertragen? Wird er überhaupt noch mit mir zusammen sein wollen? Oder war sein Bruder ihm wichtiger?
Mit pochendem Herzen steckte ich den Schlüssel ins Schloss und öffnete leise die Tür. Als ich unser Haus betrat, kam es mir irgendwie anders vor, so kalt und befremdlich. Alles sah noch genauso aus wie immer, aber es lag eine andere Atmosphäre in der Luft. Ich hatte nicht dieses beruhigende, entspannte Gefühl, zu Hause zu sein, sondern mir war unbehaglich zu Mute. Mit einem richtig fetten Kloß im Hals tapste ich leise die Treppe hoch. Aus Bills Zimmer vernahm ich Stimmen. Als ich daran vorbeiging hörte ich deutlich, dass es Bill und Tom waren. Es hörte sich so an, als ob sie gerade irgendwas an der Playstation spielten, auf jeden Fall hatten sie Spaß dabei. Mir sank das Herz in die Hose, als ich Bill so fröhlich vor sich hinbrabbeln hörte. Der kam ja anscheinend gut ohne mich aus. Die Zwillinge hatten sich wohl vertragen. Wie konnte es auch anders sein? Länger als einen Tag stritten die beiden nie. Und wer interessierte sich für mich? Ich schlich langsam hoch in mein Zimmer.
Ich fühlte mich erst wieder wohl, nachdem ich die Tür abgeschlossen und mich in mein Bett verkrochen hatte. Die ersten Tränen bahnten sich ihren Weg über mein Gesicht. Ich war wütend. Wütend auf Tom, wie er sich gestern aufgeregt hat und sich jetzt plötzlich wieder mit Bill versteht, als wäre nie etwas gewesen, wütend auf die beiden, dass sie sich gar nicht darum kümmerten, ob ich überhaupt noch lebte. Und ich war wütend auf das Schicksal, dass es überhaupt dazu gekommen war, dass Tom uns natürlich erwischen musste. Aber warum war er eigentlich hier? War er nicht von Lisa abgehaun, nachdem es ihr rausgerutscht war? Also war es eigentlich... Nein, ich wollte jetzt nicht auch noch böse auf Lisa sein, vor seinem Freund will man schließlich keine Geheimnisse haben. Und sie hat mich damit nicht hintergangen, im Prinzip habe ich Bill auch damit hintergangen, dass ich es Lisa erzählt habe, also war ich ja auch nicht anders... Doch was noch viel größer war, als die Wut in meinem Bauch war die Enttäuschung. Pure Enttäuschung darüber, dass Bill sich überhaupt nicht für mich interessierte und plötzlich so abweisend war. Das hätte ich nun echt nicht erwartet. Und zumindest nachdem er mit seinem Zwilling wieder im Reinen war hätte er doch mit mir reden können. Und was war? Nichts. Ich hätte nicht gedacht, dass es zwischen uns mal eine solche Distanz geben würde. Ich fragte mich, wie es jetzt weitergehen sollte. Zum Glück musste ich den beiden heute nicht begegnen, aber wie würde es morgen sein? Ich könnte ihnen schließlich nicht ewig aus dem Weg gehen und spätestens wenn unsere Eltern wieder da waren, würde es auffallen und dann würden sie fragen, warum und... ich wollte mir gar nicht erst ausdenken, was noch alles passieren könnte, denn mir wurde jetzt schon schlecht dabei.

 

Am nächsten Morgen klingelte der Wecker mich aus dem Schlaf. Nein, nicht aufstehen! Das hieß nämlich, dass ich unweigerlich Bill und Tom begegnen würde. Ich spürte, wie sich in meinem Magen etwas zusammenbraute. Als ich unter der Dusche stand hatte ich das Gefühl, mich jeden Moment übergeben zu müssen. Doch so weit kam es zum Glück nicht.
Fertig angezogen ging ich runter in die Küche, machte mir Müsli und schlang es runter. Vielleicht könnte ich noch aus dem Haus kommen, bevor die Zwillinge runterkommen? Doch zu früh gefreut, denn als ich gerade meine Müslischale in die Spüle stellte, polterte es auf der Treppe. Mir schoss augenblicklich das Blut in den Kopf. Was tun? Ich versuchte, ruhig durchzuatmen und mich ganz normal zu verhalten, dann werde ich ja sehen, was kommt. Ich drehte mich also um, lächelte leicht und sagte freundlich: "Guten Morgen" Doch Toms Miene veränderte sich nicht. Weder zum Guten, noch zum Schlechten. Er starrte mich einfach nur an, sagte nichts. Also ging ich einfach an ihm vorbei, mir blieb auch nichts anderes übrig, wenn ich heute noch zur Schule kommen wollte. Gerade als ich auf seiner Höhe war, versperrte er mir leicht den Weg, da ich aber nicht damit gerechnet hatte, stieß ich gegen ihn. "Kannst du nich aufpassen?!", blaffte er mich an. Ich war sprachlos. Hallo? Ging’s dem noch ganz gut? ER hat sich doch mir in den Weg gestellt. Ohne ein weiteres Wort ging ich an ihm vorbei, mein Blick unausweichlich auf Bill gerichtet. Er saß am Tisch, auf den ich zuging. Unsere Blicke trafen sich kurz, aber ich wünschte, sie hätten es nicht. Denn was ich sah waren zwei tiefbraune Augen, die mich mit einer solchen Kälte und Leere anstarrten, von der ich nie geglabut hätte, dass das überhaupt möglich war. Was war hier los? Was hatte ich denn bitteschön verbrochen, dass sie mich auf einmal hassten?
Leider hatte ich jetzt aber keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, ich musste mich beeilen um noch rechtzeitig zur Schule zu kommen. 

 

 

39.
"Na was ist dir denn für 'ne Laus über die Leber gelaufen?", begrüßte Lisa mich. Seufzend ließ ich mich auf meinen Stuhl fallen und ließ die Frage unbeantwortet. "Okay, lass mich raten, sie fängt mit B an und hört mit ill auf?!" "Und Tom... Die beiden haben sich vertragen, schön und gut, aber mich behandeln sie wie keine Ahnung was, voll gemein und einfach zum Kotzen" Lisa verzog nur das Gesicht, wusste dazu aber wohl auch nichts zu sagen. Im nächsten Moment betrat auch schon Herr Rüth den Klassenraum, unser allseits beliebter Lateinlehrer. Das Thema blieb für den Rest des Tages ungeklärt. Ich für mich beschloss, bei langem Löcher in die Luft starren und sinnlosem auf den Block kritzeln, die Sache ganz locker anzugehen, meinen Brüdern normal und freundlich gegenüberzutreten und zu sehen, was passiert. Im Prinzip also, wie heute morgen auch. Ich bezweifelte zwar, dass sie sich innerhalb von wenigen Stunden verändern würden, aber dann könnte ich mir wenigstens nicht hinterher den Vorwurf machen, schon aggressiv an die Sache rangegangen zu sein und sie vielleicht dazu gebracht zu haben, unfreundlich zu mir zu sein.
Ich atmete also noch mal kräftig durch, um mich zu beruhigen, bevor ich aufschloss und das Haus betrat. Es war noch niemand da. Augenblicklich entspannte ich mich wieder. Ich ließ meine Tasche neben dem Tisch auf den Boden fallen und holte Tiefkühlpizza aus dem Keller. Von irgendetwas musste ich mich ja ernähren, auch wenn Mutter mal nicht zu Hause ist. Zum Glück hatten wir genügend Vorräte angelegt. Ich heizte den Ofen vor, schob die Pizza rein und fing schon mal missmutig an, Hausaufgaben zu machen.
Nicht wirklich, eher saß ich mit leerem Blick vor meinem Hausaufgabenheft rum und starrte die Buchstaben an, die einfach keinen Sinn zu ergeben schienen. Lediglich das Klingeln der Eieruhr erweckte mich aus meinem Trancezustand und verriet mir, dass die Pizza fertig war. Ich nuckelte gerade apathisch an einem Stück Pizza, als die Tür Geräusche machte. Ohne hochgucken zu müssen war mir klar, dass es meine beiden Brüder sein mussten - wer sonst?!
"Ahhh das duftet ja schon", hörte ich Tom. Er ging in die Küche, während sich Bill auf einem Stuhl mir gegenüber niederließ. Schweigen. Ich traute mich kaum, ihn anzusehen, sondern starrte stattdessen auf den Teller vor mir, der ja so unglaublich interessant war. "Hey, warum hast du für uns keine Pizzen gemacht?", drang Toms Stimme aus der Küche zu mir, wieder mit diesem angreifenden und vorwurfsvollen Ton. "Wusste nicht wann ihr kommt", antwortete ich wahrheitsgemäß. "Maan! Muss man denn hier alles selbst machen ?!" fluchend lief Tom in den Keller runter. Während er unten rumwurschtelte, schaute ich - immer noch an meinem Stückchen rumnuckelnd - vorsichtig auf. Immer noch saß Bill dort, mir schräg gegenüber, und starrte in der Gegend herum. Vielleicht weiß er ja auch nicht, wie er sich dir gegenüber verhalten soll - schoss es mir völlig sinnlos durch den Kopf. Als er bemerkte, dass ich ihn beobachtete guckte er auch in meine Richtung. Ich verzog meine Lippen zu einem leichten Lächeln. Und er? Nichts. Gar nichts. Sein Blick war leer, vollkommen ausdruckslos starrte er mich an. Nicht imstande, diesem schrecklichen Blick standzuhalten stand ich auf, brachte meinen Teller in die Küche, nahm dann ohne Bill noch mal anzusehen meine Tasche und verschwand im Zimmer.
Ich wusste nicht mehr, was ich jetzt noch denkend, fühlen oder machen sollte. Die ganze Situation war total seltsam, keiner sagte auch nur irgendwas oder machte Anzeichen dafür, wie es weitergehen sollte. Ob er sauer war? Keine Ahnung. Und Tom verhielt sich mir gegenüber auch so komisch. Ich könnte kotzen... Da bemerkte ich, dass mir wirklich total schlecht war. Mein Magen krampfte sich unaufhörlich zusammen und mit jeder Sekunde wurde mir nur noch schlechter. Letztendlich schaffte ich es gerade noch zur Toilette, bevor ich meinen gesamten Mageninhalt in diese entleerte. Na da hat sich das essen aber echt gelohnt...
Ich konnte mich kaum auf die Hausaufgaben konzentrieren, weil ich die ganze Zeit daran denken musste, wie es zwischen mir und Bill weitergehen sollte. Eigentlich war das hier alles sinnlos. Bill und ich hatten uns doch nicht gestritten, der eigentlich Streit hatte zwischen ihm und Tom stattgefunden, aber ich musste mich mal wieder einmischen. ...weil Tom dabei war, deinen Freund krankenhausreif zu prügeln, sagte mir mein gutes Gewissen. Stimmt... und dann hatte Bill mich so angeschrien und seit dem haben wir nicht mehr miteinander geredet. Also lag es eigentlich an IHM, einen Schritt auf mich zuzugehen und nicht andersrum. Was kann ich denn dafür, wenn ich ihm nur helfen will und er mich zur Schnecke macht? Dann werde ich ganz sicher nicht zu ihm angekrochen kommen. Ein wenig Stolz besitze selbst ich noch.
In der Realität sah das aber gleich wieder ganz anders aus. Ich wollte ins Bad gehen, da mir wieder so schlecht war, wollte die Tür öffnen, da wurde sie von innen aufgerissen und Bill stand direkt vor mir. Mit großen Augen blickte ich ihn fast flehend an. Die Kälte in seinen Blicken machte mich wahnsinnig. Er stand direkt vor mir, so dicht, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spürte, dass mein Herz wie wild gegen die Brust donnerte aber nichts geschah. Nacht einer gefühlten Ewigkeit schob er mich minder sanft bei Seite und drückte sich an mir vorbei. Verwirrt sah ich ihm nach. So viel zum Thema ich habe meinen Stolz...Wieder drehte sich mir scheinbar der Magen um und mich musste mich übergeben.

 

40.
Als ich am nächsten Morgen aufstand, ging es mir nicht besser als am Tag zuvor. Ich machte mich so weit fertig, ging in die Küche und schlang schnell ein paar Löffel Müsli runter. In der Hoffnung, den Zwillingen nicht begegnen zu müssen und mit demselben flauen Gefühl im Magen machte ich mich auf den Weg zur Schule. Na das war ja gerade noch mal gut gegangen heute Morgen...
Am Vormittag ging es mir einigermaßen gut, ich konnte die Gedanken an meine Brüder verdrängen, aber je näher das Ende des Schultages rückte, desto schlechter wurde mir wieder. Ich schaffte es gerade noch zur Toilette, direkt als ich nach Hause kam. Auf essen hatte ich nun gar keine Lust, deswegen ließ ich das Mittagessen für heute ausfallen. Wahrscheinlich hatte ich mir den Magen verdorben oder Ähnliches. Vielleicht sollte ich mal zum Arzt gehen?! Ach Quatsch, das geht schon wieder in Ordnung... Ich legte mich erst mal ins Bett und schlief ein bisschen. Bis ich dann von einem Schrei geweckt wurde.
"LILLY!!!" Ich schreckte hoch und sprintete nach unten, zu Tom, der mich gerufen hatte. Voller Angst, als wär sonst was passiert kam ich an und sah ihn gemütlich mit Bill am Tisch sitzen. Bill... "Was denn?", fragte ich dann doch etwas irritiert, „was schreit der denn so?“ "Wir haben Hunger" "Ja und? Was hab ich damit zu tun?" "Ja mach doch mal was, oder sehn wir so aus, als könnten wir kochen?" Bitte was? Ich wusste gar nicht, was ich auf diese Dreistigkeit hätte antworten sollen. Spinnt der jetzt total? Oder eher: Spinnen die beiden jetzt total? Denn auch wenn Bill sich eher in Schweigen hüllte, so sagte er auch nichts gegen Toms Forderungen. Jetzt geht's aber los hier, ich mache denen doch nichts zu essen! Ohne eine Antwort zu geben ging ich wieder hoch und überhörte schlichtweg das, was Tom mir noch hinterherrief, es interessierte mich auch nicht. So langsam war das, was ich Bill gegenüber empfand nicht mehr die Enttäuschung, sondern eher Wut. Der konnte auch nicht mal seinen Mund aufmachen?! Oder fand er es etwas gut, so wie das zur Zeit hier bei uns abging? Das kann er seiner Oma erzählen. Aber wahrscheinlich wartete dieser eingebildete Schnösel nur darauf, dass ich wieder bei ihm angekrochen komme. Die haben doch alle beide nicht mehr alle Tassen im Schrank.
Während ich so darüber nachdachte, machte sich mein Bauch wieder bemerkbar. Da ich nichts mehr im Magen hatte, war es nur noch Galle und Magensäfte, die ich hochwürgte. Also irgendetwas lief hier wirklich nicht richtig...
Meine Gedanken wanderten wieder zu Bill, der jetzt bestimmt unten in seinem Zimmer saß und sich ins Fäustchen lachte, weil... weil... ja warum eigentlich? Ach keine Ahnung. Der zählt genau die Minuten und Sekunden, die vergehen, bis ich zu ihm gehe und dann freut er sich über seinen Triumph, dass ich ja von ihm abhängig bin. Einige Minuten später lachte ich mich selbst aus, was für wirres Zeug ich mir hier eigentlich ausdachte. Ich beschloss, erst einmal mit Tom zu reden und das mit ihm zu klären. So, wie es jetzt war, konnte es ja nicht weitergehen und am Freitag würden unsere Eltern wiederkommen. Und bis dahin sollten wir unsere Probleme aus der Welt geschafft haben, denn sonst könnte es für Bill und mich ziemlich unangenehm werden.
Ich ging also runter zu Toms Zimmer, klopfte an und hoffte, dass Bill nicht gerade bei ihm war. Ein genervtes "Ja" ertönte von drinnen und als ich darauf die Tür öffnete, stellte ich erleichtert fest, dass er alleine war. Er saß am PC, schaute kurz auf, als ich hereinkam und widmete sich dann wieder dem ach so wichtigen ICQ. "Was willst du?" Ich ließ mich von seinem abgeneigten und desinteressierten Ton nicht ablenken und sagte ruhig: "Mit dir reden?!" "Und worüber?" Das war doch wohl nicht sein Ernst. "Das ist doch wohl nicht dein Ernst?!" Er gab mir keine Antwort. "Über dich, mich, uns, Bill vielleicht?! Über Samstag und gestern und heute..." "Wenn du 'nen Therapeuten suchst, guck in die gelben Seiten", er drehte sich jetzt zu mir um. Einen Moment lang starrte ich ihn ungläubig sein. Was war nur aus Tom geworden? Hallo, du Alien, wo hast du den echten Tom versteckt?! So  kam ich anscheinend nicht weiter, mit Anspielungen konnten Jungs ja meistens nichts anfangen...
"Tom, warum hasst du mich plötzlich so?" "Ich hasse dich nicht" Ich seufzte und vergrub mein Gesicht in den Handflächen. "Und warum tust du dann so? Warum behandelst du mich wie... keine Ahnung, du weißt ganz genau, was ich meine ... und was hast du mit Bill gemacht?" "Mit Bill?", er wirkte überrascht. "Ja, seit dem IHR euch wieder vertragen hat, tut er als ob ich gar nicht existieren würde, und du kannst mir nicht erzählen, dass du da nichts mit zu tun hast", langsam wurde ich sauer, Tom tat so unschuldig und scheinheilig, als ob er von nichts 'ne Ahnung hätte. "Hab ich auch nich, was kann ich denn dafür, wenn er kein Bock mehr auf euer perverses Spiel hat?!" WAS?! Ich wäre fast vor Wut auf ihn geplatzt, doch dann besann ich mich eines besseren.
"So kommen wir nicht weiter...", sagte ich leise nach einer langen Pause. "Was ist dein Problem mit mir? Ich meine, wenn du das mit Bill klären konntest, kannst du es doch mit mir auch, oder nicht?" "Bill ist mein Bruder, mit ihm ist das was anderes" "Aber ich bin deine Schwester..." "Ich war halt einfach... irgendwie geschockt, das hätte ich nicht von euch erwartet. Ach ich weiß auch nich... tut mir leid" Die letzten drei Worte hatte er irgendwie in seinen noch nicht vorhandenen Bart genuschelt und guckte jetzt beschämt auf den Boden. Das fand ich fast schon wieder süß. Manchmal weiß man einfach nicht, was man tut... "Ist okay...", sagte ich leise. Einige schweigende Augenblicke später stand ich zögerlich, ging auf ihn zu und umarmte ihn. Mir fiel ein kleiner Steinbruch vom Herzen, die erste Hürde hatte ich schon mal überwunden. An die zweite wollte ich mich heute noch nicht wagen, das wird ein größerer Schritt werden, bei Bill und mir ging es einfach um viel mehr als bei Tom.
Vor dem Einschlafen wuselten mir ständig Bills Blicke durch den Kopf und ich baute wieder eine gewisse Wut gegen ihn auf. Was hatte er plötzlich, dass er nicht mit mir redete und mich stattdessen immer so kalt anguckte? Hat Tom ihm vielleicht irgendwelchen Mist über mich erzählt? Vielleicht hatte Tom ja wirklich was damit zu tun, was er natürlich mir gegenüber niemals zugegeben hätte... Aber was war das dann für eine "Liebe" mir gegenüber, wenn er sich bloß was von Tom erzählen lässt und gleich alles aus ist? Ich zerbrach mir den Kopf darüber, was in dem Kopf meines lieben Bruders nur vor sich ging, und zweifelte zeitweise daran, ob da überhaupt irgendwas vor sich ging und ob sein Verhalten überhaupt Sinn hatte. Das war's dann auch zum Thema schlafen. Die Minuten verstrichen und ich lag immer noch wach.
Irgendwann musste ich dann doch eingeschlafen sein, denn ich wurde wach als mein Wecker klingelte. Und ich fühlte mich, als hätte ich gar nicht geschlafen. Ich guckte auf den Kalender, heute war Mittwoch. Seit Samstagvormittag hatten Bill und ich kein Wort mehr miteinander geredet. Arsch.
Unten in der Küche passierte es dann, ich holte gerade die Milch aus dem Kühlschrank, als mir schwindelig wurde. Schlecht war mir auch, aber das kannte ich ja. Vor meinen Augen fing es an zu flimmern, wie wenn man lange gelegen hat und plötzlich aufsteht. Doch es ging nicht wieder weg, im Gegenteil, es wurde schlimmer, bis mein gesamtes Sichtbild schwarz war. Ich bekam nur wie von ganz weit weg mit, wie ich die Kühlschranktür zuschlug und meine Hände nach irgendetwas griffen, das mir Halt geben könnte, doch sie griffen ins Leere. Ich wollte, dass es aufhört, ich bekam nichts mehr mit, meine Sinne setzten für ein paar Sekunden völlig aus.
Ich spürte, dass ich auf etwas weichem lag, von ganz weit weg drang eine Stimme zu mir durch. Plötzlich konnte ich die Augen öffnen und wieder klar sehen. "Lilly, hörst du mich jetzt?" Ich lag auf Bills Schoß auf dem Boden. Innerhalb weniger Sekunden ging es mir wieder genauso gut wie vorher auch. "Du bist ganz blass", er legte seine Hand an meine Wange. Doch ich schlug sie weg. "Pack mich nich an, du Penner!" Ich stand schnell auf und ging zur Schule. Er musste sich jetzt auch ziemlich verarscht vorkommen, erst liege ich bewusstlos auf dem Boden rum und plötzlich kann ich ihn wieder ankeifen. Aber Pech, sollte er mich nicht ignorieren und dann aus heiterem Himmel den Besorgten spielen. Grrrr.

 

41.
"Ich glaub, ich geh heute mal zum Arzt" "Wieso?", fragte Lisa. "Keine Ahnung, mir war die ganzen letzten Tage schlecht, ich musste ständig kotzen und heute morgen ist mein Kreislauf zusammengebrochen" Sie guckte mich mit großen Augen an. "Was denn?" "Ähm Lilly... hast du... also am Freitag, da hast du doch mit Bill... und habt ihr...?!" Ich verstand, was sie meinte. "Unmöglich, ich nehm die Pille" "Ja, aber das ist nich hundertprozentig, nichts ist hundertprozentig, was ist wenn du... schwanger bist?" Einen Moment stockte mir der Atem. Sie hatte recht, nicht mal die Pille gab hundertprozentige Sicherheit. Doch kurz später musste ich loslachen. "Quatsch, ich bin doch nicht schwanger!" "Ach, und woher soll das sonst kommen?", fragte sie etwas beleidigt, weil ich sie ausgelacht habe. "Weiß ich doch nich, aber ich bin nich schwanger, ich will nicht schwanger sein, schon mal gar nicht von so 'nem Arsch!" Da klingelte es auch schon zur nächsten Stunde und für mich war das Thema abgehakt. Doch in der Stunde schob Lisa mir einen Zettel rüber. "Und wenn doch? Mach bitte 'nen Test" Genervt rollte ich mit den Augen. Die ließ wohl nie locker...
Also ging ich mehr oder weniger gezwungen nach der Schule noch in den Drogeriemarkt und kaufte mir so einen bescheuerten Schwangerschaftstest. Zu erst hatte ich überlegt, ihn gar nicht erst zu machen, weil ich mir ziemlich sicher war, aber wissen konnte ich es nicht. Und wenn ich ehrlich war, waren das alles eigentlich sehr eindeutige Zeichen. Was wäre wenn ... ? Ich konnte doch kein Kind bekommen, ich war gerade mal fünfzehn, Bill auch und er war verdammt noch mal mein Bruder, wahrscheinlich würden wir dann auch noch vor Gericht kommen, an eine Auseinandersetzung mit unseren Eltern wollte ich gar nicht erst denken.
Mit dem sicheren Gedanken, wieder als erste zu Hause zu sein schloss ich die Haustür auf, zog mir Schuhe und Jacke aus. "Lilly, was ist los?" Ich erschrak, drehte mich um und sah Bill am Tisch sitzen. Was fällt dem eigentlich ein, früher als ich zu Hause zu sein? Und mich auch noch dermaßen zu erschrecken? "Nix is los... was interessiert das dich eigentlich so plötzlich?", zickte ich ihn sofort an. "Ach komm... denkst du, ich merk es nicht, dass du gar nichts mehr isst und ständig am Kotzten bist?" Schluck. Er hat das gemerkt? "Na und? Denkst DU, es interessiert MICH, was du merkst und was nicht?!" Ich drehte mich um und stapfte die Treppe hoch. Musste das Mittagessen eben heute ausfallen, macht nix, wäre sowieso wieder hochgekommen, so wie alles, was ich versucht hatte zu essen. Hallo? Was wollte der eigentlich? Jetzt auf einmal kann er wieder mit mir reden, jetzt interessierte es ihn, was ich machte, was ich tat und wie es mir ging. Aber ich wollte nicht mit ihm reden, ich wollte nicht, dass er bekam, was er wollte, er sollte sich mal schön Sorgen machen und sich den Kopf zerbrechen, so wie ich in den vergangenen Tagen.
Ich guckte auf den Schwangerschaftstest, den ich noch immer in der Hand hatte. Eigentlich hatte ich darauf keine Lust, aber Lisa zu Liebe machte ich ihn dann doch. Wie war das? Rot - negativ, grün - positiv. Okay, war ja nicht so schwer. Als ich dann so im Bad saß und auf das Ergebnis wartete, wurde mir aber doch ein wenig mulmig. Was, wenn Lisa recht hatte? Ich wollte das nicht, auf keinen Fall. Aber es war doch auch ziemlich unwahrscheinlich, dass man trotz Pille schwanger wird, oder? Warum sollte es da genau mich treffen? Hmm... vielleicht, weil du immer solche wunderbaren Zufälle triffst, liebe Lilly?! Nein.
Okay, die Zeit war um. Ich guckte ganz vorsichtig auf das Stäbchen. Rot. Rot! Ich war nicht schwanger. Na Gott sei dank! Ich war echt erleichtert. Sofort musste ich natürlich Lisa anrufen, die saß ja zu Hause auch auf glühenden Kohlen und wartete. "Ich bin nicht schwanger!", schrie ich förmlich ins Telefon. "Zum Glück... Hast du Bill davon erzählt?" "Biste bekloppt? Ich rede doch nich freiwillig mit dem. Und da ja sowieso nichts passiert is..." "Mhm... aber woher kommt das denn, dass dir immer schlecht is?" "Was fragst du mich das? Alles was ich esse kommt wieder hoch" "Hmm... das kann auch psychisch sein" "Also jetzt gehts aber los hier, mir ist doch nich psychisch schlecht, spinnst du?!" "Na wenn du meinst...." Ja sicher, was blöderes hab ich ja noch nie gehört. Tzz die guckt anscheinend auch manchmal zu viel Fernsehen.
Am Nachmittag klopfte es an meiner Tür. "Hmm" Tom kam rein. Okay.... "Lilly, wir haben Pizza bestellt, willst du nich auch was essen?" Irgendwas an ihm kam mir spanisch vor. "Du hast eh so wenig gegessen in den letzten Tagen" "Hat Bill dich geschickt?" "Nein... ach Quatsch, wie kommst du nur auf so ne blöde Idee..." Ich guckte ihn bedeutungsschwer an. Er brauchte mich nicht anzulügen. Wutentbrannt lief ich die Treppe runter. Bill saß am Esstisch und stopfte sich ein Stück Pizza in den Mund. "Ich kann ganz gut auf mich selbst aufpassen, klar! Und dann auch noch deinen Bruder vorzuschicken, bist du so blöd oder tust du nur so?!", schnauzte ich ihn an. Doch er guckte nicht überrascht, nicht schuldbewusst, sein Blick war eher beschuldigend. "Und jetzt glotz nich so scheiße, sondern sag gefälligst mal was!" Er schob irgendetwas weißes aus Plastik in meine Richtung und sah mich durchdringlich an. "Hallo? Rede gefälligst mit mir! Warum hast du mich die ganze Zeit ignoriert, was hab ich dir denn bitteschön getan? Und ach so plötzlich machst du dir Sorgen um mich, kannst du dich mal entscheiden?!" Jetzt ließ ich echt meine ganze Wut an ihm aus. Alles, was sich in den letzten Tagen angestaut hatte. "Lilly, was ist das?", fragte er mich ruhig, ohne auch nur auf meine Worte einzugehen. Als hätte er mich überhört. So eine Dreistigkeit! Moment mal, was meinte er überhaupt. Ich schaute vor mir auf den Tisch und setzte mich langsam. Er hatte den Schwangerschaftstest gefunden. Warum hab ich blöde Kuh den nur im Bad liegen lassen? Bin ich denn vollkommen bescheuert?? Scheiße... "Ich glaub, du weißt ganz genau, was das ist", mir fiel im Moment keine bessere Antwort ein. Eher gesagt war mein Kopf total leer.
"Ich kann Bill aber verstehn, so wie du ihn zur Sau gemacht hast... dem wär ich auch aus dem Weg gegangen", Tom kam lachend die Treppe runtergepoltert. Sein Lachen verschwand allerdings, als er uns da sitzen sah, schweigend und es lag eine trübe Stimmung in der Luft. Sein Blick fiel auf den Schwangerschaftstest und seine Augen weiteten sich. Anscheinend verstand er, dass er gerade störte. "Ach du scheiße, Lilly, bist du schwanger?", fragte er. Bill stützte genervt den Kopf in die Hände und stöhnte. Anscheinend hatte Tom ihm seinen gut ausgedachten Plan, mich besänftigend zum Reden zu bringen, zerstört. "Nein, bin ich nicht, und das ist auch gut so", ich warf Bill einen giftigen Blick zu, der aber erst mal erleichtert aufatmete. Tom schaute von mir zu Bill und wieder zu mir und wieder zu Bill. "Ich... muss Hausaufgaben machen", sagte er leise und machte sich vom Acker. Wow, es schien, als hätte Tom eine Art Gespür dafür entwickelt, wann er fehl am Platz war und sich besser verdrücken sollte.

 

42.
Lange saßen wir uns schweigend gegenüber. Ich hatte so weit eigentlich alles gesagt, aber uns war beiden klar, dass es so nicht weitergehen konnte und wir das Problem, von dem ich nicht wirklich wusste, was es überhaupt für ein Problem war, aus der Welt schaffen mussten. "Und wie geht's jetzt weiter... mit uns?", Bill schaute schon fast schüchtern von dem Pizzakarton, der vor ihm lag, zu mir auf. "Keine Ahnung, kommt ganz darauf an... vielleicht willst du mich einfach mal wieder ein paar Tage ignoriern, oder vielleicht fällt dir plötzlich auf: Moment mal, Lilly? Da war doch mal was..." "Lilly, was genau ist eigentlich dein Problem?", reagierte er nun doch gereizter als erwartet. "Was ist DEIN Problem?", stellte ich die Gegenfrage. Schweigen. Er schien nachzudenken. Oh, Herr Kaulitz hat das Denken doch nicht verlernt?!
"Keine Ahnung... ich hab mich noch nie so heftig mit Tom gestritten, weißt du?! Und irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl, dass du Schuld daran warst...", sagte er. "Ja natürlich, ich hatte von Anfang an vor mich zwischen euch zu drängen, das war genau meine Absicht", zickte ich ihn an. Hallo? Was denkt der eigentlich? Wie war das noch mal mit dem er hat das Denken doch nicht verlernt?
"Jetzt hör mal auf, mich hier so anzuzicken!" Ich verschränkte die Arme und schmollte. Dass ich mich gerade benahm wie ein kleines Kind war mir egal, er sollte ruhig zu spüren bekommen, dass ich sauer war. "Man, ich wusste doch selbst nicht mehr, was ich wollte und was nicht. Als erstes wollte ich mich mit Tom vertragen, Tom ist der wichtigste Mensch in meinem Leben..." "Na danke, trampel noch mehr auf mir rum", nuschelte ich. "Was? Ich trampel doch gar nich auf dir rum..." "Nein, überhaupt nicht! Natürlich tust du das! Weißt du, wie weh das tut, plötzlich von dir so ignoriert zu werden, so kalt wie du mich immer anguckst und, und gleichzeitig noch von Tom fertig gemacht zu werden?", mittlerweile hatte ich angefangen zu weinen. "Nein", sagte Bill nur leise. "Nen Scheißdreck habt ihr euch dafür interessiert wo ich war und ob ich überhaupt noch gelebt habe... Ist echt 'n tolles Gefühl, Bill. Und ganz plötzlich intressiert's dich wieder, weißt du wie verarscht ich mir vorkomme?!" "Du hast ja gar nichts mehr gegessen und nur noch gekotzt..." "Ja, überleg doch mal, warum! Warum gings mir denn schlecht? Wegen DIR!", erst als ich zu ende gesprochen, bzw. geschrien, hatte registrierte ich es auch. Natürlich, warum sollte es nicht psychisch gewesen sein? Weil mich das mit Bill so fertig gemacht hat. Schwanger.... tzz. Und weil ich nichts gegessen habe ist mein Kreislauf zusammengebrochen. Plötzlich ergab das alles auch Sinn. Bill starrte mich ungläubig an.
"Man, das tut mir alles so leid, ich wollte doch nicht, dass es dir schlecht geht. Ich musste nur erst mal mit mir selbst klarkommen um zu wissen, was ich will..." "Und was willst du?", fragte ich leise. Wie ein Häufchen Elend saß ich in meinem Stuhl und blickte auf den Tisch, als wäre er das Interessanteste auf der Welt. Ich fühlte mich gerade echt schlecht. Irgendwie wusste niemand von uns beiden so wirklich, wie es weitergehen würde. Die ganze Sache war echt beschissen gelaufen. Aber wenigstens hatte ich meinem Ärger jetzt Luft machen können. Und wenn ich ehrlich zu mir selbst war, dann war ich gar nicht mehr böse auf ihn. Bill hatte die ganze Zeit zwischen den Fronten gestanden, musste so eine große Sache vor seinem Zwillingsbruder verheimlichen, dem er sonst immer alles erzählt. Ich konnte es zwar nicht verstehen, wie er darauf kam, dass ich Schuld war, aber wie wir alle wissen, denken die männlichen Geschöpfe dieser Welt manchmal ein wenig seltsam. Und Hauptsache war doch, dass es ihm leid tat und dass er auf mich zugekommen war.
"Dich", er guckte mich scheu und liebevoll zugleich an. "Obwohl ich dich so angeschissen hab?" Bill lächelte leicht, stand auf und kam auf mich zu. Er hockte sich vor mir auf den Boden, sodass unsere Gesichter auf gleicher Höhe waren, und legte seine Stirn an meine. "Ja... und weißt du was? Du bist echt süß wenn du sauer bist" Wieder zierte ein Lächeln sein hübsches Gesicht. "Du bist doof, du willst mich nur wieder einlullen", sagte ich, konnte aber ein kleines Lachen nicht verhindern. "Ich weiß", er grinste noch breiter. "Und das dümmste ist, dass es auch noch funktioniert...", sagte ich gespielt beleidigt. Aber mehr konnte ich gar nicht mehr sagen, denn Bill küsste mich schon. Ich seufzte und ließ es zu. Wie lange war es jetzt her, dass wir uns das letzte Mal geküsst hatten? Das war doch Freitagabend... Hmm, Freitagabend. Beim Gedanken daran musste ich grinsen. "Was?", fragte Bill. "Ach nix"
"Na also, geht doch!", Tom kam grinsend die Treppe runter. Wir beide guckten ihn empört an. Er spielte den Unschuldigen "Was denn? Hat mich eben interessiert, was ihr euch zu erzählen habt..." Och ne, Tom. Hatte er jetzt die ganze Zeit auf der Treppe gesessen?
Wir machten uns anschließend über die mittlerweile kalte Pizza her, aber das war egal. Ich hatte irgendwie schon Kohldampf, hatte ich gar nicht bemerkt. Und siehe da, mir war nicht mehr schlecht. Wie es aussah, hatte Lisa wohl doch Recht gehabt. Mist aber auch ^^. Aber Hauptsache, es war vorbei und Bill und ich hatten uns vertragen. Mit Tom vereinbarten wir, dass er unser "kleines Geheimnis" auch für sich behalten würde. "Na dann können wir's auch gleich Lisa erzählen...", meinte Bill. Tom guckte mich verwirrt an, anscheinend wusste er nicht dass Bill nicht wusste dass ich es Lisa erzählt habe. Ich schenkte ihm einen warnenden Blick, dass er bloß seine Klappe halten sollte. "Äh... ja, wenn du nichts dagegen hast", spielte ich schließlich auch das Unschuldslamm. "Ach nene, sonst ist sie ja die einzige, die keine Ahnung hat" "Okay..." Ich kam mir schon ein bisschen blöd dabei vor, aber er musste es ja nicht wissen, jetzt wo wir uns gerade wieder vertragen hatten... Und er würde es auch nie erfahren, im Endeffekt war es doch auch völlig egal, ob Lisa es jetzt offiziell wusste oder inoffiziell seit ein paar Tagen, es kam immer dabei heraus, dass sie es wusste.

 

43.
"Das ist doch nicht zum Aushalten!", beschwerte ich mich. Seit dem die Schule wieder angefangen hatte, regnete es nur noch. Jeden Tag goss es wie aus Eimern. Da konnte man ja nur noch depressiv werden. "Super! Bill, wie lange hatten wir keinen Regen mehr an unserem Geburtstag?!" "Wir hatten noch nie Regen", antwortete Bill monoton. Wir vier saßen - mal wieder - in unserer Lieblingseisdiele, heute allerdings wetterbedingt drinnen und mit heißer Schokolade oder Latte Macchiato anstatt einem fetten Eisbecher mit Sahne. Am Freitag würden Bill und Tom Geburtstag haben. Endlich 16! Und es gab kaum noch ein anderes Thema. Es wurde geplant, überlegt, wer eingeladen war, wer nicht, was es zu trinken geben sollte, was nicht, welche Musik, wohin die Eltern verfrachtet werden sollten, Gedanken über Geschenke gemacht und und und ... Wir wollten bei uns zu Hause feiern, wir hatten schließlich genug Platz. Unsere Eltern reagierten zum Glück cool und wollten das ganze Wochenende nach Paris fahren, das Haus blieb uns überlassen, unter der einzigen Bedingung, dass wenn sie wiederkommen würden, man nicht auf die Idee kommen sollte, dass eine Party stattgefunden hatte, kurz: wir durften machen, was wir wollten, Hauptsache, wir bringen alles wieder in Ordnung. So viel Vertrauen hätte ich an der Stelle meiner Eltern so jemandem wie uns nicht geschenkt. Sie wollten uns sogar ein paar Kästen V+ besorgen (Bill und Tom durften es ja NOCH nicht und es waren auch viele Gäste unter 16), so lang es bei Bier blieb und es nichts Hochprozentiges geben wollte, was die Zwillinge immer wieder beteuerten, sei das in Ordnung. Dass wir schon heimlich die Feiglinge und all den Scheiß in unseren Zimmern versteckten musste ja niemand wissen.
"Und was machen wir jetzt?", fragte ich in die Runde, als alle unsere Gläser geleert waren. Alle zuckten mit den Schultern. Was sollte man bei so einem Scheißwetter schon groß machen? "Wer is für DVD gucken?" Alle grinsten mich an. Na wusste ich's doch, das war nämlich seit neuestem unsere Lieblingsbeschäftigung. Wir fuhren also alle mit den Fahrrädern zu Lisa. Und wie sollte es anders sein, kamen wir genau in einen heftigen Wolkenbruch. Obwohl man von der Eisdiele bis zu Lisas Haus nur knappe zehn Minuten mit dem Rad braucht, waren wir nass von oben bis unten. Lisa und ich huschten direkt ins Bad, föhnten uns die Haare und zogen anstatt unserer durchnässten Jeans jeder eine Boxershorts von ihr an. Den Jungs brachten wir, großzügig wie wir nun mal sind, jeweils ein Handtuch für die Haarpracht mit raus. Sie wollten gerade in ihr Zimmer verschwinden, da meinte Lisa: "Nene, so kommt ihr da nich rein. Hose runter!" Wir beide bekamen einen Lachanfall, die Zwillinge glotzten nur doof, verstanden dann aber wohl, dass es völlig ernst gemeint war und gingen ebenfalls ins Bad. Wir machten es uns schon mal auf ihrem Bett gemütlich. Lisa hatte ein französisches Bett, was so herrlich groß war, dass wir vier dort locker Platz hatten. Nachdem sich die Jungs ihrer nassen Hosen entledigt hatten kamen sie etwas peinlich berührt dreinblickend und ohne Beinbekleidung, sondern nur in ihren sexy Boxershorts zu uns ins Zimmer. Bill krabbelte schnell zu mir aufs Bett und versteckte sich unter einer Fleecedecke. "Warum so schüchtern, du musst dich doch nich verstecken", flüsterte ich ihm ins Ohr und biss sanft in sein Ohrläppchen. Seine Haare hingen glatt runter, nachdem der Regen seine schöne Frisur zerstört hatte. Aber wenn ich ehrlich war, gefiel er mir mit glatten Haaren sowieso viel besser.
Ich lehnte mich an seinen Oberkörper, sofort stieß mir seine Wärme und der leichte Geruch seines Deos entgegen, den ich nur begierig aufsog. Ich ließ meine Hand unter die Decke gleiten und legte sie auf seinen Bauch, der sich regelmäßig hob und senkte. Wie konnte ich nur jemals negative Gedanken und Wut gegen Bill spüren? Das war mir in diesem Moment unerklärlich. Okay, gut, man könnte sagen ich ging zu gut mit ihm um und hätte mir das nicht gefallen lassen sollen, aber was sollte ich machen? Er hatte mich einfach in seinen Bann gezogen, dort kam ich nicht mehr raus. Ich war schwach und ihm gnadenlos verfallen. Einen Teufel werde ich tun, ihn zu vergraulen. Ich kuschelte mich noch ein bisschen enger an seine Brust und ließ den Moment auf mich wirken. Ich spürte die wunderbare Wärme, die von ihm ausging und mich völlig umgab, seine Hand an meiner Taille, und deutlich hörte ich das Herz in seiner Brust schlagen, denn mein Ohr lag genau darauf.
Immer noch lag meine Hand auf seinem Bauch, ich schob sie langsam unter sein T-Shirt, berührte seine warme, nackte Haut, und streichelte leicht darüber. Mittlerweile war ich froh, dass Tom und Lisa beide bescheid wussten. So konnten wir wenigstens in ihrer Gegenwart zusammensein und tun, was wir wollten, mussten uns nicht verstecken. Und das gab uns einen gewissen Grad an Freiheit. Tom guckt zwar immer ein wenig angeekelt, oder zumindest nich überglücklich, wenn Bill und ich uns küssten, aber er akzeptierte es. Bill hatte mir erzählt, dass Tom anfangs auch auf mich gestanden hätte, es sich aber aus dem Kopf geschlagen hätte, da ich ja seine Schwester war. Und dass Tom versuchte, darüber hinwegzusehen, dass wir Geschwister waren, weil er Bill ja auf eine bestimmte Art eigentlich verstehen konnte. Tom wusste aber nicht, dass ich es wusste und ich hatte auch nicht vor, es ihm unter die Nase zu reiben.
Was da im Fernseher lief, darüber machte ich mir schon gar keine Gedanken mehr. Bills Gegenwart benebelte mich gerade so, dass es einfach nicht möglich war, auf irgendetwas anderes zu achten. Meine Hand wanderte weiter unter sein Shirt, ganz langsam strich ich über diese samtig weiche Haut. Ich wendete mein Blick vom Bildschirm ab und schaute zu Bill hoch. Er hatte zwei unglaublich niedliche Pickelchen am Kinn. Hört hört, auch Herr Kaulitz wird davon nicht ganz verschont^^. Seine Nase war wie immer so zierlich und graziös, schien einfach perfekt und seine Augen funkelten aus dem Schatten des schwarzen Kajals heraus. Mein Blick wanderte wieder runter zu diesen vollen, rosa Lippen, nach denen ich mich förmlich verzehrte. Ich wollte sie spüren - und zwar jetzt.
Ich setzte mich etwas aufrechter hin, dass mein Kopf auf seiner Höhe war und küsste sachte seinen Mundwinkel, dann seine Lippen. "Ey, ich will das sehn", protestierte Bill. "Ach komm, ich weiß, dass du lügst", flüsterte ich. Und ich hatte Recht, denn er legte seinen anderen Arm um meine Taille, zog mich näher zu sich, ja fast auf ihn drauf, und legte seine Lippen wieder auf meine. Ich musste leise seufzen, als seine Zunge gegen meine Lippen stupste und ich ihm breitwillig Einlass gewährte. Bill brachte mich mit seinen Zungenspielchen mal wieder fast um den Verstand. Immer wieder stöhnte ich leise, wenn ich sein kühles Zungenpiercing spürte, während seine Hand meine Wirbelsäule auf- und abwanderte. Langsam aber sicher wanderte sie unter die Decke auf meinen Hintern und blieb dort liegen. In mir baute sich eine leichte Spannung auf, aber eine Spannung, die unglaublich gut tat. Ich hing begierig an seinen Lippen wie an einer Droge und bekam nicht genug. "Boah nehmt euch doch ein Zimmer, man", meinte Tom in belustigtem Ton. Oh, die waren ja auch noch da. Hatte ich ganz vergessen... "Halt die Fresse, Tom", entgegnete Bill nur, ließ sich nicht beirren und beförderte mich mit einem nächsten Kuss wieder auf meine rosarote Wolke, auf der es weder Zeit noch Raum gab, sondern nur uns beide. Gegen nichts in der Welt würde ich Bill eintauschen, ich wollte für immer mit ihm zusammensein, für immer dieses wunderschöne Gefühl behalten, wenn er mich berührte oder die Schmetterlinge, die schon auftauchten, wenn ich ihn nur ansah.
"Hey ihr Turteltauben, der Film ist vorbei", holte Lisa mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. "Schon?" Sie grinste mich an und nickte. "Ich glaub, wir müssen langsam auch mal nach Hause", stellte Tom mit einem Blick auf die Uhr fest. "Ich hab keine Lust", nörgelte ich und drängte mich wieder an Bills Körper. "Ne, ich auch nich. Guck doch mal raus" Ich folgte Bills Blick und sah draußen einen heftigen Sturm wüten, der Regen prasselte nur so nieder. "Können wir nicht hier bleiben?" "Klar Bill, ihr drei pennt einfach alle hier" "Ja wieso?"
Aufgrund der Wetterlage (Orkanböen und monsunsartiger Regen) erlaubte Mum es uns schließlich doch, hier zu bleiben. Müssten wir eben morgen ein bisschen früher aufstehen und vor der Schule noch nach Hause fahren um unsere Schulsachen zu holen. Tom schlief bei Lisa im Bett, Bill und ich im Gästezimmer auf einem riesigen Doppelbett. Uns hätte die Hälfte gereicht, aber das mussten wir Lisas Eltern aufgrund der Tatsache, dass sie natürlich wussten, dass wir drei Geschwister waren nicht unbedingt unter die Nase reiben.
Eng aneinandergekuschelt lagen wir im Bett, von draußen hörte man den Regen gegen das Fenster schlagen, immer wieder erhellte ein Blitz das Zimmer und kurz darauf folgte das Donnergrollen. Aber ich fühlte mich einfach wohl hier. "Bill?", flüsterte ich. Keine Reaktion. "Schläfst du schon?" Wieder gab er kein Lebenszeichen von sich. Ich setzte mich auf und sah ihn an. Augenblicklich musste ich lächeln. Ja, dieses Bild, wenn er schlief war zuckersüß, dieser Engel auf Erden. Obwohl ich ganz genau wusste, dass er kein Engel war, sondern manchmal ein richtiger Teufel sein konnte, so trügte dieses Bild und ließ ihn als einen Engel erscheinen. "Ich liebe dich", flüsterte ich, obwohl er es ja nicht hörte, aber das war mir egal. Ich küsste ihn noch einmal sanft. Dann fel ich von seiner Körperwärme umhüllt und mit seinem Atem im Nacken in einen wohligen Schlaf.

 

44.
Freitag! Geburtstag! Party! Am Morgen stand ich extra früh auf, brauchte länger im Bad als sonst und wollte für Bill gut aussehen. Völlig bescheurt, denn heute war auch ein Tag wie jeder andere, aber das war mir egal. Als ich aus dem Bad kam, tapste mir wie jeden Morgen eigentlich, Bill total verschlafen entgegen. Ich umarmte ihn stürmisch, küsste ihn und wünschte ihm alles Gute zum Geburtstag. "Und wie fühlt man sich so mit sechzehn?" "Total cool", sagte er ironisch. Ich musterte ihn von oben bis unten. "Ou ja, du siehst auch schon viel erwachsener aus", stellte ich witzelnd fest. "So, und ein erwachsener Mann bedarf auch viel Pflege, ich muss ins Bad", er zwinkerte mir zu und schloss die Tür hinter sich. Irgendwie ja schon gemein von mir, ihn so skrupellos zu überfallen, aber er hatte es nicht anders verdient
Es erfüllte mich mit unglaublicher Freude, den Twins beim Geschenke auspacken zuzusehen. Die beiden freuten sich wie Honigkuchenpferde, ihre Augen funkelten und beide hatten haargenau denselben Gesichtsausdruck. Jetzt sah man ausnahmsweise mal, dass sie Zwillinge waren. Bill war so süß und knuddelig, dass ich hätte gnadenlos über ihn herfallen können, aber ich musste mich leider beherrschen. Zeitbedingt und da unsere Eltern hier waren. Ich schenkte den beiden nichts. Sie hatten mir gesagt, dass sie sich nie gegenseitig beschenkten und da ich nie Geschwister hatte und es nicht besser wusste, hatten wir das auch für uns beschlossen. Dennoch hatte ich für Bill ein Geschenk, aber das sollte er erst heute Abend bekommen, sonst würden sich unsere Eltern noch Gedanken machen, warum ich Bill etwas schenkte und Tom nicht und auf falsche Gedanken kommen, die eigentlich nicht mal falsch waren... Irgendwann klingelte es an der Tür. Lisa war gekommen und begrüßte ihren Schatz ähnlich wie ich Bill heute morgen. Fand ich ganz gut, dann konnten wir nämlich zusammen zur Schule fahren.
Am Nachmittag waren unsere Eltern längst ausgeflogen und wir mit den Vorbereitungen für die Party beschäftigt. Wieso war es eigentlich ungeschriebenes Gesetz, dass ich helfen musste, obwohl die Party nicht mal für mich war? Weil du eine überaus liebenswürdige, hilfsbereite und nette Person bist, liebe Lilly. Oh ja...
Gegen Abend standen Bill und ich dann, nach langem Streit wer wann ins Bad geht, zusammen vorm Spiegel und schminkten uns. Irgendwie eine seltsame Situation und ich glaube, so geht es nicht vielen Mädchen mit ihrem Freund. Immer wieder musste ich ihn beobachten und schmunzelte dabei. "Was?" "Ach nichts... du siehst nur so süß aus, wenn du dich schminkst" "Wuahhhh, man! Ich krieg das mit diesem scheiß Eyeliner heute nich hin!", fluchte ich nach geraumer Zeit der verunglückten Versuche. "Soll ich?" "Nein" Ich wollte mich nicht von meinem Freund schminken lassen, das ist doch doof. "...doch, ich kriegs nicht hin" Also setzte ich mich brav auf den Badewannenrand, Bill kniete sich vor mich und machte sich höchst Konzentriert daran, mir eine Lidstrich zu ziehen. Sonst funktionierte das immer, nur heute natürlich nicht. Was für eine Blamage, mein Freund kann besser mit Kosmetikartikeln umgehen als ich. Als er sein Werk beendet hatte checkte er mich kurz ab und meinte: "So, jetzt siehst du einigermaßen annehmbar aus!" "Och, du bist doch doof!" Ich warf mit einem Waschlappen nach ihm, doch er konnte ausweichen. "War doch nur Spaß. Du weißt, dass du wunderschön bist..." Er stand jetzt direkt vor mir. "Du immer mit deinem Gesülze..." "Was denn? Ist doch die Wahrheit. Ich liebe dich einfach..." "Und ich dich erst..." Unsere Gesichter kamen sich immer näher. Doch dann klingelte es an der Tür. Bill stöhnte genervt auf. "Lass... Tom kann doch gehen" Ich legte meine Hand in seinen Nacken und wollte ihn gerade in einen leidenschaftlichen Kuss verwickeln, als Tom von unten rief: "Bill kannst du gehn, ich bin noch nicht fertig!" Bill rollte mit den Augen, drehte sich dann aber um und ging runter. Ich warf noch einen Kontrollblick in den Spiegel - gar nicht mal so schlecht, Bill^^ - und folgte ihm dann.
Die ersten Gäste waren gekommen, beglückwünschten die Zwillinge und überreichten ihre Geschenke. Nach etwa einer Stunde war es brechend voll im Haus. "Ich wusste gar nicht, dass ihr so viele Leute kennt", sagte ich zu Bill, als wir uns zufällig an der improvisierten Bar trafen. "Ich auch nicht", gab er mit einem leichten Grinsen zu. Okay, es waren also mehr Leute da als geplant und ich bezweifelte auch, dass sie wirklich alle von denen kannten. Ich fragte mich nur, wo Lisa so lange steckte, ohne sie war es hier nämlich echt öde. Ich kannte nicht sehr viele von Bills und Toms Freunden bzw. Bekannten. Nur Andreas, ihr bester Freund und ein paar andere hatte ich schon mal gesehen. Ich lehnte mich an die Theke und schaute in der Gegend herum. Also wirklich, SO VIELE Menschen konnte man gar nicht kennen. Auf einmal fiel mir ein bekanntes Gesicht auf - Andreas. Der aus dem Freibad. Er schaute sich anscheinend auch suchend um. Sein Blick fiel in meine Richtung. Scheiße! Ich duckte mich und versteckte mich hinter der Theke. Was in aller Welt machte DER denn hier?? Ach ja, er war doch in Bills Klasse und der hatte ihn wahrscheinlich eingeladen. Ist ja schön und nett von Bill, dass er dafür sorgt, ihn ein bisschen zu integrieren, aber das wurde jetzt leider zu meinem Nachteil. Ich wagte es, einen Blick über den Tisch zu werfen und zuckte schnell wieder zusammen. Er hatte genau hierhin gesehen. Ich wollte ihm nicht unbedingt begegnen, ich konnte nicht genau sagen, warum, aber ich hatte einfach kein gutes Gefühl dabei.
"Was machst du denn da unterm Tisch, Süße?" Ich erschrak, drehte mich um und sah Bill vor mir stehen. "Ach.. ich.. ähh..." "Komm, ich stell dir mal Andreas vor, der neu bei mir inner Klasse is, du weiß schon" Schluck. "Ich muss aber noch neues V+ holen", versuchte ich mich rauszureden und verschwand wieder unter der Theke um an den Kästen rumzufummeln. "Hey Bill, hab dich schon gesucht", hörte ich Andreas' Stimme direkt über mir. Scheiße! Panik kroch in mir noch. Nein! Ich wollte ihn nicht sehn. "Lilly, jetz steh mal auf", meinte Bill und zog mich mehr oder weniger unterm Tisch vor. "Das ist meine Schwester, Lilly. Und das ist Andreas", stellte Bill uns gegenseitig vor. Ich stand langsam auf und grinste ihn schief an. Boah, war mir das unangenehm. Ich hatte ihn im Schwimmbad einfach so stehen gelassen und jetzt kroch ich völlig zerzaust - so kam ich mir zumindest vor - unter einem Tisch hervor. Zu erst glubschte er mich verwirrt an, dann grinste Andreas. "So sieht man sich wieder, was?!" Ich grinste wieder nur blöd. Bill verstand Bahnhof. "Ihr kennt euch?!" "Ja, wir haben uns in den Sommerferien mal im Schwimmbad getroffen", plapperte Andreas fröhlich. Ich wurde nur leider das doofe Gefühl nicht los, dass er immer noch auf mich stand und dass Bill direkt neben mir stand machte es auch nicht besser. Der schien sich allerdings keine großen Gedanken zu machen, worüber ich sehr froh war. Er sagte nur: "Achso... wusste ich nich. Oh scheiße!" Dann stürmte er in Richtung Tom, der gerade dabei war irgend ein Mädel anzubaggern. Sonst geht's aber noch? Wenn jetzt Lisa kommt... 
"Und wie geht's so?", fragte Andreas. "Och ja... ich kann mich nicht beklagen. Und bei dir? Wie kommst du auf der neuen Schule zurecht?" "Ja... ganz gut. Bill ist ja echt nett" "Ja das ist er" Andreas guckte mich ein wenig seltsam an, sagte aber nichts. Ich hatte allmählich den Verdacht, dass dieser Abend alles andere als gut verlaufen würde. Wir setzten uns auf die Couch und plauderten ein bisschen. Nichts gegen Andreas, er war ja ganz nett und so, aber ich fühlte mich ein wenig unwohl in seiner Gegenwart. Immer wieder ging ich uns etwas zu trinken holen, so konnte ich mich wenigstens einige Minuten von ihm ausruhen. Mein Verdacht, den ich Anfangs hatte, bestätigte sich nämlich. Er machte eindeutige Anspielungen und versuchte die ganze Zeit, mich anzuflirten. Da war es nicht gerade einfach, dem ständig auszuweichen. Ich war ja schließlich offiziell als Bills Schwester hier und nicht als seine Freundin. Ich konnte wohl schlecht sagen, dass ich mit Bill zusammen war und er sich deswegen zurückhalten sollte. Das wäre ja Selbstmord gewesen.
So kam es, dass wir schon angetrunken waren, als Lisa sich endlich mal blicken ließ. "Ich ... hol uns noch was zu trinken", nuschelte ich, sprang auf und rannte fast zur Tür um Lisa um den hals zu springen. "Da bist du ja endlich!"  Sie schob mich unsanft von sich weg. "Du hast aber 'ne Fahne!" Ich ignorierte ihren Kommentar einfach und flehte sie an: "Hilfe! Du musst mir helfen, Andreas ist da!" "Ja und? Was hast du denn gegen Andreas?" Sie verstand mich anscheinend nicht und meinte den anderen Andreas. "Nein, nicht der Andreas, der aus dem Freibad, du erinnerst dich?" Es dauerte ein bisschen, bis es klick machte. "Ne?!" "Doch! Und der baggert mich die ganze Zeit an, du musst mich retten!" Lisa versprach, nachdem sie sich bei Tom gemeldet hatte, mal vorbei zu schauen. Na hoffentlich geht das mit Tom schnell.
Ich ging wieder zurück und setzte mich - mit gebührendem Abstand! - zu Andreas auf die Couch. Er bedankte sich für das Getränk und erzählte mir wieder irgendwas. Mir entging nicht, dass er dabei seinen Arm lässig auf die Lehne legte und somit praktisch auch in meinen Nacken. Er rutschte unauffällig, aber gerade so auffällig, dass ich es bemerkte, immer ein bisschen näher an mich ran. Ich rutschte immer weiter weg. Hilfe!!! Lisa, wo bleibst du? Er guckte mich plötzlich mit seinen eisblauen Augen an. "Hat dir eigentlich schon jemand gesagt, dass du heute einfach toll aussiehst?!" Ich überlegte. "Äh... ja" Autsch! Das war die dümmste Antwort, die ich hätte geben können. Aber sie entsprach der Wahrheit und vielleicht konnte ich ihn damit abschrecken. Aber falsch gedacht, er grinste nur wieder und wollte sich mir nähern. Ahhhhhhhhhhhhhhhh!!!! "Ahh", stieß ich einen spitzen Schrei aus, sodass einige Leute mich verwirrt anschauten. Andreas auch. "Ich... ähm, mein Wodka-Red Bull ist leer", suchte ich eine minder gute Ausrede, sprang auf und sauste wieder zur Theke. Dort angekommen exte ich erst mal ein ganzes Glas Wodka-Red Bull und füllte mir ein neues auf, das ich zurück zum Tisch balancierte.
Andreas wirkte noch nicht mal beleidigt, nein, er freute sich als ich zurückkam. Hatte denn heute Abend niemand Mitleid mit mir? Ich ließ mich auf die Couch fallen. Ein paar Minuten später kam Lisa endlich dazu. Sie stellte sich vor und wir redeten ein wenig. Gut so, denn Andreas ließ seine Annäherungsversuche erst mal bleiben. "Lilly, wo ist eigentlich Bill?" "Wieso Bill?", fragte Andreas. Ich warf Lisa einen tadelnden Blick zu. "Ach keine Ahnung... kümmert sich um seine Gäste" "Wolltest du ihm nicht noch sein Geschenk geben?" Ahhh, jetzt verstand ich, worauf sie hinauswollte. Danke Lisa, ich küsse dir später die Füße! "Ja, ich geh ihn suchen" So entfloh ich den Klauen von Andreas und suchte Bill, ich wollte ihm tatsächlich noch sein Geschenk geben.
Ich fand ihn schließlich in seinem Zimmer mit ein paar Jungs. Sie spielten irgendein Saufspiel. Jungs... grade mal sechzehn und das sofort raushängen lassen. Wobei sie nur mit Hochprozentigem spielten. "Na ihr?" Ich setzte mich - ganz zufällig - neben Bill. "Na du? Willst mitspielen?" "Nee, lass mal" "Ach komm", er guckte mich mit diesem flehenden Blick an, dem ich einfach nicht widerstehen konnte und das wusste er ganz genau. Mistkerl. Ich ließ mir also die Regeln fürs "Blasen" erklären. Die Jungs fanden es immer unglaublich lustig, wenn ich dran war. "Los Lilly, du musst BLASEN!"  Ha ha ha. Und ja, ich lachte mich seltsamerweise wirklich schlapp, was vielleicht daran lag, dass der Alkoholpegel in meinem Blut nicht mehr der niedrigste war.
Drei Stunden und viele Pinnchen Ramazotti, Bowle, Feigling, Korn und was weiß ich was noch später befand ich mich in einem Zustand, den man wohl betrunken nennen konnte. "Bill 'sh mussia no was gebn" Ich erinnerte mich, warum ich überhaupt hier hochgekommen war. Als wir aus dem Zimmer rauskamen fiel mir auf, dass nur noch einige Gäste da waren, es musste schon nach Mitternacht sein, aber wen interessierte das schon?! Ich zog Bill an der Hand hinter mir die Treppe hoch. "Endlich allein", nuschelte Bill mir ins Ohr und zog mich zu sich ran. "Hmm... komm wia fickn", ich wollte ihn aufs Bett zerren aber er guckte mich an und lachte. "Du bist ja voll betrunken...Ne, das will ich nich ausnutzen" "Dann halt nich..." "Du wolltest mir was geben?!" "Ach ja" Ich kramte sein Geschenk raus, ein Briefumschlag. "'sh hoffes gefälltdia, wusst nish was 'sh diaschänkn soll", lallte ich, so gut es noch ging. Er öffnete den Umschlag und zog die Green-Day Konzertkarten raus. "Boah was?!", seine Augen glitzerten. "Danke süße!" Er knuddelte mich so heftig durch, dass ich schon Angst hatte, meine Knochen würden zerbrechen.
Als wir die Treppe wieder runterwackelten wurde mir auf einmal total schwindelig. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. "Alles klar?" "Alles dreht sish" Bill versuchte mich zu stützen, während ich die Treppe mehr runterpurzelte als zu laufen, meine Beine machten nicht mehr mit, ich spürte sie kaum noch. "'sh will m'sh hinlegn,,," Bill verfrachtete mich kurzerhand in sein Zimmer und legte mich auf dem Bett ab. In meinem Kopf drehte sich alles, ich fühlte mich gar nicht mehr gut. Er setzte sich zu mir auf die Bettkante, hielt meine Hand und streichelte mit dem Daumen über meinen Handrücken. Ich verlor jegliches Gefühl für Zeit. Wie lang lag ich hier? Zehn Minuten? Zwei Stunden? Ich konnte es nicht sagen. Ich schloss für einen Moment die Augen - oder war es eine halbe Stunde? Als ich sie öffnete, saßen zwei Bills neben mir. Ich grinste. "Jetz gibts d'sh ja sweimal" "Lilly? Alles in Ordnung?" Ich starrte die beiden Bills an. Hihi, sie hatten das so synchron gesagt, dass es sich anhörte, wie aus einem Mund. Hehe, zwei Bills, dann kann ja immer einer bei mir sein, wenn der andere nich kann... Doch auf einmal wurde es mir klar "'sh seh dopelt", stellte ich voller Verzweiflung fest. Bill legte seine Hand an meine Wange: "Shhhhh is alles gut" Ich schloss die Augen, aber das machte das Schwindelgefühl nur noch schlimmer. Und von einer Sekunde auf die andere wurde mir so übelst schlecht, dass ich meinte, mich auf der Stelle übergeben zu müssen. Als ich das Bill halbwegs mitgeteilt hatte, schleppte er mich ins Bad rüber.
Nach einem undefinierbaren Anfall, bei dem ich schreiend und heulend im Bad gesessen hatte und nicht mal beruhigt werden wollte, wurde mir nur noch schlechter. Ich fühlte mich so schlecht, dass ich mich auf der Stelle umbringen wollte. So wollte ich nicht mehr weiterleben, wollte nicht mehr dieses abartige Gefühl haben, nicht mehr Herr der Dinge zu sein, mein Sichtbild verschwamm und mein Magen rebellierte. Irgendwann fing es dann an und ich kotzte. Zum Glück ins Klo und nicht daneben, sonst hätte der arme Bill das noch wegmachen müssen. Ich konnte gar nicht mehr zählen, hatte ich mich jetzt vier mal übergeben? Sechs mal? Keine Ahnung.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte erinnerte ich mich nur schwach daran, dass ich mir irgendwann den Mund ausgespült, mein Gesicht gewaschen hatte und Bill mich aus dem Bad in sein Bett befördert hatte, weil es der kürzeste Weg war. Und darin lag ich noch immer. In Bills Zimmer in seinem Bett, das nach ihm duftete. Ich fragte mich, was ich überhaupt für Klamotten anhatte, hob die Decke hoch und meinen Kopf an, der allerdings streikte. Ich hatte eine weite Boxershorts und ein T-Shirt von Bill an. Ich drehte mich um und sah meine Klamotten auf einem Stapel auf einem Stuhl liegen. Wie süß von ihm. Ich nahm jedenfalls mal an, dass es Bill gewesen war, der mich umgezogen hatte und niemand anderes, das wär ja ekelig^^. Scheiße tat mein Kopf weh, und schlecht war mir noch immer. Nie wieder auch nur ein Tropfen Alkohol, das schwor ich mir.
Ich wankte die Treppe runter - ein wenig schwindelig war mir auch noch - und sah, wie Tom, Bill und Lisa die letzten Reste der Party entfernten. Mich quälte ein schlechtes Gewissen, als ich mich auf einen Stuhl fallen ließ und ihnen nur zusah, aber ich konnte mich kein Stück weiter bewegen. Bill kam zu mir. "Wie gehts dir?" Ich guckte ihn nur an und musste anfangen zu heulen. Sofort nahm er mich in den Arm. "Ich hab deine Party ruiniert... und ich hab gekotzt... und ich hab alles kaputt gemacht", schluchzte ich. "Ach... stimmt doch gar nich. Die Party war eh schon vorbei" "Un' ich hab no' nich ma aufgeräumt..." Bill tröstete mich, bis ich mich endlich beruhigt hatte. So beschissen habe ich mich echt noch nie gefühlt. Tja, das nennt man dann wohl Absturz...

 

 

45.
Eine Woche später - glücklicherweise war mir niemand böse wegen meines "kleinen Missgeschicks" auf der Party - machten wir uns mit den Fahrrädern auf den Weg zum Campingplatz am Stausee. Das Wetter hatte sich schlagartig geändert, sehr zum Missfallen der Zwillinge, sie hätten gerne an ihrem Geburtstag schon schönes Wetter gehabt. Aber seit Montag strahlte und lachte die Sonne, als wäre es nie anders gewesen und es war dementsprechend warm. Lisa war sofort Feuer und Flamme gewesen und hatte darauf bestanden, den Sommer gebührend ausklingen zu lassen. Ein Wochenende zu viert am Stausee zu campen fand ich auch eine schöne Idee. Nach langer Überredungskunst hatten wir es dann doch geschafft, die Zwillinge auch dafür zu begeistern. Wobei man es nicht wirklich begeistern nennen konnte, aber egal. Bill hatte sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt so eine "Draußi-Aktion" zu starten und zwei Nächte unter freiem Himmel mit all dem "Viehzeugs" zu verbringen. Aber Lisa hatte Tom eingelullt, der dann Bill letztendlich mit mir zusammen überredet hatte. Dass wir mit dem Fahrrad fahren mussten war zwar Anfangs nicht geplant, aber es wollte uns niemand hinfahren und abholen.
Lisa kam morgens bei uns vorbei (das war der Vorteil, dass der größte Teil unserer Truppe bei uns wohnte^^) und es konnte mit den Gepäckträgern vollgepackt, Sonnenbrillen auf der Nase losgehen. Doch der Weg war länger als gedacht. Oder lag das an meiner Wahrnehmung? Denn die Sonne brannte, weit und breit war kein Bäumchen oder sonstiges zu sehen, wo auch nur ein kleines Fleckchen Schatten wäre. Ich glaube, der Ausdruck "mir ist warm" wäre untertrieben. Mir war heiß. Heißer als heiß, ich hatte das Gefühl, zu schmelzen, wenn wir nicht bald eine Pause machen würden. Wie war das noch mal? Wir haben immer was zu meckern. Wenn es regnet, maulen wir, weil es regnet und kalt ist und wenn die Sonne scheint ist uns gleich wieder zu heiß. Wie wahr, wie wahr... "Ich kann nich mehr", stöhnte Bill hinter mir. Gedankenübertragung?? Also machten wir endlich eine Pause als wir in den nächsten Ort kamen. Wir setzten uns in ein Straßencafé und bestellten alle was zu trinken. Das sah echt zum Schießen aus, wie wir vier da saßen mit hochroten Köpfen, so fertig als wären wir gerade einen Marathon gelaufen. Dabei hatten wir noch nicht mal die Hälfte des Weges hinter uns gebracht. Lisa studierte die Karte (Bill und Tom sind für so was zu untalentiert und ich hatte keine Lust ^^). "20 km noch ungefähr, dann müssten wir da sein" Mir klappte der Mund auf. Bitte was? Noch 20 Kilometer. 20!!! Da sterbe ich ehe ich ankomme. "Wenn wir zügig fahren sind wir in zwei Stunden da" "Du spinnst doch, das hält keiner von uns aus" Aus den zwei Stunden wurden dreieinhalb, bis wir im halbtoten Zustand am Campingplatz ankamen. Ich bekam jetzt schon 'nen Krampf beim Gedanken daran, diesen Höllenweg auch noch wieder zurückfahren zu müssen...
Als erstes bauten wir unsere Zelte auf, was schon mal eine Sache für sich war. Tom, der anscheinend noch nie ein Zelt gesehen hatte, wollte zu erst das Gestänge aufbauen und im Boden verankern und dann den Zeltstoff drüberziehn. Dass diese Variante praktisch unmöglich war, weil es nun mal vom Hersteller so vorgesehen ist, dass man die Stangen in die Laschen schiebt und sie dann im Boden befestigt, wollte er uns einfach nicht glauben. Zwischen Lisa und Tom entstand eine mittelschwere Ehekrise. Wir alle standen um den Zeltbauplan (den Lisa und ich mit unserer logischen Frauenlogik gar nicht gebraucht hätten) herum, während Lisa dem anscheinend in den letzten Stunden vollkommen verblödeten Tom klarmachen wollte, dass seine Möglichkeit gar keine Möglichkeit war, weil sie nicht möglich war. Bill und ich hielten uns lieber raus, sonst wären wir am Ende noch die Buhmänner gewesen. "Also gut", sagte Lisa. "Wir haben ja zwei Zelte. Ich baue eins mit Lilly und du baust deins mit Bill" Tom war einverstanden. Ich bezweifelte, dass das Zelt der Jungs jemals zum Stehen kommen würde, aber naja, Lisa und ich waren innerhalb weniger Minuten fertig und sahen - zugegebener Maßen belustigt und rechthaberisch - den Jungs zu, wie sie fast verzweifelten. Tom regte sich tierisch auf und schrie Bill an, der angeblich alles falsch machte. Der Arme tat mir schon richtig leid. Letzten Endes musste Tom zugeben, dass wir Recht hatten und seine seltsame Logik nicht logisch war. Tief in seinem Stolz gekränkt verschwand er im Zelt um sich Badesachen anzuziehen.
Den Rest des Nachmittags verbrachten wir am See. Endlich! Abkühlung, Wasser! Das war es doch wert gewesen, diesen schrecklichen Weg mit dem Fahrrad zu fahren. Vor uns lag ein Wochenende voller Spaß und vor allem Freiheit für Bill und mich. Hier kannte uns niemand und da wir uns auch überhaupt gar nicht ähnlich sahen, würde niemand auch nur auf die Idee kommen, dass wir verwandt sein könnten. Mittlerweile konnte ich eigentlich ganz gut damit leben, dass ich mit meinem Bruder zusammen war. Meistens verdrängte ich den Gedanken, wenn er auftauchte und das klappte ganz gut. Ich wollte die Zeit mit ihm einfach genießen. Ich meine, hey, ich war verliebt, und wie, und dieses Gefühl wollte ich auskosten. Man lebt nur einmal, Gedanken machen kann ich mir auch noch, wenn ich alt und grau bin ^^.
Am Abend saßen wir zusammen vor den Zelten, hatten uns zwei Fackeln angemacht und laberten. Seltsamerweise war es zum plötzlich warmen Wetter tagsüber auch noch lau am Abend und nachts. Tom hatte sich zum Glück wieder eingekriegt und auch seinen Kleinkrieg mit Lisa begraben . Bill und ich saßen wie immer aneinandergekuschelt vor der Fackel, es wurde langsam doch etwas kühl. Seine Hand streichelte die ganze Zeit über meinen Oberschenkel, wobei er mit dem Handrücken manchmal wie zufällig die Innenseite berührte. Aber ich war mir schon fast sicher, dass er es ganz genau beabsichtigte. Immer wieder lief mir ein Schauer über den Rücken und ich musste zugeben, dass es mich nicht ganz kalt ließ. Im Gegenteil, ich merkte, wie es in der unteren Region meines Körpers langsam feucht wurde. Er grabbelte nun mit den Fingern schon ins Hosenbein der Boxershorts, die ich anhatte. Nein, Bill! Aus! Er grinste mich an. Von den anderen schien keiner etwas zu bemerken. Er küsste mich, intensiv und leidenschaftlich. Jetzt war ich ihm hoffnungslos verfallen. "Du machst mich an", hauchte ich ihm ins Ohr und versuchte, dabei nicht so billig zu klingen. Aber irgendwie musste ich's ihm schließlich verklickern. "Tom? Wir gehn ins Zelt, sind müde", sagte Bill. "Hmm... alles klar", erwiderte Tom mit einem wissenden Grinsen. Arsch. wenn wir schon so schlecht im Lügen waren, musste er’s uns doch nicht auch noch unter die Nase reiben.
Wir krabbelten schnell in unser Zelt und zogen den Reißverschluss zu. Dann ging es auch relativ schnell zur Sache. Ich zog mir mein Shirt über den Kopf und befreite Bills ebenfalls von seinem Oberteil, bevor wir uns leidenschaftlich küssten. Seine Zunge erkundete meinen Mund, umkreiste meine, wobei ich immer wieder an sein Piercing stieß. Und es machte mich an. Ich fuhr mit meinen Händen über seinen Rücken, spürte Bills nackte Haut. Mein Herz begann wie wild in der Brust zu schlagen, ich rutschte mit den Händen an seinem schmalen Oberkörper runter, öffnete seine Hose und zog sie ihm schließlich ganz aus, danach entledigte ich mich meiner Shorts, schubste ihn auf den Schlafsack, setzte mich auf ihn und küsste ihn. "Du gehst aber ganz schön ran", grinste er erregt. "Selbst schuld!" Ich knabberte vorsichtig an seinem Ohrläppchen, was ihm ein Stöhnen entlockte. Wusste ich's doch! Ich spürte durch den dünnen Stoff, wie er immer erregter wurde und das wiederum machte mich noch geiler. Vielleicht war es nur Einbildung, aber es war unglaublich warm hier drin. Bill öffnete meinen BH und warf ihn in die nächste Ecke, dann drehte er uns geschickt, sodass er auf mir lag und bedeckte meinen Hals mit kleinen Küssen. Er saugte sich fest und verpasste mir einen Knutschfleck. Er wanderte mit seinen Lippen mein Dékoltée runter bis zu meinen Brüsten, liebkoste meine Brustwarzen. Du musst nichts mehr tun, Bill, ich will dich - hier und jetzt. Doch er machte weiter, küsste mich wieder, ich spürte deutlich seine Erregung, wie er sein Becken gegen meines presste. Zwischen meinen Beinen pochte es unaufhörlich, das Verlangen ihn zu spüren wurde mit jeder Sekunde stärker. Ganz sanft streichelte er mit seinen Fingern an meiner Seite entlang, hinunter bis zum Saum meiner Hotpants. Ich zerfloss förmlich untern seinen Berührungen. Wieder wanderten seine Lippen mein Brustbein hinab, mit seiner Zunge umkreiste er meinen Bauchnabel. Je näher er meinem Unterleib kam, desto heißer wurde mir. Ich streckte ihm mein Becken schon entgegen, doch er strich ganz langsam am Rande des letzten Stückchen Stoffs entlang, was ich noch anhatte. Zieh's aus, zieh's endlich aus oder ich sterbe!! Doch er ließ mich zappeln, dieser Sadist, und trieb mich damit in den Wahnsinn.
Ich beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, glitt mit den Händen zu seinem Po und zog ihm seine Boxer aus. Und er tat es mir gleich, sah mir noch einmal fragend in die Augen, und auf mein Nicken hin drang er endlich in mich ein. Mir entwich ein lustvolles Seufzen. Es zog nur noch ein mal kurz, dann spürte ich keine Schmerzen mehr, es war schon viel weniger als beim ersten Mal. Und ich konnte mehr genießen. Langsam fing er an, sich zu in mir zu bewegen. Sein Körper war hitzig und feucht, ich konnte genau seinen schnellen und unregelmäßigen Herzschlag an meiner Brust fühlen. Gemeinsam mit meinem Herz pochte es um die Wette. Bills Haare klebten zum Teil in seinem nassen Gesicht. Ich fühlte mich wie high, wie auf Droge und meine Droge war er, Bill, dessen Wange an meiner lag, sein Mund an meinem Ohr. Sein Geruch durchströmte das ganze Zelt, umhüllte mich wie ein unsichtbarer Schleier. Er roch süßlich leicht nach Axe-Deo, salzig nach frischem Schweiß und es roch nach Lust und Testosteron. Leise stöhnte und keuchte er mir ins Ohr. Ou Bill, du machst mich damit verrückt. Er bewegte sich schneller, atmete lauter und tiefer, bis er ziemlich schnell zum Höhepunkt kam, zusammensackte und mir ein "Ich liebe dich" ins Ohr hauchte. Er rollte sich neben mich, ich kuschelte mich an ihn und flüsterte: "Ich liebe dich auch" Er schloss die Augen und schlief kurz ein. Ich betrachtete ihn, von oben bis unten, und musste zugeben, mein Verlangen war noch nicht gestillt. Allein der Anblick seines graziösen Körpers machte mich schon wieder wild.
Ich legte mein Bein um seine, drückte mein Becken an seins, spürte seine Männlichkeit. Ich kann nicht sagen, wie lange wir so lagen, ich wusste nur, dass ich mit der Zeit wieder erregter wurde. Ich atmete tief  und zittrig aus, er öffnete seine Augen. Ich sah ihn an, legte mich wieder auf den Rücken und nahm seine Hand, führte sie in Richtung meines Unterleibes. Mein Herz klopfte wie wild, als er mich berührte, pumpte das Blut in Höchstgeschwindigkeit durch meinen Körper. Er streichelte mich erst sanft, dann immer schneller, raubte mir alle Sinne. Die ganze Zeit sah er mir tief in die Augen, beobachtete mich genau, während er mich stimulierte. Ich musste schlucken, konnte kaum noch atmen. Mein Körper schrie nach seinen Bewegungen. Meine Erregung hatte nun fast die Höchstgrenze erreicht, ich bekam noch kaum etwas von der Außenwelt mit, sah nur Bills Augen, die feurig leuchteten, und spürte seine Finger in meinem Schritt. Doch kurz bevor ich kam hörte er einfach auf. "Du Mistkerl", keuchte ich. Wenn ich ihn jemals für einen Engel gehalten hatte, so wurde ich jetzt eines besseren belehrt. Er legte sich auf mich, wieder seufzte ich verlangend, als ich seine Erregung spürte. "Kannst du noch mal?", fragte ich ihn. Die Worte waren vielleicht etwas doof gewählt, aber zu mehr war ich momentan nicht imstande. Er nickte kaum merkbar und drang ein zweites Mal heute Abend in mich ein, bewegte sich sofort und schnell. Ich schlang meine Beine um seinen Unterleib, drückte ihn tiefer in mich, ich wollte ihn spüren, mit jeder Faser meines Körpers. Meine Hände rutschten zu seinem knackigen Apfelpo und massierten ihn. Immer heftiger wurden seine Stöße, aber diesmal hielt er länger durch. "Bill... ich.... du... ah..... du machst mich wahnsinnig", japste ich ihm ins Ohr. Ich vergrub meine Fingernägel in seinem Rücken, versuchte, mich so festzuhalten, während er mich zum schweben brachte. Meinen ganzen Körper durchströmte ein solches Glücksgefühl und Ausgeglichenheit, doch ich bewegte mich mit ihm weiter, bis auch Bill ein zweites Mal heute zum Orgasmus kam.
Er zitterte, presste seine schwitzigen Lippen auf meine, sie schmeckten leicht salzig. Immer noch elektrisiert bis in die Haarspitzen kuschelte ich meinen Körper an seinen, hörte sein Herz deutlich in höchster Frequenz schlagen. Er hielt mich im Arm, drückte sich an mich und streichelte sachte meinen Oberarm, bis ich eingeschlafen war.
46.
"Na? müde?", fragte mich Tom schelmisch grinsend als ich am beim Frühstück herzhaft gähnte. Ich nickte. "Ja kein Wunder, ihr wart schließlich sehr aktiv letzte Nacht...", sein Grinsen wurde breiter und dreckiger. Ich lief rot an, doch Bill sagte nur: "Ach halt die Fresse, bist doch nur neidisch" "Neidisch? Auf dich? Wenn du schon so tussig küsst will ich gar nich wissen, wie du...!", Tom spielte eindeutig auf die Geschehnisse auf dem Bauernhof an. "Lilly scheint's ja zu gefallen, wobei die arme Lisa wohl gestern zu kurz kam" Ähm... hallo Bill? Wir sitzen auch noch am Tisch?! "Lilly steht ja auch auf Mädchen!", Tom grinste mich provozierend an. Was hatte der denn für Pillen geschluckt heute morgen? Auf Lisas Reaktion habe ich gerade nicht achten können, aber ich konnte mir vorstellen, dass sie dieses Gespräch auch nicht allzu toll fand, zumal hier noch andere Leute außer uns saßen. Bill grabschte nach meiner Hand, zog mich vom Stuhl hoch und hinter sich her, während er "Komm, wir gehn, so was brauchen wir uns nicht länger anhören!" nuschelte. "Sonst geht's aber auch noch?!", ich versuchte, seine Hand von mir abzuschütteln, als wir außer Sichtweite des kleinen Campingplatzrestaurants waren. Er guckte mich unintelligent und nichts verstehend an. "Ja, ich meine, da waren noch andere Leute und ihr habt nichts besseres zu tun als über unser Sexleben zu reden und über uns zu reden, wenn wir daneben sitzen? So was macht man nich.." "Mir doch egal, Tom regt mich eben auf!" Ja, Tom war so ziemlich der einzige, der es schaffte, Bill wirklich auf die Palme zu bringen. Und er wiederum regte mich gerade auf. Ich atmete tief durch, dann ging ich einen Schritt auf ihn zu. "Hey... reg dich nicht immer so auf, gerade das will er doch... außerdem liebe ich dich so, wie du bist, is mir doch egal was Tom oder sonst wer erzählt. Lass uns nicht auch noch streiten" Ich streichelte einmal zärtlich über Bills Wange und küsste ihn. Wir schafften es irgendwie immer, uns wegen den banalsten Dingen in die Haare zu kriegen und das wollte ich an diesem Wochenende eigentlich vermeiden.
Sofort gingen wir zum See und breiteten unsere Badehandtücher aus. Komisch, dass es noch mal so warm geworden war, aber das kam uns ja nur zugute. So konnten Lisa und ich uns schön nachbräunen, in den letzten drei Wochen Regenwetter war unsere ganze Sommerbräune schon wieder verschwunden. Ich lag schön auf meinem Handtuch, im Halbschlaf und ließ mir die Sonne auf den Rücken knallen, da berührte etwas eiskaltes meinen Rücken. Ich quietschte und drehte mich um. Bill sah mir grinsend ins Gesicht, viele kleine Wassertropfen rannen seinen Körper hinab und glitzerten in der Sonne. "Dein Rücken ist schon ganz rot, Süße, ich crem' dich ein, ja?!" Ich drehte mich wieder um und ließ mir von Bill zärtlich den Rücken einschmieren. Danach legte er sich neben mich und drehte sich zu mir so nah, dass sich unsere Nasenspitzen fast berührten. Eine Zeit lang guckten wir uns einfach nur an, ich versank in seinen Augen, ließ mich fallen, konnte alles um mich herum vergessen und genoss dieses Gefühl.
Ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Was hätte ich nur ohne ihn machen sollen? Wie hätte ich das aushalten sollen, ständig in Bills Nähe zu sein und ihm doch nicht nahe zu sein? Wie hätten wir beide das schaffen sollen? Manchmal muss man vielleicht doch über seinen Schatten springen und etwas völlig Verrücktes wagen um zu gewinnen. Und ich habe gewonnen. Mehr als ich jemals zu träumen gewagt hätte. Was Bill mir gab war unbeschreiblich. Dieses Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit, jedes Mal einen Haufen Ameisen, der durch meinen Magen und quer durch meinen Körper krabbelte, wenn er mich berührte, dieses Gefühl, schweben zu können, wenn er nur zart meine Lippen berührte. Ich spürte Sehnsucht, schon wenn ich alleine abends in meinem Bett lag mit dem Wissen, dass er doch nur ein Stockwerk darunter liegt, ich war froh über jede Minute, jeden Augenblick, den wir zusammen sein konnten, jede Berührung war wie ein Geschenk. Es füllte mich aus, diese Liebe machte mich vollkommen glücklich, zu spüren, dass er mich liebt machte mich glücklich, wie auch er Herzrasen bekam, wie er mich ausgehungert küsste nachdem wir zu Hause lange keine Gelegenheit dazu hatten, dieses Geben und Nehmen war eines der schönsten Dinge der Welt...
"Woran denkst du?" Ich zuckte mit den Schultern. Er näherte sich meinem Gesicht. Mein Herz begann heftiger zu schlagen, ich wusste, was gleich passieren würde. Und schon spürte ich seine weichen Lippen auf meinen, das altbekannte Kribbeln machte sich in meinem Körper breit.

 

*Kiss me out of the bearded barley
Nightly, beside the green, green grass
Swing, swing, swing the spinning step
You wear those shoes and I will wear that dress*

 

Klang es leise aus Richtung des Campingplatzrestaurants, welches sich direkt am See befand. Ich öffnete meine Lippen, ließ meine Zunge in Bills Mund gleiten, spielte mit seinem Piercing, jedes Mal, wenn wir uns berührten durchzog ein blitzartiger, warmer Schauer meinen Körper.

 

*Oh, kiss me beneath the milky twilight
Lead me out on the moonlit floor
Lift your open hair
Strike up the band and make the firefiles dance,
Silver moon's sparkling
So kiss me*

 

Er beugte sich über mich, langsam spürte ich Bills Gewicht auf mir. Zärtlich strich er mit seiner Hand über meine Wange. Nein, das konnte nicht wahr sein. Ich hatte das Gefühl, in einem wunderschönen Traum gefangen zu sein und gleichzeitig Angst, jeden Moment aufzuwachen. Doch ich wachte nicht auf, es war die Realität. Plötzlich bildete sich ein dicker Kloß in meinem Hals und ich glaubte, gleich weinen zu müssen. Ich wollte es verhindern, konnte mir überhaupt nicht erklären, woher das jetzt kam. Aber ich schaffte es nicht, eine winzig kleine Träne kämpfte sich aus meinem Auge und floss über meine Wange. Bill, dessen Hand noch immer meine Wange auf und abstrich, bemerkte das natürlich sofort. Er unterbrach den Kuss, sah mich erschrocken an. "Was ist los, hab ich was falsch gemacht?", fragte er schon fast in flüsterndem Ton. Ich schüttelte nur den Kopf, war nicht imstande auch nur irgendetwas zu sagen. Was war denn passiert? Warum musste ich blöde Kuh diesen schönen Moment nur wieder zerstören, weil ich wie aus heiterem Himmel anfing zu heulen, obwohl gar nichts passiert ist. "Ich hätte nie gedacht, dass man so glücklich sein kann...", nuschelte ich vor mich hin und schämte mich fast ein bisschen dafür, warum weiß ich selbst nicht. "Bill, DU machst mich so glücklich!" Er wusste anscheinend nicht, was er darauf hätte antworten sollen, denn er verwickelte mich in einen weiteren gefühlvollen Kuss, aber der sagte auch mehr als tausend Worte es hätten tun können.

 

"Nene, das geht nicht! Mädels in die Frauendusche und der Herr in seine", schimpfte die Putzfrau, als Bill und Tom in die Männerdusche gehen wollten. Bill guckte sie verstört an. Lisa konnte sich ein Lachen kaum verkneifen, ebenso wie Tom. Ähm hallo? Was hatte die denn für Krämpfe? "Ich bin aber kein Mädel", sagte Bill zähneknirschend. Er hasste es, wegen seiner langen Haare und der Schminke für ein Mädchen gehalten zu werden. "Guter Versuch, kleine, aber das gibt's hier nicht!" Okay, wenn sie ein bisschen genauer hingesehen hätte, Bill hatte für ein Mädchen echt ziemlich behaarte Beine und seine Brust war ja nun auch alles andere als weiblich ausgebildet. Und was hatte sich eine Putzfrau, sorry, Reinigungsfachkraft, da bitte einzumischen, was fremde Leute in ihrer Freizeit tun?! Bill watschelte einfach hinter Tom her und ließ die nette Dame verdutzt stehen. Lisa und ich waren echt schnell fertig mit duschen und warteten nur noch auf unsere Freunde, die seltsamerweise länger brauchten als wir. Den ganzen Abend noch regte sich Bill über den Vorfall auf. Aber wenn ich mir das so überlegte... er hätte auch eigentlich einfach mit zu mir in die Dusche kommen können, hätte niemand was dagegen gesagt...
Am nächsten Vormittag ging es leider schon wieder nach Hause. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir ruhig länger dableiben können. Meine Meinung änderte sich allerdings, als wir auf dem Weg von einem heftigern Regenschauer erwischt wurden. Es war also wieder alles beim Alten. Der Sommer hatte sich endgültig verabschiedet. Ein Sommer, in dem so viel passiert war, ja ich könnte sagen, es war der schönste Sommer meines Lebens, ein Sommer, der in gewisser Weise mein Leben verändert hat.

 

 

47.
Schon wieder ein grauer Herbsttag. Es war schnell kalt geworden, der eisige Wind wirbelte um meine Ohren, die kahlen Bäume standen traurig in der Gegend herum, kaum noch blättertragend. Ich steigerte mein Tempo, sonst würde ich es nicht mehr rechtzeitig zur Bushaltestelle schaffen. Letztlich war ich pünktlich, der Bus aber zu spät. Ich wippte von einem Fuß auf den anderen, mummelte mein Gesicht noch ein bisschen mehr in den dicken, schwarzen Schal ein. Endlich hielt der Bus an der Haltestelle, ich stieg ein und sofort umgab mich wohlige Wärme. Als ich mich umsah erblickte ich ein mir nicht ganz unbekanntes Gesicht, das mir freundlich zulächelte. Andreas. Ich ging auf ihn zu und setzte mich. "Hey, lange nicht mehr gesehn!", strahlte er mich an. "Ja, hatte viel zu tun in der Schule und so...Wohin fährst du?"
 "Ach zum Training, du?"
"In die Stadt, muss ein paar Sachen besorgen."
"Cool, dann können wir ja zusammen fahren"
"Wieso? Was für ein Training ist denn das?"
"Schwimmen"
"Oh, cool. Wuah.. Bei dem Wetter auch noch Schwimmen.."
Wir unterhielten uns noch eine Weile, bis wir dann beide aussteigen mussten. "Naja... man sieht sich" Er winkte mir cool zu und machte sich auf den Weg in Richtung Hallenbad. Eigentlich war er ja ganz nett. Und anscheinend hatte er sich seine aufdringliche Tour wieder abgewöhnt, worüber ich ganz froh war. Vielleicht war es bei der Party auch nur der Alkohol gewesen, der ihn so offensiv hat werden lassen. So konnte man ganz gut mit Andreas reden.
Eigentlich wollte ich mit Lisa in die Stadt fahren, ich brauchte noch ein paar Klamotten, aber sie war heute mit Tom verabredet. Ja, sie und Tom waren wahrhaftig immer noch zusammen, also das hätte ich ihm bei aller Liebe wirklich nicht zugetraut. Und die beiden waren so verliebt und vernarrt ineinander wie am ersten Tag. Doch mir ging es mit Bill nicht anders, diese Zwillinge mussten irgendetwas ganz Außergewöhnliches an sich haben, einen so um den Finger zu wickeln.
Schnell war ich bei H&M angekommen und auch wieder im Warmen. Es war zwar ein bisschen traurig, aber wenn's sein muss, geh' ich eben auch alleine shoppen. Nachdem ich eine geschätzte Ewigkeit hunderte von Klamotten anprobiert hatte, kaufte ich eine schwarze und eine graue Hose, vier Pullis und ein T-Shirt, ich konnte mich einfach nicht entscheiden. Gerade gezahlt fiel mein Blick auf einen Ständer mit wunderhübscher, roter Unterwäsche. Ich wollte eigentlich gehen, konnte es mir dann aber dich nicht nehmen lassen, doch mal einen genaueren Blick darauf zu werfen. Hätte ich es mal lieber gelassen, denn eine viertel Stunde später verließ ich den Laden um ein Set Unterwäsche reicher. Na was soll’s... Bill wird’s freuen ^^
Jetzt aber schnell nach hause, dachte ich mir, nachdem ich noch einige Dinge in der Bücherei und bei SIX besorgt hatte. Mist, ich hatte den Bus gerade verpasst. Blöderweise fährt der Bus ab 18 Uhr nur noch jede halbe Stunde, super. Ich setzte mich an die Haltestelle, den Mp3-Player in den Ohren und wartete und wartete und wartete... Passend zum Schmuddelwetter zog ich mir die schönsten Schnulzenlieder rein und träumte vor mich hin, ab und zu brauchte ich das. Total in meine Musik vertieft bekam ich gar nicht mit, wie sich jemand neben mich setzte. Erst als er mir auf die Schulter schlug erschrak ich fürchterlich. Es war wieder Andreas. "Ey, verfolgst du mich?", fragte ich spaßig. "Na sicher, ich hab nichts besseres zu tun" er zwinkerte.
"Na, Training vorbei?"
"Hmm...Und du? Alles bekommen?"
"Ja... mehr als genug"
"Langsam müsste der Bus kommen", stellte Andreas fest. Tat er aber nicht. Schon eine Viertelstunde im Verzug war er jetzt und ich mittlerweile echt durchgefroren. "Boah ist mir kalt!!", ich vergrub meine fast eingefrorene und bestimmt ganz Rudolph-Rentiermäßig rote Nase in meinem Schal. "Weißt du was? Ich lad dich jetzt auf einen Latte ein", schlug Andreas vor. "Ach nein, das brauchst du nicht..."  "Doch. Da kommste nicht drum rum. Mir ist auch kalt" "Nee... " "Ach komm schon..." "Ja okay, aber nur wenn ich selbst zahle" Ich bestand darauf, ich wollte mich nicht unbedingt von ihm einladen, zumal er mir ja damals im Schwimmbad schon ein Eis ausgegeben hat und ich hab mich nicht mal wirklich dafür bedankt und jetzt war es mir irgendwie unangenehm, wieder zu schnorren.
Wir gingen ins nächste Straßencafé und ließen uns an einem gemütlichen Tisch nieder. Andreas bestellte zwei Latte Macchiato. Es war echt nett, nett aber nicht aufdringlich. Bestimmt war er auch gar nicht mehr in mich verknallt, das wäre auch Schwachsinn und irgendwie eingebildet, dachte ich mir. Wenn er überhaupt mal in mich verknallt war... vielleicht hatte ich mir das auch immer nur eingebildet. Er war einfach nur nett zu mir, aber ich hatte mit meiner Angst, Bill könnte eifersüchtig werden und ich könnte ihn verlieren, was natürlich totaler Schmarrn war, sofort rot gesehn. Naja wie dem auch sei...
Wir unterhielten uns über alles Mögliche. Schule, Lehrer... Er erzählte von seiner schrecklichen Französischlehrerin, die ihn wohl total auf dem Kieker hätte und nicht erklären könnte, seit diesem Schuljahr wäre er abgesackt. "Wenn du willst könnte ich dir ein bisschen Nachhilfe geben, ich hab Französisch seit der siebten Klasse" "Echt? Das wär super..." "Ja klar, kein Problem" Dann könnte ich mir vielleicht noch ein bisschen was dazuverdienen und würde selbst automatisch das ganze Zeug noch mal wiederholen. Er gab mir seine Nummer, ich solle ihn morgen anrufen um das abzusprechen.
Wir hatten schließlich eine ganze Stunde in dem Café gesessen und die Rechnung habe ich auch nicht bezahlt. Böses Mädchen, nie kannst du dich an deine Vorsätze halten!
 

48.
Als ich nach Hause kam schien das Haus wie unbewohnt. "Hallo? Irgendjemand da?", rief ich. Keine Antwort. Hm, dann waren wohl alle ausgeflogen, wohin auch immer. Ich stellte die Tüten erst mal auf einem der Stühle am Esstisch ab und ging in die Küche um mir einen Tee zu machen. Ja, man glaubt es kaum aber mir war schon wieder kalt. Mir war eigentlich so gut wie immer kalt, wenn draußen nicht gerade eine Affenhitze herrschte. Als ich mir gerade eine Tasse aus dem Schrank holte, umklammerte mich plötzlich jemand von hinten. Ich erschrak heftig und kreischte, die Tasse fiel mir aus der Hand und zerschellte am Boden. Ich drehte mich blitzschnell um und sah erschrocken in Bills Gesicht, der nun anfing zu lachen. "Boah hast du mich erschreckt... Mach das nie wieder!" Er hob nur vielsagend eine Augenbraue. Gemein, dass er das konnte. Ich habe das auch mal heimlich geübt aber nie hinbekommen. Er zog mich fester in seine Arme und grinste mich schelmisch an. "Hmmm....wir sind ganz allein... " Er wollte mich küssen, doch ich drückte ihn unsanft von mir weg. "Du hast bei mir verschissen, klar?!"
Ich wollte Bill ein bisschen ärgern, löste mich aus seinem Griff und stolzierte davon. Ich kam allerdings nicht weit, denn ich spürte einen stechenden Schmerz in meinem Linkem Fuß. Ich jaulte auf und sah nach unten. Scheiße! Ich hatte total vergessen, dass da die Scherben von der Tasse lagen. "Aua, aua, aua , aua", jammerte ich. Ich musste stark mit den Tränen kämpfen als ich meine Fuß hob und bemerkte, dass eine Scherbe darin steckte. Bill, der zuerst nur wie erstarrt geglotzt hatte, rührte sich nun endlich auch mal wieder. Er nahm mich auf die Arme und trug mich zum Sofa. Wenn ich ehrlich bin hätte ich ihm so viel Kraft nicht zugetraut aber das sagte ich in dem Moment lieber nicht, ich war froh genug, dass er mich überhaupt trug. Vorsichtig legte er mich auf dem Sofa ab. "Ich glaub, die sollte ich mal rausziehn", sagte er während er meinen Fuß mitsamt der Scherbe und einem bluttriefenden Socken inspizierte. Ach nee, wäre gut oder soll die festwachsen? Irgendwie war es ja schon seine Schuld... Hätte er mich nicht erschreckt wäre die Tasse nicht runtergefallen, hätte ich ihn nicht ärgern wollen, und wäre auch nicht da durchgelaufen. "Ahhh!!! Spinnst du?! Das tut weh!", kreischte ich auf, als er die Scherbe aus dem Fuß zog. "Sorry.... aber willst du, dass das Teil festwächst?!" "Nein!", blaffte ich zickiger als gewollt. "Man Lilly, das is alles meine Schuld, tut mir leid. Echt... ich wollte das alles doch nicht...", er guckte mich mit seinem total süßen Hundeblick an. "Ist ja schon gut" Er krauchte kurz zu mir rüber, um mir einen Kuss auf die Lippen zu drücken und verschwand dann nach oben. Na toll... Hau einfach ab, vielen Dank auch!
Für den letzten Gedanken schämte ich mich allerdings, als er zwei Minuten später mit Verbandzeugs zurückkam und mir ganz liebevoll meinen Fuß verband. Danach ging er in die Küche, fegte die Scherben auf und brachte mir meinen Tee. "Danke, lieb von dir" Er kletterte auf eine ziemlich seltsame Weise auf die Couch, legte sich hinter mich und legte einen Arm um mich. Ich verharkte seine Hand mit meiner. "Du, tut mir leid, ich wollte dich vorhin nicht so ankacken", es fiel mir allerdings schwer, das ernst zu sagen, denn sein Atem kitzelte mich ziemlich im Nacken. Ich spürte seine Lippen an meinem Hals. Leise musste ich seufzen, als ein leichter Schauer meinen Rücken herunterlief. Er saugte sich fest, was ein Kitzeln verursachte. "Bill, was machst du da?" Die Frage war allerdings unnötig, da ich sie mir jetzt selbst beantworten konnte. Ich drehte mich zu ihm um. "Dir ist schon klar, dass den Knutschfleck jeder sehen kann...?!" "Das is doch Sinn der Sache..." Bill und sein Leichtsinn... "Ich weiß noch nicht mal wie ich Mum das mit dem Fuß beibringen soll. Ich kann ja schlecht das erzählen, was war" "Och Lilly, jetzt mach dir doch nicht immer so viele Gedanken... Denk dir irgendwas aus, wird schon passen"
Er schloss die Augen und senkte seine Lippen auf meine. Sofort überkam mich das altbekannte und immer wieder schöne Kribbeln im Bauch. Seine Zunge stupste zwischen meine Lippen und öffnete sie, sodass wir bald miteinander in einem Zungenspiel verschmolzen. Mal wieder trieb er mich fast in den Wahnsinn. Erwähnte ich, dass Bill ein ungemein guter Küsser ist?! Mittlerweile lagen wir mehr übereinander als nebeneinander und es wäre bestimmt nicht nur dabei geblieben, wenn nicht mein Handy geklingelt hätte. Genervt stöhnte ich auf. "Lass klingeln...", nuschelte Bill. "Nee, könnte wichtig sein" Also stand er nicht minder genervt auf um mein Handy aus meiner Jackentasche im Flur zu holen. Ich hörte, wie er auch ranging, wahrscheinlich weil es aufgehört hätte zu klingeln bis er es mir gebracht hat. "Ja, Moment..." Er kam mit einem schwer zu deutenden Gesichtsaudruck zurück ins Wohnzimmer, aber er sah nicht gerade glücklich aus. "Andreas", sagte er monoton und gab mir mein Handy. "Ja?"
"Hey, hier ist Andreas"
"Hi"
"Hat Bill irgendwie schlechte Laune? Warum geht der überhaupt an dein Handy?"
"Äh... ne, so weit ich weiß nicht, keine Ahnung. Ich bin in ne Scherbe gelaufen und sitze jetzt auf dem Sofa fest"
"Oh du arme... "
"Schon gut"
"Weswegen ich eigentlich anrufe...Wann hättest du denn Zeit für Nachhilfe?"
"Hmm... Mittwoch?" Mir entging dabei nicht, dass Bill mich die ganze Zeit beobachtete.
"Ja, Mittwochs kann ich auch...Ist wohl besser wenn ich zu dir komme wegen deinem Fuß.."
"Ja"
"So um vier?"
"Ja passt..."
"Wie viel Geld willst du denn haben?"
"Keine Ahnung hab ich noch nie gemacht wie viel ist denn normal?"
"Weiß ich auch nich"
"Fünf Euro? Oder is das zu teuer?"
"Ne... also dann bis Mittowch um vier"
"Ciao"
"Ciao"
Ich legte das Handy auf den Wohnzimmertisch, Bill glotzte mich noch immer mit diesem undefinierbaren Blick an. "Was?", fragte ich. "Warum ruft Andreas dich an? Und woher hat er überhaupt deine Nummer?" Ich musste grinsen. "Du bist eifersüchtig" "Was? Nein, son Quatsch... das wundert mich nur" "Ich hab ihn heute in der Stadt getroffen, wir waren Kaffee trinken weil der Bus nicht kam. Er hat gefragt ob ich ihm Französisch Nachhilfe geben könnte und deswegen hat er noch mal angerufen" "Achso..." Anscheinend hatte er gedacht, ich hätte mich für Mittwoch mit Andreas verabredet. Ein Date oder so. Klar, wenn mein Freund daneben sitzt. Männer...

 

49.
"Was hast du denn gemacht?", fragte meine Mum verwundert, als sie mich mit verbundenem Fuß auf dem Sofa liegen sah. "Ich... ähhh... hab 'ne Tasse zerbrochen und bin in die Scherben getreten, kennst mich ja" Wow, ich musste noch nicht mal lügen. "Och du arme, was machst du nur immer für Sachen? Geht's dir gut, kann ich dir was bringen?" "Nene, ich pfleg' sie schon", meinte Bill scheinheilig grinsend. Wenn sie wüsste, auf welche Art und Weise er mich vorhin gepflegt hatte, hätte Mum das wahrscheinlich gar nicht mehr so toll gefunden.
Also etwas Gutes hat es auch immer, wenn man verletzt ist, ich wurde von vorne bis hinten bedient. Wir bestellten Pizza, die ich genüsslich vor dem Fernseher verspeiste, und guckten noch alle zusammen, mit Ausnahme von Tom, denn der übernachtete bei Lisa, einen Film an. Ein richtig schön idyllischer Familien-Fernsehabend^^. Als der Film zu Ende war, gähnte ich herzhaft. "Müde?", fragte Bill überflüssigerweise und ich nickte. Ich wünschte Mum und Jörg eine gute Nacht, stand vom Sofa auf und wollte davon humpeln, doch Bill sprang sofort auf. "Warte, ich helf' dir!" Zum Glück hatte er sich nach seinem kleinen Eifersuchtsanfall von vorhin wieder beruhigt. Obwohl ich es schon irgendwie süß fand, dass er mich für sich haben und nicht verlieren wollte. Es gibt eben immer zwei Seiten. Ich musste wirklich aufpassen, denn als ich einmal zu fest mit dem Fuß auftrat durchzog ein höllischer Schmerz mein linkes Bein, angefangen vom Fuß. "Geht's?", fragte Bill besorgt. Ich nickte und biss die Zähne zusammen. Als wir endlich oben angekommen waren, nahm Bill mich wieder auf den Arm, trug mich ins Zimmer und legte mich behutsam in meinem Bett ab. Er gab mir einen Kuss und meinte: "Gute Nacht". Doch damit gab ich mich nicht zufrieden. Ich zog ihn an seinem T-Shirt wieder zu mir ran und sah ihm frech in die Augen. "Willst du mir nicht noch beim Ausziehen helfen?!" "Also wenn das unbedingt-" ich drückte ihm einen Kuss auf den Mund "...sein muss, dann-" wieder brachte ich ihn durch einen Kuss zum schweigen. "....überredet!"
Bill legte sich zu mir ins Bett und verwickelte mich sogleich wieder in einen traumhaft schönen Kuss. Er biss zärtlich in meine Unterlippe, als ich seinen sinnlich-süßen Duft wahrnahm. Würde ich ihn nicht schon von ganzem Herzen lieben, wäre es wohl jetzt um mich geschehen. Ja, ich verliebte mich gerade ein zweites Mal in ihn. Eine gewaltige Schar an Schmetterlingen überfiel mich, ich wollte in diesem Moment nichts anderes, außer ihm nahe sein, ihn zu küssen, seine Liebe zu spüren. Zeitgleich wurden meine Wünsche erfüllt. Endlich waren wir alleine...
"Ich dachte, du wärst müde..." Ich lächelte ihn an: "Jetzt auf jeden Fall nicht mehr" Bill widmete sich meinem Hals, bedeckte jeden Zentimeter Haut mit kleinen Küssen. Genießerisch schloss ich die Augen, strich mit meinen Fingerspitzen langsam seinen Rücken auf und ab. Er schaute auf. "Wie war das noch mal mit dem Ausziehen?!", seine sinnlichen Lippen verzogen sich zu einem frechen Grinsen. Du Teufel, du Teufel in Engelsgestalt. Ich setzte mich auf, zog das T-Shirt über den Kopf. Bill starrte mich an und wartete scheinbar auf irgendetwas. "Junge... du musst schon von mir runter gehn wenn ich meine Hose ausziehen will..." Er folgte meinem Rat und zog sich dann auch aus. Gut so ;D
Ich merkte, wie ich nun doch wieder müde wurde, zum Glück war morgen Samstag. Wir kuschelten uns unter meine Decke, ich legte meinen Kopf auf seine Brust und schloss die Augen. Sofort hatte der gleichmäßige Rhythmus seines Atems mich gefangen und ließ mich ruhig werden. Bill spielte gedankenverloren in meinen Haaren. "Weißt du was?", fragte ich nach einiger Zeit, hob meinen Kopf und sah ihm in die Augen. "Ich liebe dich!" "Ich dich auch" Ich küsste ihn, lange und sanft. Ach, könnte dieser Kuss nie enden... Nach einer gefühlten Ewigkeit tat er es dann aber leider doch. Ich legte meinen Kopf wieder auf seine Brust, meinen Arm um seinen Bauch gelegt. Bill wirkte manchmal so zerbrechlich und doch stark, selbstbewusst. Das leichte Trommeln seines Herzschlags wiegte mich wie eine leise Musik in den Schlaf.
Ich wachte noch einmal kurz auf und bekam nur im Halbschlaf mit, wie er vorsichtig aufstand, mich behutsam wieder ins Bett legte und zudeckte. "Schlaf gut, Süße", flüsterte er noch und schlich dann aus meinem Zimmer. Er konnte schließlich nicht einfach mit mir in meinem Bett schlafen, sondern musste brav in sein Zimmer, sonst würden Mum und Dad womöglich noch etwas bemerken.
"Guten Morgen!", trällerte Bill mich wach. Ich blinzelte erst, bevor ich meine Augen öffnete. Er stand an meinem Bett mit einem Tablett in der Hand. "Ich dachte, wenn du schon nicht laufen kannst kriegst du Frühstück ans Bett" Nein, wie süß! Er war einfach zu gut zu mir. "Danke!" Er setzte sich an die Bettkante und sah mir zu, wie ich mich über die Croissants hermachte. "Lecker... willst du auch mal?" Ich hielt ihm mein Croissant hin und er biss ab. "Hmmm... hab ich gut gemacht" Wir mussten beide lachen. Nach dem Frühstück ging ich duschen, zog mich an und legte mich wieder ins Bett. Das war echt beschissen, nicht mobil zu sein.
Als Mum und Jörg am Nachmittag im Möbelhaus waren, hatten Bill und ich es uns bei mir oben gemütlich gemacht. Er kümmerte sich die ganze Zeit um mich, dass mir auch ja nicht langweilig wurde, was ich total süß von ihm fand. In seine Arme gekuschelt saß ich auf dem Bett und wir sahen zusammen irgendwelche unsinnigen Talkshows, über die wir uns halb tot lachten. "Hmm... ist eigentlich ganz gut, wenn du so ans Bett gefesselt bist, so kann ich mit dir machen, was ich will", er überfiel mich mit einer Kuss-Attacke, der ich mich nur allzu gerne hingab. Ich rutschte in eine mehr liegende Position und zog ihn auf mich. "So...?! Was willst du denn mit mir machen?", ich sah ihn herausfordernd an. "Ach, ich wüsste da so einiges", hauchte er mir verrucht ins Ohr. Sein heißer Atem ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen. Ich ließ meine Hände seinen Rücken hinuntergleiten und auf seinem Po liegen, während Bill mir zärtlich den Hals entlangleckte. Oh Gott, ich verbrenne unter seinen Berührungen! "Bill, wie machst du das nur immer?", fragte ich leise. Eigentlich waren es mehr oder weniger laut gedachte Gedanken. "Was?" "Du machst mich einfach verrückt..." Er sah mir tief in die Augen mit dem Ansatz eines Lächelns ins Gesicht. Ich konnte und wollte nicht wegsehen, sein Blick fesselte mich. Je tiefer unsere Blicke ineinander versanken, desto weniger Luft bekam ich, ich hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können, dass mir alle Sinne schwanden. Ganz langsam, fast wie in Zeitlupe bewegte er seine Lippen auf meine zu, als es plötzlich an der Tür klingelte. Bill atmete tief und deutlich genervt aus, weil er wie gestern in seinem Konzept gestört wurde, und stand dann auf um zur Tür zu gehen.
Ich hörte Stimmen von unten, konnte allerdings nicht sagen, wer an der Tür war. Sie wurde geschlossen und kurz darauf polterten zwei Personen die Treppe hoch. Bestimmt war Tom wiedergekommen, aber der hatte doch eigentlich einen Schlüssel. Warum musste der nur trotzdem immer klingeln? Normalerweise störte mich das nicht, aber gerade schon, weil er diesen einzigartigen Moment zerstört hatte. Ich hatte gerade beschlossen, sauer auf Tom zu sein als ich von jemandem total Unerwarteten überrascht wurde.
Andreas betrat mein Zimmer, dicht gefolgt von Bill. "Hey" sagte ich überrascht. "Hey, wie geht's dir?", er kam auf mich zu und begrüßte mich - sehr zu meiner Verwunderung - mit einer Umarmung. "Ach ja, eigentlich ganz gut" "Schön. Ich dachte, um dich vielleicht ein bisschen aufzumuntern komm ich mal vorbei" Andreas hatte mir eine rots Rose und eine Tafel Schokolade mitgebracht. Im Grunde genommen echt lieb von ihm, aber ich fühlte mich in dem Moment leider auch so ein bisschen wie ein armes, krankes Hühnchen im Krankenhaus. Natürlich bedankte ich mich trotzdem. "Ja.. äh... willst du vielleicht was trinken?" "Ja, Cola wenn ihr habt!" "Ja klar... oh, ich äh... Bill? Kannst du was zu trinken holen?" "Aber sicher doch. Gerne" Mir entging keinesfalls der ironische Unterton, als er das Zimmer verließ. Und ich schämte mich augenblicklich. Das war mal wieder typisch: Wir wurden mal wieder gestört, dann auch noch von jemandem, auf den Bill grundlos eifersüchtig ist, er umarmt mich, während Bill dumm daneben steht und dann musste der arme ihn auch noch bedienen. Na super, Lilly, hast du mal wieder toll hingekriegt! Aber was sollte ich machen? Ihn rausschmeißen? Konnte ich wohl schlecht, wenn er schon mal hier war und mir auch noch Geschenke mitbrachte. "Ach, und... kannst du 'ne Vase mitbringen?!", rief ich ihm hinterher. Noch besser! Ich hatte mal wieder geredet ohne nachzudenken. Eine Vase für eine rote Rose, die ich von einem anderen Jungen bekommen habe und mir ins Zimmer stellen werde.
"Wollen wir DVD gucken? Ich hab ein paar Filme mitgebracht...", riss Andreas mich aus meinen Gedanken. Etwas scheu lächelte er mich an. Hatte ich eine andere Wahl? Ich konnte ihn schließlich nicht abweisen, das wäre total undankbar gewesen.
Wir entschieden uns für "Fluch der Karibik 3". Als Bill mit - demonstrativ 3! - Getränken und einer Vase wieder hochkam, saßen Andreas und ich schon auf dem Bett und hatten die DVD eingelegt. Mit einem seltsam normalen Gesichtsausdruck setzte Bill sich ganz gelassen auf meine andere Seite und wartete darauf, dass der Film startete. Konnte das mal einer erklären? Erst zickt er rum und dann ist alles in Ordnung? Ich ging stark davon aus, dass in Andreas' Gegenwart nicht eifersüchtig wirken wollte, um keine Verdacht zu wecken, aber tief in seinem Innern kochte er, das sah ich ihm an. Na toll, da saß ich also, auf meinem Bett, welches für drei Leute nun doch ein bisschen eng wurde, zwischen Bill und Andreas. Ich ließ das Unheil zweieinhalb Stunden lang über mich ergehen. Als der Film zu Ende war, ging Andreas glücklicherweise auch ziemlich schnell wieder. Bill begleitete ihn noch bis zur Tür, die er dann allerdings zuknallte und heftig irgendetwas vor sich hinfluchte. Er stapfte die Treppe hoch und ließ seine Zimmertür unsanft zufallen. Ich seufzte. Er war sauer. Und zwar richtig sauer. Ich rappelte mich aus meinem Bett hoch und versuchte, so gut es eben ging, die Treppe hinunter zu laufen. Vorsichtig klopfte ich an seine Zimmertür und öffnete sie.

 

50.
Bill hockte mit angezogenen Beinen, die Hände um diese geschlungen und deutlich unglücklich dreinschauend auf seinem Bett. Er sah nicht auf, als ich das Zimmer betrat. Immerhin konnte er sich denken, dass ich es war, weil sonst niemand zu Hause war. Ich setzte mich zu ihm und sah ihn an. Ich wusste selbst nicht so richtig, was ich eigentlich sagen wollte und überlegte deshalb lange und genau, bevor ich anfing zu sprechen. "Bill? Ich kann verstehn, dass du sauer bist-"
"Das macht der doch extra! Ich seh's schon kommen, bald fragt er dich nach 'nem Date. Der soll seine scheiß Finger von dir lassen!"
"Er weiß doch auch nicht, dass wir zusammen sind, er kann es gar nicht wissen und sollte es auch nicht. Außerdem glaub ich nicht, dass er was von mir will!"
"Na sicher, das sieht doch ein Blinder mit Krückstock!", giftete Bill. "Und du nimmst ihn auch noch in Schutz..."
"Mach ich gar nicht! ... Aber was hätte ich tun sollen? Ihn rausschmeißen? Das wäre einfach undankbar und unhöflich. Ich fand’s auch nicht toll, dich wegen der Getränke und der Vase runterzuschicken, dass du ihn bedienen musst. Aber ich konnte halt nicht anders"
Lange sagte niemand was. "Man, ich hab Angst dich zu verlieren!", brach es dann irgendwann aus Bill heraus, die Traurigkeit in seiner Stimme war nicht zu überhören. "Aber das musst du doch gar nicht... Oder meinst du, ich würde mir das Alles mit dem Versteckspiel antun, wenn ich dich nicht wirklich lieben würde?" Er zuckte mit den Schultern. Jetzt war ich ehrlich gesagt etwas geschockt. Traute er mir das denn wirklich zu? Glaubte er im Ernst, dass ich ihn nicht liebe? "Also wenn du so was von mir denkst, dann weiß ich auch nicht...", gab ich patzig und enttäuscht zurück. "Du redest die ganze Zeit nur von Andreas... aber was ist mit mir? Er kann mich dir gar nicht "wegnehmen" wenn ich mich nicht darauf einlasse...vertraust du mir denn gar nicht?!", mittlerweile war ich den Tränen nahe. "Auf Vertrauen baut Liebe auf.... wenn du mir anscheinend nicht vertrauen kannst.... ach vergiss es!" Ich rauschte - so gut es im humpelnden Zustand eben ging - weinend aus dem Zimmer, rannte beinahe in einen völlig verdutzten Tom, ließ ihn aber einfach stehen und ging die Treppe hoch. "Was geht denn jetzt?!", hörte ich ihn sich noch fragen, ignorierte es aber.
Ich schmiss mich auf mein Bett und heulte hemmungslos drauf los. Warum vertraute er mir nicht? Hatte er mir jemals vertraut? Was hatte ich denn falsch gemacht? Ich hatte eigentlich immer gedacht, dass es für ihn selbstverständlich ist, dass er weiß, wie sehr ich ihn liebe, aber anscheinend glaubte Bill mir das nicht. Was hatte er denn plötzlich? Wenn er mir nicht vertrauen konnte, konnte er mich dann überhaupt lieben? Liebte er mich? Hat er mich jemals geliebt? Zu meinem eigenen Erschrecken stellte ich fest, dass ich das gerade bezweifelte. Hatte das mit uns alles überhaupt noch Sinn? Es war doch noch nicht mal wirklich viel passiert, Andreas ist mich eben besuchen gekommen. Eine nette Geste, nicht mehr. Er hatte sich weder an mich rangemacht, noch hatte ich den Eindruck, dass er mich Bill ausspannen wollte, zumal er noch nicht mal was von Bills und meiner Beziehung wusste. Über all diese Fragen zerbrach ich mir eine ganze Weile den Kopf.
Irgendwann stand Tom neben mir und sah mich mitleidig an. "Alles klar?", fragte er besorgt. "Sicher, siehst du doch", antwortete ich monoton.
"Bill sieht genauso scheiße aus wie du... " "Danke für das Kompliment" "Was war denn los? Ich dachte, ihr hättet das ganze Haus für euch gehabt? Nach ordentlich Spaß seht ihr aber nicht aus", sein dreckiges Grinsen entging mir dabei nicht. Oh man, dass der auch immer an das Eine denken musste... "Ne, Andreas ist ja auch gekommen, hat mir Schokolade und die Rose da gebracht und wollte mir Gesellschaft leisten. Dann haben wir zusammen DVD geguckt. Und Bill ist total eifersüchtig, aber grundlos. Er vertraut mir einfach nicht... Und ich bezweifle gerade, dass er mich wirklich liebt...", wieder brach ich in Tränen aus. Oh Gott, hatte ich das grade wirklich gesagt? War ich denn doof? Tom nahm mich in den Arm und tröstete mich. Es tat gut und beruhigte mich in der Tat ein wenig. "Aber warum denkst du das denn?" Wenn Tom eins gelernt hatte in der Zeit in der er mit Lisa zusammen war und manchmal zwischen Bill und mir vermittelte, dann war es, den perfekten Seelenklempner zu spielen. "Ich hab' gefragt ob er glaubt, dass ich ihn nicht liebe aber er hat nur mit den Schultern gezuckt... nach großen Gefühlen sieht das ja nicht gerade aus...", schluchzte ich. Tom schlug sich vor die Stirn und nuschelte so was Ähnliches wie: "Man, so ein Idiot..."
Mittlerweile mussten unsere Eltern wiedergekommen sein, denn Mum rief uns zum Abendessen. Bill und ich mieden beim Essen den Blickkontakt. Auf die nervigen Fragen, was denn mit mir los wäre antwortete ich gar nicht erst. Was hätte ich denn auch sagen sollen? Alles in allem eine sehr entspannte Atmosphäre heute Abend...Nach dem Essen ging ich schnell wieder hoch, machte mich soweit fertig und verkroch mich in mein Bett. Ich wollte diesen beschissenen Tag einfach nur noch vergessen. Obwohl er doch gar nicht mal so schlecht angefangen hatte. Wenn ich so an das Frühstück und den Vormittag mit Bill dachte...Wieder klopfte es an meiner Tür. "Ich schlafe schon!", motzte ich genervt. "Kann man hier nicht einmal seine Ruhe haben?!" Die Tür öffnete sich. Meine Bettkante senkte sich, aber ich blieb in Richtung Wand gedreht liegen. "Lilly?", wisperte Bill mit brüchiger Stimme. Sofort drehte ich mich um und starrte in sein sonst so hübsches Gesicht. Jetzt wirkte er fertig und traurig, die Augen ganz rot, so als hätte er geweint. Dieser Anblick zerriss mir beinahe das Herz. "Ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt und ich vertraue dir und es tut mir leid" Er sah mich erwartungsvoll an. Ich war erst mal baff. "Es gibt keinen Grund, eifersüchtig zu sein, ehrlich nicht! Mit wem sollte ich lieber zusammen sein als mit dir?!", ich streichelte ihm zärtlich über die heiße Wange. "Ich versuch's, okay?" "Okay" So fertig hatte ich ihn ja noch nie erlebt und ich muss sagen, es war kein schönes Bild. Ich konnte es einfach nicht sehen, wenn er unglücklich war, denn das machte auch mich unglücklich, und das war ich ohnehin schon gewesen. "Du darfst mich ruhig küssen", sagte ich schmunzelnd. Das ließ er sich nicht zweimal sagen, denn sofort spürte ich seine weichen Lippen auf meinen...
51.
Mittwochmorgen machte ich beim Blick in den Spiegel eine Entdeckung: Meinen Hals zierte ein großer, blaugrüner Fleck. Der musste wohl noch von Samstag sein und war mir bis jetzt und - zum Glück! - auch keinem anderen aufgefallen. Doch ich hatte das Glück auf meiner Seite, auf Grund des Wetters konnte ich den ganzen Tag einen Schal tragen. Ich war nämlich nicht gerade wild darauf, von meiner Mutter auf den Knutschfleck angesprochen zu werden. Eigentlich ein Wunder, dass sie ihn noch nicht gesehen hatte... Aber mir irgendwelche Ausreden auszudenken, hatte ich wirklich keine Lust. Sie würde mich ausquetschen, wer das gewesen ist, ob ich einen neuen Freund hätte und so weiter. Da würde ich mich nur mehr und mehr in ein Lügennetz verstricken, welches ich nun wirklich nicht haben musste. Und am Ende würde eh wieder alles auffliegen, ich hasste es, meine Mutter zu belügen.
"Wir wollen mal wieder alle zusammen was machen, du, Lisa, Tom und ich. Kommst du mit ins Kino?", fragte mich Bill. Wir kauerten zusammen auf seinem Bett, ich lag halbwegs in seinem Schoß und ließ es mir mit Streicheleinheiten gut gehen. "Da ist es dunkel, warm und bequem", raunte er mir verführerisch ins Ohr. Sein Atem verursachte bei mir eine Gänsehaut, doch ich musste den verlockenden Gedanken beiseite schieben. "Geht nicht, Andreas kommt doch"
Heute wollte Andreas wegen der Nachhilfe vorbeikommen. Ich konnte zwar wieder einigermaßen normal laufen, doch wir hatten schon abgemacht, dass er zu mir kommen sollte und damit hatte ich nicht das geringste Problem. Warum bei Eiseskälte freiwillig draußen herumlaufen, wenn man schön zu Hause bleiben konnte?!
Bill rollte genervt mit den Augen. "Andreas hier, Andreas da. Jetzt ist Andreas sogar dafür verantwortlich, dass wir nicht mehr so viel miteinander unternehmen können", nuschelte er vor sich hin.
Schon wieder kam er mit dieser Eifersuchtsnummer, dabei hatten wir das doch geklärt. Ich richtete mich auf und sah ihm direkt in die Augen. "Jetzt mach mal halblang. Wer ist denn fast jeden Nachmittag im Proberaum?!", meine Stimme klang wohl gereizter als beabsichtigt, denn Bill fühlte sich angegriffen und fing prompt an, sich zu verteidigen: "Die Band ist mein Leben, das weißt du ganz genau. Außerdem kannst du immer mitkommen, da hat niemand was dagegen" "Klar, weil ich auch Lust habe, jeden Tag nur rumzusitzen und euch zuzugucken. Danke, ich habe auch ein eigenes Leben!" Da klingelte es auch schon an der Tür. "Wenn du mich entschuldigst?!" Ich stand auf und ging runter um die Tür zu öffnen. Pah, was dachte der eigentlich? Dass ich mein komplettes Leben nach ihm richtete? Ich konnte mir weiß Gott besseres vorstellen als täglich in diesem kleinen Kabuff, auch Proberaum genannt, rumzuhocken und ihn anzuschmachten. Okay, gut, ich liebte die Musik, und ich liebte Bills Stimme und ihn anzusehen, aber jeden Tag? Ich hatte doch wohl auch Freiheit genug, was alleine zu machen. Wenn er so oft unterwegs war sollte er sich nicht beklagen wenn wir nicht so ganz viel Zeit miteinander verbringen konnten. Sollte ich immer bereitstehen und dann einspringen, wenn der feine Herr grade die Zeit und Lust hat? Sicher nicht...
Freundlich lächelnd öffnete ich Andreas die Tür und bat ihn herein. Ich musste meinen Ärger über Bill wohl hinunterschlucken, konnte Andreas doch nichts dafür, dass er Nachhilfe brauchte und Bill so krankhaft eifersüchtig war, da konnte ich meine schlechte Laune an ihm auch nicht auslassen. 
Da es die erste Nachhilfestunde war, mussten wir uns erst mal arrangieren, ich musste rausfinden, wie weit er im Stoff sein sollte und wie weit er tatsächlich war, wie das Buch, das er hatte arbeitete etc. So verging eine Menge Zeit. Mir wurde total warm und total in die Arbeit vertieft legte ich meinen Schal ab. Andreas musterte mich. Dann lächelte er. "Achso... deswegen trägst du also den Schal, obwohl es hier so heiß ist..." "Wie?", fragte ich verwirrt. "Na, der Knutschfleck...Ich wusste gar nicht, dass du 'nen Freund hast" Verdammt, wie konnte ich nur so blöd sein? Konnte ich denn nicht einmal vernünftig aufpassen?! Jetzt hatte ich mal wieder den Salat. "Ich? Äh... du... phh... hab ich auch nicht", stotterte ich. Wenn ich es ihm gesagt hätte, hätte er nachgefragt wer und wie und seit wann, immerhin hatte ich mich an Bills Geburtstagsfeier auch als Single ausgegeben.
"Du stehst also auf One-night-stands, oder wie soll ich das sehen?!" "Um Gottes Willen, NEIN!" Er lachte, ich musste mitlachen. Das entspannte wenigstens die Situation ein wenig. Ich vertiefte mich wieder in sein Französischbuch, doch er ließ nicht locker. "Du lenkst ab. Na sag schon..." "Nein" "Doch" "Nein" "Doch" "Du gibst dich wohl nie zufrieden?!" "Aber so ein Knutschfleck kommt nicht von alleine, und wenn du keinen Freund hast und auch keine heiße Affäre.." "Ich bin lesbisch, reicht das?!", ich erschrak über meine eigenen Worte. Mal wieder hatte ich geredet ohne darüber nachzudenken. War ich denn völlig verrückt geworden? Scheinbar ja... Andreas guckte mich entsetzt an, dann lachte er lauthals. "Das glaub ich dir nicht" "Sicher, wieso nicht?!" "Jaja..." Er ging zum Glück nicht weiter darauf ein, warf mir aber immer wieder skeptische Blicke zu. Ich merkte, dass er mir nicht glaubte aber so lange er mich nicht mit Fragen über meinen Knutschfleck löcherte und mich damit in Verlegenheit brachte war mir das recht.
Ich fühlte mich eigenartig erleichtert, als ich die Tür schloss und ihn sicher draußen und nicht in meiner Nähe wusste. Ich stapfte die Treppe hoch und ließ mich seufzend in mein Bett fallen, Die Zwillinge waren mit Lisa allein ins Kino gefahren. Ich konnte mir nur allzu gut vorstellen, wie Bill schmollend neben dem glücklichen Pärchen saß und er tat mir schon fast wieder leid. Aber er hätte nicht mitgehen müssen, also sein Pech. Ich dachte wieder an heute Nachmittag... Warum zofften wir uns nur so oft in letzter Zeit? Das war echt anstrengend... Trotzdem fand ich es unberechtigt, sich aufzuregen, wenn ich einmal keine Zeit hatte wo Bill selbst fast immer weg war. Und ich dachte eigentlich auch, dass wir die Sache mit Andreas geklärt hätten, er wollte doch nicht mehr eifersüchtig sein. "Vielleicht braucht er dafür einfach Zeit", sagte mir der vernünftige Teil meines Gehirns. Stimmt... Gefühle kann man nicht kontrollieren. Man kann versuchen, sie in den Griff zu kriegen, aber anscheinend musste ich wirklich ein wenig Geduld mit ihm haben.
Als sie aus dem Kino wieder zu Hause waren kam Bill bei mir im Zimmer vorbei. Ich hing auf meinem Bett und zappte durchs TV. "Na?", er setzte sich zu mir aufs Bett. "Na?", erwiderte ich einfallslos seine Begrüßung. "Wie war's im Kino?" Wie vermutet erzählte er mir, dass er sich neben Tom und Lisa wie das dritte Rad am Wagen gefühlt hätte. "Und wie war Nachhilfe?" "Och du... super. Dank deines wunderschönen Knutschfleckes denkt Andreas jetzt, ich wäre lesbisch", sagte ich in ironischem Tonfall. "Wie jetzt?", Bill guckte sehr süß verdattert aus der Wäsche. "Na, irgendwas musste ich ihn doch erzählen..." Es dauerte einige Sekunden, bis es "klick" machte, dann brach Bill in schallendes Gelächter aus. "Macht doch nichts... denn weiß er wenigstens, dass er keine Chancen bei dir hat..." Schon fast wäre ich wieder wütend geworden, weil er wieder damit anfing, doch dann zähmte ich mich selbst. "Achte genau auf seine Wortwahl, Lilly. "Er weiß, dass er bei dir keine Chancen hat", das deutet doch schon mal darauf hin, dass er dir vertraut und auch wirklich sicher ist, dass du mit Andreas nichts anfangen würdest", sprach ich meinem Gewissen stumm zu. Außerdem hatte er sich ganz normal erkundigt, wie es war. Vielleicht war der Anfang schon mal getan, vielleicht würde es ja wirklich besser werden.

 

52.
Jeden Mittwoch war Bill schlecht drauf. Er zeigte es nicht, versuchte, seine Eifersucht hinunterzuschlucken, doch ich spürte es. Ich konnte mir bildlich ausmalen, wie er nachmittags in seinem Zimmer hockte, Andreas verfluchte, wohl am liebsten mein Zimmer gestürmt und ihn eigenhändig rausgeschmissen hätte oder wie er im Proberaum war mit Tom, Georg und Gustav und beinahe das Mikrofon demolierte. Doch er beherrschte sich, war freundlich zu Andreas und zeigte auch mir gegenüber keinerlei Eifersucht. Äußerlich. Aber ich kannte ihn mittlerweile lange und gut genug, um auf die kleinen Zeichen zu achten. Und sei es nur ein finsterer Blick im Bruchteil einer Sekunde, in der niemand ihn zu beobachten schien, ich sah es. Dennoch war ich stolz darauf und froh, dass er wenigstens versuchte, seinen Hass Andreas gegenüber nicht zu zeigen.
Die Situation änderte sich allerdings an einem kalten Novembertag. Es war Samstagabend, Tokio Hotel hatten einen Auftritt in einem Club. Es war brechend heiß und voll, viele Menschen waren gekommen und die Band dementsprechend nervös. Gut, es sollten noch andere Bands auftreten, aber Bill plus Kompanen spielten schon eine ziemlich wichtige Rolle. Unsere Eltern waren auch mitgekommen, hauptsächlich zum Transportieren von Instrumenten und Verstärkern aber natürlich auch, um die Jungs zu unterstützen.
Zu erst saßen wir alle in einem keinen Raum, der wohl eine Art Backstage-Bereich darstellen sollte. Wir alberten herum, machten Späße, wie immer. Die Jungs brauchten das auch, um sich ein bisschen abzulenken, sie hatten jedes Mal schreckliches Lampenfieber. Es war schon viertel nach neun, um halb zehn sollten sie auftreten. Zeit für Lisa und mich, uns in Richtung vor der Bühne zu begeben. "Na dann, viel Glück", wünschte ich ihnen allen und umarmte sie. Lisa drückte ihrem Tom noch einen Kuss auf den Mund. Wie gerne hätte ich Bill auch geküsst, doch ich musste mich wohl oder übel zusammenreißen, da Georg und Gustav nicht bescheid wussten. Es war schon manchmal schwer. In der Zeit, in der wir mit Lisa und Tom unterwegs waren, konnten wir tun und lassen, was wir wollten, konnten ungestört unsere Liebe auch ausleben. Genau wie wenn unsere Eltern nicht zu Hause waren. Dafür war es aber umso schwerer, sich umzustellen, wenn wir uns beherrschen mussten.  Wenn man einmal diese Freiheit genießt, will man sie immer haben, doch das konnten wir nicht. Sollten wir doch froh sein, dass wir überhaupt in Gegenwart von Lisa und Tom "ungestört" waren. Wenn ich an die Zeiten zurückdachte, in denen Bill heimlich des Nachts in mein Zimmer geschlichen kam und sich in Windeseile wieder anziehen musste, als Tom die Treppe hochgestapft kam...
Wir quetschten uns zwischen schwitzigen Körpern und teils sehr unangenehmen Schweiß-Gerüchen hindurch zur Bar, an der auch meine Mutter und Jörg saßen. Von hier aus hatte man eine gute Sicht und musste sich nicht diese hitzige Menschenmasse antun. Der Auftritt war super, einfach umwerfend. Bill schaffte es mal wieder, die Menschen in seinen Bann zu ziehen und ich konnte sie nur allzu gut verstehen, der Kerl hatte es einfach drauf. Mit sowohl rockigen als auch gefühlvollen Nummern brachten Tokio Hotel den Club zum beben und Bill mein Herz zum schmelzen. In solchen Momenten war ich unglaublich stolz auf ihn und teilte seine Freude darüber, wenn den Menschen seine Musik gefiel. Fast schon wehleidig sah ich zu, wie sie von der Bühne trabten, nachdem sie zwei Zugaben hatten spielen müssen.
Ein paar Minuten später kamen alle vier zu uns, bestellten etwas zu trinken und ließen sich erschöpft aber glücklich auf den Barhockern nieder. "Ihr wart spitze! Die sind ja alle voll abgegangen!", quiekte Lisa und fiel Tom um den Hals. Nachdem sie noch weitere Glückwünsche von Seiten unserer Eltern und einiger Gäste bekommen hatten, wurde es etwas entspannter. Eine andere Band gab auf der Bühne ihr bestes, Bill sah ihnen zu und wippte mit dem Fuß im Takt, Lisa und Tom knutschten, Gustav unterhielt sich mit meinen Eltern. Georg erzählte mir von seinen Fahrstunden und dass er bald den Führerschein machte, immerhin war er schon 18. Als ich aus dem Augenwinkel beobachtete, wie ein Mädchen sich auf Bill zubewegte und ihn anquatschte. Glücklicherweise besitzen wir Frauen die Gabe des "Multitaskings", sodass ich mich zwar noch mit Georg unterhalten konnte, aber dennoch halbwegs mitbekam, was dieses Mädchen mit Bill redete.
Wenn ich das richtig verstand, erzählte sie ihm, dass sie schon länger ein Fan wäre, ihr der Auftritt super gefallen hätte und bla bla bla. Als Georgs Handy klingelte und er entschuldigend hinaus verschwand um besser hören zu können fiel mein Blick wieder auf das Mädchen. Sie war immer noch nicht verschwunden und ich nahm sie etwas genauer unter die Lupe. Ich schätzte sie von oben bis unten ab. Langes, lockiges, blondes Engelshaar, die Augenfarbe konnte ich bei dem schlechten Licht nicht erkennen. Sie trug ein schwarzes, eng anliegendes Neckholdertop und einen echten mini Minirock und verdammt, es sah nicht mal schlampig aus. Leider musste ich auch feststellen, dass sie ein bezauberndes Lächeln hatte, ihre Nase feiner war als meine und ihre Oberweite dann doch mehr hergab als das was ich sah, wenn ich so an mir herunterblickte.
Sie und Bill hatten sich anscheinend viel zu erzählen, denn er schaute sie gebannt an und hörte ihr zu, klebte förmlich an ihren Lippen. Ähm... hallo? War ich im falschen Film? In meinem Inneren begann es zu kochen und ich entwickelte ein mords Wut auf dieses Mädchen. Sollte sie gefälligst ihre Finger von meinem Bill lassen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich konnte wohl schlecht zu ihm gehen und ihn demonstrativ küssen um zu zeigen, dass er zu mir gehört, das wäre das erste Gewesen, was ich getan hätte. Aber schließlich waren meine Eltern und Gustav noch hier. Ich konnte nichts wirklich tun.
Irgendwie brannten dann doch meine Sicherungen durch. Ich ging auf die beiden zu und sagte Bill, dass wir gehen wollten. "Jetzt schon?", fragte er. "Ja", antwortete ich barsch. "Okay... also dann...man sieht sich" "Hoffentlich", fügte die Blonde hinzu und musterte mich herablassend von oben bis unten, scheinbar versuchte sie herauszufinden, in welchem Verhältnis ich zu Bill stand. Tja, Pech gehabt, Schlampe, er ist mein Freund, dachte ich mir. "Warte... kann ich noch ein Autogramm haben?" Sie schaute ihn mit großen Kulleraugen an. "Klar..." Er schreib ihr auf den Bauch, was anderes hatte sie "zufällig" nicht dabei. Na sicher, das war doch geplant... Und dann verschwand sie endlich.
"Warum wollt ihr denn schon gehen?", beklagte Bill sich bei unseren Eltern. "Wie? Wollen wir doch gar nicht..." "Hä?" Dann klickte es wohl in seinem Kopf, denn er drehte sich mit bösem Blick zu mir um. Ich versuchte, meinen Unschuldsblick aufzulegen. Man, was hatte ich mal wieder Mist gebaut ohne nachzudenken. "Warum hast du das gemacht?", fragte er zischend, sodass es nicht jeder mitbekam. "Ich weiß nicht... die hat dich voll angemacht"
"Was? Ach Quatsch. Man Lilly, Fankontakt ist total wichtig. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Fans uns erhalten bleiben... verstehst du das nicht?!"
"Doch! Aber... "
"Man, nur weil du eifersüchtig bist!"
Er drehte sich wütend von mir weg. Na vielen Dank auch. Das war ja mal wieder voll in die Hose gegangen. Ich verfluchte mich dafür, dass ich mich nicht mal beherrschen konnte, es aber von Bill verlangte und ich war sauer, dass er mich nicht hatte ausreden lassen. Toller Abend!

 

53.
Glücklicherweise hatte Bill sich wieder beruhigt und mich nicht mehr weiter auf das Thema angesprochen. Ich war auch echt dumm. Wie konnte mir das passieren? Ich meine... okay, das Mädel hat ihn angemacht und ja, sie sah gut aus. Ich gebe es ja zu, ich war eifersüchtig, und zwar heftigst, aber deswegen konnte ich doch nicht gleich so ne Scheiße fabrizieren. Und dann verlangte ich auch noch von Bill, dass er nicht eifersüchtig war. Ach egal, am besten würde es wohl sein, das Ganze zu vergessen, so wie Bill es anscheinend auch tat. Auf einmal kam mir ein schrecklicher Gedanke, ich hatte so ein seltsames Gefühl im Bauch. Was, wenn es mit unserer Beziehung langsam den Bach runterging? Es war ein ganz komisches Gefühl, ich wusste nicht, ob ich mir das jetzt einbildete oder ob es doch mein siebter Sinn war. Ich hoffte inständig auf ersteres. Ich wollte nicht, dass es vorbei war.... Ach Quatsch, nur weil wir manchmal ein bisschen eifersüchtig waren. Zeigt das nicht erst die Liebe, die Angst, den anderen zu verlieren?! Okay, ich sah die Eifersucht jetzt einfach als Liebesbeweis und mit diesem Gedanken ließ es sich auch einigermaßen erträglich einschlafen.
Am nächsten Morgen erkundigte ich mich beim Frühstück, okay, es war schon ein Uhr, was die Zwillinge heute so vorhatten. "Wir treffen uns mit Georg und Gustav im Proberaum... so 'ne Art Nachbesprechung wegen gestern", erklärte Tom. "Wieso?" "Ach.. nur so..." Ich hatte eigentlich gehofft, dass wir mal wieder was zusammen unternehmen könnten. In der letzten Zeit lastete die Schule ziemlich auf uns, dazu kam, dass Bill und Tom noch so viel Zeit wie möglich im Proberaum verbrachten und ich Mittwochs, wo Georg und Gustav nicht konnten, Andreas Nachhilfe gab. Aber wenn sie sich heute schon verplant hatten konnte ich wohl nichts daran ändern.
Als ich mich schließlich nach langer TV-Zapping-Orgie doch dazu durchringen konnte, die Hausaufgaben für den nächsten Tag zu machen, spielte meine Konzentration allerdings nicht wirklich mit. Irgendetwas hinderte mich daran. Die ganze Zeit wackelte ich nervös mit meinem Fuß hin und her. Mir ging immer noch das Gespräch von heute Morgen durch den Kopf und ich erinnerte mich an vor ein paar Wochen, als Bill mit Tom, Lisa und mir ins Kino wollte. Ach ja, da war Andreas das erste Mal zur Nachhilfe gekommen. Er hatte sich auch beklagt, dass wir kaum noch Zeit miteinander verbrachten. Klar, so ab und zu abends wenn unsere Eltern nicht da waren, waren wir ungestört. Aber sonst konnten wir auch nicht viel wagen, da wir immer mit der Angst leben mussten, jede Sekunde erwischt zu werden. Der Alltag lastete auf uns wie ein dunkler, grauer Schatten. Ach, was war es in den Sommerferien einfach gewesen...
Ich schmiss mein Deutschheft bei Seite, packte meine sieben Sachen zusammen und machte mich auf den Weg zum Proberaum. Ich hatte das Bedürfnis, Tokio Hotel beim Proben zuzusehen, einfach ein wenig mit den vieren abzuhängen und vor allem, Bill zu sehen. Er hatte schließlich gesagt, ich könnte immer mitkommen, keiner hätte etwas dagegen. Ich war froh, als ich den Proberaum von Weitem sah, denn es war bitterkalt draußen. Wieso musste das Wetter nur immer so extrem sein? Erst ein unglaublich heißer Sommer, dann Wochenlang nur Regen und von dem einen auf den anderen Tag, so schien es, war der Winter hereingebrochen. Goldene Herbsttage? Fehlanzeige...
Ich hatte ein mir gut bekanntes Kribbeln im Bauch, als ich das heruntergekommene Haus betrat und mir eine wohlige Wärme entgegenschlug. Gleich würde ich Bill sehen, ich freute mich darauf, obwohl wir tagtäglich unter einem Dach wohnten. Ich erinnerte mich immer wenn ich hier war daran, wie ich zum ersten Mal dieses Gebäude betreten hatte. Vorher hatte ich mich mit Marco gestritten, Bill hatte mir geholfen, dass es sich wieder eingeränkt und als ich ihn hab singen hören, hatten mich meine Gefühle überrollt, wie ein riesige Walze. Geflüchtet war ich vor ihnen, heute nahm ich sie an. Der Proberaum selbst lag nicht direkt am Eingang, ich musste durch ein paar Gänge. Gleich war ich da, ich hörte auch schon Gelächter.
Doch als ich die Stimme eines Mädchens unter ihnen erkannte, wurde ich etwas stutzig. Seit wann waren denn irgendwelche Mädchen hier? Gustav und Georg hatten keine Freundinnen so weit ich informiert war, Lisa war nicht da, das wusste ich, außerdem hätte ich ihre Stimme erkannt. Zu erst dachte ich an das Mädchen von gestern Abends, verwarf den Gedanken aber schnell wieder, das war Schwachsinn, woher sollte sie denn die Adresse wissen? Umso geschockter war ich allerdings, als ich ein mir sehr bekanntes Gesicht auf der kleinen Couch zwischen Georg und keinem Geringerem als Bill sitzen sah. Sie war es doch. Hä? Hallo? War ich hier im falschen Film? Was machte diese... diese... keine Ahnung, mir fiel kein passendes Schimpfwort ein. Wie dem auch sei, was machte sie hier? Mir lagen so viele passende Bemerkungen auf der Zunge, doch ich schluckte sie runter, konnte und wollte Bill nicht bloßstellen, so wäre alles nur noch komplizierter geworden. Ich atmete also tief durch, bevor ich den Raum mit einem aufgesetzten Lächeln betrat.
"Hey Jungs!" Bill starrte erschrocken in meine Richtung. Was denn? Stör ich?! "Ich hatte Langweile und dachte, ich schau mal vorbei...", log ich. Langweile? Pah, ich hatte mehr als genug zu tun, aber die Sehnsucht hatte mich zu meinem ach so tollen Freund getrieben, der nichts besseres zu tun hatte, als neben diesem aufdringlichen, billigen, viel zu hübschen ... Mädchen hier zu sitzen. Die Wut staute sich in mir auf, aber ich musste sie unterdrücken, um die Tarnung von Bill und mir aufrecht zu erhalten und weil ich seine Fans schlecht vergraulen konnte. Obwohl ich es wohl noch verkraftet hätte, wenn es genau dieser eine Fan weniger gewesen wäre...
"Äh ja... Tessa, das ist Lilly, unsere Schwester. Lilly, Tessa" "Hi", sagte ich cool und hielt ihr die Hand hin, sie schüttelte sie und ich meinte, Erleichterung in ihren Augen erkennen zu können. Was denn, Schätzchen? Hast wohl gedacht, jetzt hast du freie Bahn bei Bill? Immerhin war ich ja "nur" die Schwester. Nein, ich war mehr, viel mehr... das nahm ich zumindest an.
Während die Jungs noch einige Songs besprachen und durchprobten saß ich mit Tessa auf der Couch uns musste mich wohl oder übel ein wenig mit ihre unterhalten. Ja Bill, ich tue das nur dir zu Liebe, merkst du das? Ich versuchte wirklich, sie nett zu finden und alle bösen Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen. Und siehe da, so schwer war es gar nicht. Sie war auch im Grunde nett, trotzdem ein Dorn im Auge, aber damit musste ich wohl lernen, umzugehen. Eine Band mit vier gutaussehenden, jungen Kerlen konnte es schließlich nicht vermeiden, weibliche Fans zu haben. Sie erzählte mir, dass sie schon länger Fan war, zu allen Konzerten kam und richtig aus dem Häuschen gewesen sei, als sie die Band gestern so plötzlich einfach im Club rumstehen sah. Die Adresse des Proberaums hätte sie schon länger gehabt, hätte sich aber nie getraut, einfach so hier aufzukreuzen, da sie aber gestern schon Bekanntschaft mit Bill gemacht hatte, hätte sie sich doch einen Ruck gegeben. Ich musste feststellen, dass sie weder billig, noch aufdringlich oder sonstwas war. Ich hätte sie bestimmt gemocht, wäre es nicht offensichtlich gewesen, dass sie auf meinen Freund stand.
Später am Abend, als ich gerade im Bad war und mir die Haare bürstete, kam Bill hinzu. Er umarmte mich von hinten und drückte mir einen Kuss auf die Wange und blickte in den Spiegel. "Weißt du was?", sein Spiegelbild sprach mit dem meinen. "Hm?" "Ich finds schön, dass du es akzeptierst und verstehst, dass wir auch weibliche Fans haben..." "Ich kann es ihnen schließlich nicht verübeln wenn sie dich toll finden" Er ließ seine Lippen über meinen Hals gleiten. "Oh nein, Bill. Nicht noch ein Knutschfleck!" Ich drehte mich in seinem Arm um, drückte mich dann aber an ihn. "Hmm...ich liebe dich", röchelte er mir heiser ins Ohr. Gänsehaut pur. Ich legte meine Arme um seinen Hals und zog ihn näher zu mir, sodass sich unsere Nasenspitzen leicht berührten. "Ich dich auch" Seine Lippen umschlossen meine zu einem sehr zärtlichen Kuss, der ein Feuer in mir entfachte. Ich war mir sicher, es lohnte sich, mich zusammenzureißen. Manchmal muss man für die Liebe eben auch Opfer bringen... hatte Bill das nicht zu mir gesagt, als ich damals Streit mit Marco hatte?! Wie wahr, wie wahr... Und dieses kleine Opfer war nichts im Vergleich zu dem, was ich von Bill dafür zurückbekam.

 

54.
Zwei Wochen später war Andreas mal wieder zur Nachhilfe da. Schon von Anfang an hatte er mich so seltsam angestarrt mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen. Zu erst hatte ich es ignoriert, doch langsam aber sicher nervte es mich. "Was guckst du mich eigentlich die ganze Zeit so an?", fragte ich ihn deshalb. "Du bist nicht lesbisch..." "Was?" "Ich glaub es dir immer noch nicht, dass du auf Mädels stehst..." "Tu ich aber.." Anfangs wusste ich nicht, wovon er redete, doch dann fiel es mir glücklicherweise schnell wieder ein, dass ich ihm das ja erzählt hatte um geheim zu halten, dass der Knutschfleck eigentlich von Bill stammte. Er kam meinem Gesicht ein wenig näher. "Das wäre aber viel zu schade..." Ich musste schlucken. Man konnte es nicht leugnen, er war echt attraktiv. Seine blauen Augen glänzten und glitzerten so rein, so eine Farbe hatte ich noch nie gesehen. "Du bist viel zu hübsch...", flüsterte er. Ich wich ein wenig zurück. "Hey, nicht so schüchtern...." Er kam mir hinterher, näherte sich mir bis auf wenige Millimeter. Seine Lippen waren voll und boten sich mir förmlich an. Nein, Lilly, bleib stark. Er ist zwar hübsch und nett, aber du liebst Bill. Doch plötzlich küsste er mich. Ich war so geschockt, dass ich erst mal nicht reagieren konnte. Es fühlte sich gar nicht mal so schlecht an.. doch dann machte es klick. "Verdammt!", ich stieß ihn unsanft von mir weg. Er sah mich beschämt an. "Tut mir leid... ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Ich konnte... es ging nicht anders" "Mach das nie wieder!" In meinem Kopf drehte sich alles. War ich denn wirklich so blöd? Wieso hatte ich es geschehen lassen? War Bills Eifersucht vielleicht doch berechtigt? Vielleicht hatte ich es aus Trotz und Wut gegen diese Tessa geschehen lassen...?! Aber... war Andreas etwa (immer noch) in mich verliebt? Das konnte doch nicht sein... so 'ne Scheiße! "Nein, nein. Es tut mir wirklich leid", er entschuldigte sich noch mindestens tausend Mal und versprach, es nie wieder so weit kommen zu lassen und damit war das Thema für mich erst Mal gegessen.
Am Abend wollten diese Gedanken aber nicht mehr aus meinem Kopf raus. Ich fragte mich, wie das nur passieren konnte. Was lief nur so falsch bei Bill und mir? Ich liebte ihn doch, und zwar mehr als alles andere, daran bestand kein Zweifel, warum in aller Welt musste ich es dann so weit kommen lassen und mich von einem anderen küssen lassen, auf den Bill sowieso schon eifersüchtig war?! Jetzt lieferte ich ihm schon Grund dazu. Ich schämte mich... ich schämte mich total, dass ich ihn hintergangen hatte. Er durfte es niemals erfahren, das wäre mein Tod. Vor allem hatte ich es doch noch nicht mal gewollt, er hatte schließlich mich geküsst und nicht ich ihn. Aber warum musste es ich auch noch gut anfühlen? Warum konnte er nicht puren Ekel in mir auslösen? Das war das zweite, was mich beschäftigte.
Als meine Mum zum Essen rief entschied ich mich spontan, dass ich keinen Hunger hatte. Ich konnte Bill jetzt nicht in die Augen sehen, irgendwie hatte ich ja sein Vertrauen gebrochen. Denn in letzter Zeit hatte er sich echt zurückgehalten. Ich konnte mir zwar denken, dass er es immer noch nicht toll fand, dass ich regelmäßig Zeit mit Andreas verbrachte, aber er ließ es sich nicht anmerken. Er versuchte wirklich, mir zu vertrauen. Und ich? Ich bin so dumm und lasse mich von Andreas küssen.
Ich packte meine Schultasche für morgen, als sich schon die ersten Tränen anbahnten. Ich war so dermaßen enttäuscht von mir selbst. "Ach scheiße!" Ich schleuderte mein Mathebuch in die Ecke. Auf einmal legte sich eine Hand auf meine Schulter. Erschrocken drehte ich mich um. Es war Bill, der mich besorgt anblickte. Schnell wischte ich mir die Tränen von den Wangen, doch vergebens, er hatte sie natürlich längst gesehen. "Was ist denn los?", fragte er mit einer so sanften Stimme, dass es mir sofort wieder die Tränen in die Augen trieb. Ich war echt gemein. Ich hatte ihn doch gar nicht verdient, und dass er so gut zu mir war erst recht nicht. "Nichts, alles in Ordnung", nuschelte ich und wich seinem Blick aus. "Hey... das glaub ich dir aber nicht. Mittlerweile kenn ich dich gut genug...Ich mach mir Sorgen um dich" Erhob mein Kinn und zwang mich so, in seine warmen, erwartungsvollen Augen zu sehen. "Ich..." Einen Moment wollte ich all meinen Mut sammeln, und ihm davon erzählen. Doch das konnte ich ihm nicht antun, das konnte ich diesem engelsgleichen, liebevollen Menschen nicht antun. Das hatte er nicht verdient. "Ich... kann nicht", schluchzte ich. Seine Augen spiegelten Enttäuschung wieder, blickten mich traurig und verletzt an. Ich wusste, was er denken musste. Wie kommt das denn rüber, wenn mich etwas so bewegt, dass ich weinen muss, aber es ihm nicht erzähle. Als ob ich ihm nicht vertrauen würde... dabei hatten wir doch keine Geheimnisse voreinander.
Aber dann zog er mich an sich und drückte mich an seine Brust, streichelte mir beruhigend über den Rücken. Ich fühlte mich schlecht, so richtig schlecht und verräterisch. Lag hier in seinen Armen und ließ mich trösten, nahm seine Liebe und Trost an. Aber warum brauchte ich Trost? Weil ich ihn hintergangen habe. Ich war so link und gemein, dabei wollte ich das gar nicht. Verdammt, wär ich nicht ich, würde ich jetzt nicht gerne in meiner Haut stecken.
Lisa war geschockt als ich ihr davon erzählte. Ich schämte mich so, aber dennoch musste ich es einfach loswerden. "Ich weiß gar nicht so genau, was ich dazu jetzt sagen soll" "Am besten gar nichts...Ich weiß selbst schon, dass ich hinterlistig und gemein bin" Eine Weile schwiegen wir beide. Sie schien nachzudenken. "Aber... er hat dich doch einfach geküsst... Da kannst du doch nichts für" "Aber ich hab es zugelassen, habe mich erst nicht gewehrt und... es war irgendwie gut. Und das verwirrt und beunruhigt mich. Ich mache grade alles kaputt" "Ach was... das wird schon wieder", sie nahm mich tröstend in den Arm. "Am besten, du vergisst das einfach und wenn er nie was erfährt ist gut. Was er nicht weiß macht ihn nicht heiß... Außerdem weißt du doch selbst gut genug, zu wem du gehörst, richtig?" Ich nickte und war schon wieder optimistischer.

 

55.
Als ich Andreas das nächste Mal sah, war mir schon etwas flau im Magen. Zu tief saß noch der Schock vom letzten Mal. Einfach ignorieren, vergessen, so tun als wäre nie etwas gewesen, redete ich mir zu. Er verhielt sich wie immer, war nett und lustig, hatte seine Aufgaben gemacht und wir konnten gut zusammen arbeiten. Innerlich machte ich schon drei rote Kreuze, weil alles wieder normal war, doch es sollte noch besser werden. Wir gingen in Richtung Tür, ich voraus, er hinter mir, als seine Hand mich am Arm packte. Ich drehte mich um und sah ihn fragend an. "Du hast noch was vergessen" Ich war verwirrt. "Was denn?" Ich spürte einen starken Zug an meinem Arm und fand mich in seinen Armen wieder. Er zögerte nicht lange und presste seine Lippen auf meine. Geht's noch?! Ich wehrte mich, drückte ihn weg von mir. "Du hast versprochen, das nie wieder zu tun", schnauzte ich ihn an. "Na... wenn du dich dagegen stellst erzähle ich alles Bill und das willst du doch nicht!", er sprach bestimmt und obwohl das, was er von sich gab, so abgrundtief böse war, sagte er es auf eine seltsam liebe Art. Ich konnte ihn nicht hassen.
"Bill...?", keuchte ich. Mir schoss augenblicklich das Blut in den Kopf. Wie meinte er das? Wusste er etwa bescheid? Aber wie konnte das sein? Das war nicht möglich! Das konnte nicht, das durfte nicht wahr sein. Meine Eingeweide zogen sich zusammen, mir war sehr heiß, ich fühlte mich wie in der Sahara und zugleich so unwohl, dass ich mir wünschte, im Boden zu versinken. Mein Puls raste in unerschwängliche Höhen, was meinen Zustand nicht unbedingt verbesserte. "Ach komm... Das sieht doch ein Blinder mit Krückstock. Auf deiner Geburtstagsfeier war es nicht zu übersehen, wie du ihn immer ansiehst, aber ich hab es auch schon vorher gewusst" "Wie? Wovon redest du überhaupt?", versuchte ich es mal auf die Tour. "Versuch es gar nicht erst... du weißt genau, was ich meine. Ich glaube, es wird deinem Bruder nicht sehr gefallen, wenn er erfährt, wie du ihn hintergehst. Dass der Knutschfleck nicht von einem Mädchen kam, war mir klar. Lesbisch... gute Ausrede, passt ja, er sieht auch aus wie ein Mädchen. Ich denke mal, eure Eltern werden sehr geschockt und enttäuscht sein. Wäre kein Wunder, wenn sie euch verstoßen würden..."
Fassungslos starrte ich ihn an. Das konnte er doch nicht tun... oder doch? Ich wollte auf keinen Fall, dass Bill es erfuhr, das konnte ich nicht. Eher würde ich mich umbringen, als ihn zu verletzen, ich selbst könnte es nicht ertragen, ihn leiden zu sehen. Er erpresste mich. Er erpresste mich aufs Übelste, zwang mich, meinen Freund weiter zu hintergehen. Doch trotzdem spürte ich kein Gefühl des Hasses. Ich fragte mich lediglich, wieso er das tat, was trieb ihn dazu? "Warum machst du das?", fragte ich leise. "Weil ich dich liebe. Schon seit ich dich kenne. Ich sah keinen anderen Weg" Ich keuchte auf. Was war das hier? War ich irgendwie im falschen Film? Wieso musste ich mich nur immer in so 'ne Scheiße reinreiten? Reichte es nicht aus, dass ich unsterblich in meinen eigenen Bruder verliebt war? War das nicht schon schlimm genug? Wir hatten keine Zukunft, wir könnten nie ein öffentliches Leben führen, könnten niemals heiraten, geschweige denn Kinder bekommen. Warum musste es uns dann noch schwerer gemacht werden? Warum?
Seufzend ließ ich den Kopf hängen. Er hatte gewonnen, ich konnte es nicht verantworten, dass er Bill davon erzählte. "Versprich mir, dass du niemandem erzählst. Weder von uns, noch von mir und Bill..." "Okay, und jetzt küss mich, bitte!", seine Stimme klang schon fast flehend. Und ja, verdammt, ich mochte ihn. Ich mochte ihn als Freund, er war nett und dazu noch recht attraktiv, aber mehr wollte ich nicht. Doch wenn das der einzige Weg war, Bills und meine Beziehung zu schützen, dann musste ich ihn einschlagen, auch wenn er schwer war. Ich musste es eben schaffen, dass Bill nichts davon mitbekam. Und das sollte nicht allzu schwer werden, immerhin versteckten wir uns seit einem halben Jahr vor unseren Eltern und es gelang, obwohl wir zusammen in einem Haus lebten.
Endlich war Andreas weg. Erleichtert schlug ich die Tür hinter ihm zu. Bill tat mir leid. Er tat mir so leid, weil ich ihn hinterging, weil ich mich gerade dazu verpflichtet hatte, ihn zu betrügen. Aber nur zu seinem besten. Wie sich das anhört... ist das nicht die Pure Ironie? "Schatz, ich betrüge dich, aber ich tu es nur für uns"  Doch hatte ich eine Wahl? Wenn ich mich weigern würde, würde Andreas es Bill und unseren Eltern erzählen und dann wäre alles vorbei. Und das war das letzte, was ich wollte. Ich war in einem Teufelskreis gefangen. Je länger unser Verhältnis gehen würde, desto mehr hatte er gegen mich in der Hand. Doch auch jetzt schon war es mehr als genug um Bill zum Explodieren zu bringen. Hier würde ich nicht mehr so schnell rauskommen...
Ich verspürte plötzlich das Bedürfnis, Bill nahe zu sein. Ich ging also hoch und fand ihn auch in seinem Zimmer auf dem Bett liegend und laut Musik hörend vor. Er lag auf dem Rücken und hatte die Augen geschlossen, die Beine angewinkelt und sein rechter Fuß wippte mit dem Takt. Ich schlich ins Zimmer und drehte die Musik leiser. Empört blickte er Richtung Tür, doch als er mich dort stehen sah, breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Ich krabbelte zu ihm aufs Bett, gab ihm einen kleinen Kuss und schmiegte mich an ihn. "Womit hab ich das denn verdient?", fragte er mich mit einem Grinsen. Ich zuckte mit den Schultern, versuchte, nicht an Andreas zu denken, da es für mich rein gar nichts bedeutete.
Ich rollte mich über ihn und begann, ihn sehr zärtlich zu küssen. Für mich war das eine Art, das von vorhin wieder gut zu machen, auch wenn er nichts davon wusste, und das war auch gut so. Aber es befreite mich ein wenig von meinen Schuldgefühlen, wenn ich ihm Gutes tat. Er lächelte in den Kuss hinein, legte seinen Arm um mich und zog mich auf sich. Leidenschaftlich spielte seine Zunge mit meiner. Nein, das wollte ich nicht vermissen, das wollte ich nicht aufgeben. Ich wollte ihn nicht aufgeben.
Bills Hand fand ihren Weg unter mein Shirt. Ganz zart glitt seine weiche Hand über meine Haut. Ich seufzte. Das war so schön, wie lange hatten wir schon nicht mehr ein bisschen Zeit für uns gehabt? Wann waren wir das letzte Mal alleine gewesen? Ich wusste es nicht mehr, folglich musste es schon länger her sein. Wie schön es wäre, mal wieder eine Nacht nur für uns... so wie auf dem Zeltplatz im September.
Bill drehte uns, sodass ich auf dem Rücken lag, und stütze sich mit den Händen neben mir ab. Lange sah er mir tief in die Augen, fast so, als wollte er mir in die Seele blicken. Mit einem Ausdruck, denn ich nicht deuten konnte. Doch, er sah so aus wie vor einer Woche, als ich ihm nicht sagen konnte, warum ich weinte. Dachte er etwa immer noch daran? Beschäftigte es ihn so sehr? "Was ist?", fragte ich ihn. "Du verschließt dich vor mir...", antwortete er leise und traurig. "Was? Nein...das ist nicht wahr. Wieso? Kommt es dir so vor?" Er nickte. "Wenn es wegen letzter Woche ist... das war... ach, das ist total unwichtig, hat sich geklärt. Glaub mir, das letzte, was ich will ist... dass es zwischen uns... dass du und ich... dass es aus ist" Anfangs gelogen, war der letzte Satz dann doch die pure Wahrheit, nicht mehr und nicht weniger. Schon verzog sich sein hübscher Mund auch wieder zu einem leichten Lächeln. "Okay..." er stupste mit seiner Nase liebevoll gegen meine und küsste mich dann.
56.
Ganz genau eineinhalb Wochen hielt ich es aus. Eineinhalb Wochen und keinen Tag länger wollte ich mich von Andreas erpressen lassen. Das schlechte Gewissen nagte ständig an mir, mit jeder Sekunde mehr. Es schien mich von innen her aufzufressen, setzte sich beim Aufstehen in meinen Kopf und ich dachte immer noch daran, wenn ich abends versuchte einzuschlafen. Ich konnte nicht mehr, ich konnte Bill nicht mehr hintergehen, von wollen gar nicht zu sprechen. Jedes Mal wenn er mich ansah, tat es unendlich weh, ihn zu betrügen.
Heute war Lichterfest im Stadtpark, wir wollten alle mit ein paar Freunden hingehen. Draußen war es zwar kalt, aber wen stört das schon? Es gab schließlich ordentlich Alkohol. Ich hatte mir fest vorgenommen, mit Andreas zu reden. Schließlich kann man Liebe nicht erzwingen und SO würde er meine ganz bestimmt nicht bekommen, er würde meine Liebe niemals bekommen können, weil Bill mein Herz besaß und das wusste Andreas im Grunde ganz genau.
"Lilly, bist du auch endlich mal fertig?", hörte ich Toms genervte Stimme von unten. Ausnahmsweise waren die Jungs mal eher fertig als ich und dann machten sie Terror, wenn ich noch 5 Minuten brauchte. Wie lange musste ich manchmal warten? Da konnte es sich echt um Stunden handeln. Ich ging noch mal kurz ins Zimmer um meine Tasche zu holen und dann schnell die Treppe runter. "Na endlich!", stöhnte Tom auf. Bill grinste. "Siehst gut aus" Und drückte mir einen Kuss auf die Lippen. Zu erst war ich entrüstet. Wie konnte er nur? Unsere Eltern waren im Haus. Doch es war ja nichts passiert. Die Entrüstung wich einem plötzlichen Entzücken. Er liebte mich! Das zeigten kleine Gesten und Blicke doch viel mehr als Worte. Augenblicklich hatte er mir ein Lächeln auf die Lippen gezaubert, woher das jetzt so genau kam konnte ich nicht erklären. Aber musste man Liebe erklären können?! Wir traten aus der Türschwelle, Bill legte seinen Arm lässig um meine Schulter. Ich umschlang seine Taille und schmiegte mich - natürlich nur, weil es kalt war - an ihn. Im Moment fühlte ich mich total beflügelt, wie neu geboren, federleicht auf Wolke sieben schwebend.
Dieser Zustand änderte sich allerdings, als ich Andreas und die anderen vorm Stadtpark erblickte. Von der einen auf die andere Sekunde war ich nervös. Du hast eine Mission zu erfüllen, Lilly - und du wirst den Park nicht eher verlassen. Bill behielt seine Hände jetzt bei sich, immerhin durften wir uns nicht verraten, obwohl ... vielleicht hatte Andreas schon getratscht. Aber nein, das konnte ich mir dann doch nicht vorstellen, denn sonst könnte sein Plan nicht richtig aufgehen. Ich atmete noch einmal tief durch, bevor wir zu der Gruppe stießen.
Der Abend fing echt gut an, alle waren locker und gut drauf, es gab ordentlich was zu trinken und störte kaum, dass es kalt war. Die typische Festmusik - Schlager á la Wolfgang Petry - war zwar normalerweise nicht ganz nach meinem Geschmack, aber naja, für einen Abend ganz annehmlich und lustig. Die Blicke, die Andreas mir ab und zu zuwarf ignorierte ich gekonnt, wir würden uns heute Abend noch sprechen. Er schaute mich wohlwissend an, als wir Riesenrad fahren wollten und ich mich mit Bill in eine Gondel setzte. Sein Blick sah fast schon ein bisschen eifersüchtig aus. Was erwartete er denn? Er wusste ganz genau, dass ich mit Bill zusammen war und genauso wusste er, dass ich mich nur zum Schutz unserer Beziehung von ihm erpressen ließ. Ich spürte gerade eine unglaubliche Wut auf ihn, warum tat er uns so was an? Bill war von Anfang an freundlich zu ihm gewesen, hatte ihn mehr oder weniger in unseren Freundeskreis aufgenommen. Und alles, was Andreas tat war einfach nur undankbar, hinterlistig und gemein.
"Hey, Süße, alles klar?", riss mich Bill mit seiner zärtlichen Stimme aus meinen Gedanken. Ich nickte stumm, er schaute skeptisch. Mir fröstelte. Es war ganz schön kalt hier oben. "Ist dir kalt?" "HmHm" Er legte seinen Arm um mich und zog mich enger zu sich ran. Mein Herz hüpfte und pochte wie verrückt vor Freude. Ich vergrub mein Gesicht in seiner Halsbeuge. Mir schlug eine Welle aus seiner Körperwärme gemischt mit Bills traumhaftem Duft entgegen. Ich bedeckte seinen Hals mit kleinen Küssen, wanderte weiter hoch, bis sich schließlich unsere Lippen trafen. Wieder war es da, das Gefühl zu schweben, das Kribbeln im Bauch und diese Geborgenheit. Im Hintergrund, wie ganz weit weg explodierte ein Feuerwerk, doch das interessierte im Moment herzlich wenig, hier oben gab es nur uns beide. Wir lösten uns voneinander, schauten uns in die Augen, ließen den Augenblick und die romantische Stimmung wirken. Bunte Farben erhellten den Himmel um uns herum, glitzerten und glänzten und unterstrichen das Funkeln in Bills Augen. Von hier oben hatte man eine wunderschöne Aussicht über den gesamten Park, das Festtreiben, vom Feuerwerk mal ganz zu schweigen. "Ich liebe dich!", flüsterte Bill. "Ich dich auch!" Ich strahlte ihn an.
Das wirst du mir nicht wegnehmen, Andreas, nein, das wirst du nicht zerstören! Niemals! Bill und mich würde nie jemand auseinanderbringen können. Dann musste ich es jetzt endlich hinter mich bringen. Wir stiegen aus der Gondel aus, meine Knie waren schon butterweich. Ich hatte Angst. Wovor? Ich wusste es nicht. Irgendwie war es ja wie Schlussmachen, wie damals mit Marco, aber irgendwie auch nicht. Vielleicht hatte ich Angst vor seiner Reaktion, dass er mich weiter erpressen würde und ich Bill weiter betrügen musste, vielleicht hatte ich auch Angst, dass er völlig ausrasten und es Bill erzählen würde. Oh Gott, daran wollte ich gar nicht erst denken.
Ich warf einen Blick zu Bill, er unterhielt sich gerade mit Andreas, seinem besten Freund. Jetzt war meine Chance gekommen, er würde es sicher nicht merken, wenn ich jetzt kurz verschwinden würde. Denn das letzte, was ich gebrauchen konnte war, dass er sah, wie ich mit Andreas irgendwohin verschwand, da würde er nur wieder auf falsche Gedanken kommen. Puh, jetzt oder nie. Ich ging zu Andreas rüber. "Hey... kannst du mal eben mitkommen? Wir müssen reden" Er nickte und folgte mir. Ich suchte eine Bank, etwas abgelegener, wo man uns auch nicht sofort sah. Schließlich wollte ich nicht, dass irgendwer von den anderen etwas mitbekommt. "Na dann lass uns doch reden...", sagte er grinsend und wollte mich küssen. Ich wich zurück. "Nein! Ich meinte wirklich reden", sagte ich ernst. "Oh... worum geht's denn? Ist was passiert?", fragte er besorgt. Im Grunde war er ja ein ganz lieber, deswegen konnte ich die Erpressungsaktion auch ganz und gar nicht verstehen, das passte nun echt nicht zu ihm. Ich atmete hörbar aus. "Nein... ja... also...Ich kann das nicht mehr" "Was?" Lange schwieg ich, es war unheimlich schwer, gerade weil ich mir keineswegs vorstellen konnte, wie er reagieren würde.
"Warum machst du das? Wie kannst du mich so erpressen? Bill war von Anfang an nett zu dir, hat dich integriert und du bist so undankbar. Wie kannst du sagen, du würdest mich lieben und es mir gleichzeitig so quälen? Ich kann das nicht mehr... ich kann und will Bill nicht betrügen. So leid es mir tut, aber du wirst meine Liebe nie bekommen können. Das musst du akzeptieren... Bitte, versteh das doch!" Er sah mich entgeistert an. Lange und mit undefinierbarem Blick. Ich konnte nur von Glück sagen, dass ich auf einer Bank saß, sonst wäre ich wahrscheinlich zusammengeklappt. "Tu mir das nicht an, bitte. Und tu Bill das nicht an..." Er schien zu überlegen. Es waren nur wenige Sekunden, doch für mich schien es wie eine Ewigkeit. Er sah mich an, mit traurigen Augen. In mir wuchs der Keim der Hoffnung, hatte er es eingesehen? Er sah hinter mir ins Leere. Dann sagte er: "Okay... okay. Nur ein allerletztes Mal will ich dich küssen" Ich reagierte nicht, ließ ihn einfach machen. Ich war nur überglücklich, dass es nun endlich vorbei war.
Doch dann hörte ich eine Stimme meinen Namen rufen, die mir augenblicklich das Blut in den Adern gefrieren ließ.

 

57.
Erschrocken fuhr ich herum und sah direkt in Bills Gesicht. "Hier bist du..." Es spiegelte Zorn, Wut und Enttäuschung wieder. Geschockt starrte ich in an. Ich wusste nicht mehr, was ich denken oder fühlen sollte. Alles drehte sich, meine Gedanken kreisten, ergaben keinen Sinn. Mein Herz drohte mir aus der Brust zu springen. Ich fühlte mich unwohl, konnte es nicht glauben. Wie im Traum kam es mir vor. Wie in einem Alptraum. Bill hatte jetzt nicht wirklich gesehen, wie Andreas mich geküsst hat? War ich denn so dumm? Wieso ließ ich mich auch von ihm küssen? An einem öffentlichen Ort, wo jeder uns sehen konnte.
Bill schaute zwischen mir und Andreas hin und her. Er öffnete seinen Mund, wollte irgendetwas sagen, doch schloss ihn dann wieder. Wollte wohl nicht, dass unser keines Geheimnis ans Tageslicht kam. "Tu dir keinen Zwang an, Bill. Ich weiß längst, was zwischen euch geht", sagte Andreas mit einer ungewohnt kühlen Stimme. Erschrocken fuhr ich herum und starrte ihn an. Süffisant grinsend funkelte er mich an. "Du... du hast es gewusst. Du hast ihn gesehen..." Er hatte doch hinter mich geschaut bevor er mich geküsst hat, er muss Bill schon gesehen haben und mich absichtlich geküsst haben. Wenn er mich nicht haben kann dann keiner oder wie?!
"Was denn, Lilly?! Scheiße gelaufen, dass ich dich erwischt habe?!", zischte nun Bill wütend hinter mir.
Ich drehte mich wieder zu ihm. "Nein, Bill, das war alles nicht so wie es aussah...." Wie banal das klingt und wie wahr es doch war. "Ach komm... erzähl mir nichts", er sah mich abfällig an. "Ich wusste es doch von Anfang an. Und du erzählst mir einen von Vertrauen. Vertrauen... ich hab dir vertraut und wofür? Das hätte ich echt nicht von dir erwartet!", schrie er mich an. Nein, nein, das konnte alles nicht sein. Das durfte nicht sein. Ich durchlebte gerade meinen schlimmsten Alptraum. "Bill! Er hat mich erpresst" "Sicher! Lass gut sein... bei uns ist echt nichts mehr zu retten. Und das nicht erst seit gestern. Denkst du ich hab nicht gemerkt, wie du dich von mir entfernt hast? Denkst du ich hab nicht gemerkt, wie eifersüchtig du auf Tessa warst und dich verstellt hast?" "Aber das wolltest du doch?!" "Nein... wir haben uns beide verstellt und verbogen, alles in uns drin ignoriert nur dass der andere meint, es ginge uns gut. Das ist für mich keine Beziehung mehr. Ich hätte es von Anfang an wissen müssen. Wenn du Marco mit mir betrügen konntest, wieso solltest du dann nicht mich mit dem da betrügen?!"
Die ersten verzweifelten Tränen kämpften sich aus meinen Augen. "Bill nein..." Ich wusste gar nicht mehr wirklich, was ich dazu noch sagen sollte. Er würde mir sowieso nicht glauben. Wie blöd musste das auch klingen: Andreas hat mich erpresst. An Bills Stelle würde ich mir auch nicht glauben. "Das mit uns geht nicht mehr. Du hast mich so enttäuscht... dass du so link bist hätte ich echt nie gedacht. Wie konnte ich dich jemals lieben?!" Er sah mir fest in die Augen. Er wollte, dass ich sah, wie sehr ich ihn verletzt hatte, er wollte, dass ich mich schlecht fühlte. Als täte ich das nicht schon genug. In meiner Brust zog sich alles zusammen, mein Herz schien wahrhaftig zu zerbrechen, hier und jetzt. Aus meinen mit einem Schleier aus Tränen belegten Augen sah ich ihn flehend an. Das konnte er doch nicht tun...Doch konnte er. Mit einem letzten abfälligen Blick drehte er sich um und ging mit hängenden Schultern davon.
"Du wirst seine Liebe nie mehr haben können, das musst du akzeptieren", flüsterte mir Andreas ins Ohr. Dieses Arsch! Er hatte alles extra gemacht. Von Anfang an war klar gewesen, dass diese Erpressungsgeschichte nicht gut ausgehen KONNTE. Wieso habe ich mich nur darauf eingelassen? Wieso bin ich nicht sofort nach dem ersten Kuss zu Bill gegangen und habe es ihm gesagt, dass Andreas mich küssen wollte. Wieso? Wieso machte ich nur immer alles falsch? Weil ich Angst hatte, er würde es unseren Eltern erzählen? War ich echt so naiv gewesen und hatte gedacht, unsere Eltern würden einem Fremden eher glauben als ihren eignen Kindern? Weil ich Angst hatte, er würde dann ausrasten, mit mir Schluss machen? Aber doch nicht, wenn ich es ihm selbst erzähle. Weil ich ihn nicht verletzen wollte, hatte ich mir gesagt. Das war meine Ausrede vor mir selbst. Hatte ich ihn jetzt nicht viel mehr verletzt?! Ich war egoistisch, egoistisch und verdammt feige. Ich war nur zu feige gewesen, es ihm zu sagen. Und jetzt bekam ich die Strafe dafür. Ich habe krampfhaft versucht, unsere Beziehung zu retten, jetzt habe ich sie eigenhändig zerstört.
Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter. Ich drehte mich um knallte ihm eine. Es war alles seine Schuld. Hätte Andreas nicht mit dieser Scheiße angefangen, wäre all das nicht passiert. Ich hätte von Anfang an auf Bill hören sollen. Andreas wollte doch was von mir. Aber das war keine Liebe, das war einfach nur noch krankhaft. "Wag es nie wieder, mir in die Augen zu sehen! Ich hasse dich! DU hast alles kaputt gemacht" "Nein... das hast du ganz allein..." "Hau ab!!!" Langsam stand er auf und schlenderte davon.
Hatte er etwa recht? Hatte ich wirklich selbst alles zerstört? Ich wusste es nicht. Ich wusste gar nichts mehr, ich konnte nicht mehr denken, konnte nichts mehr fühlen außer dem Schmerz. Ich hatte alles verloren, alles, was mir etwas bedeutete. So kam es mir momentan jedenfalls vor. Ich fühlte mich leer, wie eine leblose Hülle, deren Herz gerade rausgerissen und in tausend Teile zerbrochen wurde. Ich zog meine Knie dicht an meinen Körper, schlang meine Arme darum, vergrub meinen Kopf und weinte bitterlich. Minuten, Stunden, Jahre. Nichts war mehr wichtig. Mein Lebensinhalt, alles, was mich glücklich machte, war wie ausgelöscht. Und ich konnte Bill sogar verstehen. An seiner Stelle hätte ich nicht anders gehandelt. Hätte ich ihn mit Tessa gesehen, wären wohl alle Sicherungen durchgebrannt. Ich hätte es wahrscheinlich noch nicht mal geschafft, so ruhig zu bleiben, wie Bill es gewesen war.
Ich hoffte inständig, dass es alles nur ein Traum war, ein böser Traum, aus dem ich gleich aufwachen würde, dann Bill neben mir liegen sehen würde, wie er so friedlich schlief mit diesem Engelsgesicht, glücklich und zufrieden. Ich würde mich an ihn kuscheln, die Wärme und den Geruch seiner Haut einsaugen und wieder ins Land der Träume sinken. Diese Vorstellung verstärkte den Tränenfluss nur umso mehr und zeigte mir deutlich, dass es nur Illusion war. Die Realität sah so aus, dass ich wie ein Häufchen Elend auf einer eiskalten Bank im Stadtpark saß, um mich herum angetrunkene, feiernde Leute, keiner interessierte sich für mich. Ich hätte schreien können, vor Wut und Schmerz. Es war nicht auszuhalten. Ich wollte und konnte es nicht realisieren, was passiert war. Doch ich blieb stumm und weinte vor mich hin.
Von weit her hörte ich freudig lustige Partymusik, die in mir allerdings etwas ganz anderes auslöste als Feierstimmung.

 

*Augen zu und durch
Schluss aus und vorbei
Im Leben geht so viel entzwei
Bei uns war alles voll daneben
Da bleib ich mir doch lieber treu*

 

 

Trällerte Wolfgang Petry vor sich hin. Der hat doch keine Ahnung, der weiß doch gar nicht, was es bedeutet, was er da singt. Die alle wissen das nicht. Oh Gott, wie arm war das denn? Ich saß hier und machte mir ernsthaft Gedanken über Wolfgang Petry...?!
Viele schreckliche Partylieder später setzte sich jemand zu mir auf die Bank. Ich schaute gar nicht erst hoch. Die konnten mich alle mal. Die ganze restliche Welt ging mir am Arsch vorbei. Alles, was ich wollte war, dass das hier nicht passiert wäre, dass Bill zu mir kommen und mich in seinen Arm nehmen würde. Ein Arm legte sich um meine Schulter. Ich heulte wieder hemmungslos drauf los. "Lilly... was ist denn los? Hast du Streit mit Bill?", fragte die Person nach geraumer Zeit und ich erkannte, dass diese Person Lisa war. Zum Glück. Ich schüttelte nur den Kopf. "Was denn dann?" Erneut überkam mich ein Heulkrampf. "Schhhh....", Lisa strich mir beruhigend über den Rücken. "Alles wird gut..." "Nichts wird wieder gut!" Erschrocken über meine plötzliche Reaktion starrte sie mich an. "Nie wieder...er.... er..  Bill.. hat... Schluss... gemacht", stotterte ich schluchzend. "Was?", blankes Entsetzen spiegelte sich in ihrem Gesicht wieder bevor sie mich in den Arm nahm.
Lange saßen wir da, ich hatte jegliches Gefühl für Zeit und generell die Welt um mich herum verloren. "Komm... lass und nach hause gehen, es ist schon nach drei Uhr" Lisa wollte mich von der Bank hochziehen, doch ich wehrte mich. "NEIN! Lass mich...", ich schlug um mich. "Lilly, mach kein Scheiß" "Lass mich doch einfach in Ruhe! Ich will nich... ich will nich mehr, ich will sterben!" Lisa ging weg.
Ein paar Minuten - oder waren es Stunden? Oder nur Sekunden? - später kam sie zurück, jedoch nicht allein. Sie hatte Tom dabei. Er sah mich mitleidig an. Ich wollte etwas Giftiges sagen im Bezug auf seinen Zwillingsbruder, wusste jedoch nicht, was. "Komm Lilly, ist echt schon spät...", sagte er mit sanfter Stimme. Letztendlich gab ich mich doch geschlagen. Als ich versuchte, aufzustehen gaben meine Knie nach, ich sackte fast zusammen, doch Tom hielt mich auf den Beinen. Lisa stützte mich auf dem Weg zur Bahn, Bill sah ich kein einziges Mal in die Augen. Ich konnte es nicht, sonst wäre ich wohl auf der Stelle gestorben.
Gegen vier Uhr morgens waren wir endlich zu Hause. Lisa übernachtete bei uns - oder besser bei Tom. Sofort schlich ich die Treppe hoch und fiel in mein Bett. Ich konnte es immer noch nicht glauben, aber es war echt, harte Realität. Ich lag lange wach, dachte an alles und gar nichts. Immer noch den pochenden Schmerz in meiner Brust, der so langsam von der Leere verdrängt wurde. Als es draußen schon wieder hell wurde, wurde mir klar, dass es nun vorbei war, ich hatte meine große Liebe verloren, ich hatte es mir selbst zerstört.

 

58.
Irgendwann gegen Mittag wachte ich auf und ich fühlte mich schlecht. So richtig schlecht. Immer wieder ließ ich den gestrigen Abend, oder wohl eher die gestrige Nacht, revue passieren und mit jedem Mal wurde mir mehr und mehr bewusst, dass es die harte Realität war und nicht nur ein böser Alptraum, so wie ich es im ersten Moment geglaubt hatte. Ich starrte mit leeren Augen an die Zimmerdecke, eigentlich schaute ich durch sie hindurch. Wie lange? Das wusste ich nicht. Ich fühlte mich wie eine leere, leblose Hülle. Was für einen Sinn hatte denn das Leben? Was brachte es, wenn wir sowieso wieder sterben? Was bringt es, glücklich zu sein, wenn man wieder traurig ist? Was bringen Freundschfaten, was bringt Nähe und Vertrauen wenn mann doch wieder alleine ist? Warum gibt es Liebe, wenn sie immer von Schmerz begleitet und mit Schmerz beendet wird? Warum? Wieso? Weshalb lag ich hier? Warum hatte ich mich jemals in Bill verliebt? Warum hatten wir überhaupt etwas miteinander angefangen? Es war doch klar, dass es füher oder später wieder auseinandergehen wird....Bruder und Schwester. Okay, Halbbruder und Halbschwester, aber das spielt keine Rolle. Ich habe mich informiert, schon vor langer Zeit, vor dem Gesetz ist alles gleich. Ich lachte leise und bitter auf. Hatte ich jemals ernsthaft geglaubt, wir hätten eine Chance, eine gemeinsame Zukunft?! Wie naiv ich doch war...
Irgendwann kam Lisa zu mir hoch, sie setzte sich an mein Bett und sah mich mitleidig an. "Wie geht's?" Ich zuckte mit den Schultern. Ich wusste es wirklich nicht, ich wusste gar nichts. Nicht wie es mir ging, weder relativ gut, noch schlecht, ich lag hier einfach rum und schmorte, sah keinen Sinn in Nichts, was ich hätte tun können. "Hast du noch mal mit Bill geredet?", fragte sie sanft. Ich schüttelte den Kopf. "Vielleicht... ich weiß ja nicht, aber vielleicht solltest du das tun. Du kannst es ihm doch erklären und dann sieht er, dass er einen Fehler gemacht hat. Ihr liebt euch doch...oder?", sagte sie zögerlich, immer darauf bedacht, nichts Falsches zu sagen, was mich vielleicht verletzen könnte. "Quatsch, was rede ich da. Natürlich liebt ihr euch, jedenfalls stark genug um darüber hinwegzusehen, dass ihr Geschwister seid. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Bill dabei gut geht. Ihm tut es bestimmt auch leid..." Ich zuckte wieder nur mit den Schultern. Zu meinem eigenen Erstaunen interessierte mich das alles gerade herzlich wenig. Es war mir egal, wie es Bill ging, ich wollte gerade gar nicht mit ihm reden, ich wollte unsere gescheiterte Beziehung nicht versuchen zu retten, ich sah in all dem keinen Sinn. Mir war es schlichtweg egal. Mir war alles egal. Mir war es egal, ob ich jemals wieder glücklich sein werde, mir war es egal, was in den nächsten Stunden und Tagen passieren würde, mir war es egal, dass Lisa so lieb zu mir war, mir war es egal, was Andreas machte, mir war es egal, einfach alles.
Den ganzen Tag nur gammelte ich in meinem Zimmer, versuchte, es zu vermeiden, es zu verlassen und durchs Haus zu laufen, denn ich könnte ja Bill treffen und das wollte ich nun wirklich nicht. Ich war unsicher. Unsicher, wie er mir gegenübertreten würde, unsicher, wie ich ihm gegenübertreten sollte und vor allem, ob Mum und Jörg irgendetwas merken würden. Sie durften um Himmels Willen nichts mitbekommen. Aber es wäre unvermeidbar. Allein schon aus dem Grund, dass ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte, würde ich auffallen. Auf unangenehme Fragen konnte ich getrost verzichten. Also blieb ich im Bett, sah fern und machte sogar aus Langeweile Hausaufgaben. Lilly, wie tief bist du gesunken, um aus lauter Langeweile und Nichtsnutzigkeit Hausaufgaben zu machen...?!
Irgendwann gegen Abend kam meine Mutter zu mir hoch. Sie klopfte leise an der Tür, während ich gerade irgendeine sinnlose Fernsehsendung ansah. "Lilly Schatz?!" "Hmm?", brummte ich. "Was ist denn los? Ich hab dich heute noch gar nicht gesehn... und gegessen hast du auch nichts..." Ich zuckte mit den Schultern. Ich konnte mir echt besseres vorstellen als jetzt ein Seelenklempnergespräch mit meiner Mutter zu führen. "Hm....?!", sie sah mich aufmunternd an. "Früher hast du mir auch immer alles erzählt..." "Ja toll früher! Früher warst du nicht verheiratet, früher war ich noch jünger und früher hatte ich keine zwei Halbbrüder....!", motzte ich sie an und wunderte mich selbst über den gereizten Ton. "Aha.. es geht also um Bill und Tom?!" "Quatsch.." Mist, meine Mutter schien mich wohl doch noch ziemlich gut zu kennen und zu durchschauen. "Ich merk doch, wenn was nicht stimmt... du hast dich echt verändert" "Jeder verändert sich..." Ich starrte nur in eine andere Richtung, hatte echt keine Lust darauf jetzt. Wortlos stand sie auf und verließ den Raum. Als sie weg war atmete ich erst mal erleichtert aus.

 

Puh, gestern habe ich es echt geschafft, Bill kein einziges Mal über den Weg zu laufen. Ist doch echt 'n Ding, wenn man im selben Haus wohnt, oder?! Heute Morgen bin ich extra früh aufgestanden und habe das Haus verlassen noch bevor Bill oder Tom wach waren. Und jetzt war erst mal Schule, lange, quälende sieben Stunden lang, aber sieben Stunden lang, in denen ich nicht befürchten musste, Bill zu treffen.
Diese sieben Stunden lang saß ich an meinem Platz und starrte Löcher in die Luft. Der Unterricht zog an mir vorbei. Mein Blick war leer, mein Kopf war leer, mein Herz war leer. Nichts interessierte mich so richtig und ich war auch froh, dass die Lehrer mich in Ruhe ließen. Immer wieder sah Lisa mich mitleidig von der Seite an, doch ich ignorierte ihre Blicke. Ich wollte nicht bemitleidet und getröstet werden, ich wollte nicht nachdenken und nicht darüber reden, ich wollte.... ja was wollte ich? Das konnte ich mir selbst nicht erklären. Ich war verwirrt. Verwirrt und apathisch und ... ach keine Ahnung.
Da Bill eher Schluss hatte als ich, musste ich ihn nicht mal beim Mittagessen sehen. Danach lief ich schnell die Treppe hoch und verschanzte mich wieder in meinem Zimmer. Zum Glück hatte ich heute ausnahmsweise mal gar keine Hausaufgaben aufbekommen, das heißt ich konnte mich dem PC widmen Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und fuhr den Computer hoch. Verdammt! Da fiel mir ein, dass ich noch ein Referat vorbereiten musste. Das war's dann wohl mit dem freien Nachmittag, vielmehr durfte ich mich jetzt der französischen Revolution zuwenden. Wie ich Geschichte doch hasste. Okay, ich hasste irgendwie alle Fächer, aber manche waren noch erträglich. Im Gegensatz zu Geschichte und Politik, das konnte ich echt nicht. Deswegen hatte ich mich freiwillig für das Referat gemeldet, um wenigstens für irgendetwas benotet zu werden. Ich klopfte mir gedanklich auf die Schulter, weil ich doch so vorbildlich war, aber zu diese Zeitpunkt bereute ich es, denn ich hatte nicht die geringste Lust dazu. Aber was muss, das muss, schließlich musste ich es morgen vortragen.
Bis spät am Abend saß ich daran, mein Kopf rauchte nur so vor Jahreszahlen und Namen, ich hoffte nur, dass ich das alles bis morgen behalten konnte. Es war schon halb 12 als ich den PC endlich ausschaltete. Ich zog mir Boxershorts und ein Top zum schlafen an und ging noch ins Bad um mich abzuschminken und Zähne zu putzen. Ich sah hoch in den Spiegel. Mir war, als starrte mich ein ganz anderer Mensch an. Meine Augen wirkten leer und dunkel, sonst hatten sie immer freudig grün gestrahlt. Ich hatte meine Augen immer gemocht, weil sie so besonders waren, sie hatten einen sehr seltenen und intensiven Grünton. Jetzt schienen sie farblos und leer. Genug jetzt. Ich drehte mich um und ging zur Tür, als mitten im Türrahmen auf einmal Bill vor mir stand.
Bumm bumm. Bumm bumm. Bumm bumm. Mein Herz raste, wie gebannt starrte ich ihn an und wusste nicht, was ich tun sollte. In meinem Kopf drehte sich alles. Alles war voller Gedanken und doch leer. Mir undurchdringlichem Blick sah er mich an. Ich schluckte und senkte den Blick. Ich ging ein Stück nach rechts, wollte an ihm vorbei. Doch im selben Moment tat er dasselbe. Ich ging nach links, doch auch er wollte nun so an mir vorbei. Ich ging wieder nach rechts, er ebenfalls. Bill grinste, packte mich sanft aber bestimmt an den Oberarmen, drehte mich zur Seite und ging so um mich herum. "Gute Nacht!", wünschte er mir noch, bevor er die Tür hinter sich zuzog und mich völlig verdattert stehen ließ. "Gute Nacht...", wiederholte ich ihn flüsternder Weise. Immer noch verwirrt und verwirrt darüber, warum ich eigentlich verwirrt war, ging ich zurück ins Zimmer, legte mich in mein Bett und schaltete das Licht aus.
Immer noch raste mein Puls. Hörte das denn nie auf? Auf einmal wurde mir auch noch schwindelig und plötzlich fing ich an hemmungslos zu weinen. Ich schluchzte in mein Kissen, ließ die Tränen in ihm versickern. Auf einmal spürte ich den ganzen Schmerz. Mit einem Mal wurde mir so deutlich bewusst, dass es nun endgültig vorbei war. Ich hörte die Badezimmertür wieder aufgehen und hielt die Luft an, während Bill an meiner Tür vorbeitapste. Ich wollte nicht, dass er mich hörte. Ich wollte vor ihm keine Schwäche zeigen, ich wollte nicht, dass er sah, wie sehr er mich verletzt hatte. Ich konnte mir bildhaft vorstellen, wie er gerade an meiner Tür entlangging, die Treppe runterlief, nur in seiner schwarzen, engen Boxershorts, die gerade das Nötigste bedeckte. Wie er sich in sein Bett kuschelte, herzhaft gähnte und alleine einschlief. Ohne mich. Und niemals wieder mit mir.
Es war, als hätte ich die letzten beiden Tage noch unter Schock gestanden, sie waren so an mir vorbeigezogen, ohne dass ich etwas mitbekommen habe und jetzt war der Schock beendet, die Realität schlug mir ins Gesicht und riss mich zu Boden. Mein Herz schien zu zerspringen, während meine Augen vor Tränen nur so überliefen. Mein Hals schnürte sich zu, ich hatte das Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen vor Schmerz. Ich wollte nicht, dass es vorbei war. Ich wollte mit ihm zusammen sein, seinen Duft riechen, seine Wärme spüren, in seine liebevollen Augen sehen. Verdammt noch mal, ich habe das mit Andreas doch nicht gewollt. Ich habe das doch irgendwie nur getan, um unsere Beziehung zu schützen. Aber was habe ich getan? Sie mit Füßen getreten. Und das war jetzt der Preis dafür. Ich habe ihm wehgetan. Dem Menschen, den ich am meisten liebe, habe ich so unendlich wehgetan, sein Vertrauen missbraucht, ihn hintergangen. Das wird er mir niemals verzeihen und ich konnte ihn sogar noch verstehen. Wie in aller Welt sollte es nur weitergehen?

 

59.
Ich quälte mich durch die Nacht. Schlafen konnte man das nicht wirklich nennen. Jedenfalls nicht im Zeitraum zwischen 0 und 3.30 Uhr. Irgendwann war ich so erschöpft vom Weinen, dass ich dann doch einschlief, jedoch unruhig und natürlich nicht ohne wirsches Zeug zu träumen. Irgendwas mit Bill und einer Aufgabe, die wir zusammen erledigen mussten, sonst würde der Meister uns umbringen. Bill schrie mich die ganze Zeit grundlos an und machte mich fertig, und gab mir sogar eine Ohrfeige. Total seltsam... Jedenfalls war ich froh, als ich wieder aufwachte und dieser Alptraum ein Ende fand. Zu allem Überfluss hatte ich auch noch total verschlafen, jetzt musste ich mich aber echt beeilen. Ich stürmte ins Bad, wo Bill gerade dabei war, seine Haare zu stylen. Verwirrt schaute er mich an, vermutlich, weil ich gerade den ultimativen Out-Of-Bed-Look hatte. "Ich muss duschen!", sagte ich schnell. Er zuckte mit den Schultern. "Dann dusch doch" Er wendete sich wieder in aller Gemütlichkeit seiner Frisur zu. "Ja... ähhh... kannste vielleicht unten ins Bad gehn?" "Wieso? Als hätt ich dich noch nie nackt gesehn...", sagte er monoton, ohne sich von seinem Spiegelbild abzuwenden. Bildlich gesprochen klappte mir die Kinnlade runter. Bitte? Ich schien mich wohl verhört zu haben. Ging’s dem noch ganz gut?! Der Typ hatte doch wohl 'nen Schuss! Erst mit mir Schluss machen, und dann auch noch zugucken wollen, wie ich dusche?! Wütend ging ich zur Dusche, holte mein ganzes Zeug und rauschte an ihm vorbei runter ins Bad im ersten Stock. Wer hat dem denn das Hirn amputiert? Wie konnte man nur so... so... "Aaarggghhhhhhhhhhhhh!!!", die Shampooflasche war mir aus der Hand gefallen und da ich mich im Moment sowieso schon fürchterlich aufregte, brachte mich das zum ausrasten. Die Zeit wurde immer knapper und meine Laune schlechter, irgendwann fing ich dann wieder an zu heulen, vor Wut, vor Enttäuschung. So, dass es fast ein Akt der Unmöglichkeit war, mich zu schminken, wenn alles voller Tränen war. Mensch, ich war auch echt 'ne Heulsuse in den letzten vierundzwanzig Stunden... Das Frühstück musste heute leider ausfallen, sonst wäre ich nicht mehr rechtzeitig gekommen. Total fertig schaffte ich es dann noch, genau zwei Sekunden vor dem Lehrer im Klassenraum zu sein.
"Lilly?!" Ich schreckte hoch. "Hmm?" "Lies bitte deine Hausaufgabe vor!" War ja klar. Lehrer hatten immer das beste Gespür dafür, wenn es dir gerade so richtig scheiße ging und stellen dich genau dann zur Schau. Immer. Ich tat wie mir befohlen, schweifte direkt danach aber wieder gedanklich ab. Zu wem wohl? Es gibt drei Antwortmöglichkeiten: a)Bill b)Bill oder c)Bill. Richtig geraten: Es war Bill. Gedankenverloren kreuzte ich alle drei Antwortmöglichkeiten an, die ich auf dem Blatt vor mir aufgemalt hatte, malte ein großes Fragezeichen und schmückte dieses kunstvoll aus.
Am Ende des Schultages zierten eine Menge sinnloser Kritzeleien meinen Block, ich war mal wieder zu nichts imstande gewesen. Man Bill, was machst du nur mit mir?!

 

Es war eisig kalt, ich zog den Reisverschluss meiner Jacke noch ein Stück höher und fröstelte. Der Regen platschte trostlos in solchen Unmengen vom Himmel, als hätte es seit Jahren nicht mehr geregnet, vermischt mit Eisklumpen und Schneematsch. Das Wetter spiegelte meine innere Verfassung wieder - kalt, Regen wie die Tränen, die mich abends immer einholten und keine Aussichten auf irgendeine Art von Besserung. Ein bitteres Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus bei diesem Gedanken.
Bald würde ich zu Hause sein, nur noch zehn Minuten zu Fuß. Es war Freitagnachmittag, endlich. Keine Schule, keine Lehrer, die mich langweilten und zwangen, meine Gedanken um den Unterrichtsstoff zu drehen und nicht in unendliche Weiten gleiten zu lassen. Nur noch zwei Wochen, dann wären Weihnachtsferien. Doch in Stimmung war ich nicht. Die einzige Stimmung, in der ich versank, war die Melancholie. Ich hasste mich und mein Leben, obwohl... den Teil meines Lebens, in dem ich mit Bill zusammen gewesen war liebte ich. Doch er war Vergangenheit, nur noch eine schöne Erinnerung.
"Lilly!" Schon bevor ich mich umdrehte wusste ich, wer meinen Namen gerufen hatte. Ich tat es trotzdem und sah Bill auf mich zu laufen und dann schnell unter meinen Regenschirm schlüpfen, da er selbst mal wieder keinen dabeihatte. "Wo kommst du denn her?", fragte ich ohne ihn anzusehen. In der letzten Woche hatte ich versucht mit der Situation klarzukommen, wir konnten mittlerweile miteinander umgehen, und die Schmerzen, die ich immer spürte, musste ich verstecken. Doch ich konnte ihm immer noch nicht richtig in die Augen sehen, ich vermied es so oft wie möglich. Denn Augen sind Spiegel der Seele, und ich wollte nicht, dass er in meine sah, wollte nicht, dass er sehen konnte, wie sehr ich litt. Ich musste stark sein, wollte mir nicht die Blöße geben, zu offenbaren, wie sehr er mich verletzt hat.
"Ich war bei Annika" "Annika?", ich musste mich stark beherrschen, ja keine Eifersucht in meiner Frage mitklingen zu lassen. "Aus meiner Klasse. Schulprojekt" "Aha." Schweigen. Sicher, Schulprojekt. Mit so was wie Schule, nämlich Nachhilfe hat es bei mir und Andreas auch angefangen. Annika... tzzz. Vor meinem inneren Auge sah ich eine bildhübsche Blondine mit Modelfigur. Bestimmt ein Schulprojekt für Bio, zum Thema Menschenkunde, Bill und Annika haben den praktischen Teil... Ach komm, jetzt mal nicht den Teufel an die Wand, sagte meine Vernunft, denn meine Phantasie schien mal wieder vollkommen mit mir durchzudrehen.
"...mitkommen?" Ich schreckte auf. "Was hast du gesagt?" Bill lachte. Ich fühlte mich unwohl und irgendwie verarscht. "Lach mich nicht aus..." "Okay, okay. Ich hab dich gefragt ob du morgen mit mir zum Green-Day Konzert kommst? Immerhin hast du mir auch die Karten geschenkt..." Stimmt, ich hatte ihm die Karten zum Geburtstag geschenkt. Zu seinem Geburtstag... damals war noch alles gut. War ja ganz nett von ihm, aber... mit Bill alleine? Für mindestens drei Stunden? Wie in aller Welt sollte ich das aushalten? "Naja.. ich weiß nicht ob das so 'ne gute Idee ist..." "Ach komm, warum denn nicht?" Ja, warum nicht? Den wahren Grund konnte ich ihm schlecht sagen. "Weil... ähm...", stotterte ich und versuchte, mir eine gute Ausrede auszudenken. "Okay, schön, dass du mitkommst!" Empört schaute ich ihn an, doch er grinste nur. Oh Gott, nein! Ich sterbe! Dieses Grinsen ließ mich dahinschmelzen und trotz der Eiseskälte breitete sich eine unglaubliche Wärme in mir aus. Ich konnte ihm nicht mehr widersprechen.
Was in aller Welt dachte er sich dabei? Wollte er mich umbringen, mir auch noch zusehen, wie ich langsam verreckte? Ich würde den morgigen Tag und erst recht den Abend niemals überleben. Jeweils eine Stunde im Zug mit ihm alleine zu sein und dann auch noch während der eineinhalb Stunden des Konzertes, plus eventuelle Anstehzeit. Das waren ausgerechnet vier bis fünf Stunden. Das konnte nicht gut gehen. Hatte er sich denn gar nichts dabei gedacht? Oder machte er das extra, um mich leiden zu lassen?

 

60.
Am nächsten Morgen schälte ich mich, nachdem ich gemütlich ausgeschlafen hatte, aus meinem Bett und ging ins Bad um zu duschen. Ich schaltete das Radio ein, legte alles bereit und stieg in die Dusche, wo ich schön warmes Wasser aufdrehte und dieses über meinen Körper laufen ließ. Ich hörte ein Geräusch. das aus Richtung der Tür kam, schaute mich um und sah, dass Bill hereinkam. Hatte ich nicht abgeschlossen? Scheinbar nicht. Gebannt starrte ich ihn an. Was hatte er vor? Sah er etwa nicht, dass ich grade am duschen war? Das war doch wohl schlecht zu übersehen. Ich hörte deutlich das Blut in meinem Kopf rauschen, als er anfing sich auszuziehen. Was ging hier vor sich? Ich war wie erstarrt, verwirrt und geschockt, als er die Duschwand öffnete, wich ich ein Stück zurück. Kurz streifte mein Blick seinen nackten, grazilen Körper. Er war so perfekt, er schien so perfekt. Ich schloss meine Augen und atmete tief aus. Es war wie ein böser Alptraum, seine Anwesenheit, sein Anblick, seine Perfektion, dieser Schmerz ließ mich innerlich verbrennen. Tu mir das nicht an, dachte ich. Bitte, quäl mich nicht, du hast mir schon viel zu sehr wehgetan. Warum in aller Welt tat er das überhaupt? Glaubte er im Ernst, er könnte alles mit mir machen? Eiskalt mit mir Schluss zu machen und dann heimlich mit mir in die Dusche zu hüpfen? Ich hoffte, dass es alles nur Einbildung war, dass er weg sein würde wenn ich meine Augen wieder öffnen würde. Doch es kam anders.
Ich zählte im Kopf bis drei, dann schaute ich auf. Er stand nicht mehr am anderen Ende der Dusche, sondern direkt vor mir, sah mir in die Augen und senkte seine Lippen auf meine. Ich wollte mich dagegen wehren, doch ich konnte nicht. Das Kribbeln im Bauch, das Rasen meines Herzens, die Erinnerung an unsere glückliche Zeit, die diese Berührung in mir auslöste, hielt mich davon ab. Es war einfach dieser Moment, dieser eine Moment des Glücks. Ich ergab mich mit dem Wissen, dadurch nur noch viel tiefer zu sinken. Mit sanften Druckt dirigierte er mich weiter Richtung Wand, die kalten Fliesen jagten mir einen Schauer über den Rücken, oder war es Bills Zunge, die nun mit meiner zu spielen begann..?! Wir lösten uns aus dem Kuss und schauten uns an. Es war fast so wie früher, wir waren uns noch so vertraut - aber doch schon wieder fremd. "Bill...", hauchte ich wehmütig. Hör auf, aber sofort!!! sagte der eine Teil in mir, es geht nicht, sagte der andere.  Im Hintergrund dudelte das Badezimmerradio fröhlich vor sich hin, die Dusche lief immer noch und ließ die Wassertropfen auf Bills schmalen Körper treffen und an ihm herunterlaufen. Seine Haare waren ungeordnet, nass und hingen strähnig in sein Engelsgesicht. Gott selbst schien dieses Bild erschaffen zu haben, er war so schön, dieses ganze Szenario war so unecht und trotzdem da. Es würde meinen bittersüßen Tod bedeuten, wenn ich es nicht gleich beenden würde, und trotzdem wollte ich mich nicht von ihm lösen, ich wollte hier für immer bleiben, für immer seine Nähe spüren, für immer diese Reise in die Vergangenheit festhalten.
"Du quälst mich...warum tust du das?", flüsterte ich, den Blick immer noch von seinen Augen gefangen. Kurz leuchtete ein Ausdruck von Liebe und Wärme in seinen so undurchsichtigen Augen auf, dann kam er meinem Gesicht wieder gefährlich nahe, flüsterte mir liebevoll ins Ohr: "Genieß es!" Ich schlang meine Arme um ihn, drückte ihn an mich, wollte ihn spüren. Ich werde mich hinterher dafür hassen, aber im Moment war es mir egal, ich hatte die Chance, ihm nahe zu sein und die würde ich nutzen. Ich suchte seine Lippen, fand sie und presste meine gierig darauf. Wie ausgehungert glitten meine Hände über seinen Körper, ich wollte ihn haben, besitzen, wenigstens für den Moment. Meine Fingernägel bohrten sich in seinen Rücken, verursachten rote Spuren, doch es störte ihn nicht, im Gegenteil, Bill schien dadurch angespornt. Ich wanderte mit meinen Lippen zu seinem Ohrläppchen und knabberte zärtlich daran, darauf war er schon immer abgefahren. Deutlich spürte ich schon seine Erregung zwischen meinen Beinen. Es gefiel mir und gab mir auch ein Gefühl von Bestätigung, dass er so auf meine Berührungen reagierte. Ich biss ihm zärtlich in den Hals, vernahm von ihm ein leises Stöhnen. Oh Gott... ich wollte ihn! Mit jeder Faser meines Körpers.
Fast schon quälend langsam aber überaus zärtlich strich er mit seinen Händen an meinen Seiten entlang. Als er an meiner Hüfte angekommen war löste er sich ein Stück von meinem Körper und schob seine Hand im Zeitlupentempo zwischen meine Beine. Ich musste mich ziemlich zusammenreißen, nicht allzu laut aufzustöhnen, er machte mich einfach wahnsinnig. Ich griff nach seiner Hand, entfernte sie von mir und sah ihn bestimmt an. "Schlaf mit mir, bitte!", flehte ich. Es war mir gerade herzlich egal, wie demütig das klang. Bill hauchte mir grinsend einen Kuss auf die Lippen, bevor er mein rechtes Bein ein wenig anhob und in mich eindrang. Ein Regen aus Glücksgefühlen prasselte auf mich nieder, machte mich für diesen Moment so unglaublich glücklich und stark. Ich genoss gerade Bills unmittelbare Nähe... und ihm gefiel es auch. Ich war optimistisch. Was sprach denn noch dagegen, dass wir wieder zusammenkommen würden? Wenn er sich doch scheinbar genauso nach mir sehnte wie ich mich nach ihm... Ich legte meine Hand in seinen Nacken, zog ihn sanft zu mir ran und küsste ihn. Doch ich spürte seine schönen weichen Lippen nicht. Irritiert öffnete ich meine Augen, sah sein Bild nur noch unklar, spürte ihn nicht mehr.
Ich schreckte hoch, saß kerzengerade in meinem Bett. Zwei Sekunden später registrierte ich, dass ich nur geträumt hatte und ließ mich zurück in die Kissen fallen. Ich schluckte. Dieser Traum war so real gewesen, ich konnte mir gar nichts vorstellen, dass es nur ein Traum war. Nun hatte meine Verwirrung wohl den höchsten Grad erreicht. Ich wusste nicht so recht, ob ich froh sein oder mich darüber ärgern sollte, dass alles nur ein Traum war. Wäre es Wirklichkeit gewesen, müsste ich mich fragen, was in Bill gefahren ist, plötzlich so etwas zu tun. Wäre es Wirklichkeit, dann wäre ich ihm wirklich so nahe gewesen. Aber wäre es Wirklichkeit, dann wäre alles nur noch viel schwerer. Also war es gut, dass es nur ein Traum war. Oh man, ich musste echt verrückt sein.
Ich blieb noch einige Zeit liegen und versuchte mich zu sammeln. Heute würde ich fast den ganzen Tag mit Bill verbringen. Wir mussten schon Nachmittags den Zug nehmen um rechtzeitig an der Konzerthalle zu sein, das heißt direkt nach dem Mittagessen ging es los zum Bahnhof.  Ich stand auf und ging duschen - diesmal allein. Ich achtete extra darauf, die Badezimmertür abzuschließen, dass auch ja kein Bill reinkommen könnte. Obwohl das natürlich totaler Blödsinn war. Aber wie gesagt, mittlerweile zweifelte ich meinen eigenen Verstand an.
61.
Er sah aus dem Fenster, die Ohrstöpsel in seinen Ohren und trommelte gut gelaunt mit den Händen auf seinen Knien den Takt mit. Ich konnte nicht anders als ihn einfach anzustarren. Mit jeder Sekunde stieg in mir mehr der Wunsch, einfach über ihn herzufallen, ihn zu küssen, in seinen Armen zu liegen, ihm einfach nah zu sein. Dieser Traum letzte Nacht hatte mich so dermaßen durcheinandergebracht. Er hatte mir deutlich zu spüren gegeben und mich daran erinnert, wie schön es doch war mit Bill zusammen zu sein. Danke, als ob ich das nicht schon selbst gewusst hätte... Aber nein, natürlich wurde ich noch mal zusätzlich gequält. Ich erwischte mich sogar dabei, wie ich manchmal ins Grübeln geriet, warum er mich so dermaßen angemacht hat und jetzt wieder auf Abstand ging, ich warf den Traum und die Realität teils total durcheinander. Aber das durfte ich nicht, ich konnte ihm nicht unterstellen, irgendwas getan zu haben, was nicht passiert ist.
Gedankenverloren starrte ich ebenfalls aus dem Fenster und sah zu, wie die weiße Winterlandschaft vorbeirauschte. Die wenigen Zentimeter Luft, die noch zwischen uns lagen waren eindeutig noch wenige Zentimeter zu viel. Wie eine undurchdringliche Wand kamen sie mir vor. Wie sehr ich mir doch wünschte, diese einfach zu durchbrechen. Seit unserer Trennung waren wir uns nicht mehr so lange so nah gewesen, die Zugfahrt dauerte immerhin eineinhalb Stunden. Es brachte mich um, wie befürchtet. Aber trotzdem war es schön, einfach bei ihm zu sein. Undefinierbar und völlig sinnfrei, aber diese beiden Gefühle spürte ich in mir.
"Hey, was ist los?“, fragte mich Bill und sah mich an. Warum in aller Welt musste der einem immer so direkt in die Augen gucken? Hatte denn niemand Mitleid mit mir? Ich musste schwer schlucken bevor ich stotterte: „Ähhh... ne.. ähm, ich meine nix is los... wieso?“ Na super gemacht, Lilly, wie war das noch mal? Ich wollte vor ihm keine Schwäche zeigen? Echt gut umgesetzt, Kompliment an meine Wenigkeit. Doch er schien nichts sonderlich bemerkt zu haben, grinste so unverschämt schief und zum anbeißen, ließ mich weiter bluten, drehte das Messer ein bisschen in der offenen Wunde. Danke, ich weiß, wie toll er ist, das muss man mir nicht noch mehr unter die Nase reiben. Ach Bill, ich könnte dich abknutschen! „Keine Ahnung, du bist schon den ganzen Tag so komisch drauf...“ „Ich? Komisch? ... Ach was...?!“, versuchte ich mich rauszureden, doch vergebens. „Ach komm, ich merk doch, dass du was hast“ Bill, warum musst du nur so lieb zu mir sein? Würdest du mich hassen und ignorieren, würde es mir sicher leichter fallen. Was sollte ich darauf denn auch antworten? Dass ich ihn immer noch verdammt liebte und ich wieder mit ihm zusammen sein wollte? Dass er der schönste und liebste und tollste und geilste und einfach wunderbarste Mensch ist, den ich je kennen gelernt habe? Mit Sicherheit nicht... „Ich... hab nur schlecht geschlafen und wirr geträumt...“, versuchte ich es zumindest mit der halben Wahrheit. „Ich auch...“, sagte er nachdenklich, fing aber schnell wieder an zu grinsen „Komm, lass dir den Tag dadurch nicht versauen!“ Ich grinste blöd zurück. Ich konnte froh sein, dass er nicht wissen wollte, WAS ich geträumt hatte. Ich glaube, die Wahrheit wäre nicht so gut gekommen und ansonsten hätte ich improvisieren müssen.
Wir mussten noch ca. eine Stunde vor der Halle anstehen, während Bill immer nervöser wurde, sich wie ein kleines Kind freute und wie ein Honigkuchenpferd grinsend hin- und herhüpfte. „Boooah! Bill! Bleib doch wenigstens mal still stehen!!“, es freute mich zwar, dass mein Geburtstagsgeschenk ihm so gefiel und ein freudiger Bill war auch ohne Zweifel schön anzusehen, aber er konnte auch nerven. Und das tat er gerade. Glücklicherweise standen die meisten Menschen hier relativ locker, so viele waren es auch gar nicht. Anders als bei diesen Boygroup-Konzerten, wo hunderte von Mädchen schon Tage lang vorher campierten und sich in den Anstellschlangen beinahe zu Tode quetschten. Ne, das konnte ich momentan echt nicht gebrauchen.
Das Konzert war der Hammer, ich bereute es nicht, doch noch zugesagt zu haben. Zwar konnte ich nur die wenigsten der Texte, aber die Atmosphäre selbst, diese Energie und nicht zuletzt Bills strahlende Augen machten den Abend alles in allem sehr gelungen. Erschöpft aber glücklich machten wir uns auf den Weg zurück nach Hause.
„Und? Wie hat’s dir gefallen?“ „Gut! Echt toll“ „Schön“ Er grinste mich an, dann drehte er den Kopf weg und sah nachdenklich in die Ferne. Lange saßen wir einfach hier am Bahnsteig herum, den letzten Zug hatten wir gerade verpasst und mussten eine Stunde warten. Langsam wurde es trotz der dicken Jacke, die ich trug, echt kalt. Es hatte zu schneien angefangen. Die Flocken wurden immer dicker und tanzten wild umher. Ich schaute auf die Uhr. Schon halb zwölf. Alleine hätte ich mich um diese Uhrzeit und vor allem in einer fremdem Stadt und bei dem Wetter nicht mehr herumgetrieben, aber ich hatte schließlich Bill dabei.
Ich fröstelte und schlang meine Arme um den Körper in der Hoffnung, mich somit ein bisschen wärmen zu können. „Ist dir kalt?“, fragte Bill. Huch, ich hatte gar nicht bemerkt, dass er mich beobachtet hat. Ich nickte, worauf er einladend seine Arme ausbreitete. Unsicher und schüchtern sah ich ihn an. Nein, das wirst du nicht tun! Doch ehe ich noch weiter nachdachte, rutschte mein Körper völlig willenlos an ihn ran. Bill zog mich auf seinen Schoß, umklammerte mich und drückte mich an sich. „Mir auch...“ Sofort meldete sich mein Herz zu Wort, indem es aufgeregt in meiner Brust auf- und abhüpfte. Scheiße! Was tat ich hier nur? Wenn ich ihm einmal so nah war, werde ich es immer wieder sein wollen, ich werde mich nach Bills Berührungen verzehren, es wird mich nur noch mehr quälen. All das war mir bewusst und dennoch konnte ich nicht anders als diesen Moment der Nähe auszunutzen. Lilly, das wird dein Untergang sein, sagte mir wieder diese Stimme im Kopf, doch ich folgte wie immer meinem Herzen. Ich ignorierte das permanente Kribbeln im Bauch und mein rasendes Herz und versuchte, seine Wärme zu spüren. Langsam ließ ich meinen Kopf auf Bills Schulter sinken, da ich müde wurde. Meine Nase vergrub ich in seiner Halsbeuge (er schien auch noch nie was von einem Schal gehört zu haben), wo mir sein sinnlich, süßer Duft entgegenwehte und Erinnerungen in mir auslöste. Liebend gerne hätte ich seinen zarten Hals mit Küssen übersäht.
Niemand sagte ein Wort. Nach einiger Zeit seufzte ich leise. Es war so schön und tat gleichzeitig so unglaublich weh. Wieso tat er das? Wieder stellte sich mir die Frage, ob er das mit Absicht machte, ob er mich quälen wollte, sich an mir rächen wollte, weil ich ihn scheinbar betrogen hatte. Oder ob er sich nichts dabei dachte, ob ihm einfach kalt war und er sich und mich wärmen wollte. Ich kam einfach auf kein Ergebnis. Bald müsste der Zug kommen, wir saßen schon eine geschätzte Ewigkeit hier auf der Bank, er hielt mich im Arm, und doch war die Zeit verflogen. Ich wollte nicht, dass dieser Moment endete, ich wollte ihn festhalten, für immer bei Bill sein. Der Zug rollte ein, mittlerweile war es fünf nach zwölf. Schnell suchten wir uns einen Sitzplatz, was um diese Uhrzeit nicht sonderlich schwer war, und ließen uns darauf nieder. Bill wie immer am Fenster, ich im Gang. Ziemlich schnell fielen mir die Augen zu und ich in den Schlaf.
Als ich wieder aufwachte erschreckte ich mich erst mal. Wo war ich? Schnell stellte ich fest, dass wir noch immer im Zug saßen, ich musste im Schlaf wohl an Bills Schulter gerutscht sein, denn ich lag/saß so mehr oder weniger auf ihm drauf. Schnell rutschte ich wieder ein Stück von ihm weg. Verdammt! Hatten wir vielleicht die Haltestelle verpasst? Ich schaute auf die Uhr. Puh! Noch eine halbe Stunde Fahrtzeit. Man man man, gleich zwei Schocks hintereinander und das um ein Uhr nachts...Auf einmal hörte ich ein seltsames Geräusch von rechts, Bill räkelte sich und nuschelte irgendwas. Augenblicklich musste ich lächeln, er sah einfach zu niedlich aus. Das müsste eigentlich verboten werden, so knuffig zu sein. Wieder einmal kam ich nicht von seinem Anblick los. Er war so hinreißend mit seinen wilden Haaren, dieser unglaublich süßen Stupsnase und den vollen Lippen. Ich spürte ein solches Verlangen, diese zu küssen. Erst recht, als er noch mal genüsslich vor sich hinschmatzte.
Sollte ich...? Oder... ach nein, das konnte ich doch nicht tun. Ich... Oh nein. Nein, Lilly, aus! Einige Minuten rang ich mit meinem Gewissen, bevor ich mich dann doch seinem Gesicht näherte. Von nahem war er noch schöner. Oh Gott im Himmel, bestrafe mich für das, was ich jetzt tun werde! Mein Puls raste, als meine Lippen die seinen ganz leicht berührten. Ich seufzte auf unter der Überwältigung meiner Gefühle. Wie ich das vermisst hatte. Seine Lippen waren so weich und warm und...oh, einfach göttlich. Oh nein, was, wenn er aufwacht? Oder gar nicht schläft? Als mir dann auf einmal bewusst wurde, was genau ich hier tat, zog ich mich schnell wieder zurück und presste mich krampfhaft in meinen Sitz. War ich denn von allen guten Geistern verlassen? Wie konnte ich mich so verlieren? Ich schämte mich. Ich hatte ihm einen Kuss geraubt, auch noch während er geschlafen hat. Lilly, du bist reif für die Klapse, oder du springst gleich aus dem Fenster oder noch einfacher – am Bahnhof vor den nächsten Zug werfen. So konnte ich Bill doch unmöglich wieder in die Augen sehen. Hatte ich denn gar keinen Respekt mehr?
Hauptbahnhof. Wir mussten gleich aussteigen, Bill schlief noch immer. Vorsichtig rüttelte ich an seiner Schulter und flüsterte: "Bill.... Bill? Wir müssen aussteigen!" Es dauerte noch einige Sekunden, dann riss er die Augen auf und blickte sich erschrocken um. "Scheiße! Hab ich verpennt?" Ich musste lachen, es war so süß, wie er mit diesen tellergroßen Augen um sich blickte. "Ne, aber hättest du fast..." Puh, seiner Reaktion nach konnte ich wenigstens davon ausgehen, dass er wirklich geschlafen hat und meinen kleinen Überfall wohl nicht bemerkt hatte.

 

62.
„Nein! Du hast ihn echt geküsst?!“ „Ja...“, gab ich beschämt zu. Lisa war völlig aus dem Häuschen. Sie schien es auch noch toll zu finden. „Und? Wie war’s?“ Als wäre es das erste Mal gewesen... „Hmm... gut?! Ja, es war gut. Aber er hat ja nichts gemerkt“ „Wie? Nicht? Ach, ist ja langweilig...“, sie schien ganz enttäuscht. „Ne nich langweilig, gut so! Sonst wär’ ich echt tot gewesen...na ja, auf jeden Fall hab’ ich ihn dann geweckt und wir sind ausgestiegen. Das war’s“, beendete ich meine Erzählung von gestern. „Hmm...also irgendwas wird er sich doch dabei gedacht haben. So gut kenn selbst ich ihn mittlerweile. Der hat dich nicht ohne Grund mitgenommen, Lilly, das glaub mal!“ „Ich weiß nicht...“ Ich war unsicher. Irgendwie glaubte ich das ja auch, aber auf der anderen Seite: Hätte er etwas Bestimmtes vorgehabt, hätte er doch alle Chance dazu gehabt, wir waren den ganzen Tag alleine. Aber er hat so getan, als sei nie etwas gewesen, als wären wir schon immer Bruder und Schwester gewesen. Er schien sich noch nicht einmal schlecht dabei gefühlt zu haben, mit mir rumzukuscheln. Irgendwie ja schon ziemlich dreist, stellte ich fest. Er konnte es schließlich nicht einfach vergessen haben und da er mit mir Schluss gemacht hat, könnte man doch wohl davon ausgehen, dass ich mich gerade in einem Zustand des Leidens befand und es mir nicht unbedingt gut tat, wenn er mich schon wieder einer solch immensen Nähe aussetzte. Aber so viel zu denken war für ein männliches Gehirn wohl zu viel verlangt.
„Apropros, wie läuft’s mit Tom?“  Ihr Blick verfinsterte sich. „Nich so...“ „Wie nich so? Das kannst du mir echt nicht antun... Bei euch war doch immer alles gut“ Das konnte doch echt nicht sein. Lisa und Tom waren schon fast ein dreiviertel Jahr zusammen, gesucht und gefunden, da konnte es nicht nicht gut laufen. „Die Betonung liegt auf WAR. Keine Ahnung, ist irgendwie alles anders als es mal war...er kotzt mich manchmal echt an. Ich glaub, es ist bald aus“ Erschrocken riss ich die Augen auf. Tom und Lisa durften nicht Schluss machen. Was war denn aus unserem legendären Vierertrüppchen von letztem Sommer geworden? Aber das war schon mit dem Ende von Bills und meiner Beziehung zerstört gewesen...
„Das ist mal wieder so typisch für uns...wir sitzen hier rum, haben nur Probleme“, stöhnend lehnte ich mich auf der Couch zurück. „Mit dir und Bill – das ist noch nicht zu Ende... Das wird wieder!“, versuchte Lisa mich aufzumuntern. Ich zwang mich zu einem müden Lächeln. Das glaubte ich zwar nicht, aber sie meinte es doch nur gut. Ich nahm Lisa in den Arm und knuddelte sie mal wieder richtig. „Das mit Tom aber auch!“

 

Spät am Abend klingelte noch mein Telefon. „Ich hab Schluss gemacht!“, war das erste, was ich hörte. Ich war so schockiert, dass ich erst mal nur schwieg. SIE hatte Schluss gemacht? Warum? Das konnte nicht wahr sein. In den letzten paar Wochen ging alles den Bach runter. Erst hatten Bill und ich immer Stress, dann wurde ich von Andreas erpresst und das Aus zwischen mir und Bill und jetzt war auch noch Lisas und Toms Märchenbeziehung zu Ende. Fehlte nur noch, dass Mum und Jörg sich trennen  und wir ausziehen würden. Dann würde ich Tom und vor allem Bill nie wieder sehn. Vielleicht wäre es einfacher für mich, aber ich würde es mit Sicherheit ebenso wenig aushalten, Bill gar nicht mehr zu sehen. „Wir haben telefoniert und ich... hab’s einfach getan....“ Ganz so gut schien es ihr aber auch nicht zu gehen. Okay, so was ist immer scheiße. Ich erinnerte mich nur daran, wie es mir ergangen war, als ich Marco verabschiedet habe. Hach ja, damals war alles zwischen Bill und mir noch so frisch und unbeschwert. Gut, unbeschwert ist was anderes aber wenigstens waren wir glücklich. „Aber... warum?“  „Keine Ahnung... Ich glaube, ich liebe ihn einfach nicht mehr“ „Und... wie hat er reagiert?“, fragte ich vorsichtig. Das konnte ich mir nun echt nicht vorstellen, ich hatte überhaupt keine Einschätzung, was Tom dazu sagen würde. „Er hat’s mir erst nicht geglaubt. Dann war er geschockt und hat gar nichts gesagt. Und dann hat er gesagt: „Na wenn du meinst...“ und hat aufgelegt“ „Sicher, dass du das Richtige getan hast?“, vergewisserte ich mich. „Ja. Das ging einfach nicht mehr...“ Wir redeten noch kurz, dann legten wir auf, da morgen Schule war.
Ich ging aber noch zu Tom runter. Erst wusste ich nicht, ob ich das tun sollte, aber letztendlich entschloss ich mich doch dazu. Er war immer für mich da gewesen wenn ich Probleme mit Bill gehabt hatte, da wollte ich jetzt auch für ihn da sein. Leise schlich ich die Treppe runter und klopfte an seine Tür. Obwohl kein Zeichen von drinnen kam, ging ich trotzdem hinein. Mir bot sich ein trauriges Bild. Tom lag zusammengekauert, die Beine angewinkelt auf seinem Bett, das Gesicht in  ein Kissen versteckt und ich vernahm ein leises Schluchzen. Mir zerriss es fast das Herz, ihn so zu sehen. Vor allem mit dem Wissen, dass meine beste Freundin hierfür verantwortlich war.
Ich setzte mich auf sein Bett und wusste erst mal gar nicht, was ich tun sollte. Was macht man mit einem heulenden Halbbruder, der doch sonst immer so cool ist? Zaghaft legte ich meine Hand auf seine Schulter. „Tom?“, fragte ich. Er drehte sich ruckartig zu mir um und starrte mich mit roten, verheulten Augen an. „Na, hat sie’s dir schon unter die Nase gerieben? Fühlt sich wahrscheinlich auch noch toll dabei, dass SIE MICH abserviert hat...!“, sagte er spöttisch. „Das ist nicht wahr...“ „Wenn du hier bist um mich auch noch fertig zu machen, kannste gleich wieder abhaun!“ Ich schluckte. Er schien wirklich tief verletzt. „Bin ich nicht... Ich muss ihre Entscheidung nur akzeptieren. Ich stehe auf keiner „Seite“, falls du das wissen willst. Du warst immer für mich da, ich wollte jetzt auch für dich da sein...“ Er schien mich zu verstehen, denn erlächelte gequält und entschuldigend. „Kannst du... nicht... noch mal mit ihr reden? Man, ich bin echt erbärmlich...“, fragte er nachdem wir beide eine Zeit lang nur geschwiegen hatten. Ich überlegte. Einerseits wollte ich ihm ja schon helfen, aber... „Nein, tut mir leid. Aber... das müsst ihr schon selbst regeln“ Ich konnte meiner besten Freundin nicht in den Rücken fallen. Das würde doch dann do aussehen, als ob ich auf Toms „Seite“ stehen würde. Nein, das würde mich nur unnötig in die Sache mit reinziehen.
„Du, sorry, aber... ich kann da mit dir nicht drüber reden“ Es tat ihm wirklich leid. Der Junge war so fertig... aber ich konnte es auch nachvollziehen. Die männlichen Geschöpfe dieser Welt sprechen sowieso nicht so gerne über Gefühle, zumindest der Großteil nicht, und Tom war eine Spezies, die es noch seltener tat. So vertraut waren wir uns dann doch nicht, dass er mir sein Herz ausschütten würde. Ich nahm ihn noch einmal in den Arm, verschwand dann aber und machte mich direkt auf den Weg in Bills Zimmer.
Ich stolperte rein und stockte. Er war nackt – zumindest fast. War wahrscheinlich gerade dabei, sich umzuziehen. Total gebannt von seinem Anblick starrte ich ihn an. Dieser schmale, schöne Körper, so viel nackte Haut. Man, wann hatte ich das von ihm zum letzten Mal gesehen? „Oh... äh.. ähm.. sorry, ich wusste nicht, dass ... ähm“, stammelte ich und spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Sofort knallte ich die Tür wieder zu. Beschämt schlug ich mir die Hände vor mein glühendes Gesicht. Das war mal wieder so typisch für mich. Warum hatte ich nur immer so ein glückliches Händchen für solche Aktionen? Ich hätte mich erwürgen können, das war so peinlich. Oh Gott, ich werde ihm niemals wieder in die Augen sehn können! Erst dieser Kuss, dann das.
Da öffnete sich die Tür. Voller Scham sah ich ihn vorsichtig an. Zum Glück hatte er jetzt wieder ein T-Shirt an, wenn es unten rum schon nur Boxershorts sein mussten. „’Tschuldigung“ „Kein Ding. Was ist los?“ Was los ist? Du siehst verdammt geil aus, ich hab’ dich heimlich geküsst als du geschlafen hast und JA, ich habe immer noch Gefühle für dich und kann es nicht verstehen wie du so tun kannst als wäre nie was zwischen uns gewesen. „W...w..was los ist?“, stotterte ich verwirrt. „Was wolltest du von mir?“ Was ich von dir will? Kannst du dir das nicht denken? „Oh! Oh....“, erst jetzt fiel mir auf, wovon er redete. Er wollte wissen, warum ich in sein Zimmer gekommen war und nicht, wie ich erst geglaubt hatte, was ich von IHM wollte. Mensch Bill, du bringst mich echt durcheinander. „Achso. Ähm... deinem Bruder geht’s echt schlecht. Ich glaub’, du solltest mal rübergehen“, nannte ich ihm den eigentlichen Grund, warum ich hier war. „Hmm, okay, danke. Dann mal gute Nacht“, sagte er. Ich trat schnell bei Seite, dass er an mir vorbei zur Tür rausgehen konnte. „Gute Nacht.“
Ich ging noch runter und musste was trinken. Mein Mund war furchtbar trocken und ich komplett verwirrt. Meine Nerven waren die Geschehnisse von heute Abend eindeutig zu viel. Ich wollte nicht so recht glauben, dass es zwischen Lisa und Tom aus war und dann musste ich auch noch reinplatzen wenn Bill halbnackt ist, ihn anstarren und mich komplett geistesgestört verhalten. Im Hochgehen kam ich an Toms Zimmer vorbei. Die Tür war nur angelehnt und ich konnte meine widerliche Neugier nicht besiegen und riskierte einen Blick hinein. Dort saßen die Zwillinge, auf Toms Bett. Tom hing total hilflos in Bills Armen und heulte Rotz und Wasser, während Bill ihm sanft über den Rücken strich und irgendwas redete. Ich seufzte stumm. Wie gerne wäre ich jetzt an Toms Stelle gewesen, hätte mich an Bills Brust geschmiegt, seinen Herzschlag gespürt und mich von ihm streicheln lassen... Nein! Böse Lilly! Wie kannst du Tom in dieser Situation noch beneiden, das geht ja mal gar nicht! Mal wieder Kopf schüttelnd über mich selbst stieg ich leise die Treppe hoch in mein Zimmer.

 

 

63.
Überall Leute. Nichts als grässliche Leute mit grässlich guter Laune. Die ganze Innenstadt war vollgestopft mit kleinen Ständen, Fressbuden und Glühweinbuden, Großfamilien mit Milliarden von Kindern, lustige Männer in roten Kostümen, alles bedeckt mit einer weißen Schneedecke – kurz Weihnachtsmarkt. Normalerweise mochte ich die Weihnachtszeit. Dieses ganze Drumherum mir Plätzchen und Kerzen und Dekoration. Zusammen mit Freunden über den Weihnachtsmarkt zu laufen, leckere Sachen zu essen... Doch dieses Jahr war alles anders. Dieses Jahr würde ich das erste Mal mit meiner ganzen Familie feiern. Mit meinem Vater und meinen Geschwistern, so wie ich es mir früher als kleines Kind immer gewünscht habe. Doch jetzt war ich gar nicht mehr so scharf darauf. Hätte ich als kleines Kind schon gewusst, dass mir einer dieser Halbbrüder so was von den Kopf verdrehen würde, er mich aber aufgrund eines riesen Missverständnisses verlassen würde und ich damit überhaupt nicht klarkommen konnte, hätte ich es mir sicher nicht mehr gewünscht. Aber welches kleine Kind kann sich schon vorstellen, wie grausam das Leben sein kann? Wenn man in seiner kleinen Welt lebt, in der der Weihnachtsmann und der Osterhase existieren und alle Menschen sich ganz dolle lieb haben.
Oh ja, dieses Weihnachten würde anders werden. Schon das ganze letzte Jahr tanzte im Gegensatz zu meiner sonstigen Vergangenheit aus der Reihe. Noch vor einem Jahr hatte ich mit meiner Mutter alleine in unserem kleinen Haus gewohnt, ich war glücklich mit Marco zusammen gewesen, einen Herr im Haus gab es nicht und es schien auch keiner in Sicht. Und jetzt? Jetzt war Mum verheiratet. Mit meinem leiblichen Vater und meinen Halbbrüdern wohnten wir in einem neuen Haus, ich hatte mit meinem eigenen Bruder eine Affäre angefangen, deswegen meinen Freund verlassen, mich dann erpressen lassen und nun war wieder Schluss und ich todunglücklich. Resumée: Das gesamte letzte Jahr hätte ich echt aus meiner Erinnerung streichen können...
Lisa und ich machten in einem Straßencafé Rast und erholten uns von unserer Weihnachts-Shoppingtour. Als ich mich so umblickte fiel mir auf, dass ich in genau diesem Café mit Andreas Latte Macchiato getrunken hatte, worauf wir uns zur Nachhilfe verabredet haben. Na wunderbar, das ließ mal wieder schöne Erinnerungen aufkommen. Finster blickte ich umher. „Boah hilfe... guck nicht so, da kriegt man ja Angst!“, meinte Lisa belustigt. „Mhhh...“, brummte ich , „hier war ich mal mit Andreas...“ „Man Lilly, gibt’s bei dir nich mal ’n anderes Thema?!“ „So oft red ich da gar nicht drüber... du hast’s dir ja auch leicht gemacht und Tom einfach verlassen“ „Ja sicher. Du weißt ganz genau, dass das alles andere als leicht war!“ Ich verschränkte die Arme und schmollte. In letzter Zeit hatten wir zwar oft über die Zwillinge geredet, aber nicht nur, schließlich ging mein Leben auch so weiter. Dass ich in Gedanken die ganze Zeit bei Bill war bekam niemand mit und da konnte ich mich auch nicht gegen wehren, es wäre sinnlos. „Ja... aber er leidet“, fügte ich später etwas leiser als zuvor hinzu.
Lisa knibbelte unruhig am Zuckertütchen, welches auf der Untertasse ihres Cappucinos lag. „Ich weiß... ich hab auch öfters drüber nachgedacht, aber es ist besser so. Es geht mir besser ohne ihn. In letzter Zeit hab’ ich mich total eingeengt von ihm gefühlt und irgendwie... ich weiß nich. Aber so ist es besser...“ Ich nickte stumm. Gefühle ändern sich nun mal. Das wusste ich selbst nur zu genau. Früher hätte ich nie gedacht, dass ich nicht mehr mit Marco zusammen sein würde. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass man einen Menschen noch mehr lieben kann als ich ihn geliebt habe. Aber dann kam Bill und hat mich eines Besseren belehrt.
Wir erledigten noch unsere letzten Einkäufe bevor ich dann relativ spät abends nach Hause kam. Aber das störte nicht, immerhin hatten wir jetzt erst mal Weihnachtsferien. Zwei schöne lange Wochen Ausschlafen. Das mussten natürlich auch Tom und Bill nutzen, sie waren mal wieder in irgendeinem Club und hatten einen Auftritt. Ich war schon länger nicht mehr bei so was dabei gewesen. Was genau sollte ich da auch? Alleine rumstehen und den Jungs zugucken konnte ich auch im Proberaum, obwohl ich mich dort auch schon länger nicht mehr hab sehen lassen. Würde Lisa mitkommen, gäbe es nur wieder Komplikationen bezüglich Tom. Und ich verspürte nicht wirklich das Bedürfnis, Bill und seinem unverwechselbaren Charme öfter als nötig ausgeliefert zu sein.
Total entspannt und ausgeschlafen erwachte ich am nächsten Morgen. Samstag, Anfang der Ferien, einfach wunderbar. Ich blieb noch ein paar Minuten liegen, genoss diese Entspannung und den tollen Gedanken bevor ich mich auf ins Bad machte. Als hätte mein Unterbewusstsein mir die Ruhe vor dem Sturm gegönnt. Denn als ich friedlich und nichts ahnend mein Badezimmer betrat, stand ein Mädchen vor dem Spiegel und schminkte sich. Ich musste kein zweites Mal hingucken um zu erkennen, dass das bildhübsche, blondgelockte Mädchen niemand geringeres als Tessa war. Meine alt bekannte Freundin, die sich im Club vor einigen Wochen so an Bill rangeschmissen hatte und dann plötzlich auch noch im Proberaum aufgetaucht war. WAS bitte machte SIE hier in UNSEREM Badezimmer und schminkte sich auch noch mit MEINER Mascara. Hallo? Ich war völlig perplex. Vielleicht war das mal wieder ein Badezimmer-Traum. Diesmal aber schlimmer als der letzte. Gleich wache ich auf, liege im Bett und bin froh, dass das nur ein Traum war. „Morgen“, sagte sie freundlich. Lilly an Sandmännchen – wann wache ich endlich auf ??? „Was machst du hier?“, entgegnete ich dagegen weniger freundlich. „Oh... sorry, wenn ich dich erschreckt habe. Es wurde spät gestern und da haben Bill und Tom mich mitgenommen. Bill meinte ich könnte deine Sachen ruhig benutzen...“ Bitte WAS? Hatte der noch alle Latten am Zaun? „Klar. Kein Thema. Lass dir ruhig Zeit!“, sagte ich ironisch, machte auf dem Absatz kehrt und knallte die Tür hinter mir zu.
Sonst ging’s aber noch... Bill dachte wohl auch, er wäre wer weiß wer. MEINE Sachen anbieten? Warum sollte Tessa nicht SEINE Schminke benutzen?! Wütend schmollend saß ich auf meinem Bett. Doch dann beschloss ich gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Schnell machte ich mich im anderen Badezimmer so weit fertig und ging dann runter in die Küche, frühstückte mit Mum und Jörg. Die beiden mussten noch weg. Jörg wollte ins Möbelhaus und meine Mum musste zu einer Kundin nach Hause, ihr eine Frisur für die Hochzeit machen. Komisch, wer heiratet schon freiwillig im Winter? Also mein Ding wäre es sicher nicht...
Während ich noch gemütlich am Tisch saß kamen dann auch die Zwillinge und Tessa runter. Ich stand auf. „Will noch jemand Toast?“, fragte ich übertrieben freundlich und steckte vier Toasts in den Toaster. Ich setzte mich wieder zu ihnen und lächelte in die Runde. „Na? Wieder vom Schock erholt?“, fragte Tessa mich neckisch. Ich hätte sie erwürgen können. Eigentlich ein nettes und aufgeschlossenes Mädchen, aber ich konnte sie nicht ausstehen, was nicht zu letzt an ihrem unübersehbaren Interesse an Bill lag. „Ja klar, kam nur so unerwartet“ „Tut mir leid, dass ich mich an deinen Sachen vergriffen hatte“ „Ach... kein Ding. Kannst du gerne benutzen“, redete ich weiter überaus nett. Mir entging dabei nicht, wie Tom Bill einen skeptischen Blick zuwarf.
Sie fingen an, irgendwas über gestern Abend zu reden, wobei ich natürlich außen vor blieb. Und obwohl sie nach außen noch so lieb und nett schien, war ich mir doch zu 99,9% sicher, dass Tessa das extra machte um mich auszugrenzen. „Oder.... als Georg...“, sie konnte ihren Satz gar nicht zu Ende sprechen, da brachen alle drei in schallendes Gelächter aus. Toll. Klasse. Ich fühlte mich gut, Leute. „Scheint ja echt lustig gewesen zu sein gestern?!“, warf ich ein. „Oh ja...“, sagte Tom. „Naja trotzdem. Tessa, so leid es mir tut, aber du musst jetzt gehen“ Alle drei glubschten mich förmlich an. „Na, haben Bill und Tom es dir nicht gesagt? Wir fahren über die Feiertage zu unserer Familie und müssen noch packen. War schön, dich mal wieder gesehn zu haben...“ Während ich das sagte stand ich schon auf und machte ihr so deutlich, dass sie echt gehen musste. Sichtlich verwirrt folgte sie mir. Die Zwillinge wussten gar nicht, wo von ich redete, ob ich log oder wir wirklich wegfahren würden und sagten daher keinen Ton. Erleichtert knallte ich die Tür hinter ihr zu. Weg!
„So, Jungs, und jetzt zu euch. Habt ihr irgendwie nich mehr alles Zacken in der Krone? Einfach so diese.... diese... Schlampe hier reinzuschleppen, ihr MEINE Sachen anbieten und... arggh!“ „Boah mach mal halb lang und nenn sie nicht Schlampe, klar!“, fuhr Bill mich an. Das gibt’s nich... Sie auch noch zu verteidigen. Meine Wut und Eifersucht stieg ins Unermessliche. „Nein?! Und was willst du dagegen tun? Du hast mir gar nichts zu sagen. Genauso gut hätte sie deine ganze Schminke nehmen können, aber die war dir wohl zu gut...“ „Komm Lilly, jetzt reg dich nicht so auf“, versuchte Tom mich zu beruhigen „was hast du denn gegen Tessa?“ „Es geht nicht um Tessa... es geht ums Prinzip. Ihr könnt doch nicht einfach irgendwelche Fans abschleppen...außerdem, wo hat sie überhaupt geschlafen?“ „Bei mir“, antwortete Bill. „Na war ja klar“, nuschelte ich. Dieses Miststück. Sie hatte nur eins im Sinn, aber das würde sie nicht bekommen...oder hatte sie es bereits? „Ist doch unsere Sache, was wir machen“, meinte Tom. „Ja schon....aber eben nicht SO. Das Mädchen steht in MEINEM Bad mit MEINER Schminke, hat wahrscheinlich auch noch meine Zahnbürste benutzt... Und Fankontakt schön und gut aber das geht zu weit. Die will doch nur mit euch ins Bett“ „Jetzt hör mal auf! Du bist nicht unsere Mutter!“, schrie Bill. „Die will dich doch nur ins Bett kriegen...Ach ihr könnt mich mal!“ Ich lief einfach schnell die Treppe hoch und schmiss mich in mein Bett um zu heulen. 
Grade lief einfach alles beschissen. Ich hatte diese Tessa schon wieder so gut wie vergessen, aber dann musste sie natürlich sofort auftauchen und wieder alles durcheinander bringen. Nein, sie durfte einfach nicht mit Bill zusammen sein. Mir wurde schon schlecht bei dem Gedanken, dass die beiden eine ganze Nacht alleine in einem Zimmer verbracht haben. Auch noch während ich im Zimmer darüber seelenruhig geschlafen hatte. Ich könnte es nicht ertragen Bill mit einem anderen Mädchen zusammen zu sehen. Dann würde ich ihn vollkommen verlieren und das letzte klägliche Fünkchen Hoffnung in mir sterben. Es tat so weh. Wie sie sich an ihn ranmachte und er schien es nicht mal zu bemerken, er stieg voll darauf ein und verteidigte sie mir gegenüber. Wieder einmal versank ich in meiner Trauer, als plötzlich jemand mein Zimmer betrat.
Schnell wischte ich die Tränen weg und hoffte, dass ich nicht allzu auffällig nach Heulanfall aussah. „Lilly, was ist denn los?“, fragte Bill besorgt, er hatte sich wieder abgeregt. „Nix...“ „Tessa hat dir doch nichts getan...“ „Es geht nicht um Tessa... sie nutzt euch nur aus und... ach keine Ahnung ich will nicht dass sie euch verletzt....oder dich“, log ich ein bisschen, aber so ganz grob stimmte das ja auch irgendwie. „Meinst du echt, dass sie so eine ist?“ Ich nickte heftig. „Hmm...also wir können sie natürlich nicht ganz ignoriern, aber... ich werd’ mal genauer drauf achten, okay? ... Ach und falls es dich beruhigt, es ist nichts passiert“, er lächelte mich aufmunternd an. „Tut mir leid, dass ich euch so angemeckert habe...“, gab ich leise zu. „Ne, tut mir leid. Ich denke manchmal echt nich nach...“ Als ob ich immer vernünftig wäre... zum Beispiel genau jetzt setzte wieder alle Vernunft aus. Jetzt, wo Bill mich so lieb anguckte und tröstend in den Arm nahm. Wow...oh, es fühlte sich so gut an. Schmetterlinge, Herzschlag, Glück. Er roch so süßlich und gut... ich könnte mich niemals satt daran riechen. Oh Bill, lass mich bloß nie wieder los, ich flehe dich an.
Doch leider ließ er mich trotzdem wieder los. „Ähm... fahren wir wirklich weg?“ Er machte ein so blödes Gesicht und die Frage war so dermaßen überflüssig und unpassend in diesem Moment, dass ich schon wieder lachen musste.

 

64.
Zwei Tage später erhielt ich einen unerwarteten Anruf. „Lilly! Telefon für dich!“ Ich lief schnell runter, wollte Bill das Telefon abnehmen, welches er mir reichte. Doch er hielt es weiter fest und grinste mich blöd an. „Oh Bill, gib her!“, sagte ich genervt. Es dauerte noch ein paar Sekunden bis ich es in meine Gewalt gebracht hatte. Oh... Jungs! „Hallo?“ „Hey Lilly, ich bin’s“ „Marco? Hey…”, sagte ich fröhlich und machte mich auf den Weg zurück in mein Zimmer. „Warum rufst du an? Wir ha’m ja echt schon lange nicht mehr miteinander gesprochen....“ „Ja... ich vermisse seit längerem ein T-Shirt. Könnte  es vielleicht sein, dass es noch bei dir ist?“ Mir wurde irgendwie komisch bei diesem Satz, in dem er an unsere Beziehung erinnerte. „Ich weiß nicht...vielleicht, warte, ich schau mal nach“ Ich kramte in meinem Kleiderschrank, der zugegebenermaßen nicht gerade klein war, und fand noch so das eine oder andere Stück von ihm. Komisch... dass ich die im letzten halben Jahr alle übersehen hatte. „Ja, ich hab noch ein paar mehr als nur eins... soll ich sie vorbeibringen oder..?“ „Nene, ich komm schon selbst. Du musst mir meine Klamotten doch nicht hinterher tragen.“ „Nein, wie freundlich von dir“, sagte ich und grinste. „Tja, so bin ich. Also, ich mach mich dann mal auf den Weg, bis gleich!“ „Jo, ciao!“
Keine halbe Stunde später war Marco auch schon da. Irgendwer musste ihn reingelassen haben, denn er stand plötzlich in meinem Zimmer. „Hey...“, ich umarmte ihn erst mal. Fühlte sich seltsam an, nach so langer Zeit. Aber es war richtig, schließlich kamen wir im Großen und Ganzen gut miteinander klar, und ich hätte nicht gewollt, dass nach dem Aus unserer Beziehung eine Freundschaft zerstört wird. Das ist doch schrecklich, wenn man sich dann hasst und nur blöde Sprüche an den Kopf wirft. „Kann ich dir irgendwas anbieten?“ „Ähm... Tee wäre gut, ist echt kalt draußen“ „Alles klar“ Ich ging in die Küche und machte Tee. Als ich mit zwei Tassen bis an den Rand gefüllt – ja, ich lernte es nie und musste höllisch auf den Treppen aufpassen – wieder hoch kam, saß er auf dem kleinen Sofa und hielt ein Foto in der Hand. Es war eins von Bill und mir letzten Sommer auf dem Bauernhof von Lisas Tante. „Ihr versteht euch also immer noch so gut?“ Ich stellte die Tassen auf dem kleinen Tisch ab und setzte mich. „Ja...ja, Bill und Tom sind echt cool“ Ich sah das Foto noch mal etwas genauer an. Bill hatte seinen Arm um mich gelegt, mein Kopf lehnte an seiner Schulter und wir strahlten um die Wette. Ich konnte mich noch genau daran erinnern, als es entstanden war, wie heftig mein Herz geschlagen hatte, als er mich plötzlich zu sich gezogen hatte und meinte: „Tom, mach mal ’n Foto!“
„Und wie geht’s dir so?“, fragte ich ihn, während wir an unseren Tassen nippten. „Ach ja... ganz gut so... im Allgemeinen. Und dir?“ „Hmm... nich so“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Warum?“ Ich überlegte, ob ich ihm alles erzählen sollte, hielt es dann aber doch für besser, es sein zu lassen. „Ach ich weiß auch nicht...ist grade alles komisch. Weihnachten mit Familie und das alles“ „Aber das wolltest du doch immer“ „Früher! Als ich klein war“ „Ich dachte du kommst mit deinen Brüdern gut klar...?!“ „Komm ich ja auch aber... das ist Mädchenzeugs, viel zu kompliziert, würdest du eh nicht verstehen“, ich versuchte zu lächeln.
„Lillychen... das wird wieder“ Marco nahm  mich in den Arm. Na wenn er wüsste...mit einem „das wird schon wieder“ waren meine Pläne nun wirklich nicht gelöst. Aber was erwartete ich auch? Ich hatte es ihm schließlich noch nicht mal erzählt. Ohne den wirklichen Grund zu wissen konnte er mir unmöglich plötzlich die Wunderlösung sagen. „Ich hab dich vermisst“, flüsterte er. Ich schluckte. „Ich hab oft und viel nachgedacht... meinst du nicht... dass es vielleicht die falsche Entscheidung war, als du... mich.. damals verlassen hast?!“ Ich schloss die Augen, dachte an den Abend, als ich mit ihm Schluss gemacht habe. Ja, ich habe geweint und es hat mit wehgetan, ihn zu verletzen. Doch dann schwenkte meine Erinnerung an die Nacht um, als ich früh morgens mit Bill im Pool schwimmen gewesen war. Ich sah noch alles genau vor mir. Sah sein Gesicht, an dem die tropfnassen Haare strähnig herunterhingen, sah das Glänzen in seinen Augen, das durch die Unterwasserbeleuchtung unterstrichen wurde, sah die einzelnen Wassertropfen, die an seinem Körper herunterrannen. Ich konnte noch genau spüren, wie er mich sanft gegen die Wand drückte, wie er mich küsste, mein Puls raste, es in meinem ganzen Körper kribbelte. Und dann sah ich wieder auf, sah Marco vor mir und spürte gar nichts. Leere. Ein unendliches Nichts. Langsam schüttelte ich den Kopf. „Tut mir leid...Mein Herz gehört längst einem anderen“ Er sah mich traurig und verletzt an. Es tat mir wirklich leid, aber Bill hatte so Besitz von mir ergriffen, alles andere verdrängt und sich in meinem Herzen festgesetzt, ich liebte nur ihn und könnte auch niemals einen anderen lieben, auch wenn es in jeder Hinsicht hoffnungslos war.
„Ich hoffe, er verletzt dich nicht. Das hast du nicht verdient, süße!“ „Danke, aber dafür ist es zu spät“, murmelte ich. „Wer?“, fragte er und auf seinem Gesicht spiegelte sich Zorn. „Ist echt lieb von dir aber ich kann’s nicht sagen. Du ich glaub es ist besser, wenn du jetzt gehst“ Ich stand auf, ging zum Schrank und holte seine T-Shirts raus. Ich begleitete ihn noch zur Tür und war erleichtert als er weg war. So hatte ich mir das ganze nicht vorgestellt. Aber ich war es in letzter Zeit gewohnt, dass mir das Leben ständig eine Strich durch die Rechnung machte.
Oje...hatte ich nicht schon geahnt, dass diese Feiertage und sowieso die ganzen Ferien so anders werden würden? Mit jedem Tag wurde ich in dieser Hinsicht sicherer. Aber irgendwas würde noch passieren, irgendetwas, das alles hier noch toppen würde. Das Schicksal hatte sicher noch einige Optionen offen, um mein Leben vollkommen in den Dreck zu ziehen. In dieser überaus pessimistischen Stimmung verbarrikadierte ich mich im Zimmer, dämmte das Licht – von draußen war gegen Nachmittag zu dieser Jahreszeit ja sowieso kein Licht mehr zu erwarten – und legte eine CD voller Schnulzenlieder in die Anlage. Ich zog mir eine bequeme Jogginghose an und kuschelte mich in mein Bett. Irgendwie brauchte ich das grade. Ich vergrub mein Gesicht in den vielen Kissen und ließ einfach mal wieder den ganzen Schmerz raus, weinte und schluchzte und hämmerte hemmungslos ins Kissen. Den ganzen Tag über musste ich mich zusammenreißen, musste lachen und mich beherrschen, obwohl vielleicht am liebsten losheulen würde. Jeden verdammten Tag musste ich Bill sehen und jede verdammte Sekunde genoss ich es doch. Ich suchte seine Nähe, obwohl es mich innerlich zerriss. Ich wollte immer bei ihm sein, obwohl ich nie wieder so bei ihm sein werde, wie ich es mir wünschte. Als noch Schule war, war ich den halben Tag befreit, konnte wenigstens versuchen mich von allem abzulenken, doch meistens wenn es mir gerade gelang, musste ich wieder nach Hause, musste Bill wieder sehn. Wurde wieder konfrontiert. Wie sehr ich mir wünschte, dass er einfach zu mir kommen würde, mich in den Arm nehmen und küssen würde. Und dass alles wieder wie vorher wäre. Ich wollte nicht mehr weinen, ich wollte nicht mehr leiden, ich wollte diesen Schmerz nicht mehr spüren. Ich wollte nur bei Bill sein, seine Nähe genießen. Warum nur wurde ich so bestraft? Was hatte ich getan, dass der wichtigste Mensch in meinem Leben mir den Rücken kehrte nicht mit mir zusammen sein wollte, aber mich dennoch so mit seiner Nähe quälte. Manchmal hatte ich schon das Gefühl, er würde mich wirklich mit Spaß quälen, und dabei so tun, als merkte er gar nicht, wie weh mir das tat. So wie am Bahnhof nach dem Green-Day Konzert. Ich könnte ihn köpfen dafür, ich könnte ihn anschreien, meine Wut rauslassen, aber ich wollte ihm nicht zeigen, dass es mir noch immer wehtat. Das würde alles nur noch komplizierter machen, wenn er von meinen wirklichen Gefühlen wüsste. Er dachte schließlich, ich hätte ihn betrogen. Wäre es so gewesen, wären meine Gefühle für ihn nicht mehr so stark gewesen. Und von seiner Seite aus war es wohl auch nicht mehr genug, darum zu kämpfen. Also wenn wir uns auf dieser freundschaftlichen Ebene bewegten war es für alle Beteiligten besser. Immerhin wollte ich auch jetzt keine unangenehmen Fragen gestellt bekommen, wir waren schließlich immer noch Geschwister.

 

Am Abend half ich meiner Mutter dabei, den Weihnachtsbaum zu schmücken. Bill und Tom hätten das genauso tun können, aber nein, die waren mal wieder im Proberaum. Also musste ich herhalten, obwohl mir mal wieder überhaupt nicht danach war. Weihnachten – Fest der Liebe. Super! Komischerweise war ich nicht in Stimmung, das Fest der Liebe zu feiern, wenn die Liebe fehlte. Oder wenn die Liebe ständig um mich rumtanzte, wie ein Köder einen Fisch lockend, aber nicht anbeißen ließ?
Komischerweise waren die Zwillinge in letzter Zeit sehr oft im Proberaum. Bestimmt, um sich mit Tessa zu treffen, dachte ich missmutig. „Lilly Schatz, holst du die Christbaumkugeln? Die müssten im Keller sein, irgendwo im alten Küchenschrank“ Ich ging also in den Keller um die Kugeln zu suchen. Irgendwie waren sie aber nicht in diesem Schrank, waren bei dem ganzen Umzugsstress wohl wo anders gelandet als geplant. Also wühlte ich zwischen allen möglichen Sachen, als mir ein Umschlag auffiel. Ich konnte nicht sagen, warum, aber er schien mir merkwürdig und meine Intuition sagte mir, dass ich mir den Inhalt genauer ansehen sollte. Zu erst verstand ich nichts, doch dann fiel mir ein wesentlicher Satz auf. Und der schlug ein wie eine Bombe:

 

Eine Vaterschaft zwischen Jörg Kaulitz und Lilly Heitkemper kann zu 99,9% ausgeschlossen werden.

 

65.
Wie erstarrt glotzte ich auf das Blatt. Meine Finger fingen langsam an zu zittern. Das konnte nicht wahr sein. Mein neues Leben, alles, was im letzten Jahr passiert war sollte auf einer Lüge basieren? Jörg war nicht mein Vater? Wieso wurde mir das dann immer erzählt? Wenn Jörg nicht mein Vater war... waren Tom und Bill nicht meine Brüder. Wir haben nie etwas Verbotenes getan, wir hätten uns nie verstecken müssen, hätten von Anfang an zu uns und unseren Gefühlen stehen können. Hätten wir das gewusst, wären wir frei gewesen, dann wäre vielleicht alles anders gekommen. Dann würde ich nicht jeden Abend kläglich an der Sehnsucht nach ihm verzweifeln, dann wären wir vielleicht noch zusammen. Denn Andreas hätte mich nicht erpressen können, es hätte nichts zum Erpressen gegeben. Dann hätten wir noch viel glücklicher sein können... In mir staute sich eine furchtbare Wut. Scheinbar hatten Mum und Jörg einfach ohne mein Wissen einen Vaterschaftstest gemacht. Aber warum? Und warum hatten sie mir nichts gesagt? Ich atmete einmal tief durch um mich etwas zu beruhigen, was allerdings nicht so richtig funktionierte, dann machte ich mich mit vor Wut pochenden Schläfen wieder auf ins Wohnzimmer.
Meine Mutter saß halb im Baum drin und versuchte irgendwie die Kerzenlichterkette zu befestigen. "Hast du sie gefunden?" "Nein, aber was anderes", antwortete ich patzig. Erstaunt drehte sie sich um. Als sie den Zettel erblickte, den ich ihr entgegenstreckte entgleisten ihr jegliche Gesichtszüge. "Lilly, wir...", fing sie an zu stottern und überlegte sich wohl irgendeine Ausrede. "Warum habt ihr das gemacht? Warum habt ihr mir nichts gesagt?" Mum setzte sich aufs Sofa. Ich tat es ihr gleich und schaute sie noch immer wütend und erwartungsvoll an. "Jörg und ich haben eine Lebensversicherung abgeschlossen. Für diese Formalitäten brauchten wir Geburtsurkunden oder eben den Vaterschaftsnachweis. Wir waren selbst geschockt, als das Ergebnis kam...Aber Lilly, Jörg liebt dich trotzdem. Wir haben das alles auch so regeln können, du bekommst denselben Teil wie deine Geschwister...also sie sind ja nicht deine Geschwister" "Als ob das scheiß Geld mich interessiert...Und was Jörg angeht: Ich hatte nie einen Vater, auch er war keiner für mich und ich brauche keinen. WARUM habt ihr mir das verschwiegen? Ich habe doch ein Recht darauf, zu wissen, wer wirklich zu meiner Familie gehört... oder wer eben auch nicht" "Wir dachten, es wäre besser so. Ihr habt euch gerade an diesen Gedanken gewöhnt und euch so gut verstanden, wir dachten es sei euch unwichtig, ob ihr jetzt verwandt seid oder nicht" "IHR dachtet es, IHR habt es für richtig gehalten! Wir sind alt genug um mit so was klarzukommen, und es ist mir verdammt noch mal nicht egal ob wir verwandt sind, aber du verstehst das sowieso nicht" Mir stiegen die Tränen in die Augen. Ich wusste, dass ich ihr Unrecht tat mit dem Vorwurf, dass sie mich nicht versteht. Wie sollte sie auch? Wir haben schließlich alles krampfhaft verheimlicht. Eigentlich war es ja gut, dass wir nicht verwandt waren, aber warum jetzt? Warum erfuhr ich das zu diesem Zeitpunkt? Warum nicht früher? Denn jetzt brachte es mir überhaupt nichts mehr. Jetzt war es letztlich auch egal, jetzt war alles verloren. Warum war das Leben nur immer so ungerecht? Und warum schien es seine gesamte Ungerechtigkeit in letzter Zeit nur über mir auszuleben? "Wissen Bill und Tom davon?", fragte ich leise. Meine Mutter schüttelte den Kopf. Na wenigstens war ich nicht die Einzige hier, die belogen wurde. Hatte ich es nicht geahnt? Dieses Weihnachten würde ganz anders werden, dieses Weihnachten würde der Horror werden. Das war es schon, ich steckte mitten drin.
Super! Klasse! Hatte ich schon erwähnt, dass mein Leben derzeit komplett aus dem Ruder läuft? Hilfe! Wo ist der Alltag, wo ist dieser langweilige Einklang? Warum bloß kommt alles auf einmal? Wenn Jörg nicht mein Vater war, wer dann? Eigentlich wollte ich es gar nicht so wirklich wissen. Ich brauchte keinen Vater. Ich brauchte nur Bill... Sollte ich es ihm sagen? Hatte er nicht genauso ein Recht darauf, es zu erfahren? Wollte er es wohl erfahren? Wollte er es überhaupt wissen? Würde es ihn interessieren? Würde es etwas in ihm ändern? Ich wusste es nicht. Ich wollte es ihm nicht sagen, aber irgendwann würde ich es müssen... nur wann? Jetzt auf jeden Fall nicht. Noch nicht... Das diagnostizierte ich für mich selbst. Ich würde es ihm sagen aber nicht sofort, denn im Moment war mir echt alles zu viel.

 

Heiligabend. Wir saßen mit der gesamten Familie am Tisch. Jörg, seine Zwillinge, Mum, ich und Bills und Toms Mutter. Ein glückliches Familienfest - dass ich nicht lache. Was war das denn bitte für eine verkorkste Familie? Das war keine Familie sondern ein zusammengewürfelter Haufen aus Zerbrochenen und neuen Beziehungen. An Jörgs Stelle würde ich mir jetzt auch reichlich komisch vorkommen. Aber er musste schließlich damit klarkommen - nicht ich. Ich hatte auch schon genug eigene Probleme.
Die ganze Zeit beobachtete ich Bill, natürlich möglichst unauffällig. Ich wollte ihn auch nicht die ganze Zeit anstarren, aber sein Anblick lud einfach dazu ein. Mal wieder fiel mir auf, wie gut ihm seine Mutter tat. Ich wusste, dass sie ihm fehlte und er ein sehr gutes Verhältnis zu ihr hatte. Und jetzt, wo sie da war, schien er einfach glücklich und erfüllt. Seine Augen strahlten, das Kerzenlicht von der Tischdekoration brachte noch ein zusätzliches Schimmern hinzu. Wie ein Engel, schoss es mir mal wieder durch den Kopf. Wie ein Engel, der vollkommen glücklich ist - ohne mich. Er brauchte mich nicht (mehr). Seine Welt schien vollkommen in Ordnung. Sollte ich es wirklich wagen, diese Ordnung dadurch zu zerstören, dass ich ihm das Ergebnis des Vaterschaftstest zeige? Es wird ihn vielleicht gar nicht großartig stören. Scheinbar zählte unsere Beziehung für ihn nicht mehr viel. Dann war es wohl auch egal, ob wir jetzt Geschwister waren oder nicht. Wir hatten uns auch nie wie Geschwister gefühlt, Tom, Bill und ich. Sie waren mehr meine Freunde, die glücklicherweise mit mir zusammen wohnten.
Ich beteiligte mich an den Gesprächen, wie immer. Ich lachte, wie immer. Ich schien glücklich, wie immer. Innerlich zerriss es mich, wie immer. In manchen Momenten könnte ich Bill sofort auf den Schoß springen, ihn abknutschen und totknuddeln, wenn er mal wieder so knuffig aussah. Wenn er nur ein Wort auf eine bestimmte Art und Weise betonte. Und jetzt, da ich wusste, dass meine Gefühle nicht verboten waren, jetzt wollte ich es noch mehr. Ich wollte nur noch mit ihm zusammen sein, den Rest der Welt hinter uns lassen. Aber ich konnte nicht, ich hatte meine Chance verspielt. Tja, Lilly, da sind wir mal wieder, in der harten Realität. Aber Einsicht ist ja bekanntlich der erste Weg zu Besserung. Vielleicht... ja, vielleicht musste ich versuchen, loszulassen. Die Vergangenheit endlich hinter mir lassen. Schließlich waren wir schon seit über einem Monat nicht mehr zusammen. Es wird keine Chance mehr geben. Bill hatte schon längst abgeschlossen. Für ihn war die Welt in Ordnung. Das konnte ich jedenfalls aus seinem Verhalten schließen. Er ging mit mir um, als wäre nie etwas gewesen. Für ihn war es okay. Dann musste sich bei mir langsam auch mal was ändern.
Als wir alle unsere Geschenke ausgepackt hatten - okay, es waren nicht gerade viele, Tom, Bill und ich schenkten uns nichts gegenseitig - lag noch ein klitzekleines Päckchen unterm Baum. Klein und würfelförmig. "Für wen is'n das?", fragte ich und hob es hoch. Ich kam auf die überaus schlaue Idee, mal auf das Kärtchen zu gucken. Es stand mein Name drauf, allerdings nicht, von wem es war. Deshalb fragte ich, doch niemand antwortete. Komisch... Ich packte es aus, darin war eine kleine Schachtel, sah aus, wie etwas, in dem Man Schmuck aufbewahrte. Und tatsächlich, es war ein Ring darin, silber mit einem dezenten verschnörkelten Muster und einem Stein in der Mitte. Ein Diamant? Ich fragte noch mal, ob niemand wüsste, von wem der Ring war, doch es kam keine Antwort.
Spät am Abend konnte ich nicht einschlafen. Es beschäftigte mich, woher dieser seltsame Ring plötzlich kam. Und vor allem, warum niemand ihn mir geschenkt haben wollte. Ich knipste das Licht an und sah ihn mir noch mal genauer an. Erst jetzt fiel mir auf, dass an der Innenseite etwas eingraviert war. "I love you" Hmmm das war echt komisch. Wer schenkte mir denn so klammheimlich irgendwelche Liebesbotschaften? Marco! Es musste Marco gewesen sein. Er war schließlich erst vorgestern bei mir gewesen und hatte mir mehr oder weniger seine Liebe gestanden. Okay, er hat es nicht hundertprozentig gesagt, aber es ließ sich daraus schließen. Nicht weniger verwirrt als sonst fiel ich sehr früh morgens noch in einen unruhigen Schlaf.
66.
"Lilly! Jetzt wach schon auf!" "Mhhhhhhhh", brummte ich missmutig und gab meiner Mutter so zu verstehen, dass ich wach war. "Komm, wir wollen zusammen frühstücken!" "Boah ja! Ich komm gleich..." Ich hatte echt keine Lust auf Familientrallala. Nicht nach dieser kurzen Nacht und nicht wenn Bill dabei war. Hey! Mit diesen Gedanken sollte jetzt Schluss sein, ich hatte mir immerhin vorgenommen, mich zu entlieben. Okay, es war mir jetzt egal, dass ich gleich Bill über den Weg laufen würde, es war mir egal, ob er gut oder schlecht aussah, wie sich seine Stimme anhörte, ob er mich ansehen würde, wie oft er mich ansehen würde. Er war einfach da aber er war nichts besonderes. Sehr gut, genauso musste ich denken!
Sehr optimistisch und erhobenen Kopfes stolzierte ich schon beinahe die Treppe herunter. Tom und Bill kamen kurz nach mir. Komisch... Sprachen die sich etwa immer ab, wann sie am nächsten Morgen aufwachen? Zwillinge... ich werde diese unterbewusste Verbundenheit der beiden wohl nie verstehen.
„Einen wunderschönen guten Morgen!“, trällerte Bill. Ich grinste ihn an, versuchte, alle Gedanken auszuschalten – und siehe da, es funktionierte. Zum ersten mal seit langem verbrachte ich einen ganz normalen und entspannten Morgen mit meinen Brüdern. Ich verschwendete keine Gedanken an Bill, unsere gemeinsame Beziehung und die Gefühle, die noch da waren. Die Zwillinge erzählten, dass sie heute wieder zum Proberaum wollten. „Cool, kann ich mitkommen? Ich war schon lang nicht mehr da“ Sie tauschten merkwürdige Blicke aus. „Hmm... ne is nich so gut. Wir.. äh... also ist einfach schlecht!“, druckste Tom herum. Aha. Sehr überzeugend klang das ja nicht gerade, aber ich musste mich damit abfinden. Bestimmt sollte ich nicht mit, weil wieder irgendwelche Tessas da waren oder so... Meine Laune sank gerade gegen den Nullpunkt. Doch dann erinnerte ich mich an mein Vorhaben, schob Tessa aus meinem Kopf und ließ mich auf das Gespräch mit meinen Eltern ein.
Am Nachmittag beschloss ich, Lisa anzurufen und etwas mit ihr zu machen. Ich war immerhin bis jetzt noch nicht dazu gekommen, ihr von dem Vaterschaftstest und dessen Ergebnis zu erzählen. Das tat ich dann auch sofort als ich dort war. Mit ungläubigem Blick starrte sie mich an. Es schien ihr echt die Sprache verschlagen zu haben. „Ach du Scheiße... und... hast du’s Tom und Bill schon erzählt?“ Ich schüttelte mit dem Kopf. „Ich weiß noch nicht, wann ich’s ihnen sage. Aber irgendwann muss ich“ „Hhmhm...Das hätt ich jetzt aber nicht gedacht...Vor allem voll fies von deiner Mutter, das zu verheimlichen. Das heißt ja, du und Bill, ihr dürftet zusammen sein, da kann eigentlich keiner was gegen sagen“ „Jap, genauso iss’es“ Ich wollte nicht mehr an Bill denken und war deshalb sehr froh, als Lisa das Thema wechselte.
„Und...wie geht’s Tom?“ „Gut... also so im Großen und Ganzen. Alles krieg ich ja auch nicht mit, aber soweit ich das beurteilen kann geht’s ihm wieder ganz gut“ „Schön...“ Die ganze Sache kam mir merkwürdig vor, ich hatte auch irgendwie das Gefühl, dass sie nicht richtig loslassen konnte und ihn vielleicht sogar immer noch liebte. „Was genau war eigentlich der Grund, warum du Schluss gemacht hast?“ Das hatte sie mir nie richtig gesagt, nur so halb und manchmal dachte ich, sie wusste es selbst nicht richtig. „Weil... ach das war alles komisch. Manchmal hat er mich einfach nur noch genervt und total eingeengt. Wollte sich immer mit mir treffen, ständig telefonieren und ich hatte gar keine Zeit mehr für was anderes. Das hat mich gestört. Und wenn er sich dann mal nicht gemeldet hat war ich aber auch enttäuscht, irgendwie voll unlogisch, ich weiß. Aber das wurde mir zu viel und wir waren schon so lange zusammen... irgendwas in mir hat mir gesagt, dass ich nicht mehr will“ Ich hörte ihr zu. Ja, das war wirklich widersprüchlich, aber was soll man machen? Manchmal fühlt man eben so komisch und alles gleichzeitig. „Liebst du ihn noch?“, hilflos zuckte sie mit den Schultern. Insgeheim hegte ich den Gedanken, dass sie ihn auf jeden Fall noch liebte und Tom liebte sie erst recht. Bei ihm hatte laut Bill noch nie ein Beziehung so lange gehalten. Diesmal schien es wirklich ernst. Lisa hat das vielleicht gespürt und dann irgendwie kalte Füße bekommen, als sie gemerkt hat, dass es was richtig Ernstes ist und sich innerlich von ihm abgekapselt. Wer denkt denn, schon mit 15 Jahren die Liebe fürs Leben gefunden zu haben?
Ich wollte mich da aber nicht einmischen. Lisa wird es schon noch merken, dass sie und Tom zusammen gehören. Und Tom... ja, der wird sich auch nicht so schnell in eine Andere verlieben. Aber ich konnte Lisa schlecht jetzt schon dazu bringen, es noch mal mit ihm zu versuchen. Jetzt, wo sie selbst noch nicht mal wusste, was sie wollte. Das wird schon werden mit den beiden. Die gehörten einfach zusammen.
Wir beschlossen spontan, dass ich hier übernachten würde. „Marco war bei mir“, erzählte ich, als wir schon im Bett lagen und so in die Dunkelheit starrten. „Hä? Was wollte der denn auf einmal?“ „Seine Klamotten abholen, die noch bei mir waren. Dann fing er aber plötzlich an von wegen wie er mich vermisst hat und ob wir es nicht noch mal versuchen könnten... Ich hab ihn dann rausgeschmissen. Und komischerweise hab ich zu Weihnachten einen Ring bekommen, wo „I love you“ drinsteht, keiner wollte ihn mir geschenkt haben. Der kann doch nur von ihm sein...Irgendwie regt mich das voll auf. Dass ihm das plötzlich nach über nem halben Jahr einfällt. Tzz... also zur Zeit geht echt alles drunter und drüber. Und als ob ihm das was bringen würde. Ich mein, der Ring ist echt schön, aber er hat sein Geld doch nur verschwendet, als ob ich wegen diesem Ring wieder mit ihm zusammen sein wollen würde...“ „Ach ja... Jungs sind doch einfach unlogisch“, seufzte Lisa. „Hmhmm....“
Bill und ich waren in einem kleinen, kaum eingerichteten Raum. Er stand in der einen Ecke, ich in der anderen und wir starrten uns einfach nur an. Mit seinem warmen, liebevollen Blick forderte er mich auf, zu ihm zu kommen. Ich war verwirrt und wusste nicht, was ich tun sollte. Doch wie automatisch trugen mich meine Beine langsam quer durch den Raum, schüchtern und unsicher bewegte ich mich auf ihn zu. Er breitete die Arme aus, lächelte mich an und machte ein paar Schritte in meine Richtung. Dann standen wir uns gegenüber, sagten nichts, einsames Schweigen erfüllte den Raum. Doch es war kein unangenehmes Schweigen. Es war, als müssten wir nichts sagen, plötzlich war alles zwischen uns wieder in Ordnung. Zaghaft trat ich näher, schmiegte mich an seine Brust und legte meine Arme um seine schmale Taille. Seine Nähe tat so gut, wie Balsam für meine Seele war es, als er seine Arme um mich schlang und mich sanft an sich drückte. Es tat nicht weh, wie sonst, wenn wir uns nah waren und doch so fern waren. Es war einfach nur schön. Die Schmetterlinge in meinem Bauch schienen mich nicht mehr zu verhöhnen, sie waren da und lächelten. Um mein stark klopfendes Herz wurde ganz warm, als ob die Sonne von innen aus mir heraus strahlen würde. Es war wie im Himmel. Waren wir wirklich im Himmel? Waren wir tot? Doch dann löste er sich von mir. „Geh nicht“, flüsterte ich unter Tränen. Es waren die einzigen Worte, die bis jetzt gesagt wurden. Doch er schüttelte den Kopf, sah mich noch mal lieb an und glitt beinahe aus dem Raum, der plötzlich eine Tür hatte. Ich konnte mich nicht bewegen, sah ihm nur traurig nach.
Irgendwann wachte ich dann auf. Ohhh, ich hatte schon wieder geträumt. Und zugegebener Maßen war ich etwas verwirrt. Ich war immer verwirrt wenn ich von Bill träumte. Doch davon durfte ich mich jetzt nicht unterkriegen lassen. Ich hatte mir etwas vorgenommen und das musste ich durchziehen, also schob ich Bill bei Seite. Ich wartete noch bis Lisa wach war, wir frühstückten zusammen und veranstalteten einen richtigen Gammeltag vor dem Fernseher. Die ganze Zeit wurde ich schön von Bill und all dem Kram abgelenkt.
Als ich dann nach Hause kam ging ich an Toms Zimmer vorbei. Die Zwillinge saßen darin und spielten Playstation. „Na Jungs, alles klar?“ „Hey“, kam es wie aus einem Mund, ich musste unverzüglich lächeln. Ich setzte mich zu ihnen auf Toms Bett und schaute ein wenig zu. „Ach so ne Scheiße! Lilly, mach was, ich verliere!“, schrie Tom panisch. „Gib mal her!“, sagte ich lachend und nahm ihm den Controller aus der Hand. Nicht wenig später hatte ich es geschafft das Spiel zu drehen und Bill war besiegt. „Haha“, ich streckte ihm die Zunge raus. „Na warte, das kriegst du zurück!“ Er stürzte sich auf mich und begann, mich durchzukitzeln. Ich hasste es, wieso musste ich auch die einzige von uns dreien sein, die kitzelig war? Das war doch echt unfair. „TOM!“, presste ich hervor. „Hilf mir, ich .... hab dir.... auch geholfen!“ Doch er zeigte keine Gnade und half seinem Bruder dabei, mich zu quälen. Na vielen Dank auch. Und wenn ich sage quälen, dann meine ich es auch so. Mein ganzes Vorhaben, alles wurde in diesem einen Moment über den Haufen geworfen. Als seine Hände mich überall berührten. Das heftige Kribbeln in meinem Bauch kam sicher nicht nur durch das Kitzeln. Ich wehrte mich zwar spielerisch gegen die Zwillinge, doch ergeben hatte ich mich schon längst. Ich versuchte nicht wirklich es zu stoppen, denn ich genoss Bills Berührungen, ich wollte immer mehr davon.
Verdammt, es würde mir nie gelingen, von ihm loszukommen, dafür steckte ich schon viel zu weit in der Sache drin. Wenn ich ihn jeden Tag sah, jeden Tag mit ihm redete, würde es mir nie gelingen, meine Gefühle zu unterdrücken oder sogar wirklich loszuwerden. Es war ein so bittersüßes Spiel, zwischen Qual und purem Verlangen, so eng gekoppelt. Aber ich wollte es niemals abbrechen, ich war gezwungen die Qual in Kauf zu nehmen um seine Nähe zu spüren, auch wenn sie auf einer anderen Ebene geschah als ich es mir wünschte.
Irgendwann verkrampfte sich mein Bauch so sehr vor lachen, dass es schon wehtat. „Hört auf!“, bettelte ich, doch die beiden ließen einfach nicht locker. Ich wehrte mich nun richtig, wenn sie es nicht einsehen wollten, dass es genug war, war das nicht mein Problem. Auf einmal schrie Bill auf. Tom stutzte und ließ von mir ab. Bill hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Nase. Ouh scheiße, ich hatte ihm voll ins Gesicht getreten. „Das wollt’ ich nich! Is alles in Ordnung?“, fragte ich besorgt. Er nahm die Hand von seiner Nase, sie war voller Blut. „Ouh scheiße!“ „Warte, ich hol Taschentücher!“, ich stand schnell auf und rannte ins Bad um Taschentücher zu holen. Ich brachte gleich noch ein Kühlakku mit, legte ihn in Bills Nacken und gab ihm die Taschentücher. „Aber sonst is alles noch heil, oder?!“ Ich fuhr langsam mit meinem Finger über seine süße Nase. Schien noch alles dran. Das hätte ich mir auch nie verzeihen können, wenn ich eine solch perfekte Nase kaputt gemacht hätte.
Ich musste mich echt zusammenreißen, Bill sah so knuffig aus, wie er da saß, den Kopf in den Nacken gelegt und sich das Taschentuch unter die Nase presste. Mitleidig und entschuldigend blickte ich ihn an. Verdammt, warum war er auch so süß? Das musste echt verboten werden. Ich hätte sofort auf seinen Schoß hüpfen und ihn abknutschen können. Egal, in welcher Situation er war, dieser Junge sah einfach IMMER zum anbeißen aus, das ist doch nicht normal, oder?!

 

67.
Ich saß in der Ecke der Couch, beobachtete das Treiben. Eigentlich hatte Lisa zu ihrer kleinen Silvesterparty nur ein paar Leute eingeladen, doch das ganze hatte sich zu einer Art Eigendynamik entwickelt, so dass jetzt gut dreißig Jugendliche im Haus herumhüpften, das Lisas Eltern uns für die „kleine Feier unter Freunden“ vertrauensvoll überlassen hatten. Na hoffentlich würde das alles gut gehen. Dass meine Hoffnung unter Garantie nicht erfüllt werden würde ließ ich mal außen vor. Wir hatten uns schon etwas dabei gedacht, die ganze Sache eher im kleineren Rahmen zu halten, denn wir hatten schon so Einiges miterlebt, unter Anderem auch vieles nicht sehr Angenehmes.
Tom und Bill waren natürlich auch eingeladen, ich hoffte, dass es zwischen Lisa und Tom heute noch funken würde, der Abend war ja noch jung. Die meisten Leute hier langweilten mich allerdings, deshalb sah ich erst mal lieber zu. Mit meinem Fläschchen in der Hand, in der anderen Hand eine Zigarette, die absolut scheußlich schmeckte, aber sie hatte hier so rumgelegen, also warum nicht mal probieren?!
Ich beobachtete gerade belustigt, wie Michelle, die Oberzicke der Klasse sich mit Annika stritt. Wer Michelle hier mit angeschleppt hatte konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, sie rauszuschmeißen, aber Lisa mit ihrem großen Herzen meinte, wir könnten ja nicht so unfreundlich sein und wenn andere Gäste einfach jemanden mitbringen, dann nur sie rauszuschmeißen. Hach ja, war jedenfalls sehr interessant, dieses Rumgezicke. Die beiden konnten sich noch nie richtig leiden. Dass Michelle dann in der achten Klasse Annika den Freund ausgespannt hatte trug auch nicht gerade viel Positives zu ihrem Verhältnis bei.
Da setzte sich Bill zu mir. „Hey, seit wann rauchst du denn?“ „Seit zwei Minuten“, antwortete ich trocken. „Darf ich?“ „Klar“ Ich hielt ihm die Kippe hin und ließ ihn ziehen. „Und seit wann rauchst du?“ „Seit zwei Sekunden“, lachte er, bekam dann aber einen Hustanfall, sodass ich lachen musste. „Schmeckt ja scheiße“, bemerkte er. Ich drückte den letzten Stummel im Aschenbecher aus. „Du trägst deinen Ring ja gar nicht“, stellte Bill fest. „Ja... und? Was soll ich mit so’m scheiß Ring, wenn derjenige sich nicht mal traut es mir zu sagen...“, ich warf einen bösen Blick in Richtung Marco, der mit seinen Kumpels laberte. „Also ich find ihn schön“, er wirkte schon fast beleidigt. „Kann dir doch scheißegal sein, ob ich das Teil trage oder nicht“, sagte ich patzig. „Entschuldigung, dass ich mich für meine Schwester interessiere, ich kann dich auch ignoriern, wenn’s dir lieber ist“, motzte er zurück. „Was zickst du mich plötzlich so an? Außerdem bin ich noch nich mal deine Schwester!“ Oh oh, die Situation geriet außer Kontrolle, doch das bemerkte ich erst als es schon zu spät und die entscheidenden Worte gefallen waren. Mit großen Augen glotzte er mich an. „Wie? Willste mich verarschen?“ „Seh ich so aus?“, ich wich seinem Blick aus. Ich hatte es ihm eigentlich unter anderen Umständen sagen wollen. Aber der Zug war abgefahren. Super, Lilly, du verdienst mal wieder die Goldmedaille im tollpatschig sein. Oh, du böser Alkohol, immer lässt du meinen Mund schneller reden als mein Hirn schalten kann. Sollte ich mir echt mal merken, obwohl das eh nichts bringen wird.
„Hä? Wie meinst’n das jetzt?“ „Jörg ist nicht mein Vater. Sie haben wegen so ner Versicherungsgeschichte Geburtsurkunden beziehungsweise einen Vaterschaftsnachweis gebraucht und ohne mir was zu sagen heimlich nen Test gemacht. Und tja... Jörg ist nicht mein Vater“ „Is nich wahr...?! Wie link ist das denn?“  „Hab’ ich mich auch gefragt“ „Und seit wann...“ „Vor ner Woche hab ich’s zufällig rausgefunden“ „Aha....“ Ich konnte mir gut vorstellen, dass er gerade über dasselbe nachdachte, wie ich als ich es erfahren hab. Dass unsere Beziehung nie verboten war. Aber ob er sich auch wünschte, wir hätten es eher gewusst? Ob er sich auch manchmal wünschte, es wäre wieder alles wie noch vor einem halben Jahr? Ich glaubte es kaum... „Ich wollt’s dir eigentlich nicht so sagen, tut mir leid...“ „Ach was... Hauptsache, ich weiß es überhaupt.“ Ich wusste nicht mehr so richtig, was ich sagen sollte, schaute beschämt durch die Gegend. „Hey... wir haben dich trotzdem lieb“, meinte Bill und schmunzelte, bevor er mich in eine kurze Umarmung zog. Oh Gott im Himmel, wo kamen auf einmal diese vielen Schmetterlinge her? Wusste Bill denn nicht, was er damit bei mir verursachte? War er wirklich so naiv, zu glauben, dass ich jemals nur freundschaftliche Gefühle für ihn haben könnte? Scheinbar ja, denn sonst würde er mich nicht so quälen, das weiß ich. Mittlerweile kannte ich ihn gut genug um zu wissen, dass er niemals jemandem mit Absicht wehtun würde. Okay, vielleicht hätte er es Anfangs gemacht um sich an mir für meinen vermeintlichen „Seitensprung“ zu rächen, aber das würde er nicht so lange durchhalten. Hmm... das war es ja grade, seiner Ansicht nach hatte ich ihn betrogen, er musste denken, ich würde ihn nicht mehr lieben, also dachte er sich wohl auch nichts dabei, mich zu umarmen. Ein Teufelskreis, Lilly, in dem du dich mitsamt deinen Gedanken bewegst. Auf diesen schlauen Entschluss bist du auch schon mal gekommen.
„Und? Gefällt’s dir hier?“ „Naja... ich kenn ja kaum jemanden“, antwortete Bill, ließ seinen Blick durch den Raum gleiten. „Ich kenn die Hälfte auch nich...“ Bill lachte. Ich beobachtete ihn heimlich von der Seite. Gut sah er heute aus, wie immer. Er trug ein knallrotes T-Shirt mit silbernem Aufdruck „Runnin’ Rebels“ und eine schwarze, enge Hose mit zwei Reißverschlüssen. Es war eins meiner Lieblings- T-Shirts von ihm, in rot sah er immer so verdammt sexy aus. Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus, als mein Blick höher wanderte. Er hatte so schiefe Zähne, tja Bill, das kommt davon wenn man seine Zahnspange nicht trägt. Seine Haare waren heute etwas mehr aufgestylt und buschig, obwohl ich sie glatt schöner fand war er doch wieder mal so perfekt. Seine geschminkten Augen wirkten so mystisch, und obwohl ich diesen Anblick längst gewohnt war, verzauberte er mich immer wieder. „Is was?“ „Hä?“ „Ich mein, hab ich was in den Haaren? Oder warum guckst du so?“, Bill fuhr sich kontrollierend durch seine Mähne. „Äh... ne. Ich hab mehr durch dich durch geguckt“ Lüge!
„Hier ist es voll stickig, kommst du mit raus?“ „Äh.. klar!“ Ich folgte ihm in den Garten. Hier draußen war noch niemand, alle hielten sich bis jetzt noch lieber drinnen auf, denn es war wirklich bitterkalt. Etwas unsicher stand ich in der Gegend herum, wie bestellt und nicht abgeholt und wusste nicht, was ich tun geschweige denn sagen sollte. Warum wollte er unbedingt mit mir rausgehen? Suchte er meine Nähe? Wollte Bill etwa mit mir allein sein? Hatte er überhaupt beabsichtigt, dass wir hier allein sein würden, oder dachte er nur wieder mal einfach nicht nach? Das konnte doch alles kein Zufall mehr sein...
„Was geht da eigentlich zwischen Lisa und Tom?“, fing er ein Gespräch an. „Wie meinst du das?“, stellte ich mich erst mal blöd, ich wusste ja nicht, worauf er hinauswollte. „Ich mein, das sieht doch ein Blinder, dass da noch mal was geht... Ich kann’s immer noch nicht verstehn, dass sie Schluss gemacht hat. Auch einen?“ Bill hatte plötzlich zwei Feiglinge in der Hand. Ich nahm dankend an und leerte das Fläschchen. „Es liegt doch auf der Hand, dass sie ihn noch liebt... Naja Mädchen... werd’ ich wohl nie verstehen“, er grinste. Ich knuffte ihn in die Seite. „Ey... was soll das denn heißen?!“ „Dass ihr unlogisch seid“, er sah mich lange und durchdringlich an. Mir wurde auf einmal ganz heiß, dieser Blick gefiel mir gar nicht und dieses Thema erst recht nicht. Noch ein paar Sekunden länger, Bill, und ich kann für nichts mehr garantieren. Wenn du weiter so guckst, werde ich mich heulend in deine Arme schmeißen... doch dann wandte er den Blilck von mir ab. Ich atmete erleichtert aber kaum hörbar aus.
Mir fröstelte. Wir waren ja auch mal wieder so schlau und hatten keine Jacken angezogen. „Das wird schon wieder mit den beiden...“, meinte Bill. „Hmmm, hoff’ ich auch“  Ein lauter Knall ertönte und der Himmel wurde rot. Dann noch einer, aber diesmal grün. Immer mehr Raketen erleuchteten den Himmel. Als wir das letzten mal zusammen ein Feuerwerk gesehen haben, waren wir noch zusammen. Das war vor gut zwei Monaten im Stadtpark, kurz bevor Bill mich mit Andreas erwischt hat. Ich sah auf die Uhr, es war genau Mitternacht. Bill drehte sich zu mir und lächelte. Dann fielen wir uns in die Arme. „Frohes Neues, Süße!“ Er drückte mich fest an sich. Ich hätte losheulen können. Was fiel diesem Mistkerl auch ein, mich „Süße“ zu nennen? Dabei bedacht, dass er mich umarmte, ich wieder schutzlos seiner Nähe, seiner Körperwärme und all diesen Rauschmitteln ausgesetzt war? „Dir auch“, nuschelte ich mit brüchiger Stimme in seine Haare. Ich musste echt schwer schlucken, um nicht jeden Moment in Tränen auszubrechen. Na, da fing das neue Jahr schon mal toll an!

 

 

 

 

68.
„Lass uns wieder reingehn, hier iss’es voll kalt“, meinte Bill, als er sich aus unserer wunderschönen qualvollen Umarmung gelöst hatte. Stumm ging ich vor ihm wieder ins Wohnzimmer zurück. Ich war nicht fähig zu sprechen, nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Warum musste ich so leiden? Was hatte ich getan, womit hatte ich diese Ungerechtigkeit verdient? Überall um uns herum waren Menschen, die sich umarmten, sich beglückwünschten, Paare, die sich verliebt ansahen und knutschten. Überall glückliche Menschen, deren Leben so unbeschwert schien. Nicht nur du hast Probleme, Lilly! Ich weiß, aber im Moment sah es leider genau so aus. Als wäre ich die einzige Person in diesem Raum, auf diesem Planeten, der es scheiße geht.
Auf der Suche nach Lisa, meiner Verbündeten, von der ich mit ziemlicher Sicherheit ausgehen konnte, dass ihre Welt nicht so zum kotzen perfekt war, auch wenn sie es nicht sagte oder es sich selbst noch nicht eingestehen wollte rämpelte ich versehentlich so einige Leute an. Doch sie schienen es nicht mal zu merken, alle waren sie vertieft in diesen schönen Neujahrsmoment, die Party, was weiß ich. Wahrscheinlich das Glück tief in ihrer Seele. "Frohes Neues", hörte ich eine mir sehr bekannte Stimme, als ich an der Küche vorbeiging. Die Tür war nur angelehnt und ich spähte heimlich hindurch, um zu sehen, mit wem Tom gesprochen hatte. Ich musste stark schlucken, so berührte mich das Bild, welches ich sah. Lisa und Tom standen da und umarmten sich. Ich konnte Toms Gesicht sehen, er hatte die Augen geschlossen, drückte sie an sich. Fast schon wehleidig. Es sah so aus, als ob sie sich beide nie wieder loslassen wollten. Ich wandte mich wieder ab. Für mich war es jetzt eindeutig klar, dass die beiden wieder zusammen kommen würden, das war nur noch eine Frage der Zeit und meine einzige Verbündete hatte sich so eben gegen mich gestellt. Hatte sie nicht, aber so fühlte ich mich. Oh ja, ich war so gut darin, mich selbst zu bemitleiden, schließlich hatte ich genug Situationen, in denen ich das immer üben konnte.
Seufzend ließ ich mich wieder auf die Couch fallen nachdem ich mich an den Feiernden vorbeigedrängt und den ein oder anderen Neujahrsglückwunsch erwiedert hatte. Wo Bill abgeblieben war, nachdem wir wieder reingegangen sind? Keine Ahnung, interessierte mich auch nicht. Interessierte mich sehr wohl! Bestimmt hat er sich mit irgend so 'ner Tussi ein Zimmer genommen...
Was dachte ich nur wieder für'n Mist? Vielleicht sollte ich wirklich mal die Finger vom Alkohol lassen ... Aber es war schließlich Silvester, da darf man das, ich führte meinen inneren Monolog noch weiter fort, bis sich jemand zu mir auf die Couch setzte. Lass es Bill sein! Ich drehte mich zur Seite. Okay, wenn Bill neuerdings blonde Haare und blaue Augen hatte und sehr weiblich aussah, war es Bill. Ich musste plötzlich unglaublich über meine letzten Gedanken lachen. Ich bekam einen solchen Lachkrampf, dass einige der Gäste mich schon stutzig anguckten, aber das störte mich nicht. "Was hast du denn jetzt?", fragte Lisa. "Ich? Nichts...Ich... hab... zu viel getrunken", mit jedem Wort wurde ich leiser. "Einsicht ist der erste Weg zur Besserung... wo warst du vorhin? Ach ja..... Frohes neues Jahr!" Wir umarmten uns kräftig. "Ich war mit Bill auf der Terrasse", beantwortete ich dann schließlich ihre Frage. "Mit Bill? Hä? Warum?" "Keine Ahnung... so halt" Sie sah mich bedeutungsschwer an. "Was?", fragte ich verwirrt. "Ja... ihr wart alleine auf der Terrasse?! Ist da nich vielleicht was gelaufen?" "Ne was soll schon gelaufen sein?! Auch wenn du's dir wünscht, Lisa, aber zwischen uns geht nix mehr, kannste knicken", ich war mal wieder zu schroff, aber das fiel mir erst auf, als ich schon gesprochen hatte. "Ja man, is gut. Reg dich mal wieder ab!" Ich wusste selbst nicht, warum ich sie jetzt angemeckert habe. Vielleicht um meinen Frust abzubauen? Denn im Grunde wünschte ja nicht SIE sich, dass ich wieder mit Bill zusammenkomme, sondern ICH. "Noch ein paar Wochen und ich bin reif für die Klapse... Aber so was von", nuschelte ich. "Ach Jungs sind scheiße...", Lisa verschränkte schmollend die Arme und lehnte sich zurück. Ich musste schmunzeln. Das sagte grade sie? Sie hatte doch Tom verlassen...
"Aber egal, komm lass uns jetzt Party machen!" "Okay" Wir holten uns gleich jeder zwei Feiglinge und wollten jetzt endlich anfangen, richtig zu feiern, da hörten wir lautes Scheppern, spitze Schreie. Wir drehten uns um. Oh nein! Irgendeiner dieser Idioten hatte tatsächlich das Aquarium runtergeschmissen. In tausend Scherben zersplittert lag es auf dem Boden, die Wasserpflanzen mitsamt dem Wasser über den Teppich gekippt, die Pumpe rausgerissen und die armen Fische begannen ihren Todeskampf. Alle starrten geschockt auf den Jungen, der schuldbewusst und mit nassem Oberteil dreinblickte. Schnell rannte ich in die Küche und holte mehrere große Schüsseln, füllte sie mit Wasser, dass die Fische wenigstens nicht sterben mussten.
"Seid ihr alle bescheuert? Geht’s noch?!", schrie Lisa auf einmal rum. Den Typ, der das Aquarium heruntergerissen hatte, kannten wir noch nicht mal. Das war so was von klar gewesen. Ich hatte doch von Anfang an gesagt, das würde nicht gut gehen. Und da hatten wir den Salat. "Weißt du eigentlich, was so was kostest? Wer bist du überhaupt?" "Julian", sagte der Junge eingeschüchtert, und das zu Recht. In seiner Haut wollte ich jetzt beim besten Willen nicht stecken. "Kenn ich dich? Nein! Was haste hier überhaupt zu suchen? RAUS!" Schnell tat er wie ihm befohlen und verließ schon beinahe fluchtartig das Haus. "Der kommt nich so schnell wieder...", stellte Lisa  belustigt fest. Na Hauptsache, sie konnte drüber lachen. Wir begannen damit, die Sauerei im Wohnzimmer zu beseitigen, natürlich half uns niemand, alle verzogen sich in die Küche oder woanders hin. Das war mal wieder so typisch, alle machen Scheiße aber keiner will dafür grade stehen. Apropros grade stehen, Lisa würde morgen noch ein Donnerwetter erwarten, aber was für eins. Die arme tat mir jetzt schon leid.
"Lisa komm mal, da hinten hat irgendwer durch den ganzen Flur gekotzt!" Genervt folgte sie Tom, ließ mich mit dem Aquariumsdesaster alleine. Klasse! Jetzt ging’s echt los. Klar, zwei Uhr morgens, Alkoholpegel entsprechend hoch, alle in Feierlaune, ist ja nicht deren Haus. Eine halbe Stunde später war es kaum noch auszuhalten, überall irgendwelche Leute, die kotzten, saubermachten oder einfach nur genial im Weg standen, die Hälfte hatte sich schon verdrückt. Es geriet alles außer Kontrolle, das Haus war ei einziger Saustall. Lisa und ich liefen die ganze Zeit hektisch von A nach B weiter nach X Y und PQ, mussten alles gleichzeitig machen. Ich hätte schreien können und Ausschlag bekommen von der ganzen Kotze und den vollgekotzten Eimern die wir spülen durften. Gegen vier Uhr wurde uns das alles zu blöd, wir schmissen alle Gäste raus.
Zu viert räumten wir die letzten Reste auf, putzten den Teppich, ließen die ganzen leeren Flaschen verschwinden, und saugten das Wohnzimmer. Die Zwillinge übernachteten auch hier, es war einfach praktischer, als nach hause zu fahren. Zum Glück hatten wir schon vorher eine Luftmatratze neben Lisas Doppelbett aufgebaut, ich fiel nut noch müde darauf und war sofort eingeschlafen. So hatten wir uns das ganze nicht vorgestellt.

 

Wohlig halbschlafend schmatzend verharkte ich die Finger mit meinen, kuschelte mich an und wollte noch mal einschlafen. Aber stopp! Wem gehört der Arm, der um meine Taille lag? Und wem gehört der Körper hinter mir? Ich öffnete vorsichtig die Augen und schielte unter die Bettdecke. Die Fingernägel waren schwarz lackiert und hatten eindeutig die Form von Bills Nägeln. Oh Gott! Warum in aller Welt lag er mit mir auf der Luftmatratze? Warum umarmte er mich im Schlaf? Oder hatte ich ihn in die Umarmung gezogen? Bekam er überhaupt etwas davon mit? Oder schlief er noch? Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Einerseits wollte ich mich auf keinen Fall auch nur einen Zentimeter von ihm wegbewegen, aber andererseits, wenn er wach war... dann konnten wir doch nicht so liegen bleiben. Er musste noch schlafen, sonst wär er doch längst aufgestanden und würde hier nicht so mit mir rumkuscheln.
Ich entschied mich, einfach noch mal einzuschlafen, presste die Augen zusammen, und wollte mich beruhigen, aber es ging nicht. Mein Herz raste so, ich war so sehr nervös, wie sollte ich da schlafen?
Oh verdammt...wieso musste ich nur immer daran erinnert werden, wie schön es ist, mit Bill zusammen zu sein? Als wäre es nicht so schon schlimm genug... ich wusste echt nicht, was jetzt schlimmer war: Ganz normal "nur Freunde" zu sein oder "nur Freunde" sein mit gelegentlichen unerwarteten Kuschel-attacken, bei denen ich immer wieder Blut leckte um dann wenn ich alleine war mich daran erinnern zu können, wie nah wir uns manchmal waren und mich so danach zu sehnen...
Ich stellte mich weiter schlafend. Ich wollte mich zu ihm umdrehen, ihn umschlingen und küssen, doch ich war nicht im Stande, mich nur einen Millimeter zu bewegen oder überhaupt gleichmäßig zu atmen. Ich versuchte, mich zu beruhigen, einfach seine Nähe zu genießen. Wobei das eine irgendwie das andere ausschloss. Wie eine Ewigkeit kam mir diese Zeit vor, in der ich starr vor Nervosität und trotzdem kurz davor war, ihm die letzten Klamotten vom Leib zu reißen, in der mein Herz gleichzeitig lachte und weinte. Es zerriss mich innerlich. Ich wollte seine Nähe ja, aber ich wollte sie IMMER und nicht nur ab und zu auf Raten und auf freundschaftlicher Ebene. Dann irgendwann bewegte er sich, entzog seine Hand meiner. Das Gewicht, was vorher auf meiner Taille gelastet hatte, entfernte sich, als er seinen Arm hob, an meinem Rücken, wo er vorher gelegen und mich mit seinem Körper berührt hatte, wurde kalt. Behutsam legte er die Decke wieder über mich und verließ das Zimmer. Ich hätte losheulen können, so elend fühlte ich mich. Warum nur kam ich in letzter Zeit immer in so zwiespältige Situationen mit Bill?
Kurze Zeit später hörte ich Stimmen in der Küche. Tom und Lisa waren wohl schon wach. Moment... wenn Bill bei mir geschlafen hatte, dann hatten ja Tom und Lisa... Vielleicht waren sie wieder zusammen?! Ich gluckste. Vielleicht war das der Grund, warum Bill sich mit mir die extrem schmale Matratze hatte teilen müssen. Weil Tom bei Lisa schlafen wollte. Hihi. Ich beschloss, dass es nun für mich an der Zeit war, auch "aufzuwachen" und tapste etwas gespielt müde zu den anderen in die Küche. Lisa und Tom saßen sich gegenüber, Bill daneben. Ein Platz war noch frei. Schön, ich durfte Bill gegenübersitzen, war doch mal was. Haha. Aber wie ein frisch wieder zusammengekommenes Pärchen sahen die beiden nicht grade aus. Hmm... musste ich Lisa nachher mal alleine abpassen.
Dazu bot sich eine gute Gelegenheit, als wir im Bad waren um uns umzuziehen und uns fertig zu machen. "So und jetzt will ich alles wissen. Was ist gestern passiert nachdem ich auf der Matratze eingepennt bin?", platzte es sofort aus mir heraus als ich die Tür schloss. "Ich wollte mit dir auf dem Boden schlafen aber die Jungs haben sich strikt geweigert, in einem Bett zu schlafen, dann hat Tom gesagt er braucht auf jeden Fall Platz und wollte deswegen bei mir im großen Bett penn" Hmm... er braucht Platz. Klar! NUR deswegen wollte er bei ihr schlafen. "Du hattest noch deine Klamotten an, dann ham wir dich halt noch umgezogen. Naja... wie man gesehen hat brauchtet ihr ja auch nur so wenig Platz also von daher...", sie grinste mich an. "Das ist nicht witzig", zischte ich.

 

 

69.
Lisa hatte uns rausgeschmissen, noch bevor ihre Eltern kamen. Sie wollte uns nicht unbedingt dabei haben wenn sie angeschissen wurde. Verständlich. Es wäre schrecklich gewesen, hatte sie mir später erzählt. So wütend hätte sie ihre Eltern noch nie erlebt, so enttäuscht. So schnell würde sie keine Party mehr zu Hause feiern dürfen.
Es war Wochenende, Lisa war bei mir und wir langweilten uns. Normalerweise fiel uns immer was ein, aber heute war mit uns beiden nicht viel los. Wir gammelten förmlich auf meinem Bett rum und taten nichts. Irgendwann kam sie auf die Idee, mal zu sehen, was Tom und Bill machen. Da mir auch nichts besseres einfiel, stimmte ich zu. Wie nicht anders zu erwarten zockten die beiden mal wieder an Toms Playstation. Die hatten echt nichts anderes im Kopf, entweder ihre Band oder Playstation Spiele. "Uns ist langweilig", meinte Lisa. "Is ja doof... was kann man da denn machen?!" "Ihr unterhaltet uns jetzt", befahl Lisa und setzte sich besitzergreifend auf Toms Bett. "Sollen wir SingStar spielen?", meldete sich nun auch Bill zu Wort. Wir bildeten Gruppen. Lisa und ich gegen die Jungs. "Ja sicher, dann gewinnt ihr wegen Bill das ist voll unfair!", protestierte Lisa. "Wieso Bill? Ich sing viel besser", meinte Tom. "Jaja..." Es war fast schon so wie früher, wir vier verbrachten unsere Zeit miteinander. Nur der Umgang war ein anderer. Teils unbeschwert, so wie früher, aber in manchen Momenten merkte man einfach, dass es doch eine gewisse Distanz gab, diese gewisse Distanz, die von zerbrochenen Herzen ausging und vorher nicht da gewesen war. Die Körpersprache sagt manchmal einfach mehr als Worte und mehr als man kontrollieren kann. Sie verrät Dinge über uns, die wir so niemals freiwillig sagen würden. Bei Tom und Lisa war das ganz extrem. Das dauert nicht mehr lange, dachte ich mir, dann sind die wieder zusammen. Und was ist dann mit Bill und mir? Wenn die beiden wieder ein Paar waren wäre es noch blöder, wenn wir beide dann getrennt waren. Wo war denn die schöne alte Zeit? Diese Einheit unter uns, wie sie noch im Sommer existiert hatte? Nicht selten wünschte ich mir diese "gute alte Zeit" zurück. *Früher war doch alles besser...*
Ich musste gegen Bill singen. "Ja sicher, das ist unfair, du hast ein Vorteil! Ich bin dafür, dass Bill außer Konkurrenz singt" Leider hatte aber keiner Mitleid mit mir, deswegen musste ich wohl oder übel. Eher übel, stellte ich fest als das Lied per Zufall ausgewählt wurde - More than words von Extreme. Innerlich schlug ich mir die Hände über dem Kopf zusammen. Doch äußerlich durfte ich mir nichts anmerken lassen.

 

 

***Saying I love you
Is not the words I want to hear from you
It's not that I want you not to say
But if you only knew
How easy it would be to show me how you feel
More than words
Is all you have to do to make it real***

 

 

Begleitet von der wunderschön schnulzigen Akkustikgitarre, langsam und qualvoll starb ich hier vor mich hin. Wie gebannt starrte ich die auf den Fernseher, ich hätte es nicht fertig gebracht, Bill jetzt anzusehen. Dieses Lied war einfach wunderschön, aber genau das zerfetzte mich so. Es ist eben mehr als Worte, die uns zeigen, wie wir zueinander stehen, es ist vielmehr die Körpersprache, das Verhalten. Mit meinem Verhalten hatte ich mich vielleicht längst verraten. Bill könnte über mich und meinen Gefühlszustand bescheid wissen, wenn ich es nicht geschafft hatte es gut genug zu verbergen. Auch sein Verhalten zeigte alles nur zu deutlich. Für ihn war Gras über die Sache gewachsen, er hatte keine Probleme damit, mir in die Augen zu sehen, mich zu umarmen. Er bekam nicht gleich einen Heulkrampf oder wilde Phantasien wenn es den Anschein machte, dass ich was mit 'nem anderen Typen hätte. Für ihn war die Welt in Ordnung.

 

 

***Now that I've tried to talk to you
And make you understand
All you have to do is close your eyes
And just reach out your hands
And touch me
Hold me close don't ever let me go***

 

 

Ich musste mich schon stark beherrschen, nicht gleich hier vor allen in Tränen auszubrechen. War auch mal wieder ein ziemlich blöder Zufall das alles hier. Wir hätten gar nicht erst runterkommen sollen, es war ein Fehler, was mit den Zwillingen gemeinsam zu machen. Jedes mal war es ein Fehler, wenn ich mir das freiwillig antat, aber ich wusste genauso gut, dass ich nicht mehr ohne die beiden konnte, schon mal gar nicht ohne Bill. Im letzten Jahr waren wir tagtäglich zusammen gewesen, ich konnte mir gar nicht mehr vorstellen, ein Einzelkind zu sein. Ich brauchte Bill und Tom. Wir hatten uns so aneinander gewöhnt...
"Ich muss aufs Klo", sagte ich schnell, als wir mit dem Lied fertig und meine Tortur beendet war. Ohne einen weiteren Blick zu den anderen verschwand ich ins Bad, schloss ab und setzte mich auf den Badewannenrand. Ich stützte den Kopf in meine Hände, vergrub mein Gesicht in ihnen und weinte. Das konnte so nicht weitergehen, ich würde es nicht mehr lange aushalten, ich war am Ende meiner Kräfte. Es machte mich so fertig, dieser Zwiespalt zwischen Sehnsucht und Angst davor, ihn zu sehen. Jeden Tag wurde ich mehrmals konfrontiert. Wie soll man etwas vergessen oder verarbeiten, an das man mindestens jede Stunde erinnert wird? Das war doch praktisch unmöglich. Ich erinnerte mich an einen Spruch, den ich schon mehrmals gelesen oder gehört hatte: Die schlimmste Art jemanden zu vermissen ist neben ihm zu sitzen und zu wissen, dass er dir nie wieder gehören wird! Wie wahr, wie wahr...
Ich stand auf und schaute in den Spiegel. Ein verheultes Gesicht mit roten, traurigen Augen sah mir entgegen, es wirkte so fremd, so als hätte Bill alles Glück mitgenommen, alle Farbe, alle Freude, an dem Tag, als er mir das Herz rausgerissen hat. Er hat mir wehgetan, so unendlich, kaum vorstellbar. Er hat mich ungerecht behandelt, hat mich nicht mal ausreden lassen. Und doch war ich ihm nicht böse, ich konnte ihm nicht böse sein. Weil es für ihn wirklich so ausgesehen haben muss als hätte ICH IHN ungerecht behandelt, als hätte ICH IHN hintergangen. Und nicht zuletzt konnte ich ihm aus dem einfachen Grund nicht böse sein, weil ich ihn über alles liebte. Ich hatte ihm längst verziehen.
Ich wischte mir die Tränen weg, spülte mein Gesicht mit kaltem Wasser ab und schminkte mich schnell mit Kajal nach. Und voilà - ich sah fast aus wie neu. Ich stellte mich gerade hin, straffte die Schultern, lächelte meinem Spiegelbild entgegen. Ich musste jetzt stark sein. "Auf in den Kampf", nuschelte ich mir zu und ging zurück zu den anderen. Keiner schien etwas bemerkt zu haben und so überstand ich den restlichen Nachmittag tapfer, bis ich schließlich abends in meinem Bett lag und alles wieder hochkam. Ich konnte stark sein, ja, aber nur für einen geringen Zeitraum. Und nur noch eine bestimmte Zeit. Ich würde es nicht ewig aushalten, irgendwann wird alles über mich hineinbrechen und alle anderen wohl oder übel davon erfahren. Ich sah es schon kommen, dieser Tag war nicht mehr weit entfernt.

 

70.
"Es geht mir gut ohne dich - ich wünscht' es wäre so", sang ich leise zu der Musik meines Mp3-Players mit, während ich von der Haltestelle nach Hause lief. Schon den ganzen Vormittag war mir das Lied durch den Kopf gegangen. "Ich weiß, dass es nicht geht, ohne dich... Ich lieg im Schlaf und heul..." Gerade ging es mir gut. Die Schule hatte mich etwas abgelenkt. Zwar nicht die ganze Zeit und nicht vollkommen, aber einigermaßen. Ferien waren zwar schön und gut aber Ferien bedeuteten auch viel Zeit mit Tom und Bill zu verbringen, viel Zeit, in der man nichts zu tun hatte, viel Zeit um nachzudenken. Von daher war ich ganz froh, dass sie vorbei waren und der Alltag wieder einkehrte. Ich hatte mich im Gegensatz zum Rest der Klasse nicht beschwert, dass wir viele Hausaufgaben hatten, es bedeutete für mich nur eine Möglichkeit, mich erfolgreich abzulenken. Und zwei Wochen nach Schulbeginn waren wir auch langsam aus der Schonungszeit wieder raus und die Lehrer gnadenlos.
Also verbrachte ich den gesamten Nachmittag damit, meine Hausaufgaben sorgfältig zu erledigen. Man, was war ich für ein Streber. Danke, Bill! Überrascht war ich, als Lisa mir bei ICQ eine Nachricht schrieb: *Komm mal bitte um 19.00 Uhr zum Proberaum. Müssen was besprechen. Ist gaaaanz wichtig! ld Lisa <3*
Hä? Was wollte sie denn plötzlich so Wichtiges besprechen? Warum mussten wir uns dafür extra treffen und warum in aller Welt gerade am Proberaum? Konnten wir das nicht hier oder bei ihr machen? Gerade wollte ich nachfragen, da war sie auf einmal off. Hmm, seltsam. Aber das werde ich dann wohl um 19.00 Uhr erfahren. Mir grauste es schon, dorthin zu fahren, wenn ich mal so aus dem Fenster guckte. Aber wenn es wichtig war konnte ich sie nicht einfach versetzen. Ich konnte sie so oder so nicht einfach versetzen, das macht man nicht. Ich schaltete den PC aus und machte mich an die Mathehausaufgaben. Waren die Jungs nicht im Proberaum? Ach ne, sie hatten beim Mittagessen irgendwas fallen lassen von wegen dass sie zu Andy gehen wollten. Okay, auch gut.
Um halb sieben trat ich dick eingepackt hinaus in die eisige Dunkelheit. Es schneite in heftigen, dicken Flocken, die mir den Großteil der Sicht versperrten. Ich kämpfte mich durch sie hindurch zur Haltestelle und war froh, als die Straßenbahn kam. Ich stieg schnell ein und ließ mich auf einen Vierersitz fallen. Hier war es im Gegensatz zu draußen schön muckelig warm. Ich schaute aus dem Fenster, beobachtete das Treiben draußen. Autos und viele Lichter, die vorbeizischten in dieser Wintertraumwelt. Okay, es war mehr ein Winteralptraum, stockender Verkehr, Schneechaos, würde mich nicht wundern wenn es bald den ersten Unfall gab. Was musste mich Lisa bei so 'nem Mistwetter auch unbedingt nach draußen bestellen?!
Beinahe verpasste ich die Haltestelle, im letzten Moment sprang ich noch zur Tür raus. Jetzt musste ich mich aber beeilen, es war kurz vor 7 und ich hatte noch ein Stückchen Fußweg vor mir. Als ich dann dem verlassenen Gebäude ankam, wartete Lisa schon ungeduldig. Es war echt gruselig hier, alles dunkel, nur in einem der oberen Fenster brannte Licht. Dort, wo der Proberaum war. "Erst bestellst du mich bei dem Scheißwetter hier hin und dann kommste zu spät...", meckerte sie, als ich sie erreichte. Ich stutzte. "Wieso? Du hast mir doch geschrieben" "Nein, ich hab von dir bei ICQ 'ne Nachricht gekriegt, dass ich hier um 19.00 Uhr hinkommen soll, es wäre wohl total wichtig und ganz schnell warste wieder off" "Ich glaub', hier verarscht uns jemand, das Gleiche war bei mir nämlich auch" Scheinbar wollte irgendwer uns hierher bestellen, der sich aber nicht outen wollte. Vielleicht, weil wir sonst nicht gekommen wären?! Wir beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen, wir wollten uns schließlich nicht verarschen lassen. Es war noch jemand hier, keine Frage, denn im Proberaum brannte Licht.
Ein wenig mulmig war mir dann doch, als wir die Treppe hinaufstiegen, obwohl wir zu zweit waren und uns im Falle eines Falles wehren könnten. Was für ein Fall überhaupt? Ich glaube, meine Phantasie drehte mal wieder mit mir durch. Die Tür war nur angelehnt, ein warmer Lichtkegel drang aus dem Spalt hervor. Oh ja, da drin war es bestimmt kuschelig...
Da drin waren Tom und Bill! Bill saß auf einem Hocker vor seinem Mikro, Tom daneben mit seiner Gitarre. Was machten DIE denn hier? Hatten sie uns etwa hier hergelockt? Na die konnten was erleben, das war nämlich alles andere als lustig. Ein wenig hilflos schaute Tom uns an, Bill versetzte ihm einen leichten Tritt, dann fing Tom an zu spielen. Ich wurde aus alle dem nicht schlau. Auch nicht, als Bill mit den ersten Zeilen begann...

 

 

**Meine Augen schaun mich müde an
Finden keinen Trost
Ich kann mich nicht mehr mit ansehen
Bin ichlos**

 

 

Was sollte das werden? Ich kannte das Lied nicht. War es neu? Mir kam das alles hier sehr seltsam vor. Ich schaute mich nach Lisa um, sie saß auf der kleinen Couch und blickte mit feuchten Augen Richtung Tom. Ich schaute zu Bill, er sah mich direkt an.

 

 

**Ich bin nich' ich
Wenn du nicht bei mir bist
Bin ich allein
Und das, was jetzt noch von mir übrig ist
Will ich nicht sein**

 

 

So langsam begann ich zu verstehen. Sollte das eine Entschuldigung sein? Wollte er mir damit sagen, dass er mich liebte? War das so gemeint? Die Bitte um eine zweite Chance?

 

 

**Ich weiß nicht mehr wer ich bin
Und was noch wichtig ist
Das ist alles irgendwo, wo du bist**

 

 

Meine Knie wurden weich, fingen an zu zittern. Ich fühlte mich, als könnte ich mich nicht mehr lange halten. Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals und die ersten Tränen waren auch nicht mehr weit. War ich so blind gewesen? Hatte ich echt gedacht, es ginge ihm gut? Hatte ich echt gedacht, er käme mit der Situation klar, er würde mich nicht mehr lieben? Ich dachte, ich würde ihn kennen. Aber ich wusste nichts über ihn, ich habe mich von ihm betrügen lassen, genau wie alle anderen. War er ein so guter Schauspieler? Hatte ich die Zeichen nicht gesehen? Oder hatte ich sie nur übersehen? Aus Egoismus, weil ich nur mit mir selbst beschäftigt war...?

 

 

**Ich lös mich langsam auf
Halt mich nicht mehr aus
Ich krieg dich einfach nicht mehr aus mir raus
Egal, wo du bist
Komm und rette mich
Ich bin nicht ich
Wenn du nicht
Bei mir bist
Bin ich allein
Und das, was jetzt noch von mir übrig ist
Will ich nicht sein
Draußen hängt der Himmel schief
Und an der Wand dein Abschiedsbrief**

 

 

Okay, das passte nicht alles hundertprozentig auf Bill und mich, aber immerhin war Lisa auch hier und Tom. Das war also der Grund, warum die beiden in letzter Zeit so oft hier gewesen waren. Sie hatten einen Song geschrieben. Nur für Lisa und mich. Nur für uns und unsere Liebe. Ich sah Bill an, die Tränen rannen mir über die Wangen, aber ich lächelte. Ich lächelte. Das erste Mal seit drei Monaten ein ehrliches Lächeln.
Die letzten Töne erklangen. Wie angewurzelt stand ich da, ich konnte mich nicht bewegen, so überwältigt war ich. Mein ganzes Leben hat sich in den letzten drei Minuten wieder um hundertachtzig Grad gedreht, alles umgeschmissen, alles neu. In mir drin herrschte pures Chaos, aber gutes, wohltuendes Chaos. Bill stand langsam auf, bewegte sich auf mich zu. Und plötzlich stand er direkt vor mir, sah mich so durchdringlich an. "Hat's dir gefallen?", flüsterte er. Ich nickte. Die Luft zwischen uns knisterte, ich konnte es förmlich spüren. Niemand traute sich wirklich, jetzt den nächsten Schritt zu machen, obwohl im Grunde alles klar. Doch dann fiel ich ihm um den Hals, drückte ihn fest an mich und vergrub mein Gesicht in seiner Halsbeuge. "Es tut mir so leid...", flüsterte er mit brüchiger Stimme in mein Ohr. Ich erwiderte nickend ein Schluchzen. Zu mehr war ich nicht fähig.
Mein Herz lachte. Es lachte und hüpfte so dermaßen, dass ich nur noch weinen konnte. Das ganze Glück brach über mich herein wie ein warme Welle, sie nahm mich mit, trug mich in eine andere Welt. In eine Welt, in der das Leben schön war, in der alles perfekt war, in der Bill und ich endlich wieder zusammen waren. Ich löste mich von ihm, öffnete die Augen und befand mich noch immer in genau dieser Welt. Diese Welt war die Realität. Er lächelte schüchtern. "Mit dir Schluss zu machen war der größte Fehler, den ich je gemacht habe. Ich wollte nicht, dass es dir schlecht geht und mir ging es ja selbst schlecht und - " Ich legte ihm meinen Finger auf die Lippen und grinste. "Küss mich!", hauchte ich. Keine zwei Sekunden später spürte ich seine Lippen auf meinen. Zaghaft und sanft, so süß und zum dahinschmelzen. Genießerisch seufzte ich. Wie lang war unser letzter Kuss her? Wie oft hatte ich mir das in den letzten drei Monaten gewünscht? Das alles zählte jetzt nicht mehr, war Vergangenheit. Ich konnte nun wieder in die Zukunft blicken, mit Bill.
71.
"Lass uns nach hause gehn, ja?" Ich sah zu Tom und Lisa rüber, die gerade knutschten. Ein breites Grinsen zeigte sich auf meinem Gesicht. Na endlich hatten sie es geschafft! Dann wendete ich mich wieder Bill zu und nickte fröhlich. "Ne stopp!", sagte er und kramte in seiner Hosentasche bevor er einen Ring herauszog. Es war der Ring, den ich zu Weihnachten bekommen hatte. In dieser Sekunde wurde mir klar, dass er von Bill war, nicht von Marco wie ich zuerst geglaubt hatte. Ich war so naiv gewesen... Er griff nach meiner Hand und steckte mir den Ring liebevoll an. Dann verharkte er seine Hand mit meiner, sie war warm und zart, wie sie es immer gewesen war, und rief Tom und Lisa zu, dass wir gehen wollten. Sie beendeten ihre Kussorgie und folgten uns - nicht minder glücklich - nach draußen in die Kälte. Doch in meinem Innern war es warm und ich fühlte mich so viel stärker und größer neben Bill, an seiner Hand. Sein Daumen strich kontinuierlich und zart über meinen Handrücken. Ich hätte schreien können und tanzen und hüpfen und die ganze Welt umarmen.
Den gesamten Heimweg sagte kaum einer von uns ein Wort. Ab und zu warfen wir uns verliebte Blicke zu und grinsten dämlich und trotz des hässlichen Wetters war es als ob allein über uns die Sonne scheinen würde.

 

Ich konnte nicht schlafen. Seit mindestens drei Stunden lag ich schon wach, ich fand einfach keine Ruhe. Ich konnte nicht sagen, wie spät es war, die Drei ??? CD war schon mehrmals durchgelaufen, aber hingehört hatte ich auch nur halbherzig. Meine Gedanken drehten sich um Bill. Einzig und allein. Ein seeliges Grinsen umspielte meine Lippen, als ich mich nochmals umdrehte und in die dunkle Leere meines Zimmers starrte. Mein Schicksal hatte anscheinend doch Mitleid mit mir bekommen... Ab heute war alles wieder gut, ab heute war ich wieder glücklich, heute war ich wieder aufgewacht. Nur Schlaf, den würde ich heute sicher nicht mehr finden. Bill hatte sich wie immer in meinem Kopf festgesetzt, nur ab jetzt bescherte mir das wieder positive Gefühle...
Jemand schlich die Treppe hoch. Mein Puls steigerte sich, wer schleicht denn nachts hier rum? Ich knipste das Licht an und sah auf meinen Wecker - 2:30 Uhr. Stöhnend fiel ich zurück ins Kopfkissen und ließ es wieder dunkel um mich herum werden. Na das konnte aber 'ne lange Nacht werden. Da öffnete sich die Tür. Ich erkannte ich schemenhaft die Umrisse eines schmalen großen Jungen, der nur eine enge Boxershorts und ein T-Shirt trug, die langen Haare fielen zerzaust ins Gesicht. Ich musste wieder unverzüglich lächeln. Diese Gestalt war ohne Zweifel Bill.
Ich rutschte ein Stück näher zur Wand und hob die Bettdecke. Schnell schlüpfte er darunter. "Ich konnte nicht schlafen", flüsterte er. "Ich auch nicht" Langsam gewöhnten sich meine Augen wieder an die Dunkelheit. Bill lag auf der Seite, den Kopf auf einer Hand abgestützt, die andere Hand beweget er auf mich zu und strich nun langsam an meiner Seite auf und ab. Lange sahen wir uns einfach nur an, dann sagte ich leise: "Schon erschreckend... ich dachte immer wir kennen uns, aber die ganze Zeit hab ich nich gemerkt, was wirklich in dir vorgeht..." "Ich hab mich auch vor dir verschlossen. Ich dachte, du hättest mich wirklich betrogen und würdest mich nicht mehr lieben, ich wollte dir nicht mal zuhören" "Würdest du mir jetzt zuhören?" Er nickte stumm und ich erzählte ihm die ganze Geschichte mit Marco. Wie wir uns im Schwimmbad getroffen hatten, dass ich ihn toll fand aber Angst hatte, er könnte unsere Beziehung zerstören, wie geschockt ich war, als er auf der Geburtstagsfeier aufgetaucht ist und schließlich wie er mich erpresst hat und ich nur versucht habe, uns zu schützen. Ich ließ kein Detail aus, nicht mal, dass mir der Kuss eigentlich nicht schlecht war. Die ganze Zeit hörte er mir zu, unterbrach mich nicht. Er verzog keine Miene, ließ es mich einfach sagen und nahm es hin, denn wir wussten beide, dass es Vergangenheit war. Und ich wollte ehrlich sein, ich wollte alles loswerden, dass er alles weiß. "Ich dachte erst, der Ring wäre von Marco... als er hier war um seine letzten Klamotten abzuholen hat er mich gefragt, ob wir nicht einen Neuanfang starten wollen. Aber er wird sich nicht zwischen uns stellen..." Seine Hand streichelte mich noch immer, er hatte keine Sekunde damit aufgehört.
"Ich dachte echt, ich hätte dich ganz verloren... Du hast nicht gekämpft... von dir hätte ich mehr erwartet", er sagte es nicht vorwurfsvoll, er sagte es einfach so, wie es war. "Glaub mir, ich hatte genug mit mir selbst zu kämpfen. Und ich wollte nicht... dass du siehst... wie fertig mich das alles macht" Mir kamen schon wieder die Tränen, ich schlug mir die Hände vors Gesicht. Tröstend nahm er mich in den Arm. Seufzend drückt ich meine Nase an seine Brust, hmmm er roch so himmlisch lecker. Ich drehte uns schnell um, sodass ich auf ihm lag und grinste. "Ach... so war das also geplant" "Das..war... eher...spontan", nuschelte ich, immer wieder von Küssen unterbrochen. Währenddessen spielte ich mit Bills Händen, die neben seinem Kopf auf dem Kopfkissen lagen. Ich senkte meinen Kopf, verschloss seinen Mund zu einem sehr zärtlichen Kuss. Dann rollte ich mich wieder von ihm runter. "Hey... nicht aufhören" "Doch, ich bin viel zu schwer für dich" "Ach Quatsch", protestierte er. Ich wollte etwas erwidern, doch da küssten mich schon zwei samtweiche und warme Lippen. Ich seufzte und ließ es geschehen, ließ all die Glücksgefühle auf mich einströmen und badete in ihnen. Ich genoss es und war dankbar, dass alles erleben zu dürfen, ihn wieder zu haben. Und diesmal werde ich besser auf dich aufpassen, Bill.
Seine Zunge schob sich vorsichtig in meinen Mund vor und zuckte kurz zurück. Ich fand das so süß, dass die Zahl der Schmetterlinge in meinem Bauch sich im Bruchteil einer Sekunde um das Tausendfache vermehrt zu haben schien. Immer wieder spürte ich die kleine silberne Kugel seines Piercings, die mich zum wohl millionsten Mal um den Verstand brachte.
"Mein ganzer Bauch kribbelt", flüsterte ich. "Und bei mir erst" Wir sahen uns lange und tief in die Augen. Ich hatte das Gefühl, er könnte in mich hineingucken, in meine Seele sehen. "Ich liebe dich", sagte er leise.  "Ich liebe dich noch viel mehr" "Nein, ich liebe dich mehr" "Ich lieb' dich bis zum Mond und zurück" "Ich lieb dich bis zur Sonne, drei mal rum und zurück" "Ich liebe dich so weit wie die Milchstraße" Wir mussten lachen. Es war echt kindisch, was wir hier gerade machten, aber es war schön und ich war glücklich. "Ich liebe dich unendlich", meinte Bill. Darauf antwortete ich nichts mehr, ich nahm es so in mir auf und verankerte diesen Satz tief in meiner Erinnerung. "Küss mich", witzelte Bill, schloss die Augen und spitzte mir die Lippen entgegen. Er war so süß. Mit einem Lächeln, welches mich schon den ganzen Abend und die ganze Nacht nicht loslassen wollte, betrachtete ich ihn. Seine Haare waren so süß, wenn sie ungestylt und völlig kraus in der Gegend herumlagen und herumflogen. Und wie er da lag, die Augen geschlossen und darauf wartete, dass ich ihn küsse. Er war ungeschminkt. Und so war er noch schöner als mit Schminke, denn die Schminke war manchmal wie eine Maske, er konnte sich verstellen, mir und vielleicht auch sich selbst etwas vormachen. Aber jetzt, jetzt war er einfach nur er selbst. Diese zierliche perfekte Nase, seine vollen rosa Lippen, waren makellos. Seine Haut, so rein wie die einer Puppe und das Muttermal rechts am Kinn, unterhalb der Lippe machte das Bild perfekt.
Er öffnete ein Auge einen Spalt. "Hey, ich warte..." ... "Du bist der schönste Mensch, den ich je gesehn hab" Unsicher schief grinste er mich an. Ich sah ihn an, mit klarem offenem Blick, bevor ich das eben Gesagte mit einem weiteren Kuss besiegelte.
"Mhh... es ist kalt draußen, da kann man doch ruhig noch ein bisschen zusammenrücken" "Meinst du?", fragte er mit rauchiger Stimme. Ich nickte bekräftigend und schon lag Bill auf mir, seine Beine zwischen meinen platziert und streichelte mir zärtlich über die Wange. "So?" Wieder nickte ich. War gefangen vom Anblick seiner Lippen. Schon wieder verzehrte ich mich nach ihnen, obwohl wir uns gerade erst geküsst hatten.
Lange lagen wir noch wach, ich in Bills Armen, dicht an ihn gekuschelt, und beobachteten wie die dicken Schneeflocken so langsam eine weiße Decke auf den Dachzimmerfenstern bildeten, bis ich dann unter seinen liebevollen Streicheleinheiten in einen kurzen und traumlosen Schlaf fiel. Es war, als würden wir die ganze Nähe und Zärtlichkeit, die wir die letzten drei Monate vermisst hatten, in dieser Nacht nachholen.

 

Oh ja, und Schlaf werde ich auch noch ein bisschen viel nachholen müssen, griff ich direkt meine letzten Gedanken wieder auf, als mein Wecker um 6 Uhr klingelte. Verdammt, die Schule rief! Wie lange hatte ich geschlafen? Höchstens eine Stunde. Ich wollte - okay, ich musste - aufstehen, musste dazu aber über Bill rüberklettern. Der jedoch hielt mich schläfrig grummelnd fest. "Hey, ich muss raus, sonst kommen wir alle zu spät" Wiederwillig ließ er mich doch los und schnell unter die Dusche hüpfen, während er seelig ruhig in meinem Bett weiterschlief. Obwohl ich eindeutig Schlaf-Defizite hatte, war meine Laune glänzend. Fertig geduscht und angezogen kam ich zurück ins Zimmer, schlich mich an Bill ran und weckte ihn durch einen Kuss. "Guten Morgen! Du kannst jetzt ins Bad..." Er öffnete die Augen und blitzte mich müde an. "Ich will nich..." "Schule muss sein, Süßer, also hopp!" Ich zog ihm die Decke weg. Anscheinend war er noch zu verschlafen um sich zu wehren. Ich sah ihm nach, wie er lustlos und zum knutschen süß zur Tür hinaustrottete. Und ich lächelte.

 

 

72.
Lisa und ich strahlten während der gesamten Schulzeit um die Wette. Sie hatte sich mit Tom auch wieder vertragen. Sie hätte es so süß gefunden und musste ihnen beiden einfach eine zweite Chance geben. Hatte ich's doch gewusst! Es war sowieso unverständlich gewesen, dass sie mit ihm Schluss gemacht hat. Aber jeder begeht mal Fehler, meistens merkt man das erst, wenn es zu spät ist. Aber genauso hat jeder eine zweite Chance verdient. Und manchmal muss man für die Liebe eben auch Opfer bringen... Trotz meiner sehr kurzen Nacht war meine Laune glänzend. Die Schule ließ sich um einiges leichter ertragen, wenn man sie nicht ausnutzen muss, um sich von Bill abzulenken. Mich von ihm abzulenken hätte jetzt eh nicht mehr funktioniert, immer wieder schweiften meine Gedanken ab und ich lächelte glücklich verträumt und wie auf Wolke sieben die Wand an, auf der vor meinem inneren Auge Bills Bild projeziert war. Nicht selten wurde ich von unseren oberaus fiesen Lehrern, die mir mein Glück nicht gönnten - so kam es mir zumindest vor - mit einem "... oder bist du da anderer Meinung, Lilly?!" von meiner rosa Wolke heruntergerissen, doch das machte nichts, denn sie kam schnell wieder vorbei und holte mich ab um davon zu fliegen. 
Auf dem Pausenhof guckten einige schon irritiert zu uns rüber, weil ich die ganze Zeit quiekend umherhüpfte. Egal, über was wir redeten, egal, um was es ging zwischendurch musste ich immer wieder an Bill denken, was mein Herz sofort aufhüpfen ließ. Ich konnte es gar nicht mehr erwarten, endlich nach hause zu kommen. Doch die Stunden zogen sich. Das ist immer so, wenn man nicht nach Hause will, ist die Schule plötzlich um und wenn man endlich Schluss haben will, dauert alles fünf mal so lange. Ich hätte mich fürchterlich darüber aufregen können, aber ich nahm es einfach hin. Es wird schon noch vorübergehen. ~~* Egal, ob es dir gefällt, oder ob es dich umbringt, es wird alles irgendwann zu Ende sein...*~~ Ich summte leise die Melodie von diesem wunderschönen Lied von Silbermond. "Lilly, wir sind hier nicht im Musikunterricht", machte mich der Meier blöd an. Ich rollte mit den Augen, als er mir wieder den Rücken zukehrte und sich der Tafel zuwendete. "Und du brauchst jetzt nicht mit den Augen rollen" Ups... war ich etwa so leicht zu durchschauen? Ach egal, der konnte mich mal.
Und da war er, der erlösende Gong und mein Zeichen zur Freiheit. Sofort sprang ich auf und war drauf und dran so schnell wie möglich aus der Schule zu sprinten, doch da hatte ich meine Rechnung ohne Lisa gemacht. "Du hast echt nur noch Bill im Kopf!", stellte sie grinsend fest. "Oh sorry....", sagte ich und umarmte sie zum Abschied. "Ich komm nachher zu euch... eher zu Tom aber egal", sie strahlte übers ganze Gesicht. "Oki, bis gleich", sagte ich in freudig, hohem Piepston und machte mich aus dem Staub.
Als ich nach Hause kam bemerkte ich direkt Bills Schuhe im Hausflur - er war schon da. Ich zog mir schnell Jacke und Schuhe aus, lief hoch in mein Zimmer und pfefferte meine Schultasche in die nächste Ecke. Dann schlich ich schon beinahe die Treppe wieder runter zu Bills Zimmer. Mit klopfendem Herzen und voller Vorfreude drückte ich die Klinke herunter und öffnete die Tür einen Spalt. Hihi, er saß am Schreibtisch, machte wohl Hausaufgaben. Ich schlich mich so leise wie möglich von hinten an ihn ran, und hielt ihm die Augen zu. Er gab einen überraschten und oberniedlichen Laut von sich. Ich grinste und küsste ihn. "Erschreck mich doch nicht so", beschwerte er sich, jedoch nicht minder glücklich grinsend, als er sich auf dem Stuhl zu mir drehte. Ich ließ mich prompt auf seinen Schoß fallen, legte die Arme um seinen Nacken und meinte gespielt beleidigt: "Ich kann auch wieder gehn" "Ne... ich lass dich nicht mehr gehn..." Zart fing er meine Lippen zu einem Kuss ein, ich ließ mich nur zu gerne darauf ein. Der einst zarte und schüchterne Kuss entwickelte sich schnell zu einer leidenschaftlichen Knutscherei, als meine Mutter uns zum Mittagessen rief. "Mhhh.....", murrte Bill. "Ich würd dich jetzt lieber vernaschen", nuschelte ich. Kommentarlos schob Bill mich von sich runter und stand auf. Ein wenig beleidigt trottete ich hinter ihm her. Tom guckte ganz komisch, als wir zusammen aus Bills Zimmer kamen, aber ich grinste nur blöd. Daran musste er sich wohl wieder gewöhnen. Ob Bill ihm schon erzählt hatte, dass Jörg nicht mein Vater war?
Nach dem Essen musste ich mich leider leider an die Hausaufgaben machen, die waren schließlich auch noch da. Die ganze Zeit war aber mein Ansporn, dass ich wenn ich schnell fertig war, mich wieder mit Bill beschäftigen konnte. Also war ich auch ruck zuck fertig und hüpfte wieder gut gelaunt die Treppe runter. Im Flur kam mir Lisa entgegen, sie ging allerdings zu Tom, ich zeitgleich zu Bill. "Naaaa, schon alles fertig?", fragte ich ihn gut gelaunt. "Nä, muss noch Französisch machen, aber das kann ich nich" Ich sah ihn mitleidig an. "Hmm... soll ich dir helfen?" Sofort strahlte er wieder, stand ihm eh viel besser. "Jaaaa" Wir setzten uns gemütlich auf den Boden und fingen an. Ich verstand echt nicht, was er da nicht verstand. Aber soll einer mal Jungs verstehen... Okay, das war jetzt echt gemein. Fremdsprachen lagen mir einfach gut, und Bill hasste sie. Es war so süß, wie er selbst die banalsten Dinge nicht verstand und für seine Aussprache, über die meine Lehrerin nur verzweifelt den Kopf schütteln würde, wollte ich ihn am liebsten sofort knuddeln.
"Und was muss dann da hin?", ich sah ihn erwartungsvoll an. Er überlegte. Und überlegte... Und blickte hilflos auf. Dann zuckte er mit den Schultern. Schließlich sagte er einfach nur: "Je t'aime" und grinste. Ich schmolz nur so dahin unter diesem Blick. Wie er da auf dem Boden kniete, wie ein hilfloses Kind und mich so verzweifelt anschaute und damit mein Herz vor Entzücken beinahe zerplatzte. Wie konnte ein einziger Mensch nur so viel in mir auslösen? Einfach unfassbar. Ich krabbelte auf ihn zu "Je t'aime aussi" und küsste seine weichen, warmen Lippen. Es war, als zog sich eine Spur von Wärme von meinem Mund aus durch meinen ganzen Körper und hinterließ ein immenses Kribbeln. Es war nur ein Kuss, das Banalste der Welt, ein einziger stinknormaler Kuss, doch für mich bedeutete er alles. Mich machte er restlos glücklich.
"Hrmrhm", jemand räusperte sich. Wir fuhren auseinander. "Wir wollen ja nicht stören, aber... wollen wir vielleicht was zusammen machen?", fragte Tom. "So wie früher", fügte Lisa hinzu. Mein Blick wanderte an den beiden herunter, wie sie da im Türrahmen standen. Toms Hand war zärtlich um Lisas geschlungen, man sah ihnen an, wie glücklich sie waren. "Hmm...okay, wir sind eh grade fertig" Okay, wenn er das fertig nannte. Nicht mal die Hälfte der Aufgaben hatten wir geschafft aber das war schließlich nicht mein Problem. "Was wollt ihr denn machen?", fragte ich. Tom zuckte mit den Schultern. "Kino?" "Nää, ich hab kein Geld. Und draußen isses viel zu kalt!" "Drinni" "Selber" "Dann lass uns doch hier bleiben", schlug nun Bill vor. Grandiose Idee, mein Schatz.
Mal wieder machten wir es uns in Toms Zimmer gemütlich. Bill und ich schmissen uns direkt auf Toms schönes, breites Bett, während Lisa und Tom sich um den Film stritten. "Oh oh, ich seh schon die nächste Ehekrise anrollen", witzelte Bill. "Haha", entgegnete Lisa, "So. Und wir gucken jetzt den, Lilly und Bill sind nämlich auch für Romantik, stimmt's?" Bill hob nur zustimmend die Hand, da sein Mund gerade damit beschäftigt war, mir zärtlich am Ohrläppchen zu knabbern. Ich kicherte. "Das zählt nich, denen ist das scheißegal, weil se die Hälfte eh nich mitkriegen!", protestierte Tom, doch vergebens. Lisa hatte gewonnen. Schön gemacht, so muss das sein, dachte ich mir und kuschelte mich glücklich an Bills Brust.
Es war fast wie früher, wir vier. Nein, es war noch besser. Man konnte diese ganzen Glückshormone in der Luft beinahe sehen. Geteiltes Glück ist doppeltes Glück. Und durch vier geteiltes Glück ist vervierfachtes Glück. Ich gluckste. Aber Wahrheit hatte es schon. Ich guckte nach links, sah zwei Menschen, die mir sehr wichtig sind, und beide strahlten sie über das ganze Gesicht als wären sie die Sonne selbst, da machte es auch mich glücklich. Geistesabwesend und total in den Fernseher vertieft spielte ich mit Bills Hand, als plötzlich die Tür aufging. Aus Reflex ließ ich ihn sofort los und rückte ein Stück zur Seite. Meine Mutter hatte uns allen Ernstes Tee und Plätzchen gebracht. Hatte die Langeweile? Zum Glück war sie schnell wieder draußen und ich konnte mich wieder an Bill lehnen, griff wieder nach seiner Hand um sie zärtlich zu streicheln. Mein Bein schlängelte sich im Laufe der Zeit um Bills Beine herum und als er anfing, mich zu küssen, war es mit der Konzentration auf den Film gänzlich vorbei.
Das Einzige, was ich in der nächsten halben Stunde mitbekam waren die heißen Küsse, die wir austauschten, das Pochen meines Herzens, das leise Klopfen seines, welches ich mit meiner Hand auf seiner Brust spüren konnte, der süßliche Geruch, den ich von ihm wahrnahm, seine Zunge, seine Lippen, das Piercing, Bills Hand, die über meinen Rücken streichelte. Nicht aber das, was über den Bildschirm flimmerte. ~~*Wir wissen beide, dass es endlich ist, weil nichts unendlich ist. Doch so lange du hier bei mir bist, interessiert das nicht ...*~~ Mir ging noch immer dasselbe Lied wie heute Vormittag durch den Kopf.
Ich registrierte erst wieder den Abspann, tauchte aus meiner rosa Wattewölkchenwelt auf und bemerkte, dass wir ja noch immer in Toms Bett lagen. "Lass uns rübergehn", meinte Bill. Ich nickte, stand auf und zog ihn an der Hand hinter mir her. Lisa und Tom bemerkten das gar nicht. Ich fragte mich, ob überhaupt jemand von uns sich je für den Film interessiert hat, doch das war unwichtig. Bill legte sich in sein Bett, ich machte es mir auf ihm bequem, mal ganz außen vor gelassen, ob er mein Gewicht ertragen könnte, und machte gleich da weiter, wo wir aufgehört hatten. ~~*Ich weiß, dass alles irgendwann zerbricht doch im Moment ist das so unwichtig. Weil du es nie vergisst, weil der Moment es ist, der unsterblich ist*~~
"Du?" "Hmm?" "Meinst du nicht, wir sollten es vielleicht langsam offiziell machen?" Ich überlegte. "Ich mein, du bist ja nicht meine Schwester...Und ich will mit dir zusammen sein - immer und überall" Ich schluckte die sich anbahnenden Tränen runter. Ich liebte ihn ja so sehr. Und ich nickte. Er hatte Recht, ich selbst wollte mich auch nicht mehr verstecken, vor allem weil wir es nicht mal mussten. Es war weder verboten, noch in irgendeiner Weise pervers. Ich wollte mein Glück der ganzen Welt zeigen. "Ich... hab aber Angst vor ihrer Reaktion...weil irgendwie sind wir ja doch Geschwister und... wenn die rauskriegen, dass das schon lief bevor wir wussten, dass..." "Wir können ja so’n bisschen flunkern. Wir hatten vorher schon Gefühle füreinander aber wollten es uns nicht eingestehen und als du rausgefunden hast dass Jörg nicht dein Vater ist sind wir zusammengekommen", er zwinkerte mir zu. Nahm mir mit dieser einen kleinen Geste alle Zweifel. Zusammen würden wir das schaffen.

 

73.
"Okay, wir schaffen das", meinte ich überzeugt. "Klar..." Verschmitzt grinsend strich er mir über die Wange, dann versanken wir in einen weiteren Kuss. Bills Hand wanderte dabei langsam aber sicher von meiner Wange, über den Nacken und den Rücken hinab. Er hinterließ eine feurige Spur, als seine Finger unter meinen Pulli krabbelten, dort zur Ruhe kamen aber meine Gefühle auch durch ihre bloße Anwesenheit zum überkochen brachten. Bill stellte eines seiner Beine ein wenig auf, schob es somit zwischen meine. Mir wurde auf einmal ganz heiß, als er anfing mir zärtlich über den nackten Rücken zu streicheln. Ich hätte mir auf der Stelle alle Klamotten vom Leib reißen können und ihm erst recht.
"Wir sind dann jetzt weg!", drang Jörgs gedämpfte Stimme von unten aus dem Hausflur zu uns hoch. Irritiert sahen wir uns an. Dann schlug Bill sich vor die Stirn. "Die gehn doch heute ins Theater...oder so was eben!" "Ach ja.... mensch, das kommt jetzt ja ganz blöd", meinte ich ironisch. "Machst du 'n bisschen Musik an?" Ein Engelsblick reichte, und schon sprang er auf, kramte im CD Regal und legte irgendwas auf. Anschließend ging er zur Tür, drehte am Lichtschalter, sodass es dunkel wurde und die Lampe nur noch gedämpftes Licht ausstrahlte und schloss die Tür ab.
Er krabbelte wieder zu mir auf sein Bett, rückte gaaaanz nah ran und küsste mich. Diesmal ergriff ich die Initiative. Schnell fand ich den Weg unter sein T-Shirt. Apropros T-Shirt: Ich hatte mich schon immer gefragt, wieso Jungs selbst im tiefsten Winter – und das war es ohne Zweifel – nur mit T-Shirts herumlaufen. Aber das spielte jetzt in diesem Moment keine Rolle, je weniger Stoff, desto besser. Bill legte sich auf den Rücken, ich beugte mich über ihn, schob das Shirt hoch und fing an, iHn sanft am Bauch zu küssen. Ganz langsam senkte ich meine Lippen auf seinen Bauch, ließ sie darauf beruhen, spürte die Wärme seiner Haut, nahm sie mitsamt seinem leichten Duft auf und atmete tief durch. Ich wollte alles mitnehmen, keinen Eindruck, kein Gefühl, keinen Augenblick verschwenden. Ich wollte alles erleben, alles, ihn mit jeder Faser meines Körpers spüren um zu wissen, dass ich nicht wieder träumte und jeden Moment aufwachen würde.
Ich hörte ihn leise seufzen. Wie eine Wattebausch legte es sich auf meine Ohren, ließ mein Herz höher schlagen. Ich zog ihm das T-Shirt aus, fuhr mit meinem Zeigefinger seine Brust entlang, umkreiste die rechte Brustwarze. „Hab ich dir schon mal gesagt, dass du mich verrückt machst?!“ „Nein, aber jetzt“, flüsterte er schwer atmend. Ich gab ihm einen kurzen Kuss, bevor ich mich von Pulli und Hose befreite und wieder auf ihn stürzte. Geschmeidig glitt meine Hand am Saum seiner Boxershorts entlang. Ich wollte ihm nah sein, sehr nah. Ich wollte nie wieder ohne ihn aufwachen müssen, ich wollte für immer mit ihm zusammen bleiben. Und ich wollte ihn spüren, jetzt. Ich wollte Bill. Ich massierte leicht die immer größer werdende Beule unter dem Stoff. Bill stöhnte, aber auch mich ließ schon lange nichts mehr kalt. Ich versuchte, ihm die Boxershorts mit den Zähnen auszuziehen, wobei ich wie zufällig mit dem Mund sein Glied berührte. Er biss sich kräftig auf die Unterlippe und gab erregte Geräusche von sich. Dann glitt ich wieder an ihm hoch und küsste ihn.
"Ich liebe dich", krächzte Bill, zog mir meinen BH aus und drehte mich auf den Rücken. Schon ließ er sich zwischen meinen Beinen nieder, seine Erregung war deutlich zu spüren, worauf mir ein lustvolles Seufzen entwich. Wir küssten uns wieder, bissen uns neckisch in die Lippen, fingen die Zunge des anderen ein. Und von Sekunde zu Sekunde wurde mir heißer. Ich presste mein Becken stark gegen seins, als er mir am Ohrläppchen knabberte und ich seinen heißen Atem spürte, lief mir eine eiskalte und doch wohlig warme Gänsehaut den Rücken hinab. Oh Gott, wo hat dieser Junge das nur alles her? Woher wusste er immer genau, was ich wollte?
Die Erregung hatte schon fast gänzlich Besitz von mir ergriffen. Wie durch einen Schleier nahm ich den Rest der Welt kaum noch wahr. Ich registrierte nicht ganz, wie Bill an meinem Oberkörper hinunterwanderte, liebevolle Küsse auf mir verteilte, und doch spürte ich alles ganz genau. Er zog mir meine Hotpants aus, streichelte mich. Ich schloss die Augen. Das Blut preschte durch die Adern, ich hörte es in den Ohren rauschen und jeden einzelnen der schnellen Herzschläge.
Ich krallte mich im Laken fest, es war unglaublich, was er mit seinen Fingern tat, sie waren überall gleichzeitig und ... Wahnsinn. Ich zerfloss unter ihm wie Butter in der Sonne, gab mich ihm völlig hin.
Langsam und vorsichtig drang er in mich ein, so liebevoll und bedacht, dass ich ihn hätte heilig sprechen müssen. Es war perfekt, ER war perfekt. Wir gehörten einfach zusammen, für immer. Ich sah ihn an, in seinen Augen loderte ein Feuer, er sah mich an, unsere Blicke versanken ineinander. Ich krallte meine Fingernägel in die zarte Haut seines Rückens, als wir unsere Bewegung intensivierten. Kurz darauf kam Bill zum Höhepunkt, senkte seine roten, leicht salzig verschwitzt schmeckenden Lippen auf meine und ließ sie eine Zeit dort beruhen.
"Das war toll", nuschelte ich, drängte mich wieder dich an ihn, während er schon dabei war, kurz einzunicken. Einen Augeblick schloss ich die Augen, lauschte seinem Herzschlag, der sich mehr und mehr beruhigte, versuchte noch mal alles genau zu fühlen, alles von diesem Moment mitzunehmen, so viel wie möglich von der Droge Bill zu mir zu nehmen. Die weiche, warme Haut seiner Brust unter meinem Kopf, jeder Zentimeter an dem sich unsere nackten Körper berührten. Und in diesem Moment fühlte ich mich mehr mit ihm verbunden denn je, unsere Liebe schien durch die Trennung noch stärker geworden zu sein. Paradox, ja, aber im Endeffeckt ein wunderschönes Gefühl. Langsam aber sicher dämmerte auch ich weg, in eine Traumwelt, die niemals schöner sein könnte als die momentane Realität...

 

 

74.
Ich hörte Geräusche im Hausflur unten. Noch ein bisschen zerknautscht drehte ich mich um, bemerkte dabei die Person, die neben mir lag. "Scheiße!", fluchte ich leise. Ich war noch in Bills Zimmer, in seinem Bett, nackt! Unsere Eltern kamen gerade wieder und ich sollte mich wohl schnellstmöglich aus dem Staub machen. Sie sollten es zwar erfahren, aber auf diese Art und Weise eher nicht. Denn Tom war ja auch schon so ausgerastet, als er uns "erwischt" hat. "Hmmmm?", grummelte Bill. "Mum und Jörg kommen wieder, ich geh mal lieber schnell", flüsterte ich gehetzt, wollte aus dem Bett steigen und meine Klamotten zusammensuchen, doch Bill hinderte mich. "Mhhh mhhh", protestierte er, schlang seine Arme um mich und zog mich zurück unter die kuschelig warme Bettdecke. Ach ja, ich wäre auch lieber hier geblieben. "Geht leider nicht", sagte ich, küsste ihn zärtlich auf die Nase und befreite mich schließlich von ihm. Schnell streifte ich mir meine Klamotten über, schloss leise die Tür auf und schlich ebenso leise die Treppe zum Dachgeschoss hinauf. Gerade noch rechtzeitig, denn keine fünf Sekunden später kamen meine Mutter und Jörg die Treppe raufgelaufen.
Nachdem ich mich noch fertig gemacht und umgezogen hatte war ich natürlich wieder hellwach und konnte nicht einschlafen. Die ganze Zeit musste ich an den vergangenen Tag denken. Von der Sekunde in der ich aufgestanden war bis jetzt war alles so schön gewesen, so zum kotzen perfekt und ich war zum kotzen glücklich, wie ich es noch vor zwei Wochen über andere gesagt hätte. Ich kicherte leise. Jetzt hatte sich der Spieß um hundertachtzig Grad gedreht. Ach Bill.... irgendwie vermisste ich ihn jetzt schon wieder. Ich vermisste ihn eigentlich schon seit der Sekunde, in der ich aus seinem Zimmer geschlichen war. Sollte ich...? Konnte ich das wagen? Und was war mit morgen Früh? Ohne mein Gehirn nachkommen zu lassen hatte mein Körper schon gehandelt, ich war aus meinem Bett gestiegen und tapste nun ganz leise die Treppe wieder runter. Mit freudig klopfendem Herzen betrat ich Bills Zimmer.
Der Mond schien in sein Zimmer, tauchte alles in ein silbriges Licht. Man konnte unschwer erkennen, wie Bill verdreht und mit der Decke verknotet im Bett lag und schlief. Er sah so süß aus. Ich zupfte ihm ein Stück von der Decke weg, legte mich darunter und kuschelte mich an seinen warmen Körper. Da drehte er sich ruckartig um und sah mich an. "Ach du bist es...", flüsterte  er fröhlich. "Hab ich dich geweckt?" "Nene ich hab nur so getan als würde ich schlafen" Hä? Wie unlogisch er war. Aber egal. "Ich konnte nich schlafen", meinte ich und schmiegte mich wieder an ihn. Bill gab mir noch einen kurzen Kuss und wünschte mir eine gute Nacht, bevor er die Augen schloss. Ich tat es ihm gleich. Mal wieder kribbelte es in meinem Bauch, doch ich ignorierte es und ließ mich viel lieber auf die Wärme ein, die sich in meinem ganzen Körper ausbreitete und mich müde machte...

 

"Oh mach den scheiß Wecker aus!", murrte ich. Bill tat wie ihm befohlen und machte dem nervigen Piepsen ein Ende. Ich kuschelte mich wieder in der Decke ein, als Bill panisch an mir rüttelte. "Nicht einschlafen! Wir müssen doch aufstehn, wir sind eh viel zu spät dran!" "Bill, es ist Samstag!" Erstaunt guckte er mich an. "Ne..." "Doch! Und jetzt leg dich wieder hin, ich bin müde.." "Stimmt ja... boah geil!" Fröhlich glucksend kuschelten wir uns wieder aneinander. Schnell schlief ich wieder ein.
Ich hatte nicht wirklich lang geschlafen, als ich auch schon wieder aufwachte. Ich bemerkte, dass auch Bill wach war und nachdenklich dreinschaute. "Hey, was ist los?", fragte ich. "Nichts ich... hab nur überlegt, wie wir es ihnen sagen sollen" Dass mit "es" unsere Beziehung gemeint war, war klar. "Und zu welchem Entschluss bist du gekommen?" "Zu gar keinem bis jetzt...Ach Lilly, das is so kompliziert. Was, wenn sie... ich weiß nicht... so reagieren wie Tom anfangs?" "Mit Tom haste dich ja ganz schnell wieder verstanden also dürfte das für DICH wohl eher kein Problem werden", scherzte ich. "Haha...du weißt genau, wie ich das meine" "Ja", gab ich leise zu, "Aber ich hab doch selbst Angst" "Ich weiß..." Bill strich mir beruhigend über den Rücken.
Als hätten wir irgendetwas verbrochen, als täten wir etwas Schlimmes, Abnormales. Aber war es ein Verbrechen, zu lieben? Sollte man sich wie ein Verbrecher fühlen, wenn man nur nach seinem Glück strebte, seinem Herzen folgte und das tat, wonach der Körper so sehr verlangte? So mussten sich wohl Homosexuelle fühlen vor ihrem "Coming-Out". Jetzt konnte ich auch irgendwie verstehen, warum die meisten wohl solche Angst davor hatten. Ich meine es war ja mittlerweile klar, dass wir keine Geschwister waren - was auch echt gut so ist - aber trotzdem war es eine mehr als ungewöhnliche Situation. Wenn man sich die Frage stellte, besser wenn unsere Eltern sich die Frage stellen ob wir auch zusammengekommen wären, wenn wir Geschwister gewesen wären. Und so war es ja das letzte dreiviertel Jahr auch gewesen... Und überhaupt, wie würden sie wohl reagieren. Ich konnte gar nicht genau sagen, wovor ich Angst hatte, es war einfach nur scheiße und ich wollte es so schnell wie möglich hinter mir haben.
"Heute Abend?", fragte Bill. "Hä?" "Ja, sollen wir heute Abend reinen Tisch machen? Wir wollten doch zusammen Essen gehen..." "Ja... irgendwann müssen wir’s tun ... und besser jetzt als irgendwann"

 

Der Tag war viel zu schnell vergangen und wir nun auf dem Weg zum Restaurant. Von Minute zu Minute, in der das gemeinsame Essen immer näher kam, steigerte sich auch meine Nervosität. Als wir aus dem Auto stiegen war mir schon so schlecht, dass ich mich am liebsten aufs Klo verzogen hätte um zu kotzen. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern. Ginge es nach mir, würde ich jetzt den ganzen Plan umscheißen und es sein lassen. Aber das konnte ich nicht machen, schließlich ging es hier nicht um mich - jedenfalls nicht nur. Es ging um Bill und mich, um unsere Liebe und um die Freiheit, die wir noch nie so wirklich hatten.
Man kriegt nichts im Leben umsonst, liebe Lilly. Genau, und darum mussten wir jetzt auch was dafür tun, dass wir endlich frei und zusammen sein konnten. Egal, wo und wann und in welcher Gesellschaft. Wir wollten uns nicht mehr verstecken müssen. Und jetzt war der Zeitpunkt gekommen, unser Glück mal selbst in die Hand zu nehmen. Bill hatte schon genug für uns getan, mit Tom diesen Song geschrieben und alles gemacht, dass wir wieder zusammenkommen obwohl er nicht mal wusste, ob ich ihn überhaupt noch liebte. Da konnte ich doch wohl diese paar unangenehmen Minuten durchstehen.
Ich verstand es auch selbst nicht richtig, früher hatte ich mit meiner Mutter über alles geredet. Heute konnte ich das nicht mehr. Okay, im letzten dreiviertel Jahr hatte sich auch alles in mir nur um Bill gedreht und gerade das konnte ich ihr nicht sagen. Vielleicht hatte sich deswegen unser Verhältnis verändert. Weil ich ihr nichts erzählen KONNTE weil es nun mal darum ging, dass ich meinen vermeintlichen Bruder liebte. Aber ab heute würde alles anders werden. Heute war der Tag der Beichte.
Bill und ich saßen nebeneinander, unsere Eltern uns gegenüber, Tom vor Kopf. Wie im Gericht, schoss es mir durch den Kopf. Bill und ich die Angeklagten, Mum und Jörg die Richter und Tom der Verteidiger. Ich wusste nicht, ob Bill ihm von unserem Vorhaben erzählt hatte, ich hatte es ihm  jedenfalls nicht gesagt.
Die ganze Zeit warfen wir uns nervöse Blicke zu. Irgendwann griff Bill unterm Tisch nach meiner Hand und umschloss sie fest. Das war der Startschuss. Augenblicklich schoss mein Puls in die Höhe. Okay, jetzt war es also so weit. "Angelikay, Papa", fing Bill an. Sie schauten uns fragend an. "Wir... also... Bill und ich müssen euch was sagen", sagte ich mit stockender Stimme. "Schieß los!", meinte Jörg belustigt und nippte an seinem Weinglas. Unsicher sah ich zu Bill. Dann ergriff er das Wort: "Wir... ähm...ja. Wir sind ein Paar"
Stille.
Bummbumm, bummbumm, bummbumm. Ich hörte nur das starke Klopfen meines Herzens, sonst schien der Rest der Welt still zu stehen. Es war raus. Wir hatten es echt gesagt. Es war vorbei. Aber dennoch war es noch nicht ganz vorbei. Unsere beiden Elternteile starrten uns geschockt an. Verzweifelt schaute ich zu Tom, der auch irritiert dreinblickte - ich schloss daraus, dass er nichts gewusst hat - aber nichts sagte.
Ich fühlte mich unwohl. So unwohl hatte ich mich Zeit meines Lebens noch nie in meiner Haut gefühlt. Wenn sie doch wenigstens was sagen würden. Irgendwas. Es war mir scheiß egal, selbst wenn sie uns anschreien würden. Nur dieses Schweigen war schlimmer als alles andere. Ich wollte ein Loch im Boden graben und hineinverschwinden - natürlich mit Bill, sonst wäre mir ja langweilig dort unten. Wir zerquetschten unsere Hände um die Wette. Bill wirkte zwar ganz cool und gelassen, aber er war so was von nervöse, das wusste ich und ich spürte es, weil seine Hand schweißnass war.
"Das ist ja ... toll!", brach meine Mum nun endlich das Schweigen und zwang sich zu einem Lächeln. Sie fand es ganz und gar nicht toll. Danke Mama, aber so gut kenn ich dich leider. "Ähm... meint ihr das ernst?", fragte nun auch Jörg. "Ja! Und zwar todernst sonst würden wir das euch ja wohl nicht sagen" Ich war überrascht über Bills feste und überzeugte Stimme. "Puh... damit habt ihr uns jetzt aber ganz schön überrumpelt" "Mhhh", stimmte meine Mutter ihm zu. "Aber ist okay... ihr wisst, dass wir immer hinter euch stehen. Nur, dass muss erst mal verdaut werden", Jörg lächelte uns lieb an. Mit einem Mal fiel die ganze Last ab. Nicht nur die der letzten Minuten sondern auch die, die wir seit Beginn unserer Beziehung miteinander herumschleppten. Jetzt war es offiziell. Wir waren ein Paar und niemand würde etwas dagegen sagen können, niemand, denn unsere Eltern wussten Bescheid, sie hatten uns nicht in Grund und Boden gestampft und fanden es okay und wir waren uns sicher, dass wir keine Geschwister waren. Ich musste lächeln. Es war besser verlaufen als gedacht. Warum immer gleich den Teufel an die Wand malen? Aber so war ich nun mal. "Ihr könnte immer mit uns reden, egal, um was es geht. Wir sind doch eine Familie... auch wenn Tom und Bill nicht deine Brüder sind" Ich schluckte. Für wie gemein hatte ich meine Mutter eigentlich gehalten?! Ich hätte es eigentlich wissen müssen, dass sie hinter mir steht. Und zwar immer.
Als wir nach dem Essen wieder zurück zum Auto liefen nahm Bill meine Hand und grinste mich an. Wir hatten es geschafft! Als wir im Auto saßen drückte er mir schnell einen Kuss auf die Lippen. Mum und Jörg guckten ein wenig komisch, das konnte ich im Rückspiegel sehn, aber daran würden sie sich gewöhnen müssen.

 

75.
"Na, was hältst du davon, wenn ich heute bei dir penne?!", fragte Bill, als wir auf meinem Bett lagen und kuschelten. "War das nicht von vornherein klar?!", stellte ich die Gegenfrage. Er grinste nur, beglückte mich mit einem weiteren zärtlichen Kuss. "Oder soll’n wir runter zu mir gehen?" "Ne, dein Bett ist viel zu eng" "Na und? Du zerquetscht mich eh wieder, ich hab doch immer nur 30 cm Platz" "Gar nicht wahr!", protestierte ich. "Sicher", er grinste neckisch. Ich knuffte ihn in die Seite und wir starteten eine kleine Kebbelei. "Ist alles deine Schuld! Ich kann ja nichts dafür, dass ich mich in dich verlieben MUSSTE!" "Du MUSST gar nichts", meinte Bill , "ich kann auch gehn!". Er stand auf und machte Anstalten, zu gehen. "Nein!" Ich zog ihn am Arm zurück aufs Bett. Sein Gesicht war ganz nah vor meinem. Wir sahen uns tief in die Augen. "Oder hast du was dagegen, bei mir zu bleiben?", fragte ich leise ohne den Blick von ihm abzuwenden. "Ganz im Gegenteil..." Wir küssten uns. "Ich liebe dich!", flüsterte Bill. Das altbekannte Kribbeln zog sich durch meinen Bauch, während mein Herz immer höher schlug. "Ich liebe dich auch"
"Ich geh mal runter, mich umziehn", meinte Bill eine Weile später. Während er unten in seinem Zimmer war, zog ich mir auch schon mal die Klamotten aus, und dafür Hotpants und Top an. Ich ging rüber ins Bad, schminkte mich ab und fing an, mir die Zähne zu putzen. Die Tür öffnete sich und Bill, nur mit Boxershorts bekleidet, kam rein. Er stellte sich zu mir uns putzte sich ebenfalls die Zähne. Wir sahen uns durch den Spiegel an. Ich grinste. Er grinste zurück, wobei ihm der Zahnpastaschaum aus dem Mundwinkel tropfte. Ich brach in schallendes Gelächter aus. Bill tat gespielt beleidigt, spuckte den Rest der Zahnpasta aus und schaute mich böse durch den Spiegel an. Ich musste nur noch mehr lachen und Bill konnte jetzt auch nicht mehr den Beleidigten spielen. Völlig albern lachten wir eine geschätzte Ewigkeit, bevor wir uns endlich wieder einigermaßen beruhigen konnten. Bill schminkte sich noch ab, dann gingen wir zusammen rüber in mein Zimmer und legten uns ins Bett. Irgendwie hatte das ganze so etwas Älltägliches, so altes-Ehepaar-mäßig - den Lachanfall mal ausgeschlossen. Aber ich fühlte mich gut dabei, es war schön und es war genau das, was ich wollte - einfach ungezwungen mit Bill zusammen zu sein.
Ich knipste das Licht aus, da es schon ziemlich spät war, kuschelte mich an Bill und schloss die Augen. "Hab ich doch gesagt, wir brauchen keinen Platz", sagte er, und ich konnte hören, wie er dabei grinste. "Na und?", gab ich ruhig zurück, ich ließ mich einfach nicht von ihm ärgern. "Weißt du was?", kam es nach einer Weile. "Hmm?", ich war schon fast eingeschlafen, unter dem leisen, kontinuierlichen Klopfen seines Herzens, und der Wärme und Dunkelheit, die mich umgaben. "Wir haben's geschafft", sagte er leise. "Hmm", stimmte ich ihm zu. "Ich hatte richtig Angst...", gab er zu. "Ich auch" "Du warst aber echt cool" "Ich?", ich lachte leise. "Dann sah ich aber nur so aus, ich war alles andere als cool" "Ich doch auch nicht... aber ist ja jetzt egal"
Ich schmiegte mich noch enger an ihn, an seine nackte Haut, die so unglaublich weich war und noch viel besser roch, als jemals zuvor. Wie in Watte gebettet schwebte ich in den Schlaf.

 

Ich wachte auf, sah mich müde in meinem Zimmer um und dachte an gestern. Wir hatten es hinter uns. Ich musste unwillkürlich lächeln, küsste sanft seine Brust und sah zu ihm hoch. Bill schlief noch. Ich blickte in sein ungeschminktes Gesicht, es war so vertraut und doch fremd. Aber es war ehrlich, es war ehrlicher, als tausende von Worten, seine Körpersprache sagte so viel mehr. Wie er auf der Seite lag, mir zugewandt, den Arm besitzergreifend um meine Taille gelegt. Ich spielte mit seinen Haaren, als er sich bewegte und schließlich aufwachte. Er blinzelte mich an. "Morgen, Schatz" "Morgen..." Ich senkte meine Lippen auf seine. Bill schlang seine Arme um mich und drehte mich auf den Rücken. Ich spürte sein Gewicht auf mir. Er war ja nicht sehr schwer, was ohne Zweifel ganz angenehm war.
"Hrmhrm", jemand räusperte sich. Bill ließ von mir ab. "Ich will ja nicht stören, aber es gibt Frühstück", meinte meine Mum mit einem seltsamen Gesichtsausdruck auf uns beide gerichtet. "Alles klar", gab ich zurück. Sie musterte uns noch kurz, verschwand dann aber schnell wieder. "Sicher, dass wir's geschafft haben? Oder fängt es nicht gerade erst an?" Ich sah Bill fragend an. "Ach... die kriegen sich schon wieder ein. Hauptsache, wir zwei sind zusammen" "Schön gesagt" "Weiß ich doch" Wir grinsten uns verliebt an und standen dann auf um runter zu gehen.

 

Ich kuschelte mich an Bills Brust, zog die Beine an und spielte ins TV vertieft mit seinen Fingern. Wir saßen alle gemeinsam am Abend auf der Couch und sahen fern. Draußen tanzten die Schneeflocken, es war eisig kalt. Aber hier drin knisterte der Kamin fröhlich vor sich hin und umgab uns mit einer wohligen Wärme. Bill und ich saßen in der Ecke des bequemen Ecksofas, dort, wo wir uns das erste Mal geküsst hatten. Damals, als alles noch so kompliziert und geheim war. Damals, als wir unsere Gefühle füreinander entdeckt hatten. Hätte ich zu dem Zeitpunkt gewusst, wie die Situation in knapp einem Jahr aussehen würde, hätte ich es wohl nicht geglaubt. Ich hatte es mir nicht eingestehen wollen, dass ich mehr als geschwisterliche Gefühle für Bill empfand, viel mehr.
Es war Werbepause. Bill stand auf. "Willst du auch noch was trinken?" "Ja, Kakao bitte", ich lächelte ihn an. Er ging in die Küche und holte uns was zu Trinken. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie meine Mutter schon wieder diesem komischen Blick draufhatte, doch Jörg legte ihr beruhigend die Hand aufs Knie. Bill kam mit zwei Tassen heißem Kakao zurück, setzte sich wieder aufs Sofa und zog mich sofort in seine Arme. Ich ließ es nur zu gerne zu. Schloss kurz die Augen, um ganz intensiv seinen Geruch aufnehmen zu können, der mich umgab. Ich schaute zu seinem Gesicht hoch. Seine Augen waren auf den Fernseher gerichtet, doch als er bemerkte, dass ich ihn beobachtete, das er zu mir und küsste mich kurz. Tom rollte mit den Augen. In mir drin machte sich Wärme breit, von meinem Herzen aus strömte sie durch den Bauch, in meine Arme und Beine, bis in die Fingerspitzen, hinterließ ein wohliges Kribbeln.
Und ich lächelte. Hörte das leise Schlagen seines Herzens, spürte das starke Klopfen meines Herzens, als würden sie im Einklang um die Wette schlagen. Zärtlich fuhr ich mit den Fingerspitzen über seinen Handrücken. Die Haut war zart und glatt. Und ich lächelte. Ich fühlte mich glücklich. All der Stress, die Trauer und der Schmerz der letzten Wochen waren vergessen. Es war das Banalste der Welt - so scheint es vielleicht für Außenstehende - einfach gemeinsam fern zu sehen, mit dem Freund, mit dem Bruder (auch wenn Tom nicht mein Bruder war) und den Eltern, sich im Arm zu halten, ein kleiner Kuss. Doch ich wusste, wie wertvoll all diese kleinen Momente und Gesten doch waren. Für mich waren sie umso bedeutender. Denn ich wusste, was es hieß, zu leiden, zu vermissen, vor Schmerz zu sterben.

Tja, ... scheinbar sind wir Menschen erst dann imstande, das Glück richtig wahrzunehmen und zu schätzen, wenn wir das Leid gespürt haben.

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